Kapitel 3

Hektik lässt den müden Geist erwachen. Um Kraft zu tanken, döste Skyla weg. Das Stimmengewirr ordnet sie zuerst ihren Schutzgeistern zu. Doch kaum schwindet der Nebel im Kopf, schlägt das Herz ganz aufgeregt. Unter den Besuchern hört sie Milan heraus. Der Mann, der ihr Herz stahl. Ein unverschämt charmanter Geisterjäger mit einer Menge Flausen im Kopf. Verboten attraktiv, aber unfassbar frech.

„Uns bleibt nicht viel Zeit, besser du beeilst dich, Naomi.“

Selbst Justin beehrt sie mit seiner Anwesenheit. Dabei handelt es sich um Milans Partner und Mitbewohner. Der Kopf unter den Geisterjägern, der alles organisiert und sich um die Ausbildung der nachfolgenden Generationen kümmert. Ein Griesgram, der kein Blatt vor dem Mund nimmt und immer fordert. Dennoch sind all seine Schritte immer bis aufs kleinste Detail durchgeplant. Ein Perfektionist wie er im Buche steht. Einerseits lästig, anderseits verlässlich.

 

 

Die biestige Hexe namens Naomi wird von Justin hoch geschätzt und als festes Teammitglied gezählt. Daher wundert es Skyla nicht, dass er sie mitbrachte. Das Weißhaar stoppt an Skylas Bett und winkt ihr mit einem fiesen Grinsen zu. Naomi trägt den Titel als Weißer Teufel. Kaltherzig und von Neugier getrieben wandelt die Verstoßene auf gefährlichen Ebenen der Magie. Verbotene Materie. In der Tat zeigt Naomi wenig Mitgefühl. Außer wenn es um Justin geht. An ihm hat sie einen Narren gefressen und obwohl die beiden ihren Tiefpunkt erreichten, spielt sie weiterhin seinen treudoofen Hund. Auch sie wurde von Segone als Kandidat für die Krone erwählt. Im Kampf musste sich eine der beiden beweisen und wie durch ein Wunder warf Skyla gemeinsam mit ihren Schutzgeistern die Hexe aus dem Ring. Eine hochgewachsene Frau wie Naomi legt viel Wert auf ihr Erscheinungsbild und kleidet sich elegant, aber freizügig. Bei solch einer beneidenswerten Figur zieht Naomi viele Blicke auf sich, doch Justin hingegen legt anscheinend wenig Wert auf Optik. Sein Fokus gilt anderen Werten. Eine der wenigen Dinge, die Skyla an ihm schätzt.

 

Das Fakelächeln in Naomis Gesicht soll sicherlich nur Justin überzeugen, denn sie machte nicht den Eindruck, sich je mit Skyla anfreunden zu wollen. In reinlich weißer Kleidung des Patientenbegleitservices tarnt sich die kleine Gruppe sicherlich auf geheimer Mission. Naomis Blick gleitet abschätzend über die Patientin und ihre blauen Augen funkeln belustig, als ergötze sie sich an Skylas verzweifelten Zustand.



„Sieh an. Skyla ist beim vollen Bewusstsein. Interessanter Haarschnitt.“

Oh, sieh an. Du hast dich kein Stück verändert, Biest!

Selbst im machtlosen Zustand spottet Naomi über sie und sucht Angriffsflächen. So wie ihre Cousine Tessa.

„Wirklich? Sie kann uns hören?“

Nun schiebt sich Milan besorgt ins Bild. Noch immer kann sich Skyla in seinen silberfarbenen Augen verlieren. Und wie gern würde sie durch das rubinrote Haar fahren, das vom Scheitel über den schwarzen Undercut wild ragt und als langer Pony durchgeht.

 

 

Milans Anblick gibt Skyla Kraft, allein seine Augen sind voll von Wärme und Mitgefühl.

„Jedes Wort“, versichert die Hexe ihm.

Nun wird der sorgenvolle Blick getauscht durch einen Vorwurfsvollen. Es folgt ein stummes Kopfschütteln, das sich der Geisterjäger auch hätte sparen können. Zumal das Medium allein durch Naomis Provokation gereizt wird. Zusätzlich genervt von ihrer eigenen Dummheit, immer Blindlinks loszulaufen, um die Folgen bewusst auszublenden. Ihre Glieder fühlen sich nun vom ganzen Liegen steif an und schmerzen fürchterlich. Und doch erinnern diese Schmerzen sie daran, dass sie lebt. Auch wenn sie das Wort Vegetieren bevorzugt.

 

 

Justins hagere Gestalt wandert in aller Ruhe durch das Krankenzimmer mit einer Akte in den Händen. Sein schwarzes Haar kämmte er ordentlich zurück und seiner Brille kommt er dem Bild eines Arztes sehr nahe. Sicherlich befasst sich der Kerl mit ihren Unterlagen. Informationen zu studieren liegt ihm in Blut und doch fordert er Naomis Rat.

„Ist es ein Fluch, Naomi?“

„Nein. Ist es nicht.“

„Was dann?“

„Ein fehlgeschlagener Versuch, ihren Körper zu kontrollieren. Solche Geister sind schon sehr naiv, wenn sie glauben, ein Medium übernehmen zu können.“

„Kannst du etwas an ihren Zustand ändern?“

„Ja, aber nicht in deinem vorgegebenen Zeitfenster. Ich würde sagen, wir nehmen sie jetzt mit uns.“

„Bitte was?“ Milan sieht erschrocken auf. „In diesem Zustand?“

Justin nickt ihr hingegen zustimmend zu. „Wie lange hält dein Zauber noch an?“

„Maximal zehn Minuten. Aber ohne Garantie“, grübelt Naomi. „Also schlage ich vor, organisiere einen Rollstuhl, Milan.“



„Momentmal! Können wir Skyla überhaupt von den Geräten abschalten?“

Milan teilt berechtigte Einwände, die Skyla ebenfalls Sorge bereiten.

„Wir können. Leider ist sie auf gewisse Gerätschaften noch angewiesen“, grübelt Naomi.

„Der Infusionsständer und die künstliche Beatmung müssen mit“, äußert sich Justin dazu und tritt näher an die Gerätschaften.

„Bekommst du sie davon gelöst? Oder muss ich eine Krankenschwester verzaubern?“, konfrontiert Naomi ihn.

„Aufgrund der Zeit würde ich gerne auf die Krankenschwester zurückkommen, denn ich fürchte, sonst passieren uns fatale Fehler“, antwortet Justin nüchtern.

„Gut, dann kümmere du dich um den Rollstuhl, denn Milan wirkt nicht, als können wir auf ihn zählen. Dann soll er hier bleiben und Skyla bewachen.“

„Ist gut.“

„Hey! Das habe ich gehört!“, beschwert sich Milan. Obwohl er jammert, spricht sein Blick die Erleichterung aus.

 

Nichts wäre Skyla lieber, als hier rauszukommen. Dennoch bereitet ihr die Zukunft Sorge. Sowie die Frage, ob die beiden Geisterjäger überhaupt wissen, worauf sie sich einlassen und ob der Plan funktioniert. Außerdem legt Skyla ungern ihr Leben in die Hände von Naomi. Dafür ist das Verhältnis zwischen ihnen zu angespannt. Zumal gar nicht viel Gras über Naomis gescheiterten Mordversuch wachsen konnte. Tatsächlich lassen die beiden Milan allein zurück. Der süße Geisterjäger fühlt sich anscheinend nicht wohl in seiner Haut und fährt sich beunruhigt durch die Haare. Das Medium hofft so sehr, dass es nicht an ihrem jämmerlichen Anblick liegt. Aber dann dreht sich Milan um und begibt sich direkt zu ihr. Ihren schrecklichen Gedanken macht er allein mit einem ehrlichen Kuss auf ihrer Stirn zu Nichte.

Hinzukommt, dass er über seine Sorgen spricht: „Hoffen wir doch, dass alles gut wird. Wir wollen dich rechtzeitig hier rausschaffen, bevor sich unsere Jäger auf dich stürzen. Das könnte ich mir nie verzeihen. Hier bist du leider nicht sicher. Hier kann dir nicht geholfen werden. Du musst uns vertrauen.“

 

Ein wenig mehr Zeit und Milan hätte sicherlich noch viel mehr süße Worte von sich gegeben. Aber Justin hat ein Talent die Stimmung zu ruinieren. Er platzt eilig hinein und lächelt zur Abwechslung.



„Mia ist ein Genie“, haut Justin ein Kommentar raus, das Skyla so nicht unterstützen möchte, denn auch wenn Milans kleine Fee sich in vielen Situationen bewiesen hat, lässt sich das kleine Biest schnell provozieren und zu Dingen hinreißen. Ähnlich wie bei Naomi spricht das angespannte Verhältnis zwischen ihnen gegen ehrliche Sorge, sondern Kooperation aufgrund der Beziehung zu den Geisterjägern. Daher fühlt sich Skyla dankbar, Mia noch nicht entdeckt zu haben. Wie Naomi stochert auch Mia gern in Wunden rum. Aber zum ersten Mal klingt Milans nerviger Mitbewohner freudig wie ein Kind vor Weihnachten. Ein ungewöhnliches Verhalten. Auch sein Partner runzelt die Stirn.

„Wieso?“

„Justin! Wo ist der Rollstuhl?“, folgt ein vorwurfsvoller Ton von Naomi, die mit einer von Skylas Pflegerinnen zurückkommt.

Eine junge Frau namens Jenny. Ambitioniert und gewissenhaft. Das rabenschwarze Haar unterstreicht ihre eisblauen Augen und bringt diese besser zur Geltung. Eine schmale Gestalt, aber eine so liebe Persönlichkeit. Eine Pflegerin mit viel Geduld und Verständnis. Doch Jenny wirkt verändert. Der leere Blick und das Flimmern in den Pupillen sprechen für Manipulation durch Naomi.

 

Jenny begibt sich ohne zu zögern, zum Krankenbett und arbeitet stumm daran, Skyla für den Transport vorzubereiten.

„Naomi, wir brauchen ein wenig mehr Zeit. Wir nehmen das Krankenbett und müssen unten Skyla noch einmal umbetten, bevor wir uns einen Krankenwagen nehmen.“

„Oh natürlich. Einen Krankenwagen!“ Milan kann nur den Kopf schütteln. „Justin! Wenn die uns erwischen, machen die uns einen Kopf kürzer.“

Justin betrachtet ihn unbeeindruckt. „Willst du Skyla retten?“

„Ja.“

„Dann ziehen wir das jetzt durch!“

Naomi nickt, bevor ein Gedanke sie aufblicken lässt. „Ähm, Justin. Kannst du überhaupt einen Krankenwagen fahren?“

„Ich denke.“

Oh wie schön! Du denkst?

Das klingt nicht nach Justin! Wo ist die Version, die alles tausendmal durchplant und an die Folgen denkt?

Erheitert über die Antwort lacht Naomi leise und ihre Augen glühen vor Freude. „Finden wir es heraus.“

Diese Mission ist zum Scheitern verurteilt!

Aber selbst, wenn Skyla genau diese Worte an den Kopf werfen könnte, würde es Justin und Naomi sowieso nicht interessieren. Das Nicken der Pflegerin erweist sich somit als Startsignal und mit einem Ruck wird das Bett samt notwendigen Gerätschaften in Bewegung gesetzt. Alle packen an, selbst Naomi.



 

Die Intensivstation befindet sich in einen merkwürdigen Zustand. Alles und jene Person in ihrem Umfeld sind wie zu Stein erstarrt. Niemand bewegt sich. Eine unheilvolle Stille liegt in der Luft. Wie sich zeigt, haben auch die Uhren den Dienst versagt. Die Zeiger springen vor und zurück. Von drei Uhr vierundzwanzig zurück auf dreiundzwanzig. Vorbei an dem himmelblau gestrichenen Schalter, der Skyla an ihre geliebte Haarfarbe erinnert, geht es sofort hinaus durch die Flure des bereits bekannten Personals. Ein völlig fremder Ort, an dem Nadines Eltern sie brachten. Die Pflegerin begleitet das Team selbst außerhalb der Intensivstation und öffnet mit ihrer Schlüsselkarte sämtliche Türen. Kurz vor dem Ausgang der Notambulanz hebt Naomi alarmierend die Hand, womit der Transport augenblicklich unterbrochen wird. Kaum halten sie inne, horcht ein jeder in Stille. Es beginnt verdächtig zu knacken, als befänden sie sich auf einer Eisfläche, die nun unter ihrem Gewicht nachgibt.

 

Das Herz fährt schreckhaft zusammen, als Bewegung um sie herum entsteht. Hektisches Treiben wie man es in einer Notfallklinik kennt. Die stillgelegten Leute erwachen und setzen ihren Weg fort, als sei nie etwas passiert.

„Naomi!“, brummt Justin ihren Namen leise, in der Hoffnung, sie beeile sich, den Zauber schnell zu erneuern.

„Jaja!“, reagiert die Hexe empfindlich darauf und bewegt ihre Finger, als lasse sie feine Körner hinausrieseln.

Justin zischt laut und schwenkt den Kopf zur Seite. Zu spät! Kaum ertönt der Klang von zerbrochenem Glas seitlich von ihnen, gerät Naomi ins Schwanken. Der Schuss hallt nach, Glas fällt zu Boden. Justin löst sich vom Bett und eilt herbei, um Naomi zu fangen. Denn der Körper der Hexe bricht seitlich weg. Das Licht in ihren Augen erlischt und als der Kopf leblos zur Seite bricht, bekommt Skyla die tödliche Schusswunde an der Schläfe zu sehen. Skyla hält den Atem an und will nicht wahrhaben, wie es für den Weißen Teufel endet. Eine Person – wahrlich mächtig und doch so schnell gefallen. Auserkoren von Segone.

 

Auch wenn das Verhältnis zu Naomi angespannt war, bedauert Skyla den Verlust sehr. Mal von Naomis Fähigkeiten abgesehen, schien sie oft missverstanden zu sein. Ihr bissiger Charakter mag eine Teilschuld getragen haben, aber sicherlich entstand dieser zum Eigenschutz, denn wer weiß, wie Naomi in der Welt der Magie behandelt wurde. Justin erkannte ihr Talent und schätzte sie. Nicht ohne Grund. Und Naomi brauchte dieses blinde Vertrauen. Sie brauchte jemanden, der niemals an ihr zweifelte und mit ihr durch schwierige Zeiten geht. Um nun an seiner Seite ihr Ende zu finden.



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