Kapitel 33
Die Ankunft eines Riesen bleibt Skyla nicht verborgen. Ausgerechnet in einem Moment der Schwäche muss Mason sie zu sehen bekommen. Wie zu erwarten betrachtet er sie mit fehlendem Mitgefühl.
„Hast also doch überlebt. Glückwunsch“, kommt er ihr stattdessen kühl.
„Oh verflucht!“, ärgert sich Skyla, als sie Naomi neben ihm ausmacht.
Sie mag von der Hexe erst recht nicht so gesehen werden. Daher löst sie sich von Agnar und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Es kostet zwei Anläufe, um aufzustehen.
„Gute Neuigkeiten. Wir haben so gut wie keine Verluste. Nur zwei Tote zu beklagen“, verkündet Naomi.
„Toll“, kommentiert Skyla mit erbärmlich schwacher Stimme.
Aufgrund der Stille hält sie Ausschau nach Milan, der allein mit seinen Schutzgeistern an der Wand lehnt. Auf seinen Wangen glühen Handabdrücke. Emilie verrät sich als Täterin, denn sie pustet in ihre gerötete Hand und starrt darauf wehleidig hinab.
„Mia, ein Portal zurück zum Unterschlupf“, befehligt Naomi ungeduldig.
„Geduld!“, brummt die Fee.
„Wozu?“, hinterfragt Naomi bissig.
Milan stößt sich von der Wand ab und grummelt: „Ja, verschwinden wir besser von diesem staubigen Ort!“
Boru jault leise und will sich an ihn kuscheln, doch Milan schiebt seinen Drachen einfach fort. Als habe Mia nur auf seine Bestätigung gewartet, erschafft sie das gewünschte Portal, das Naomi und Mason ohne zu Zögern betreten. Skyla rechnet eigentlich, dass Milan ihnen es gleich tut, denn er macht den Anschein, als wolle allein sein. Doch stattdessen ruht sein grimmiger Blick auf Skyla.
Ihre Beine tragen sie zu ihm, denn sie gesteht ihm: „Es tut mir leid, dass ich dich enttäusche. Ich habe geahnt, dass ich dich damit verärgere.“
„Ignoriere ihn, kleine Blume“, rät Dalika ihr.
Skyla rechnet mit keinerlei Reaktion, aber zu ihrer Überraschung hinterfragt Milan: „Wie bist du in Kontakt zu Hades gekommen? Hast du seine Sekte aufgesucht?“
Erschüttert schüttelt sie den Kopf. „Nein. Evandro tauchte im Betrieb auf und verwickelte mich in ein Gespräch. Eine Unterhaltung, wo ich nur wenig Mitspracherecht hatte.“
„Bedeutet, der Auftrag wurde dir einfach aufgedrückt?“
Mit prüfendem Blick hält er die Luft an und wirkt kurzzeitig besänftigt. Zu Skylas Enttäuschung irrt er sich. Sie ahnt, wie unschön die Wahrheit sein kann und doch entscheidet sie sich für Ehrlichkeit.
„Tanja Rose wird sterben, das ist ein Fakt. Und ich habe eine persönliche Rechnung mit ihr zu klären, also habe ich mich freiwillig dafür gemeldet.“
Tatsächlich wendet er den Blick von ihr ab und bestraft sie mit Schweigen. Daher schreitet Skyla durch das Portal und hinterfragt ihre Entscheidung.
Kaum sind die ersten Schritte aus dem Portal getätigt, läuft sie in die Arme von ihrem Vater und von Thomas. Als hätten die beiden von ihrer Ankunft gewusst. Beide schließen sie feste in eine Umarmung.
„Willkommen zurück, Skyla“, meldet sich ihr Vater mit zittriger Stimme.
Keine Sekunde später drückt er sie ein Stück fort und lässt seinen Blick über sie schweifen. „Gut, du siehst unversehrt aus. Alles ist noch dran, ja?“
Thomas drängt seinen Freund in den Hintergrund und tadelt ihn frech: „Du drängst dich viel zu sehr auf, Finn!“
„Wo ist sie?“ Oma Ulrike schiebt die beiden fort und mustert Skyla streng. „Kindchen, du siehst ja völlig fertig aus. Komm mit mir und stärke dich ordentlich. Ich habe gebacken.“
Als hätte Skyla eine Wahl. Ihre Oma schnappt einfach zu und die Entführung Richtung Küche lässt sich nicht vermeiden. Doch im Foyer macht sie Justin ausfindig. Unbeschadet. Er befindet sich im Gespräch mit den fremden Hexen. Da Justin sich zu ihr dreht, hebt sie zum Gruß die Hand. Doch für einen Wortwechsel gibt Oma Ulrike ihr keine Zeit.
Der süße Duft erfüllt sämtliche Räumlichkeiten, als sie sich der Küche nähern. Tatsächlich meldet sich der Hunger und die Freude wächst, denn ihre Oma backt vorzüglich. Nur leben in diesem Haus diebische Katzen. Die Entführung stoppt abrupt, als der erste Vierbeiner mit einem geklauten Kuchenstück im Maul die Küche verlässt. Oma Ulrikes Zorn ist spürbar. Die Atmosphäre beginnt zu beben. Skyla steht der Mund offen. Nicht, weil es sich um den leckeren gedeckten Apfelkuchen handelt, sondern weil sie weiß, was nun folgt. Wenn die Katze schlau ist, dann rennt sie um ihr Leben. Ein Besen kommt bereits angeflogen und wird von Oma Ulrike gefangen. Mit einem Kampfschrei jagt sie dem Vierbeiner den Schreck des Lebens ein. Die Katze mag schnell sein, doch Oma Ulrike beweist sich für ihr Alter agil und gelenkig, aber auch unglaublich zielsicher. Würde das Tier nicht so schnell reagieren, dann würde Oma Ulrike es mehrmals erschlagen.
Ein Blick zur Küche und Skyla erstarrt vor Schreck. Nicht nur eine Katze bediente sich am Kuchen, denn das Tier speiste unter Gleichgesinnten. Um die Fütterung der Raubtiere zu verstecken, will Skyla die Türen zum Küchenbereich schließen. Doch noch ehe die Tür in die Angel fällt, folgt Widerstand. Ihre Oma erweist sich als unfassbar stark. Skyla würde im Armdrücken gegen sie verlieren. Der Türspalt gewinnt an Größe und die alte Dame drückt ihre Enkelin fort, um ihre Telekinese zu demonstrieren. Winde ziehen auf und all die vielen Katzen werden in einen Strudel gerissen. Ein tobender Sturm mit katastrophalem Ausmaß. Das wilde Miauen lockt Zuschauer her. Darunter Naomi, die wie Skyla beim Anblick erstarrt. Angefressene Kuchenstücke, Katzenpfoten, Stupsnasen und auch der ein und andere Puschel blickt aus dem Wolkentrichter mal heraus. Als hätte Oma Ulrike die Kontrolle, bleibt die Küchenutensilien verschont.
„Genug!“, fordert Naomi streng.
Doch statt der Aufforderung nachzukommen, dreht sich Oma Ulrike mit glühendem Blick um. Zeit für Skyla, um zu verduften. Momente wie diese sind prägend. Die Vergangenheit zeigte, dass nun schnell das Weite gesucht werden sollte. Besser mit einem Sicherheitshelm.
„Skyla? Was ist los, Kind?“, spricht ihr Vater sie am Foyer an.
„Oma hat einen Ausraster. Katzen haben ihren Kuchen angefressen.“
Mehr muss Skyla nicht sagen, ihr Vater dreht sich zu Thomas und rät mit bleichem Gesicht: „Lauf, wenn dir dein Leben wichtig ist!“
Aus dem Augenwinkel nimmt Skyla Justin wahr, der kriegt die Sache schon irgendwie entschärft, daher stürmt Skyla hinaus ins Freie. Ausgerechnet in Milans Arme. Die Augen des Geisterjägers weiten sich, als er realisiert, wer fast mit ihm zusammengestoßen wäre. Doch seine Züge bleiben hart und noch immer bestraft er sie mit schlechter Laune.
„Es wird hier nicht gerannt!“, folgt sein Tadel, während er sie zur Seite drückt und sich vornimmt, das Versteck zu betreten.
„Milan!“ Skyla fürchtet trotz Streit um seine Gesundheit. Ihr schriller Ton lässt ihn tatsächlich innehalten. „Vielleicht solltest du dich gedulden und Justin die Bombe entschärfen lassen.“
Seine Verwirrtheit wundert Skyla nicht. Die innere Unruhe kann er nicht verbergen. Die Klinke liegt in der Hand und er scheint hin- und her gerissen zu sein, Justin zu unterstützen.
Gegen Skylas Erwartung dreht sich Milan zu ihr.
„Was hast du angestellt?“
Sein bissiger Ton lässt sie zusammenschrecken und nimmt ihr den Mut. Der Blick fällt zu Boden und Skyla fühlt sich plötzlich ganz klein.
„Stell dir vor, aber Skyla ist nicht immer der Ursprung eurer Probleme!“
Die unverhoffte Verstärkung folgt durch Lukas, der durch die Haustür tritt. Ohne zu zögern schiebt sich Lukas zwischen sie und bildet eine Mauer. Auch sein Vater tritt heran und legt einen Arm um Skyla. Diesmal mit einem Ratschlag: „Vielleicht machst du dir erst ein Bild von der Lage, bevor du zu schnell verurteilst, junger Mann!“
Thomas mag sich Mühe geben, doch seine Stimme klirrt vor Kälte. Doch Milan wirkt keinesfalls beeindruckt und sucht stattdessen den Blickkontakt zu Skyla, die seufzend den Arm ihres Patenonkels fortschiebt und Milan die Lage erklären will.
„Meine Oma kann oft sehr temperamentvoll werden und sie legt sich gerade irgendwie mit Naomi an. Denn es betrifft die ganzen Katzen, dich sich einfach an etwas bedient haben. Meine Oma kann etwas laut und zynisch werden.“
„Ein mir bekanntes Verhaltensmuster“, kommentiert Milan trocken.
Skyla ahnt, dass er auf ihr Temperament anspielt, doch um Ärger zu vermeiden, bevorzugt sie das Schweigen. Zum Glück zieht Milan einfach von dannen.
Als sich Lukas jedoch umdreht, fürchtet sie seinen Zorn und Vorwürfe. Doch stattdessen zieht er sie in eine Umarmung. Für Thomas scheint die Situation ebenfalls entschärft zu sein, so klopft er ihr kumpelhaft auf die Schulter und verabschiedet sich mit einem Zwinkern.
Kaum sind die beiden Freunde allein, spricht Lukas seine Vermutung aus: „Du und Milan, ihr habt euch gestritten?“
Ein Kopfnicken. Zu mehr ist sie nicht im Stande. Daher entführt Lukas sie zum Pier und pflanzt sich mit ihr am Steg hin. Dabei passieren sie Emilie, die am Geländer lehnt und über den Anblick staunt. Emilies Erscheinung scheint Lukas nicht zu entgehen und doch schweigt er über seinen Fund. Daher beschließt Skyla, ihm von allen zu berichten. Zum Glück bleiben beide Freunde ungestört. Zwar meldet sich im Hintergrund Sina, aber sie scheint gebremst zu werden, sodass sich beide Freunde aussprechen können. Lukas mag zwar darüber gefrustet sein, dass sie ihn zurückgelassen haben, doch er wirkt dennoch sehr einsichtig und verständnisvoll. Oder er verdrängt seine Gefühle. Skyla kann ihn immer schwer lesen. Anders als Milan wirkt er nicht gerade überrascht über den Ausgang und er spricht, als hätte er denselben Weg wie Emilie bestritten. Ungeachtet der Folgen.
Als beschwören die beiden den Geist herauf, setzt sich Emilie wenig später zu ihnen und lockert die Stimmung. In gemeinsamer Runde genießen sie die Zeit am See wie an einen Urlaubstag. Die Gespräche werden immer unbeschwerter und die gute Stimmung lockt die Sirenen heran. Für Lukas alarmierend, für Emilie verzaubernd. Skyla gibt Entwarnung und stellt die Damen aus dem See sogar vor. Lukas‘ Blick mag wachsam bleiben und doch zeigt er ebenfalls großes Interesse an den Bewohnern des Sees. Wie zu Schulzeiten zieht Emilie die Leute an, auch die Sirenen. Sie unterhält sich auf einer freundschaftlichen Ebene mit ihnen und Skyla freut sich ebenfalls, mehr Zeit mit ihren Nachbarn verbringen zu können. Ohne Störungen. Die Harmonie zwischen ihnen gibt ihr Hoffnung, dass Missverständnisse aus dem Weg geschafft werden können und sich ein freundschaftliches Band zu solch mythischen Wesen aufbauen lässt. Sicherlich nur profitabel für alle Seiten. Eine Zeit des Friedens zwischen dem Mensch und dem Unbekannten.


































































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