Kapitel 10
Das Licht zu ihrer Linken spricht für das Einverleiben des letzten Fragments. Der Moment, wo ihre Hände auf ihre Wangen klatschen. Ihre Beine mögen verdächtig wackeln und doch bemüht sich Skyla um einen sicheren Stand, als sie sich erhebt.
„Gut, wie gehen wir nun vor?“
Zeit für eine Antwort bleibt keine, denn das letzte Fragment verändert Agnar optisch. Ähnlich wie bei Kai, als Naomi ihm die Form der Magiebestie verlieh. Ihr Spinnendämon droht zu zerfließen. Seine Struktur erinnert an zähflüssigem Teer. Der hintere Teil stemmt sich hinab nach unten und verleiht ihm eine aufrechte Form. Der Körper dehnt und formt sich, dass er an seiner menschlichen Version erinnert. Der kleine Junge. Nur mit pechschwarzen Augäpfeln und einem Raubtiergebiss, das ihr deshalb ins Auge spricht, weil er zu ihr spricht. Auffällig ist das dritte Auge ganz oben auf der Stirn, worin ein weißleuchtendes Symbol ruht. Eine Musterung, wie auf den Rücken von Kreuzspinnen. Ebenfalls auffällig sind die acht Spinnenbeine, die wie Flügel aus dem Rücken ragen. Statt Federn befinden sich im Zwischenraum Spinnenweben und alle acht Beine zeigen sich beweglich und dehnbar.
Agnar mag ihr antworten und doch dringt kein Ton zu ihr durch. Denn die Verwunderung fegt ihren Kopf leer. Ungläubig starrt Skyla ihn an und erkennt ihren Schutzgeist kaum wieder, obwohl sie Zeugin seiner Mutation wurde. Eine Veränderung, die irre schnell erfolgte, aber von Agnar anscheinend nicht registriert wurde, als liege sein Fokus zu stark auf ihr Vorhaben. Dabei stellt sie sich eine Mutation als einen unfassbar schmerzvollen Prozess vor, wenn sich Knochen und Fleisch verschieben. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Schmerzgrenze von Dämonen höher liegt. Justin erwähnte mal, dass Dämonen in Allgemeinen gerne in Rollen schlüpfen. Oft als Personen in dem Umfeld des Opfers. Vielleicht macht sie aus der Gestaltenwandlung eine viel zu große Sache, dennoch muss sie erst einmal schlucken.
Denn wo befindet sich plötzlich die kleine, freche Spinne, die auf die Hand passte?
„Hey, Skyla! Hörst du mir überhaupt zu!“
Sein Ruf dringt endlich zu ihr durch und rüttelt sie wach. Noch immer handelt es sich um eine tiefe Stimme. Zu alt für seine kindliche Erscheinung. Der Wunsch nach einem Spiegel wächst und das Kribbeln der Finger verrät ihre Macht. Ein Schrei aus der Ferne und das Klirren von Glas kündigen das fliegende Objekt an. Ehrfürchtig erfasst sie den riesigen Spiegel in der Luft und fühlt sich nicht bereit, das schwere Teil aufzufangen. Doch die Verantwortung für ihre Macht hat allein sie zu tragen, daher erhofft sie, die Flugbahn richtig einzuschätzen. Das altmodische Teil von gut zwei Meter im dicken Holzrahmen erweist sich als unfassbar schwer, dass Skyla befürchtet, unter dem Gewicht zusammenzubrechen. Sie schwankt beim Fang und bemüht sich um einen sicheren Stand, um Agnar mit seinem Spiegelbild zu konfrontieren. Dabei keucht sie unter der Last.
„Schau mal, Agnar, dann solltest du verstehen, warum ich nicht zugehört habe.“
Wie der Ausflug am Meer bringt auch sein neues Spiegelbild ihn laut zum Staunen. So niedlich, dass sie sich das Grinsen nicht verkneifen kann.
Eine Kirchenglocke hallt laut und bedrohlich. Ganz nah. Die Luft vibriert und Skyla bemerkt die entstehende Frostschicht unter ihren Füßen. Ein bekanntes Muster, das Alarm in ihr schlägt. Die Fluchtroute zurück zu der Straße wird in dem Moment zerschlagen, als eine Nebelwelle hereinrollt.
„Bitte sag mir, wir können sie irgendwie bezwingen, Agnar.“
„Negativ.“
Trotz dichtem Nebel meint Skyla vier der Kreaturen auszumachen, denen sie schon einmal mit Milan begegnete. Mumienartige Wesen mit auffällig vielen Armen und Gebetsketten. Aus der Nähe mag sie die Wächter nicht noch einmal betrachten. Mit Schwung wirbelt sie den schweren Spiegel umher und bewirft damit eins der Viecher, das den Nebel als Erstes verlassen hätte. Dank einem kleinen Schub mithilfe ihrer Telekinese-Fähigkeit steckt hinter dem Wurf noch mal ordentlich Kraft und Geschwindigkeit.
„Los, Agnar!“
Die Fluchtroute führt beklemmender Weise direkt Richtung Agnars Mörder, was ihr aber vor Augen hält, dass dieser Unmensch die Blutung des Jungen bereits gestoppt hat. Sicherlich nicht aus Güte, sondern, weil er seine bösen Spiele mit seinem Opfer treiben will. Oder als Rache für die Stichverletzung. Am liebsten mag Skyla erneut in die Vergangenheit eingreifen und Agnars menschliche Version retten. Doch damit würde sie sicherlich noch größeres Übel anrichten. Wohl oder übel eilt sie am Tatort vorbei. Vergesslich wie sie ist, stolpert sie dabei fast über den Toten. Dem Jugendlichen, der von der Kugel durchlöchert wurde. Als wäre das nicht genug, rast ein Wagen in die Hintergasse hinein. Mit solch einer Geschwindigkeit, dass Skyla kaum Zeit zum Ausweichen bleibt. Zum Glück kann Agnar noch aus der Distanz agieren. Seine Weben fangen sie ein und reißen sie zu ihm hinüber. Direkt an die Seite. Dämon und Medium drücken sich ganz nah an die Wand. Der Wagen mag sie verschonen, aber der starke Luftzug, den das Auto mit sich bringt, lässt Skyla ordentlich schwanken. Anders als Agnar, der einen beeindruckenden stabilen Stand hat und ihr den nötigen Halt gibt, indem er sie am Handgelenk festhält und mit Kraft in den dürren Armen überrascht.
Kaum den Raser überstanden bleibt keine Zeit für eine Pause. Ihre Jäger bewegen sich schwebend voran und verhalten sich wie Geister. Ein Tunneleffekt. Wie Lichtpartikel durchfliegen die Wächter Hindernisse, als seien sie Illusionen. Anders als bei Eindringlingen. Skyla kam bereits auf den Genuss ihrer scharfschneidigen Arme. Bestehend aus einem Material, das in ihr Fleisch schnitt. Scharf genug, um auch Knochen zu durchtrennen. Ein Blick zurück und sie erhält eine Chance, die Jäger kurz zu mustern. Röcke und Gebetsketten erinnern an Mönche. Erscheinungen, die von religiöser und spiritueller Herkunft wirken. Noch weiß Skyla zu wenig über diese Wesen. Ein Ärgernis. Justin oder Naomi hätten ihr sicherlich Wissen mitgeben können, um in solch einer Situation die Überlebenschancen zu steigern. Doch für fachkundige Gespräche bot sich bislang immer wenig Zeit. Auch jetzt. Skyla mag die Gegend um die Jägerstraße grob kennen und doch fühlt sie sich in die Enge getrieben und aufgeschmissen. Zum Glück behält Agnar die Fassung. Ihm gehört der Heimvorteil. Seine Straßen. Sein Block. Versteckmöglichkeiten kennt er zu Genüge. Und Justin sei Dank. Skyla verfluchte sein Training. Kilometerweite Laufstrecken und sein verflucht höllischer Parkour, an dem jeder Anfänger verzweifelt. Auch sie zu Beginn. Doch dank ihm beweist sie Ausdauer. So wie Agnar. Schneller als gedacht hängen sie die mumifizierten Mönchskreaturen ab und finden ein Versteck in einem alten, verlassenen Haus. Eins, das extrem einsturzgefährdet ist. An jenem Ort einen Kampf zu führen wäre ihr sicheres Grab. Skyla traut sich kaum, im Innenleben einen Schritt zu machen.
Kaum kehrt Ruhe rein, nimmt Skyla die herbstliche Wetterlage umso mehr war. Der Wind pfeift durch jede Ritze und die Nacht kühlt die Räumlichkeit extrem hinunter, dass sie am Ende bibbernd nach Windschutz sucht.
„Die Tür, Agnar. Du sprachst davon, einen Durchgang zu erschaffen, der uns in meine Vergangenheit führt.“
Die Eile spricht aus ihr. Nässe und Kälte schwächen den Körper und ermüden den Geist. Die Kleidung bietet keinen stabilen Schutz gegen die Witterung. Doch ihr Dämon hat die Ohren entweder auf Durchzug oder er blendet sie gekonnt aus, denn er wandert suchend durch die Räumlichkeit. Nur ein Wort und sie könnte sich ebenfalls nützlich machen. Erschöpft hockt sich Skyla hin und will ihren Kopf ablegen, als sie aus dem Augenwinkel eine vorbeihuschende Maus sieht. Vielleicht aber auch eine Ratte. Ruckartig erhebt sich Skyla und stößt dabei mit dem Kopf gegen ein verstaubtes Regal. Die Laune sinkt. Wie bei Agnar, der mit herabfallenden Mundwinkeln zu ihr hinüberschaut. Dabei wird sie mit einer Beule bestraft und nicht er.
„Du bist laut, Skyla!“
„Da war eine Maus oder eine Ratte.“
„Nur eine? Pass besser auf, die fühlen sich hier wohl.“ Er wäre fast vorbei geschritten, bleibt aber doch wenige Schritte später stehen. „Sind echt sättigend die Dinger.“
„IHHH! AGNAR!“ Sie schüttelt sich angewidert. „Das will ich nicht hören!“
Er seufzt laut. „Du verbietest mir schon, Menschen zu futtern. Nun erreichen wir aber eine Streitgrenze. Willst du, dass ich verhungere?“
Allein die Vorstellung, besonders jetzt in seiner neuen Gestalt, mit einer Maus oder Ratte im Maul lässt sie erschaudern.
„Die Tür, Agnar! Die Tür!“
Seine Augen verdunkeln sich bedrohlich. „Daran arbeite ich! Deine Ungeduld und Laune hält mich nur unnötig hin.“
Voller Tatendrang nimmt Skyla die Verfolgung auf. Mit Skepsis nimmt sie den großen Kochtopf in die Hand, den Agnar bereits rausgelegte. Mit einem staubigen Mörser trottet er zufrieden in die trostlose Küche. Die offenen Schränke und all der ausgeschüttete Inhalt, der sicherlich einmal verstaut war, sprechen für Plünderungen. Skyla blutet das Herz, wenn sie den Zustand der Räumlichkeit auf sich einwirken lässt. Auf den Oberflächen befinden sich getrocknete Flüssigkeit und an alten Lebensmitteln nagen Insekten und Schimmelsporen. Selbst ein Grundputz würde nicht reichen, um der Küche ihren alten Glanz zu verleihen.
Ein Würgelaut lässt Skyla aufblicken. Agnar beugt sich über der Mörserschüssel und zieht aus seinem Mund einen faustgroßen Kristall. Eine massive Form. Tiefgelb. Angewidert tritt Skyla näher und beobachtet, wie er den Kristall mit wenig Kraftaufwand bricht und eine Hälfte in die Schüssel legt.
„Schwefel?“, spricht sie ihre Vermutung aus.
Er nickt. „Schwefel. Die Dämpfe sind giftig, Skyla. Du solltest besser fern bleiben. Wenn dir langweilig ist, dann suche mir eine Katze oder Tierknochen.“
„Tierknochen? Wozu?“
„Für die Tür.“
„Willst du einen Rahmen aus Knochen bauen?“
„Nein! Du denkst zu materiell. Wir erschaffen einen Durchgang mit der Hilfe eines Rituals. Doch dafür brauchen wir ein Lebewesen. Eins, das beim Ausbluten den Kochtopf füllt.“
Entsetzt tritt Skyla fort. Stolpernd. Kopfschüttelnd.
„Nein!“
„Nein?“ Er klingt erbost. „Erneut klammerst du an Moral und Prinzipien. Typisch Mensch! Du hast so viel geopfert! Du bist so weit gekommen und das Töten eines Tieres soll den Plan gefährden? Du verlangst nach Hilfe! Nach Macht! Aber bist nicht bereit, über deinen Schatten zu springen! Du willst kein Tier töten? Dann zieh los und schaffe mir einen Menschen heran! Ein Kind würde reichen, aber ich fürchte, das widerspreche ebenfalls deiner Moral!“
Kälte und empathielos. Agnar macht dem Ruf eines Dämons alle Ehre. Doch Skyla weigert sich, sein Ritual als einzige Alternative zu betrachten.
„Es muss eine andere Möglichkeit geben!“
Agnar fletscht die Zähne wie ein Raubtier.
„Leichtgläubiger Mensch! Akzeptiere die Dunkelheit besser schnell. In dieser Welt herrscht das Gesetz der Stärkeren! Selbst deine Kameraden haben das verstanden!“
Doch Skyla weigert sich weiterhin und erinnert sich an Naomi. Sowie die Tatsache, dass Hexen für Geister gut bezahlen.
„Muss die Seele leben? Ich könnte auf Geisterjagd gehen! Milan erwähnte, dass Geister in Flaschen transportiert werden können!“
Aus einem Impuls heraus folgt der Griff nach einer alten Weinflasche. Herausfordernd hebt Skyla diese in die Höhe, bis ihr all die Schimmelsporen auf dem Glas auffallen und sie angewidert den Arm sinken lässt.
„Wie lange willst du suchen, Skyla? Kannst du Geister aufspüren?“
Leider trifft dieser Fall nicht zu und doch kann sie zum ersten Mal mit Stolz etwas anderes behaupten.
„Nein, aber ich bin ein Unheilmagnet! Ich werde schon fündig!“
„Und die Wächter?“
„Die werden mich nicht finden.“
Zu trotzen fällt ihr nicht schwer, doch die Lüge selbst zu glauben hingegen nicht. Agnar rollt mit den Augen und fixiert eine Küchenuhr an. Skyla folgt seinem Blick.
„Bis Mitternacht gebe ich dir Zeit. Doch ich werde dich nicht begleiten. Du hast nur die Erlaubnis zu gehen, wenn du mir versprichst, dass sich unser Vertrag auflöst, solltest du nicht pünktlich heimkehren. Denn ich bin nicht gewillt, länger in der Vergangenheit zu ruhen. Um Mitternacht erhält das Portal so viel Energie wie zu keiner anderen Tageszeit. Die Frage ist nur, wohin die Tür mich führen wird. In deine Vergangenheit oder in meine Gegenwart. Bist du bereit, dieses Risiko zu tragen?“
Mitternacht tritt in nicht mal zwei Stunden in Kraft. Eine knappe Geschichte.
„Sollte ich versagen, stecke ich dann in deiner Vergangenheit fest?“
„Solange bis du ein mächtiges Wesen findest, dass dir weiterhelfen kann. Doch deine Überlebensrate sinkt mit jeder weiteren Stunde, die du in der Vergangenheit verbringst. Ich bezweifle, dass du heil aus der Sache hinauskommen wirst. Noch liegt ein Schutz über dir. Doch deine passive Fähigkeit verliert an Kraft. Du wirst stinken. Die Jäger werden dich kilometerweit riechen. Ein Risiko, das ich an deiner Stelle nicht eingehen würde.“
Skyla schluckt schwer. Agnar beginnt den Schwefelkristall zu zerstoßen, als glaube er, dieses Gespräch habe sich von allein erledigt. Doch er irrt sich. Ihn zu verlieren wäre bitter. Ein schmerzlicher Verlust. Und das, obwohl sie von Beginn an ihre Zweifel mit ihm hatte. Doch auch ohne sie wird er klarkommen und seinen Weg finden. In der Vergangenheit festzustecken, gehört nicht zum Plan, daher darf sie keine Zeit verlieren und macht den Korken zu der Flasche aus.
Eine Drehung Richtung Tür und Agnar hinterfragt grimmig: „Wohin, Skyla?“
Zur Antwort hält sie ihm die Flasche hoch, woraufhin er fordert: „Wie du magst. Dann gebe mir dein Versprechen, ansonsten lasse ich dich nicht ziehen.“
„Kehre ich nicht um Mitternacht zurück, erlöse ich dich von deinen Pflichten und wir werden getrennte Wege gehen.“ Worte, die ihr nur schwer über die Lippen gehen. Ein Blick auf die Weinflasche und sie verflucht ein wichtiges Detail, das die beiden Geisterjäger vermasselt haben, ihr zu erklären. „Sag mal, Agnar, wie sperre ich einen Geist eigentlich in die Flasche ein?“































































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