Kapitel 2

Lässig angelehnt an der Wand direkt neben der Uhr betrachtet die hochgewachsene Dame ihren Champion. Rebellisch mag Skyla ihr Kinn recken und sich am liebsten auf den Dämon stürzen. Die gelben Augen leuchten vor Intensität und auch die Schlangenköpfe an den Haarspitzen erwachen zischend. Segone erinnert an eine Menschenfrau. Gehüllt in einem engen Kleid, das ihre Kurven betont und ihr Eleganz verleiht. Ein feiner Stoff mit einer Tüllschicht überzogen. Schwarz, aber transparent und von Rosenmustern durchzogen. Ein weiteres Stück aus ihrem Kleiderschrank, das ebenfalls mit dem Saum den Boden berührt. Die Dreadlocks mit dem fliederfarbenen Schimmer band die Königin aufwendig hoch, sodass ihr langer Schwanenhals besser zur Geltung kommt. Noch immer schmücken kleine Obsidiansplitter ihre Haarpracht und rascheln bei jeder kleinsten Bewegung.

 

Segone mag menschlich wirken und doch weist ihre Haut einen gräulich, fast kranken Teint auf. Fast lichtlos, schließlich wandelt diese Seele gern in tiefer Dunkelheit. Ihr Gesicht wirkt puppenhafte mit den ganz feingeschnittenen Zügen. Passend zu dem neuen Kleid trägt die Königin lange Seidenhandschuhe. Ebenfalls mit schwarzer Spitze und einem Rosenmuster. Rosen. Eins ihrer Erkennungsmerkmale. Dieser Dämon arbeitet mit gefährlichen Dornengeflechten und scheint eine Schwäche für die Königsblume zu haben, als erhoffe sie noch immer, der Duft könne den Gestank des Schwefels verbergen, den ein jeder Dämon trägt. Segone agiert sowohl im Fernkampf, als auch aus direkter Nähe mit einer meisterhaften Schwerttechnik.

 

Der Kampf gegen Justin zwang Segone zum Rückzug. Sie war ihm nicht gewachsen, Von der Niederlage scheint sie sich erholt zu haben. Denn sie wirkt keinesfalls angeschlagen. Mit undurchdringlicher Miene starrt sie nur zum Krankenbett rüber. Dalika zischt verärgert und zieht eins ihrer Beine weit zurück, als mache sie sich für einen Marathonsprint bereit. Doch die Dämonin schenkt ihr keinerlei Beachtung. Eisern klebt ihr Blick auf Skyla.

„Du bist unerwünscht, Dämon!“, ergreift Dalika zuerst das Wort, „Und du kommst ungelegen!“

„In der Tat wartet Arbeit auf dich, Nang Tani. Geh ruhig spielen. Zwei Schattengestalten solltet ihr ja wohl gewachsen sein.“



Zwar richtet Segone das Wort an Dalika und doch würdigt sie ihr keines Blickes. Die Provokation glückt, denn Skylas einzig anwesender Schutzgeist zieht scharf die Luft ein und doch hält sie sich zurück.

„Letzte Warnung! Verschwinde, Dämon!“

Doch Segone stößt sich stattdessen von der Wand ab und steuert Skyla an. Nur kommt Dalika ihr in die Quere. Irre schnell wirbelt der Nang Tani um Segone herum und versucht beeindruckende Tritte und Schläge auszuteilen. Mit Leichtigkeit weicht Segone ihr aus. Ohne große Anstrengungen. Überwiegend fängt sie sogar Dalikas Fäuste und Tritte ab, nur selten bleibt sie rechtzeitig stehen, damit sie verfehlt wird.

 

Ein tiefer Atemzug verkündet das Ende von Segones Geduld. Kaum hebt die Dämonin den Finger, erstarrt Dalika mitten in der Bewegung. Auch Skyla hält den Atem an. Eisige Kälte konfrontiert Körper Geist. Temperaturen, die selbst die Zeit gefrieren zu scheinen. Die Luft wirkt schwer und erdrückend. Doch trotz Gefriertemperaturen bildet sich kein Eis.

„Zwing mich nicht, mein Schwert zu ziehen, Nang Tani. Du bist Skyla wichtig und dein Opfer würde meine Chancen auf ein Bündnis schmälern. Daher werde ich dir kein Haar krümmen. Dein Mensch steckt in einer misslichen Lage. Eine unbrauchbare Fleischhülle aufgrund einer durchtrennten Verbindung. Erzwungen wie mir scheint. Durch einen Biss. Und doch lodert das Feuer der Rebellion stärker. Ähnlich wie meine Prüfung formt die Hürde diese Kriegerin. Heilung für die Krone. Das ist mein Deal.“

Einen Pakt mit einem Dämon. So verzweifelt ist Skyla noch nicht. Noch mag sie keine Fortschritte machen und es wirkt als baue sich einfach keine Verbindung zu ihren Kräften auf. Aber Skyla trainiert bei jeder Gelegenheit ihre Fähigkeiten. Daher käme es ihr vorerst nicht in den Sinn, auf diesen Deal zurückzugreifen. Zumal sie dann ein schlechtes Beispiel gegenüber Lukas geben würde. Ihr bester Freund will zu jedem verzweifelten Strohhalm greifen. Nie aus Egoismus. Und doch hält es Skyla für weiterhin falsch und fatal. Dunkle Kreaturen verpacken die Wahrheit zu gut. Der Preis könnte viel höher sein, als angenommen. Niemals sollte solch eine Entscheidung unbedacht getroffen werden.



 

Aus Rauch und Dornen formt sich in Segones Händen eine gezackte Krone. Gekleidet in Schwarz und doch bricht das strahlende Gold an den Rändern durch. Wie an wenigen Stellen. Das Edelmetall bedeckt auch die komplette Innenseite. Zwischen zwei Ringen an der Außenseite zeichnen sich Sterne ab. Segone liegt ihr Mitbringsel auf Skylas Schoß. Demütig zieht sie den Kopf ein und nimmt vom Bett Abstand, um auf die Knie zu gehen.

„Die Zahl deiner Feinde wächst. Wir mögen noch keinen Pakt geschlossen haben und doch schütze ich Euch aus der Ferne vor hungrigen Mäulern. In den Tiefen der Dunkelheit flöten viele verlorene Seelen Euren Namen und kämpfen sich zu den Pforten. Ich agiere seit Wochen als Wächterin und beseitige jene Dunkelheit, die nach Euch die Finger ausstreckt. Eine ehrenvolle Aufgabe, die mich fit hält und mir noch mehr Macht verleiht.“

Das erklärt einiges. Denn dank Kais Großmaul soll Skyla in der Geisterwelt in aller Munde sein. Doch trotz Warnungen halten sich die paranormalen Besuche im Rahmen. Nun kennt Skyla auch den Grund dafür. Und Segone blickt nicht, als wolle sie dafür eine Gegenleistung.

 

„Meine Ranken blockieren einige Passagen, sodass sich das Übel eingrenzen lässt. Und doch entwischen mir kleine Fische. So wie die zwei Schattengestalten. Die höheren Ebenen meines Reiches sind mir fremd und Schlupflöcher scheinen die Nager zu Genüge zu kennen. Vorerst, denn ich lerne aus meinem Versagen. Ein Blick in Eure Augen zeigt, dass Ihr große Zweifel hegt. Mein Angebot steht. Greift jederzeit darauf zurück oder erwacht von allein. Ich biete Euch nur eine Möglichkeit, den Vorgang zu beschleunigen. Denn die Zeit ist dein Feind. So oder so werden sich mir sicherlich noch genügend Möglichkeiten für einen Deal bieten.“

Das Geräusch von splitterndem Glas lässt Segone aufblicken und ihre Augen weiten sich vor Unglauben, als sich Dalika langsam bewegt als taue sie nach einer Vereisung auf. Skylas Schutzgeist schüttelt die steifen Glieder wach, wobei der Nacken laut knackt. Die Augen des Nang Tanis leuchtend bedrohlich rot, als sie herüber späht.

 

„Tritt fern, Dämon! Meine Blume wird von allein erwachen! Wir brauchen keinen Deal.“



Unbeeindruckt stiert Segone zurück. „Diese Entscheidung trifft deine Königin. Ein treuer Diener vergibt Ratschläge, aber vertraut auf das Urteilsvermögen des Herrschers. Meine Pflicht wurde erfüllt. Daher ziehe ich mich zurück. Aber ich gestehe, ich hab dich unterschätzt, Nang Tani. Wie schade, dass du schwimmst. Auch wenn ich dich nicht ausstehen kann, würdest du in einem Vertrag wachsen. Was würde ich nicht geben, um zu sehen, zu welcher Größe du heranwachsen könntest.“

Dalika schnauft und schiebt sich zwischen Skyla und Segone.

„Bist du fertig?“, keift sie Segone an.

Der Dämon nickt zögerlich und erhebt sich zur vollen Größe, um sich kurz vorzubeugen. Mit der geballten Hand vor dem Herzen. „Ich empfehle mich, meine Königin.“

Eine Böe weht herein. Von Segones Gesicht blättern leuchtend rote Rosenblätter ab und werden einfach fortgetragen, dass der verschwundene Teil an eine Projektion erinnert, die sich auflöst. Zuerst beginnt der Prozess des Verschwindens kopfabwärts, bis zum Saum des Kleides. Die gesamte Erscheinung verwandelt sich in einen Schwall Blütenblätter, die wie ein Schwarm Schmetterlinge fortfliegt. Nur noch die Krone erinnert an Segones Besuch.

 

Der Dämon mag sich verabschiedet haben und doch hinterließ dieser Eindruck. Dalika verdeckt seit fast einer Minute ihr Gesicht und die Anspannung will nicht aus ihren Knochen weichen. Daher versucht Skyla zum vierten Mal per Telepathie durchzudringen. Doch der Nang Tani reagiert auf keinen der Rufe. Der Brustkorb ihrer Freundin senkt sich auffällig. Es wirkt, als hyperventiliert Dalika. Schwarze Musterrungen zeichnen sich auf den Armen des Nang Tanis ab. Dunkles Geäst krabbelt unter dem Stoff hervor. Skyla erinnert sich an die Warnung. An die Gefahren eines obdachlosen Nang Tanis. Die Finsternis droht ihren Schutzgeist zu verschlingen. Sicherlich beschleunigt durch Angst und Sorge. Verursacht durch Segones Besuch. Skyla mag sich erheben wollen und ihre Freundin in die Arme schließen, doch ihr Körper gehorcht ihr noch immer nicht. Tiefe Emotionen, bestehend aus ehrlicher Sorge und Reue. Ein Kribbeln, noch so klein und schwach, aber prägend. Wie ein zarter Kuss streift die verloren geglaubte Macht in Form von leichten Winden Dalikas Arm. An Intensität verloren, somit aber nicht bedrohlich, aber wachrüttelnd. Kaum berührt die sanfte Brise Dalikas Gestalt, sinken die Arme hinab und präsentieren die rotglühenden Augen. Erst jetzt nimmt Skyla ihr Zittern wahr und ärgert sich umso mehr, dass ihr Körper ihr den Dienst verweigert. Gerade jetzt könnte Dalika eine Umarmung helfen.



 

Ein tiefer Atemzug, und ihr Schutzgeist eilt heran, als stehe Skyla der Wunsch ins Gesicht geschrieben. Ganz feste drückt sich der Nang Tani an sie und schnieft kurz. Wie gern würde Skyla die Umarmung erwidern. Noch immer geplagt von einem leichten Zittern lehnt sich Dalika an ihrer Brust und findet den nötigen Halt. Der süß sinnliche Duft der Tempelblume lindert dabei auch Skylas Sorge und Frust.

„Danke, kleine Blume. Schau, was du geleistet hast. Sei stolz auf dich, denn die erste Hürde wäre somit überwunden. Die Schwierigste.“

Erfolg, den Skyla feiern sollte, wäre da nicht die Ungeduld. Zu viel verlangt sie von sich selbst. Vielleicht beeinflusst durch die Wundlagerung. Die Schmerzen, die ihr als einziges vor Augen halten, dass eine schwache Verbindung besteht. Eine fehlerhafte Leitung. Ungeduld prägt auch ihren Schutzgeist, denn Dalika weigert sich länger an jenem Ort zu verweilen, wie ihre nächsten Worte vermitteln.

„Nun aber sollte ich Kai und Agnar zur Unterstützung eilen.“ Keine paar Schritte vom Bett entfernt, kehrt Dalika um und kassiert sich die Krone ein. „Aber die hier nehme ich mit. Es ist besser so, vertraue mir.“

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