Kapitel 12
Der bestialische Gestank schlägt bereits beim Übertreten der Türschwelle zu. Trotz Zeitmangel taumelt Skyla rückwärts. Würgend und mit Tränen in den Augen. Sie kämpft und verliert. Eine Drehung, und das Haus ist schnell verlassen. Der Busch im Vorgarten muss hinhalten, als sie Säure erbricht. Zurück bleibt ein schmerzhaftes Brennen im Hals und der Wunsch nach einem Schluck Wasser. Zu lang ist es her, dass sie Flüssigkeit zu sich nahm. Der Schwindel kickt und der Körper lehnt sich erschöpft gegen die Hauswand. Ein Moment der Schwäche, der sich schnell legt. Doch kaum über die Türschwelle getreten, meldet sich die bekannte Übelkeit. Ohne die Nase zu verdecken, geht es kaum voran. Die Geruchsquelle stammt aus der Küche. Neben dem blubbernden Kessel, gefüllt mit rotvioletter Flüssigkeit, bietet sich ihr ein entsetzlicher Anblick. Eine orangegetigerte Katze liegt wie auf einem Operationstisch aufgeschlitzt auf der Küchenzeile. Aus dem geöffneten Bauch zieht Agnar eine lange Darmschlinge heraus. Wie bei Dalika wachsen dem Dämon lange Klauen, womit er das Organ durchtrennt, sodass er dieses problemlos entnehmen kann und in den alten Kessel legt. Zum Glück wirkt die Seele des Tiers bereits fort. Ein schwacher Trost.
Gefrustet von Agnars überstürztem Handeln tritt Skyla stampfend hinein. Ihr Dämon entdeckt die Weinflasche und doch fokussiert er sich auf seine Arbeit am Herd.
„Du wurdest tatsächlich fündig, wie ich sehe. Ich gestehe, du überrascht mich immer aufs Neue.“
„Spielt aber keine Rolle mehr, wenn ich sehe, was du hier bereits veranstaltest! Wir hatten eine Abmachung!“
„Die haben wir. Doch Mitternacht beginnt in wenigen Minuten. Die Zeit drängt und Vorbereitungen müssen erledigt werden.“
Zu gefasst reagiert er auf ihren Zorn. Zu gleichgültig. Stattdessen rührt er in seiner blubbernden Suppe herum, wodurch für einen kurzen Augenblick Knochen an der Oberfläche treiben, bevor diese wieder untergehen. Skyla erschaudert. Eilig tritt sie an das Fenster und kämpft damit, dieses zu öffnen. Die Witterung leistete einen guten Dienst und erschwert ihr die Aufgabe. Der Weingeist mag im Spülbecken toben und doch hört es sich an, als lache er sie aus. Wie durch ein Wunder öffnet sich das Fenster ächzend und die kühle Nachtluft weht hinein. Skyla verharrt daher eisern am Spülbecken.
Auf dem Boden und nahe dem Herd auf der Küchenzeile lassen sich schwarze Kerzen ausfindig machen. Näher betrachtet wirkt es, als wären diese systematisch angeordnet. Agnar sprach schließlich von einem Ritual.
„Jetzt, wo du das arme Tier bereits geschlachtet hast, wirst du sicherlich dein kleines Ritual durchziehen oder?“
„Positiv.“ Agnar nickt und nimmt sie endlich richtig wahr. „Meinen Glückwunsch, Skyla. Unser Pakt bleibt bestehen. Wir verreisen gemeinsam.“
Ein Knurren entweicht ihr unweigerlich und sie bleckt die Zähne. Denn der Ausgang der Situation widerstrebt ihr. Wäre sie doch nur früher ins Licht getreten und hätte den Tod der Katze verhindern können. Frustriert stöhnt Skyla und lehnt sich gegen die Küchenzeile am Waschbecken. Bis das morsche Ding laut protestiert. Verdächtig gefährlich. Erschrocken tritt sie fern. Nicht ohne den Griff ins Waschbecken, um ihren Fang zu sichern. Ihren kleinen Flaschengeist, der niemals das Gefäß verlassen darf, ansonsten fürchtet sie unter seinem Zorn zermatscht zu werden.
„Dieses Haus fällt wahrlich auseinander. Nur eine Frage der Zeit.“
Ihr Nuscheln bleibt nicht ungehört, denn Agnar äußert sich sogar dazu: „Früher als du denkst, Skyla.“
Vielleicht beabsichtig, vielleicht auch nicht, Fakt ist: Es klingt wie ein dunkles Versprechen. Eine Warnung, besser schnell zu verschwinden.
Für Agnar wär damit alles gesagt und er wendet sich seinem Ritual zu. Skyla will die Zeit nutzen, um zu entspannen. Nicht leicht bei dem Gestank. Nicht leicht, wenn der Dämon den Kopf der Katze abtrennt. Ohne Werkzeug, sondern mit roher Gewalt. Die Blutfontäne ergießt sich über Möbel und Boden. Skyla presst eine Hand vor Entsetzen auf ihren Mund, um nicht loszuschreien. Der Kopf in Agnars Händen fängt auch noch Feuer. Blaue Flammen. Noch ehe Fell und Knochen schmelzen, fallen Agnar die Augäpfel der Katze in die freie Hand, die er wie Müll wegwirft, als habe er keine Verwendung dafür. Dabei führt die Landung in seine blubbernde Suppe. Mit angehaltenem Atem beobachtet Skyla, wie von dem Kopf nur ein Häufchen Asche überbleibt. Asche, die Agnar ebenfalls fängt und um die Kochstelle in einem Bogen verteilt.
Die Vorbereitungen enden in dem Moment, als der Dämon in die Hände schlägt und Strophen in einer ihr völlig unbekannten Sprache nuschelt. Seine Stimme klingt dabei verzerrt und tiefer. Licht wird um Agnar gebrochen und die Luft beginnt zu flirren. Eine schwarze Kerze nach der anderen entzündet sich. Der Reihe nach. Mit der Letzten öffnet Agnar die Hände und reißt die Arme in die Höhe. Die blubbernde Brühe reagiert darauf und schwebt hinauf über seinen Kopf, wo ein Strudel entsteht. Skylas Magen dreht sich beim Anblick von Blut, Organen und Knochen. Wie bei einem Wirbelsturm, der alles in den Sog zieht, kommen von überall allerlei Knochen angeflogen, die einen großen Rahmen formen. Sämtliche Gebeine haften fest aneinander und der leere Raum füllt sich mit Agnars Brühe. Auffordernd winkt der Dämon Richtung sein Kunstwerk des Grauens.
„Nun liegt es an dir, Skyla. Hauche meiner Macht mit deiner Gabe Leben ein. Erschaffe eine Tür zu deinem gewünschten Zeitpunkt. Erinnere dich an jenen Moment, an den du zurückkehren möchtest. Wähle mit Bedacht. Und vergesse nicht, eine jede Seele, die du rettest, fordert einen Preis. Einen Bitteren. Ich rate dir, nicht zu weit in die Vergangenheit zu reisen. Eine Zeitreise von über einem Jahr könnte dich bereits zerreißen und vernichten.“
Skyla muss nicht lange überlegen. Der Startpunkt beruht am Tag des großen Übels. Bevor Nadine eine dumme Entscheidung traf. Alles nur, weil ihre Eltern sie manipulierten. Wenn möglich, will Skyla sie ebenfalls retten. Agnar mag nicht ins Detail gegangen sein und doch ahnt das Medium, um welche Fähigkeit gebeten wird. Ein Wisch, und sie betrachtet das Tor als ein Alternative zum intensiven Blickkontakt. Die Pforte in ein fremdes Reich. Die Oberfläche der roten Flüssigkeit verändert sich. Skyla spiegelt sich dort und blickt sich somit selbst in die Augen. Wie gefordert erinnert sie sich an jenen gewünschten Moment. Als sie an Lukas‘ Hand durch das Spiegelportal schritt. Alles nur, weil Mason ihnen die Pistole auf die Brust setzte. Mason! Dieser Idiot! Er und Milan werden aneinandergeraten und dies gilt ebenso zu verhindern.
Agnars Spiegel reagiert auf ihre Erinnerung. Tatsächlich sieht sie dort Lukas vor sich laufen, wie er ihre Hand hält und ihr ein Lächeln voller Zuversicht schenkt. Skyla streckt den Arm aus. Sehnt sich nach seinem Halt. Wie in Kindertagen. Gemeinsam Händchenhalten schenkte ihr immer ein Gefühl von Sicherheit. Als können sie gemeinsam jeder Gefahr entgegentreten. Tränen der Erleichterung fließen hinaus und ehe sich Skyla versieht, schnappt sie zu. Nach seiner Hand. Durch das Portal. Der Gestank von Eisen, Schwefel und Verwesung nehmen zu. Doch kaum spürt Skyla die Wärme ihres Freundes, reißt ein Ruck sie durch den roten Spiegel. Durch eine widerlich heiße Flüssigkeit. Durch einen dickflüssigen Wasserfall. Kaum hindurch keucht Skyla nach Luft und würgt. Ihre Hand löst sich von Lukas und mit der nächsten Drehung würgt sie erneut Magensäure hoch. Diesmal muss eine Zimmerpflanze dran glauben. Irgendeine Palme.
„Oh nein! Meine schöne Areca!“
Der panische Schrei klingt nach Sina. Ein Blick hinauf und Skyla findet sich tatsächlich in der hellen Wohnung von dem anderen Medium wieder. Ein Versteck in der Geisterwelt. Das beweist Masons Anwesenheit. Denn der Ex-Soldat befindet sich stumm im Hintergrund, während sein Blick sein Misstrauen widerspiegelt.
Die warme Hand auf dem Rücken spricht für Lukas. Dieser hat sich genähert und streicht ihr Haar aus dem Gesicht. Blaue Strähnen. Skylas Augen weiten sich. Ihre geliebte blaue Mähne, die so sehr vermisste, wäre damit zurückgewonnen.
„Du flimmerst, Skyla. Ganz seltsam. Wie ein Stern, der verglüht.“
Lukas keucht, als fürchte er, sie zu verlieren.
„In der Tat! Was ist mit dir passiert, Skyla? Dein Aussehen ändert sich ständig. Als wärest du bereits verstrahlt. Eine kränklich schwache Version mit Glatze und nicht zu vergessen: blutüberströmt“, mischt sich Mason ein.
An ihrer Brust gepresst hält sie den Flaschengeist. Doch die Kleidung von Agnars Mutter wirkt fort und die blauen Strähnen kleben ihr teilweise im Gesicht. Daher hebt Skyla beunruhigt den Kopf. Sie sucht die Bestätigung bei Lukas, der tatsächlich unsicher nickt und doch eisern an ihrer Seite verbleibt.
„Skyla! Dein Einsatz!“
Agnar tritt in seiner neuen Gestalt ebenfalls durch Nadines Spiegelportal. Die Reise in die Vergangenheit hat ihm zum Glück nicht sein Upgrade gekostet. Die Worte des Dämons rütteln sie jedoch wach. Schließlich sieht sie Milan auf der anderen Seite des Spiegels, wie er sich für den Sprung wappnet. Er und Mason werden schon bald aufeinander treffen. Entschlossen reicht Skyla den Flaschengeist an Agnar weiter und krempelt sich die Ärmel hoch. Bereit für Versuch Nummer 2!


































































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