Kapitel 13
„Mason! Aus!“
Ein süffisantes Grinsen kann sich Skyla nicht verkneifen. Nur kurz bekommt sie den eisigen Blick des Ex-Soldaten zu sehen, bevor sie sich umdreht und im Kopf angestrengt überlegt, wo Milan landet. Eine gefühlte Ewigkeit verging seit jenem Tag und doch durchlebt die Mehrheit der Anwesenden die kommenden Minuten zum ersten Mal. In einer anderen Zeitlinie. Endlich steht das Glück auf Skylas Seite, denn Milan kommt ihr tatsächlich entgegengeflogen. Freudig streckt Skyla ihre Arme nach ihm aus, um ihn einzufangen und um ihn schließlich zu Boden zu drücken. Dort nagelt sie ihn fest, so wie Justin es ihr beigebracht hatte. Die Verwirrung steht dem süßen Geisterjäger wahrlich ins Gesicht geschrieben. Der Schock sitzt tief, dass er zur Abwechslung mal keinen Ton aus sich rausbekommt. Gesund, voller Energie und heil. Tränen des Glücks bahnen sich einen Weg hinab. Skyla beugt sich hinab, um ihn kurz, aber herzlich, zu umarmen. Angeschmiegt an seiner Brust. Ihn zu verlieren war der größte Schmerz. Sein Herz schlägt laut und kräftig. Er lebt und das ist alles, was zählt. Auch wenn sie stundenlang mit ihm kuscheln könnte, gibt es noch viel zu klären, daher erhebt sie sich widerwillig. Der dankbare Ausdruck tauscht sie gegen Strenge.
„Liegen bleiben!“, ermahnt sie ihn und erhebt sich, um den Blick durch die Wohnung kreisen zu lassen. Denn sie vermisst etwas.
„Kai! Melde dich!“
„Du hattest ihn bei Naru gelassen“, erinnert sich Agnar.
Kaum ausgesprochen, registriert Milan Agnars neue Hülle und befindet sich mit einem Satz auf den Beinen.
„Weg von dem Jungen, Skyla! Er ist ein Dämon!“
Gereizt dreht sie sich um. „Ich weiß! Er ist mein Schutzgeist! Aber jetzt mach mal halblang und geduldet euch bitte!“
Entschlossen schreitet sie zum Spiegel, wo sie freie Sicht auf das Krankenzimmer hat. Hochkonzentriert schaut sie umher und atmet erleichtert auf, als Kai zum Spiegel angetrottet kommt. Völlig konfus blickt der Bär dabei an sich hinab.
„Wie?“ Er hebt den Kopf. „Etwas durch Euch?“
Skyla atmet erleichtert auf und blickt von ihm zu Nadine, die sich seitlich im Rahmen der Spiegelwelt versteckt. Dankbar sinkt Skyla auf die Knie und schluchzt laut. Eine gewaltige Last fällt von ihr.
„Welch ein Glück. Ihr beiden lebt.“
„Gib ihr einen Moment“, hört sie Agnars Stimme im Hintergrund, als wolle er Außenstehende von der Unterhaltung fern halten.
Auch Kai sucht nach Antworten. „Wie habt Ihr das nur angestellt?“
„Danke Agnar dafür. Gemeinsam mit ihm bin ich zurück in die Vergangenheit gereist“, berichtet Skyla ihm müde von der gesamten Tortur, um schließlich erneut den Blickkontakt zu Nadine zu suchen. „Damit erhältst du eine zweite Chance, Nadine. Mich zu übernehmen bringt uns allen nur Kummer. Dabei will ich dich doch retten. Fürchte dich nicht, ich werde mich darum kümmern, dass wir dich bei uns aufnehmen und du erwachst. Ich bitte nur um etwas mehr Zeit.“
Das Kind schreckt jedoch zurück und läuft von dem Durchgang fort. Sie braucht sicherlich Zeit und die wird Skyla ihr geben. So viel wie nötig.
„Ich schwöre dir, Skyla, liefere mir sofort plausible Antworten oder du machst dich mir zum Feind!“, bellt Mason aus dem Hintergrund.
„Deshalb sind wir doch hier, Mason!“, erinnert Sina ihn erschrocken.
„Wirklich? Davon merke ich nichts! Was soll das ganze Drama und wer sind all die Leute? Skyla behauptet, das Kind sei ihr Schutzgeist! Noch einer, von dem wir nicht wissen?“
Der Kampf auf die Beine ist wahrlich eine Herausforderung. Nichts, was den anderen verborgen bleibt. Lukas eilt zu Hilfe und führt sie bewusst zu der Couch. Unter seinem strengen Blick knickt Skyla ein und pflanzt sich hin. So wie Mason, der den gegenüberliegenden Sessel wählt. Als bestehe er auf Blickkontakt, um sie besser studieren zu können.
Sina dreht sich kurz im Kreis, als bräuchte sie schnell eine Aufgabe. Ein freudiges Schnippen und sie schreitet zur Küche. „Ich organisiere Kekse!“
„Ich glaube, unser Erbsenhirn hat sich weiterentwickelt“, tönt es nahe Agnar.
Eindeutig Mia, die den Spinnendämon umkreist. Anders als davor scheint Agnar an Reife dazugewonnen zu haben. Beim ersten Treffen jagte er Mia und ließ sich leicht provozieren, nun aber behält er sie stumm im Auge.
Doch Milan weigert sich, den neuen Tatsachen ins Gesicht zu schauen, wie sich zeigt, denn er protestiert: „Unmöglich! Wann und wie soll das denn passiert sein?“
„Setz dich, Milan, und hör mir zu!“, fordert Skyla ihn ungeduldig auf.
Schnaubend gibt der Geisterjäger nach und setzt sich neben sie hin, um kurz darauf aufzuschrecken, denn ein Gegenstand kommt angeflogen. Auf dem hölzernen Couchtisch landet ein Buch mit Softcover. Geworfen von Dalika, deren Laune sich nicht besserte. Grimmig blickt sie in die Runde und verschränkt die Arme.
Ihre Augen glühen noch immer und mit steifem Kiefer spricht sie zu Skyla: „Dir fehlen Beweise, kleine Blume. Wenn Patienten auf der Intensivstation landen, bekommen diese in den meisten Fällen kaum etwas mit. Gedächtnislücken wirken sich negativ auf die Psyche aus, deshalb wird dieses Intensivtagebuch geführt. Der erste Eintrag beginnt mit deiner Einlieferung und endet an dem Tag, wo du aus dich herauswächst und den Spuk von allein beendet. Ich habe mir erlaubt, einen Zeitungsartikel im Büro auszudrucken und hinzuzufügen.“
Auffordernd dreht Dalika ihren Kopf zu Mason, der den Nang Tani misstrauisch betrachtet. Da der werte Ex-Soldat nicht handelt, schnappt sich Lukas das Intensivtagebuch. Skyla mag vor Neugier platzen. Zu gern würde sie sich mit dem Buch befassen, doch Mason und Milan wollen erst mit Worten überzeugt werden. Das zeigen ihre Blicke. Sowie ihr Schweigen und ihre steife Sitzhaltung.
Die Hände faltet Skyla zusammen und beugt sich nun vor. Mit einer Bedingung.
„Ihr bekommt eure Antworten, aber nur, wenn ihr mir versprecht, Nadine zu meiden. Das Kind ist nicht böse, sondern wurde manipuliert von Schattengestalten, die behaupten, sie seien ihre Eltern. Ich denke, sie sprechen wahr, doch garantieren kann ich es nicht. Nadine steht unter meinem Schutz. Ungeachtet, welchen dummen Fehler sie plante.“
Masons Blick gleitet zum Spiegel. „Die Rede ist vom Geistermädchen im Spiegel?“
Skyla nickt und ignoriert das wütende Schnauben seitens Milan.
„Kannst du denn garantieren, dass dieser Geist uns in Frieden lassen wird?“, hinterfragt der Ex-Soldat.
„Nein! Aber sollte Nadine sich uns erneut im Weg stellen, dann kümmere ich mich persönlich darum. Nadine ist allein meine Angelegenheit!“
Mason nickt, womit Skyla nun Gewissheit bei Milan braucht. Doch der Geisterjäger funkelt sie stattdessen vorwurfsvoll an und schüttelt widerwillig den Kopf.
„Keine Garantie, Skyla! Dein starker Draht zu dunklen Kreaturen und deine naive Denkweise werde ich nicht auch noch unterstützen!“
Wie befürchtet. Dann muss Skyla leider zu konsequenten Maßnahmen greifen.
„Schön, dann wirst uns augenblicklich verlassen. Ohne dieses Versprechen hast du keinen Zugriff auf die Wahrheit.“
„Dein Ernst?“ Erbost springt Milan auf die Beine. „Du schließt mich aus? Das wagst du nicht!“
Doch Skyla bleibt stur. „Ein jeder muss sich auf diesen Deal einlassen. Auch Lukas und Sina!“
Doch Milan blickt streitsuchend rüber. „Ein bisschen spät! Dein Freund befasst sich doch schon mit der Wahrheit!“
Lukas hebt seufzend den Kopf und klärt die Angelegenheit schnell: „Du hast mein Wort, Skyla. Als könnte ich dich eh aufhalten, so stur, wie du bist.“
Den letzten Teil hätte er ruhig weglassen können und doch stimmt es Skyla zufrieden. Auch Sina rückt tatsächlich mit einem Teller Keksen an.
„Du hast mein vollstes Vertrauen, Skyla“, flötet das Medium.
Etwas, was den Verfluchten verstimmt. „Naiv wie eh und je, Sina!“
„Danke, Sina.“
Damit erhält Skyla die nötige Unterstützung und kann aufatmen. Lukas blickt jedoch beleidigt auf.
„Hey, ich habe dir doch auch meine Unterstützung gegeben. Warum bekomme ich keinen Dank von dir?“
Skyla lächelt verschmitzt und gesteht: „Ich habe nie an deiner Unterstützung gezweifelt. Bei Sina war ich mir nicht so sicher.“
„Natürlich unterstütz dich der Nerd! Weil er keine Ahnung von all dem hat und nicht weiß, in was für Gefahren du dich begibst!“, beschwert sich Milan.
Anders als sonst blickt Lukas gefasst herüber und behält sämtliche Kommentare für sich. Ein Verhalten, das Skyla stolz macht.
„Du unterschätzt ihn, Milan. Erneut. Ich denke, Lukas kann die Situation sogar noch besser einschätzen wie du.“
„ALS OB!“ Milan steigt die Zornesröte ins Gesicht und gestikuliert wild mit den Armen. „Mia! Sag doch auch mal etwas!“
Vertrauen nach all den Niederlagen muss sich Skyla sicherlich erst einmal verdienen. Sicherlich bereitet Milan die dunklen Prophezeiungen Sorge. Tatsächlich landet Mia auf dem Couchtisch vor Lukas. Sie rümpft die Nase und lässt ihren Blick über Skyla besten Freund gleiten. Während Mason sich herüberbeugt.
„Noch eine Fee? Aber keine Elementfee oder?“
Sein riesiger Schatten bringt Mia aus dem Konzept. Sprunghaft weicht sie zur Seite und keucht nach Milan, als fürchte sie sich wie eine Fliege erschlagen zu werden. Ihr Partner tritt heran und tatsächlich fliegt die Fee blitzschnell auf seine ausgestreckten Hände, wo er sie versteckt. Ein Verhalten, das Skyla überrascht. Denn bislang trotzte Mia mutig allen Gefahren. Aber Mason hat auch wahrlich eine einschüchternde Aura.
„Mason. Ex-Soldat und ein Verfluchter. Verbündeter können wir ihn noch nicht nennen, aber als Feind will ich ihn auch nicht“, stellt Skyla ihn vor.
„Ein Verfluchter!“ Ehrfürchtig blickt Milan herüber. „Du hattest ihn erwähnt.“
Mason hebt zum Gruß die Hand. „Und mit wem habe ich die Ehre.“
„Mit einem Streuner!“, tönt es missbilligend von Dalika.
Milan reckt streitlustig das Kinn und bleckt die Zähne. „Hältst dich für was Besseres, Nang Tani?“
Dalika zischt und tritt an ihn heran. „Du hast keinen Anstand, bist laut und spielst mit Frauenherzen!“
Milan weicht zurück, als habe er sich verbrannt. Und doch verteidigt er sich bissig: „Das war einmal! Und rechtfertigen tue ich mich nicht zu meinen Taten! Denn an dir wäre mein Atem verschwendet.“
Statt es dabei zu belassen, knurrt Dalika: „Der Verfluchte ist das beste Beispiel, was deine Nachkommen betrifft!“
Ermüdet hebt Skyla den Kopf. Mit wenig Toleranz dieser Unterhaltung gegenüber. Dalika mag gute Punkte ansprechen und doch haben andere Dinge Vorrang. Ein Schrei. Schrill und ängstlich wie Skyla es von Sina kennt. Doch statt dem anderen Medium Gehör zu schenken, blickt sie hinab auf das rollende Objekt, das kurz vor ihren Füßen liegen bleibt. Ein Gesicht, das Wut in ihr keimen lässt. Ein abgetrennter Kopf ruft viel Aufsehen. Ein ehemaliger Soldat wie Mason befindet sich direkt in Alarmbereitschaft und fährt herum zu dem Eindringling, der sich mit einem Händeklatschen verrät. Grimmig schaut Skyla der Dämonenkönigin ins Gesicht. Segones Gefühlsausbruch scheint geendet zu haben, denn sie trägt eine unnahbare Maske. Sie mag in die Hände klatschen und doch mit einem emotionslosen Gesicht.
„Meinen Glückwunsch, meine Königin.“
Sowohl Mason als auch Milan stürmen voran, doch Segone breitet die Arme aus und lässt die beiden in der Bewegung erstarren, um schließlich fortzuführen: „Ein Zeitsprung wagen nur die Wenigsten. Wappnet Euch besser auf das Echo. Ihr habt die Zeitlinie verändert, das wird nicht gerne gesehen. Viele Leben konntet ihr retten. Seelen, die sich das Schicksal anderswo holen wird. Aus Eurem Umfeld. Vielleicht Euren Vater.“
Das Herz zieht sich schreckhaft zusammen und Skyla keucht. Eine Reaktion, die Lukas dazu verleiht, erneut nach ihrer Hand zugreifen.
„Wovon spricht diese Frau, Skyla?“
Doch ihr Blick klebt auf Segone.
„Kannst du diese Verluste verhindern?“, hinterfragt sie beunruhigt.
Ein Ansatz eines Lächelns zeichnet sich auf Segones Gesicht ab. Eins, das schnell verschwindet. „Bedauerlich Weise nicht. Hier sind Mächte am Werk, die selbst Erzdämonen nicht trotzen können.“
Unruhe breitet sich in Skylas aus. Der Blick gleitet rüber zu Milan, dessen Tod sie nicht akzeptiert hätte. Die Entscheidung fiel und nun muss sich Skyla in Geduld üben und hoffen, die Folgen werfen sie nicht aus der Bahn.
„Amelia Wein. Eine Führungsposition und ein herber Rückschlag für Eure Feinde.“ Segone überrascht mit einem eleganten Knicks. „Ein Geschenk für Euch meine Königin. Ihr Tod sei auch in dieser Zeitlinie gewiss. Den Kopf aus dieser Zeitlinie habe ich meiner Sammlung hinzugefügt. Ich hielt ihn für unbedeutend, denn Amelia Wein aus dieser Zeitlinie fügte Euch noch keinen Schmerz zu. Dennoch beschenke ich Euch mit Beweisen. Autopsieberichte und die Akte zu beiden Tatorten. Allein die Beschaffung der Unterlagen lohnte sich vom Spaßfaktor. Ein Blick in Eure Augen und ich sehe, dass kein Vertrag zusammen kommen wird. Dabei könnte ich dieses Recht für meine Dienste einfordern, doch wo bliebe dann die Herausforderung? Der Kampf um Eure Aufmerksamkeit hilft mir, mich weiterzuentwickeln. Daher wähle ich den Abschied und empfehle mich.“
Eine elegante Drehung und ein Strudel aus Rosen und schwarzen Nebelschwaden verschlingt die Dämonenkönigin. Kaum verraucht Segones Gestalt, erwachen Milan und Mason aus der Starre. Völlig konfus schreitet der Geisterjäger zu jener Stelle, wo der Dämon stand.
Würgend begibt sich Sina in den Hintergrund, während Skyla in den blonden Schopf packt und Amelias Kopf aufhebt. Ein Ritterdame, die Skyla wahrlich viel Kummer und Schikane brachte. Eine gefährliche Frau mit manipulativen Fähigkeiten. Ein zufriedenes Lächeln huscht ihr übers Gesicht und aus dem Augenwinkel stechen die Akten hervor, die Segone versprach. Damit lägen genug Beweise vor, damit ihre Geschichte hoffentlich überzeugt.

































































Kommentare