Kapitel 36
Magisch wie ein Elfenbaum erstreckt sich das heilige Holz majestätisch in die Höhe, als befinde sich Skyla in einem Märchen. Die Luft wirkt rein wie ein Ausflug ans Meer. Skyla folgte Dalikas Einladung in die Geisterwelt. In ein riesiges Baumhaus, das in der Krone eines gigantischen Kirschblütenbaums thront. Über ihren Kopf spannt sich eine riesige Kuppel, von wo die traumhaften Blüten bestaunt werden können. Die Sonnenstrahlen bahnen sich durch das Blattwerk einen Weg hinab und dank der farbenfrohen Pracht, wirkt das Licht rosafarbend. Dalikas Hütte beruht auf einen runden Bau. Vergleichbar wie bei einer Kugel. Im Untergeschoss soll sich ein Lager und ein Labor befinden und in der mittleren Ebene werden die Patienten behandelt. Skyla wandelt jedoch im Obergeschoss durch eine riesige Bibliothek zu einer großen Lounge zu ihrem Schutzgeist. Dalika sitzt elegant auf einer gepolsterten Bank. Ein Möbelstück gekleidet mit Samt in der Farbe eines Smaragdes. Skyla gefallen die vielen Dekorkissen in Form von verschiedenen Blüten. Ihr Favorit schwankt zwischen der Kirschblüte und der Tempelblume. Der Nang Tani verhält sich ruhig und entspannt. Trotz großer Bemutterung, hielt sie verdächtigerweise am gestrigen Tag der Zeremonie eisern Distanz.
„Kleine Blume, schön, dass du meiner Einladung gefolgt bist. Wie ist dein Wohlbefinden?“
Eine einfache Frage. Freundlich formuliert. Doch Skyla seufzt erschöpft und weiß keine ehrliche Antwort darauf. Sie zuckt gleichgültig mit den Schultern.
„Gute Frage. Sehen wir mal, was der Tag bringt.“
Dalika nickt zögerlich und bietet an: „Ein Glas Wein?“
„Lieb gemeint, vielleicht könnte ich wirklich Alkohol gebrauchen, doch noch sollte ich nüchtern bleiben.“
Schließlich wird in den nächsten Stunden planmäßig Emilies Körper an ihre Familie übergeben. Hier kommt Dalika ins Spiel, denn sie nahm den Leichnam entgegen und verwahrte ihn.
Daher überwindet sich Skyla für die nächste Frage: „Hast du Emilie vorbereitet?“
„Sei dir gewiss, kleine Blume. Doch bevor ich dich zu dem Sarg führe, bitte ich dich, mich zu meinen Patienten zu begleiten. Dein Feingefühl ist gefragt, denn wer weiß, wie die Leute auf mich reagieren.“
Beunruhigt legt Skyla den Kopf schief und hält diese Entscheidung für unklug. „Ist es wirklich ratsam, die Betroffenen schon zu wecken? Haben sich die Leute auch schon erholt?“
Dalika erhebt sich geschmeidig und übernimmt die Führung, während sie antwortet: „Nicht alle. Doch vier Patienten haben stabile Werte und sollten geweckt haben. Je mehr erwachen, desto weniger zerrt die Behandlung an meinen Kraftreserven.“
Allein Dalikas Einsatz zur Rettung sollte geschätzt werden und doch hegt Skyla ihre Bedenken. Sie kann sich vorstellen, dass sie ihrem Schutzgeist viel aufbrummt, und doch will sie nicht zu vorschnell handeln.
Die große Wendeltreppe befindet sich in Sichtnähe, da schweift der Blick durch die Regale. Viele der Bücher wirken alt und sind in Leder eingeschlagen.
„Was für Lektüren sammelst du hier, Dalika? Glaubst, das eine oder andere Buch würde mich interessieren?“
„Ich bezweifle es, meine kleine Blume, denn ich sammle ohne Ausnahme Wissen über die Medizin.“
„Oh, beeindruckend.“
Dalika kennt sie gut, in der Tat würde Skyla mit den Büchern wenig anfangen können. Sie bevorzugt noch immer Abenteuergeschichten und Mangas. Und doch steckt so viel Liebe und Detail in Dalikas Reich, das Skyla ungern die Bibliothek verlassen mag. Viel lieber mag sie jeden Zentimeter erkunden. Aber auch die Holztreppe bleibt nicht schlicht, denn im Geländer sind Dalikas Tempelblume und Emilies Rose eingraviert. Schon ab der Hälfte der Treppe geht das Tageslicht verloren und stattdessen wird die nächste Etage in einem Blaulicht getaucht mit Tiefseeatmosphäre durch Wellenbewegungen. Tatsächlich fühlt sich die mittlere Ebene wie ein Ausflug in ein Aquarium an. In Säulen und Kapseln befinden sich Dalikas Patienten schwebend in leuchtenden Flüssigkeiten. Skyla keucht, denn die Leute tragen nichts als Unterwäsche.
Es folgt ein Zwischenstopp an einer Kapsel, die halb in dem Wurzelgeflecht der Wand eingelassen wurde. Anders als bei den anderen Kokons, womit Dalika gern in Gefahrsituationen arbeitet, sind in diesem die Wände mit Blütenteppichen übersät. Rote Rosen und weiße Tempelblumen. Eine berauschende Aromatherapie, sodass Skyla kurz den Fokus verliert, bis sie den Mann in der Kapsel wiedererkennt. Es war derjenige auf dem Operationstisch, nach dessen Hand sie griff. Durch die Beleuchtung werden seine Muskeln und seine Vorzüge umso mehr betont, sodass Skyla Panik bekommt, als Dalika mit einer Handbewegung dafür sorgt, dass die Flüssigkeit abgepumpt wird. Dabei fühlt sich Skyla mental nicht bereit für eine Konservation mit dem Fremden. Allein ihn halb nackt zu sehen fühlt sich falsch an, denn sein Anblick bringt sie in Verlegenheit.
„Warte…“
Der Rest bleibt Skyla im Hals stecken, denn sie hört den Mann tief einatmen. Seine Lider zucken verdächtig. Skylas Kopf ist plötzlich wie leer gefegt. Gegen ihren Wunsch wird die Tür entriegelt und die Kapsel öffnet sich, nachdem der winzige Rest der Flüssigkeit abgepumpt wurde. In jenem Moment erwacht der Fremde und seine haselnussbraunen Augen werden aufgerissen. Da Skyla wie zu Stein erstarrt, tritt Dalika näher an ihren Patienten.
„Willkommen zurück. Wie geht es dir?“
Ein guter Anfang, der den Kerl dennoch überfordert. Seine Augen weichen von Dalika, erfassen kurz Skyla und erkunden schließlich die Umgebung.
„Gut, schätze ich.“
Er klingt verwirrt. Kein Wunder. An seiner Stelle würde es Skyla sicherlich ähnlich gehen. Seine Stimme klingt angeschlagen, sicherlich durch Dehydration und wer weiß, welche Hölle er durchmachte.
Dalika lächelt zufrieden und tastet sich weiter voran.
„Wir konnten dich vor dem Ritterorden retten und den Schaden, den sie bei dir angerichtet haben, beheben. Nur die Naht bleibt zurück.“
Sie deutet auf ihren Brustkorb und kaum begreift ihr Gegenüber, schaut er hinab, auf die monströse Naht, die an eine Obduktion erinnert. Eine frisch zugenähte Wunde, die auch Skyla in Panik versetzen würde. Denn so macht seine auffällige Schnappatmung den Anschein.
„Hey, alles ist gut“, setzt Skyla an und könnte sich ohrfeigen, weil es so lächerlich klingt, „Es ist vorbei. Du hast den Schrecken überstanden. Wir konnten dich bergen und dir helfen.“
Der Fremde fixiert sie und schweigt auffällig lang. Daher ist die Überraschung groß, als er das Wort an sie wendet: „Ich erinnere mich an deine Stimme. Wie ein Engel, der zu mir gesprochen hat.“
Halluzinationen?
Oder liegt es daran, dass er der Schwelle zum Tod zu nah war?
Obwohl sich Skyla geschmeichelt fühlt, versichert sie ihm: „Ich bin vieles, aber kein Engel.“
Statt darauf zu kontern, starrt er noch immer unbegreiflich lang und mit einem verwirrten Ausdruck, dem sie ihn nicht verübeln kann. Daher wendet sich Skyla von ihm ab und hinterfragt: „Dalika? Hast du vielleicht irgendwas, was er sich anziehen kann?“
Ihr Schutzgeist lächelt frech und trifft den Nagel auf den Kopf. „Macht dich sein Anblick nervös?“
Böse funkelt Skyla sie an. „Kein Kommentar!“
Zum Glück belässt ihr Schutzgeist es hierbei und beteuert, etwas rauszusuchen. So lässt Dalika sie allein und Skyla fühlt sich noch unbehaglicher als vorher.
Das Gespräch bleibt jedoch unvermeidlich. Kaum legt sich der Zustand der Verwirrung bei Dalikas Patienten, kommt es zu einer kleinen Vorstellungsrunde. Ein Mann namens Silas und ein erfolgreicher Kopfjäger im Dienste des magischen Rats. Seine Ziele sind weniger Geister und Dämonen, sondern Wesen und Leute, die Regeln brechen. Die Einzelheiten interessieren ihn eher weniger, denn er braucht nur ein paar Infos zu der Zielperson. Details, die Skyla umso nervöser machen, denn sie fürchtet, irgendwann in sein Beuteschema zu geraten. Die Tätowierung entgeht einem Mann wie Silas nicht. Er mag die Sache kurz sachlich hinterfragen und doch behält er seine Meinung für sich. Wie Justin findet Skyla wenig Gefühlsregung bei ihm. Kaum mit Kleidung, Nahrung und einen Stärkungstee versorgt trennen sich Dalika und Skyla von ihm und kümmern sich um die anderen drei Patienten. Darunter kein weiterer Jäger oder jemand, der mit der anderen Seite Erfahrung hat. Skyla tut sich schwer, den Leuten die Angst vor den befremdlichen Ort zu nehmen. Dadurch, dass Dalikas Krankenstation mehr an ein Labor aus einem Science-Fiction-Film entstammen könne, erschwert dies die Lage und sät Misstrauen. Doch gegen Ende zeigen sich die Leute kooperativ und doch mag Skyla sie ungern zu lange an jenem Ort lassen. Wer weiß, welche Dummheiten in ihrer Abwesenheit angerichtet werden.
Vielleicht wäre es besser gewesen, die Patienten im Anschluss zu wecken. Eine Sicht, die Dalika nicht teilt, denn ihre Patienten müssen sich nach der Behandlung erholen und brauchen einige Minuten, bevor sie abreisen können. Kaum im Keller angekommen erhellen lauter Irrlichter die Räume. Kleine verspielte Energiekugeln. Leicht zu manipulieren und freundlich gesinnt. Auch Justin erkannte das Potenzial in den quirligen Bewohnern. Irrlichter können sich gut tarnen und so fiel es Justin leicht, sie zu beschatten. Auch im Keller kleiden die Blütenteppiche die Zwischenwände und erinnern einen mystischen, fast schon heiligen Ort.
Eine Idee schlägt ein, als ein Irrlicht mit einer angenehm summenden Frequenz an ihnen vorbeischwebt, dass Skyla ruckartig zupackt und Dalika am Arm zurückhält. Neugierig dreht sich der Nang Tani zu ihr um.
„Hast du einen guten Draht zu den Irrlichtern?“, stellt Skyla ihre entscheidende Frage.
Dalikas Augen erfassen ihre kleinen Freunde und ihr liebliches Lächeln wirkt vielversprechend.
„Sind sie nicht niedlich? Ich unterhalte mich gern mit ihnen. Die Gespräche sind unfassbar bereichernd.“
„Justin ließ mich mit einem Irrlicht beschatten. Können wir darauf im Fall von Tanja Rose zurückgreifen? Schon einmal ließ ich die Geschwister von Kai und Agnar verfolgen, nur gab es Orte, wo meine Dämonen nicht willkommen waren. Aufgrund von Schutzrunen gegen das Übernatürliche. Können Irrlichter diese überwinden, denn wer weiß, vielleicht waren Kai und Agnar machtlos, da die Schutzmaßnahmen sie als Bedrohung einstuften. Irrlichter hingegen wirken neutral. Was hältst du von meiner Idee?“
Gegen die Erwartung dreht sich ihr Schutzgeist um und umfasst Skylas Gesicht mit einem bezauberten Lächeln.
„Ich kümmere mich darum, kleine Blume. Überlass die Beschattung mir. Ich werde dafür Agnars Dienste in Anspruch nehmen.“
Emilies Ruf unterbricht das Gespräch. Der Lockenkopf kommt angerannt und schmeißt sich von hinten um Skylas, das ihre Freundin wie immer ins Taumeln gerät. Emilies Überraschungsangriffe und Kuscheleinheiten verlangen jedes Mal aufs Neue viel von Skyla ab. Allein der sichere Stand geht mit dem Lockenkopf ins Schwanken.
„Der Paktabschluss“, eröffnet Dalika wieder das Gespräch mit einem übertriebenen Lächeln, „Wäre dir heute angenehm? Emilie und ich würden später alles in die Wege leiten?“
„Heute?“ Skyla seufzt entkräftet und bemerkt den Stimmungswechsel bei ihrem Schutzgeist. Dalikas Augen funkeln bedrohlich, als dulde sie keine Verschiebungen. „Hältst du das für richtig, Dalika? Heute bringen wir Emilie zu ihrer Familie. Gebe ihr einen Tag und lass den Pakt morgen besiegeln.“
Der Funke der Enttäuschung verharrt in Dalikas Blick und doch tritt sie einsichtig zurück. „Einverstanden.“
Emiles Griff wird fester, dass Skyla fürchtet, ihre Freundin trainiert heimlich, denn sie fühlt sich, als würde sie erdrückt werden.
„Wie rücksichtsvoll von dir“, flötet der Lockenkopf und gleitet von Skylas Rücken, um sich die Hand zu schnappen, „Du musst dir unbedingt Dalikas Werk ansehen. Der Sarg ist traumhaft geworden.“
Wie kann die Seele hüpfend und gut gelaunt ihren toten Körper aufsuchen. Solch positive Einstellung überfordert Skyla. Was muss es befremdlich sein, sich selbst im Sarg zu sehen. Aber Emilie scheint sich überhaupt nicht daran zu stören. Vielleicht weil der Anblick sich wahrlich märchenhaft anfühlt. Fast schon historisch. Emilies offener Sarg wird zum Mittelpunkt der Räumlichkeit. Ein kleiner Raum aus Stein mit eindrucksvollen Säulen. Rosen ranken hinauf zu einem Loch in dem Mauerwerk, woraus Sonnenlicht fällt. Im fünfundvierzig Gradwinkel trifft dieses Emilies starren Körper. Den Physischen. Gebettet in einem Sarg aus Glas in einem samtweichen Stoff. Rot wie Emilies geliebte Rose. Emilie trägt ein weißes, schlichtes Kleid, das ihre Kurven betont und eher dem Bild eines Engels gerecht wird.
Mit Vorsicht tritt Skyla heran und schnappt sich die erkaltete Hand ihrer Freundin. Ihre Seele mag ihr gegenüber stehen und lächeln, doch Skyla schnürt der Anblick den Brustkorb zu. Denn der Leichnam erinnert sie ans Versagen.
„Ist der Sarg nicht schön?“, schwärmt Emilie.
Skyla nickt apathisch und schnieft. Dalika scheint die Gefühlsregung zu erkennen und eilt herbei, um Skyla in die Arme zu schließen. Nun registriert Emilie die stillen Tränen ihrer Freundin und doch ändert sich nichts an ihrer Laune. Emilie wirkt stattdessen hochmotiviert. Eine Stärke, die Skyla nur bewundern kann. Im Schatten löst sich eine Gestalt und tritt heran. Wie sich zeigt, spielte Agnar den stillen Beobachter. Sein Augenmerk gehört Dalika, denn er braucht Anweisungen.
„Können wir loslegen?“
„Gebe uns noch einen Moment. Du könntest den Sarg schon mal in die Menschenwelt hinaufbringen. Aber sei vorsichtig“, antwortet Dalika ihm.
Agnar nickt, als sei bereits alles besprochen. Ein Fingerschnippen und der Sarg setzt sich in Bewegung. Als versage das Magnetfeld, steigt Emilies physischer Körper langsam wie eine Seifenblase hinauf. Nur wenige Zentimeter, schließlich fliegt der passende Deckel heran und versiegelt die Totenlade. Ein weiteres Fingerschnippen reicht aus, um Agnar und den Sarg verschwinden zu lassen. Zurück bleibt eine Liegefläche aus Stein. Kurz darauf begibt sich Skyla mit ihren Nang Tanis hinauf zu den Patienten, um sie auf den nächsten Zwischenstopp vorzubereiten. Noch ahnt Justin nichts von seinem Glück, doch das wird sich schon bald ändern.

























































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