Kapitel 42

Je klarer der Geist die Umgebung wahrnimmt, umso stärker kehrt der bekannte Schmerz am Hals zurück. So wie zum Beginn, als Nadine zubiss. Das Umfeld wirkt ungewöhnlich hell, was für einen Ortswechsel spricht. Der Körper wirkt weich gebettet, jedoch regungslos. Skyla findet nicht die Kraft, ihre Arme zu heben, dabei würde sie gern die Bisswunde untersuchen. Geräusche, wie das Umblättern von Papier und ein ständiges Piepen werden von einer lautstarken Diskussion übertönt.

„Bitte beruhigt euch doch mal! Nicht hier! Nicht jetzt und nicht heute!“

Die Stimme passt zu Sina. Noch immer geplagt von Sorgen. Dabei war sie vor Skylas Begegnung solch ein Sonnenschein. So wie Emilie. Skyla mag ihren Kopf zur Seite neigen, aber ihr Körper reagiert einfach nicht. Der gesamte Körper wirkt taub und fremd. Als wäre er nur noch ein leere Hülle. Sie fühlt keinerlei Verbindung. Ein Anflug von Panik steigt in ihr auf. Beunruhigt sucht sie nach Anhaltspunkten und die silberne Bettstange mit dem eingeklebten Namensschild am Ende des Bettes verheißt nichts Gutes. Aufgrund der Hintergrundgeräusche geht Skyla davon aus, dass sie von der allzu bekannten Technik umgeben ist, die auch damals ihre Vitalwerte nach der Sache in der Tiefgarage überwachte. Wie an jenen Tag, als der Alptraum sich an sie klammerte.

 

Die weiße Wand vor ihr macht einen kargen und trostlosen Eindruck. Nur eine Uhr und ein kleiner Fernseher hängen dort. Es wirkt nicht wie Räumlichkeiten der Patientenzimmer vom Schloss Eulenherz. Statt dem alten und eleganten Stil eines Schlosses gerecht zu werden, erinnert die Wand mehr an einen typischen Betonklotz.

„Warum ist Skyla immer so verdammt stur? In der Spiegelwelt sind wir ihnen immer unterlegen! Immer! Ich kann ihr nicht helfen! Keiner kann das!“, hört sie Milan schimpfen.

„Du vergisst, dass sie dir das Leben gerettet hat und es nicht ihre Absicht war, durch den Spiegel katapultiert zu werden!“, verteidigt Lukas sie bissig.

„Muss ich Gebrauch von meinen Fähigkeiten machen, um euch zu beruhigen?“ Nun klingt Sina zur Abwechslung ungewöhnlich streng. „Erinnert euch besser daran, dass wir nicht auffallen dürfen. Wir befinden uns im feindlichen Gebiet und es grenzt an einem Wunder, das Skylas Anwesenheit ihnen nicht aufgefallen ist! Nun liegt es an uns, nicht aufzufallen und sie von hier unauffällig fortzuschaffen, ohne, dass der Orden davon Wind bekommt.“



Milan schnauft und ärgert sich laut: „Lustig! Das klingt alles so einfach, aber siehe sie dir doch an. Es ist ein Wunder, dass wir sie überhaupt gefunden haben. Ich hätte sie fast nicht wiedererkannt! Wäre auf Naomi nicht Verlass, dann würde ich kaum glauben, dass es sich hier um Skyla handelt.“

Milan spricht in Rätseln. Das alles klingt beunruhigend. Was muss Nadine mit ihr wohl gemacht haben, dass er sie nicht erkennt?

 

Zum Glück meldet sich Lukas und gibt etwas Klarheit. „Was hast du erwartet? Das ist ihre natürliche Haarfarbe und siehe dich doch mal um. Die Ärzte werden ihre Gründe haben, warum die Haare so radikal gekürzt werden mussten.“

Kein blaues Haar mehr? In so kurzer Zeit? Und die Frisur soll noch kürzer sein? Eigentlich kein so großer Verlust. Es hätte schlimmer sein können und doch mochte sie die blaue Farbe.

„Dalika ist dafür verantwortlich. Ein einfaches Mittel zum Zweck der Tarnung.“

Nun klingt es nach Kai und seiner Tonlage zu urteilen klingt er ebenfalls schlecht gelaunt.

„Hat verdammt noch mal geklappt!“, zischt Milan, „Aber dafür, dass ihr den Nang Tani so lobpreist, frage ich mich, warum sie Skyla nicht bereits heilte.“

„Dumme Frage! Weil das nicht möglich ist! Das hier ist ein Fluch und keine Krankheit! Die Chancen ständen deutlich höher, wenn der Geist die Besessenheit überlebt hätte. Doch unterschätze sich die junge Seele. Ein Medium oder eine Hexe zu übernehmen ist eine ganz andere Liga und nun hat sie den bitteren Preis bezahlen müssen. Damit wäre der Fluchgeber fort, aber der Zauber besteht weiterhin. Mein Mädchen muss von allein erwachen, aber das kann viel Zeit beanspruchen.“

Nun klingt Kai wie die herablassende, aber gebildete, Version von Mia. Und doch hilft jede noch so kleine Information, mehr über ihre Lage zu erfahren.

 

„Ja! Zeit, die wir nicht haben!“, kontert Milan bissig.

„Du gibst sie also auf?“ Auch Lukas wird erneut laut. „Dann geh und lasse dich nicht mehr blicken!“

„Du verstehst nicht! Niemand kann ihr helfen! Niemand! Nicht einmal eine Hexe! Wir haben sie verloren!“, reagiert der Geisterjäger mit Zorn.

„Hey, das können wir nicht mit Gewissheit sagen. Komapatienten können auch wieder erwachen. Wäre nicht das erste Mal“, hält sich Sina an die Fakten.



„Das ist aber kein gewöhnliches Koma. Es ist eine Geisterkrankheit!“, hält Milan ihr vor Augen.

Eine Tür wird mit Schwung aufgedonnert und eine aufgebrachte Frauenstimme meldet sich zu Wort: „Wenn das hier nicht augenblicklich aufhört, dann schmeiße ich euch alle raus! Das hier ist die Intensivstation und da gibt es einige Regeln zu beachten!“

Sina greift ein und beschließt: „Schon gut, ich trenne die beiden Streithähne voneinander.“

„Gut!“

„Lukas, bleib bei ihr. Ich gehe mit Milan mal an die frische Luft.“

„Was? Nein! Ich bleibe …“

Aber Sina duldet keine Widerworte. „Jetzt komm schon, Milan!“

 

Es dauert einen Moment, da tritt Lukas erschöpft in Skylas Bild. Der Glanz in seinen Augen verrät die Tränen, die er bitterlich zurückhält. Er wirkt dürrer und blasser. Die Schulter hängen, als plage ihn eine starke Erschöpfung und doch streicht er behutsam über ihre Wange, wo seine Hand am Ende verharrt. Dabei spürt Skyla seine Wärme durch seine Hand. Etwas, das sie beruhigt.

„Keine Sorge, Skyla. Wie in guten und auch schlechten Zeiten werde ich für dich da sein. Ich werde der Letzte sein, der dich aufgibt.“

Es klingt so verdammt kitschig, das Skyla ihn am liebsten spielerisch gegen den Arm boxen will.

Komm schon, Lukas! Wir lieben doch beide Mangas! Warum haust du nicht lieber so etwas cooles raus wie: Du hast genug gekämpft, mein Freund! Nun ruhe dich aus und lass mich mal machen!

Aber wie in guten und schlechten Zeiten? Wirklich, Lukas?

Leider bleiben ihre Gedanken für ihn unerhört.

Trotz der akuten Gefahr verweilt Lukas eisern an ihre Seite. Das Gespräch zwischen ihren Freunden wirft viele Fragen auf. Denn wie vermag sie in dieses Krankenhaus gelangt sein? Und was ist aus Nadine geworden? Ihr Versuch scheiterte und sie soll einen bitteren Preis gezahlt haben, aber was genau bedeutet dies für einen Geist?

 

Entschlossen greift Lukas nach ihrer Hand und verspricht, jeden Tag nach ihr zu sehen. Vielleicht, weil er den Abschied plant, oder die Stille lässt sich kaum aushalten und muss mit Worten gebrochen werden. Skyla fragt sich, wie die Situation für ihn aussehen muss. Schließlich hat sie die Augen offen. Beim Gedanken eines Komapatienten stellt sie sich jemanden vor, der die Lider geschlossen hat. Gibt es auch Ausnahmen? Angestrengt meint sich Skyla zu erinnern, dass auch Nadine mit offenen Augen im Krankenbett lag. Doch sicher ist sie sich nicht. Je mehr Zeit vergeht, desto unruhiger verhält sich Lukas. Er mag ein Buch in seinen Händen halten, aber nicht einmal blättert er die Seiten um und sein Kopf schaut ständig zu ihr rüber, als fürchte er, sie in einen Moment der Unachtsamkeit verlieren zu können. Als erkenne er von selbst, dass ihm die Konzentration zum Lesen fehlt, schlägt er das Buch zu und erhebt sich. Wie ein eingesperrtes Tier wandert er durch das Krankenzimmer und macht Skyla ganz wahnsinnig. Aber so wie er sich ständig durch die Haare wuschelt und angestrengt überlegt, ahnt sie nichts Gutes. Seine Schritte verstummen ganz abrupt und der Ruf nach Kai klingt ernst.



 

Tatsächlich tritt der Bär aus reiner Neugier hervor. Dabei reagiert Kai selten, wenn ein anderer in ruft. Meist lockt man ihn nur Beleidigungen heraus. Aber vielleicht hat Lukas Interesse an dunkler Magie seine Neugier geweckt. Denn schon einmal gab er dunkles Wissen an ihn weiter.

„Du hast gerufen, Sterblicher?“

„Bist du in der Lage den Fluch zu brechen, wenn ich einen Vertrag mit dir eingehe? Oder muss ich mich an eine höhere Macht wenden?“

Lukas! Nein! Hör auf!

Ihre Worte erreichen ihn jedoch nicht. Es sind wieder nur Gedanken. Sie will schreien, aber sie bleibt leider ungehört. Zum Glück belächelt Kai diesen Vorschlag.

„Du? Du bist doch nur eine halbe Portion. Was hättest du schon anzubieten? Solch eine Forderung fordert ein viel zu großes Opfer. Nun unterschätzt du dich.“

„Daraus höre ich, dass du keinen Deals mit mir abschließt?“

Ihr bester Freund klingt völlig unzufrieden und aufgelöst. Etwas, das Kai nicht entgeht. Seine wahre Natur kommt erneut zum Vorschein und als seine Augen anfangen, rot zu glühen, muss Lukas laut schlucken. Die Angst steht ihm ins Gesicht geschrieben.

„Du willst einen Deal, Kleiner?“

Fürs Erste hat es Lukas die Sprache verschlagen. Doch dann nickt er hastig.

„Ja und es wird dir zu Gute kommen, denn damit retten wir sie.“

Kais Starren zeigt Wirkung. So klein und lächerlich er auch als dämonische Plüschwatte sein mag, seine Aura verdüstert sich und erschwert das Atmen. Sein glühender Blick gibt einem das Gefühl, dass er sich in die Seele hineinbrennt und großen Schaden anrichtet. Einige Minuten genießt Kai die Furcht, die ihm entgegengebracht wird, dann aber dreht er sich von Lukas fern und blickt nun auf Skyla herab. Sein Lächeln wird bösartiger.

„Dieses Medium kann zu einer Naturgewalt werden. Ich kann mich geehrt fühlen, ihr zu dienen. Aber weißt du, was ich vermisse?“

Lukas ist nicht dumm und blickt enttäuscht auf. „Du …du lässt Skyla im Stich? Wie kannst du nur?“

„Was soll ich sagen?“ Der Bär zuckt mit den Schultern. „Ich bin ein Dämon. Und bei ihr kann ich meine Vorlieben nicht ausleben.“

So schnell wie Lukas nach dem Dämon packt, überrascht Skyla. Ihr bester Freund begibt sich mit der kleinen Bestie aus Skylas Sichtfeld. Sie lauscht, wie etwas geöffnet wird und Kai nun laut protestiert.



„Du kleine Made! Wie kannst du es wagen? Das wirst du bereuen!“

„Soll ich dich loslassen? Oder dich vielleicht wegschmeißen wie Müll? Ich rate dir, mach mir einen guten Deal oder du wirst fallen! Ich will, dass Skyla wieder die Alte wird. Sie soll ein gutes Leben haben und glücklich werden! Was es auch kostet, ich bin bereit alles zu zahlen! Aber hier gehört sie nicht hin!“

Skyla ist nach Weinen zu Mute. Das hier entspricht ihrer eigenen Dummheit. Sie hat es verbockt und muss mit den Konsequenzen leben. So bissig Lukas auch sein kann, hofft sie, dass Kai niemals einen Deal zustande bringt. Auch wenn sie Kai für diesen Verrat den Hals umdrehen mag.

 

Zum Glück ist der kleine Bär engstirnig und klingt, als wäre er niemals dazu bereit.

„DU KANNST MICH MAL! BILDE DIR NICHTS EIN, DU MADE!“

„Schön! Dann fall tief und verkrieche dich in irgendein Loch! Komm erst angekrochen, wenn du es dir anders überlegt hast!“

Der Bär beginnt zu schreien und seine Stimme wird immer leiser. Mit angespannter Haltung kehrt Lukas zurück zu seiner Freundin.

„So ein kleines Monster! Er ist deiner gar nicht würdig, Skyla. Wie konntest du dich nur mit so einem Ekelpaket zusammentun?“

Mir blieb keine andere Wahl, Lukas.

Ihr bester Freund blickt ihr in die Augen und seufzt erschöpft. „Ich weiß, du bevorzugst Mangas. Aber da wird das Vorlesen schwerer. Ich schaue mal, dass ich ein gutes Buch organisiere und dann lese ich dir daraus vor. Ich mache dir eine Playlist, sodass du in meiner Abwesenheit Musik hören kannst. Dir hat die Mysteryserie doch so gut gefallen und wir waren noch nicht fertig, dann holen wir das gemeinsam nach. Du wirst schon sehen, mit mir vergeht die Zeit schneller. Und egal, wie es hier ausgeht, ich bin bis zum Ende bei dir. Wenn möglich, holen wir dich schnellstmöglich heraus, aber noch brauchen wir einen Plan. Ich hoffe, unser Zögern kommt uns nicht teuer zu stehen. Aber wir arbeiten daran, dich in bessere Hände zu bringen. Wenn möglich in die medizinische Betreuung der Hexen. Dalika war schlau, sie hat deine Personalien gefälscht und dich als jemand anderes ausgegeben. Sie agiert als Krankenschwester und behütet dich. Auch dein Spinnenfreund wacht über dich. Nur dieser Bär wirkt hier fehl am Platz.“



Als habe Agnar nur darauf gewartet, meldet er sich aus dem Hintergrund: „Verlass dich auf mich, Skyla. Kein Feind wird dich erreichen.“

Auf Agnar ist wahrlich genauso viel Verlass wie auf Dalika.

 

Skyla hat den Drang, ihre Freude zu umarmen. Ganz feste. Ihre bessere Hälfte macht sich ebenfalls so viele Gedanken, wie er ihr den Krankenhausaufenthalt am Bestmöglichen erleichtert. Das ist so rührend. Umso trauriger stimmt es Skyla, als er sich von ihr verabschiedet. Ohne ihn ist es plötzlich so einsam und trostlos. Es ist die Angst, die Skyla plagt. Furcht vor der Zukunft. Vor dem Ausgang dieser Misere. Zweifel keimen. Ob sie jemals wieder die Kontrolle über ihren Köper erhält? Zeit zum Nachdenken bleibt ihr genug. Und nachdem der Frust und die Traurigkeit lange genug ihr das Sonnenlicht genommen haben, erinnert sich Skyla an die Tatsache, dass sie anders ist. Ein Medium mit außergewöhnlichen Kräften. Sie kann Dinge in Bewegung setzen. Vielleicht auch ihren Körper. Zeit zum Üben hat sie genug. Nadine war ebenfalls dazu im Stande. Sie konnte sich vom Körper lösen und als Geist agieren. Mit etwas Übung mag Skyla das vielleicht auch gelingen. Selbst, wenn ihr Körper für immer den Dienst versagt, will sie auch weiterhin über ihre Freunde und Familie wachen. Nadine führte ihr dieses Wunder ebenfalls vor Augen. Vielleicht kann ihr Geist Kontakt mit ihren Schutzgeistern aufbauen und sie kommunizieren telepathisch. Die Lage mag kritisch sein und doch weigert sich Skyla aufzugeben. Noch ist der Geist klar und ihr Versteck blieb dem Ritterorden verborgen. Damit bieten sich noch immer genug Möglichkeiten. Nun liegt es an ihr, das Bestmögliche aus ihrer Lage herauszuholen.

Fortsetzung folgt!

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