Kapitel 37
Wie eine Reiseführerin schreitet Skyla durch Dalikas magischen Türbogen und winkt die geretteten Seelen hinaus aus der Geisterwelt und hinein in alte kanadische Wälder, wo Milan und Justin ihr neues Versteck gefunden haben. Dalikas und Emilies Ebene wirken rückblickend zu friedlich für die fremde Dimension. Ähnlich wie Sienas Safezonen. Die Reporterin beherbergt in der Geisterwelt sämtliche Verstecke und fühlt sich dort sicher. Orte, die der Ritterorden nicht betreten kann. Dabei lernte Skyla die Geisterwelt auch von den düsteren Seiten kennen. Je tiefer der Eindringling hinab wandert, desto gefährlicher wird der Ausflug.
Die Menge staunt und raunt, wie die Ankunft einer Touristengruppe. Vier gerettete Leben und mindestens drei davon brauchen einen neuen Zufluchtsort. Während sich die Gruppe auf der Terrasse verteilt und über den Anblick der Landschaft staunt, steuert Skyla bewusst Justin an. Was für ein Zufall, ihn direkt ausfindig zu machen. Nicht allein, wie sie feststellt, denn Thomas tritt mit einer großen Weinkiste an ihn heran. Noch scheint Justin nichts von den neuen Besuchern bemerkt zu haben, daher wirft Skyla einen Blick zurück, ob sich alle auch brav benehmen. Dabei stockt ihr kurz der Atem, denn Silas behält sie im Visier. Mit einem solch kalten Blick, der seine Berufung als Kopfgeldjäger unterstreicht.
„Da bist du ja, Süße“, flötet es aus dem Hintergrund.
Zu viel Euphorie und Elan, den nur Emilie, Sina und Milan besitzen. Und auch wenn Milans Stimme auffällig schrill klingt, hört sie ihn heraus. Er verhält sich wieder, als sei nie etwas gewesen. Er umarmt sie feste und scheut keinen Körperkontakt, dabei entstand eine Kluft für Skyla. Milan unterstützt ihr Vorhaben nicht und sieht den Bruch der Beziehung. Er behauptet, sie verschwinde einfach und es gäbe keine Zukunft. Und doch verweilt er bei ihr, sicherlich nicht, um mehr zu kämpfen, sondern vielleicht um seinen Spaß mit ihr zu haben. Ein Gedanke, der sie anwidert.
Milans Überfall sorgt dafür, dass Justin auf sie aufmerksam wird. Auch Thomas winkt seiner Patentochter lächelnd entgegen, wobei er beeindruckend den Kasten Wein balanciert. Thomas kann sicherlich Hilfe gebrauchen und sie würde ihn gern unterstützen, aber das Gespräch zu Justin hat Vorrang. Denn wie ein Blick zu Milans Partner zeigt, entdeckt dieser die neuen Besucher. Seine Mundwinkel fallen ruckartig hinab und seine Brille reflektiert das Sonnenlicht bedrohlich, sodass sich Skylas Körper ruckartig versteift. Doch Rettung naht, denn Sina eilt rufend herbei. In ihren Händen wedelt sie mit bedrucktem Papier. Ziel ist tatsächlich Skyla, was Milan laut schnauben lässt.
„Diese Frau hat sich an dir festgebissen“, stellt selbst er fest.
Skyla nickt zustimmend und zählt die Sekunden, bis Sina sie erreicht.
Freudestrahlend hält Sina einen Vordruck auf Augenhöhe.
„Oh, Skyla. Wie schön, dass ich dich noch erwische. Ich bin vollgepumpt mit Kaffee und habe die Nacht kein Auge zu gemacht, so besessen war ich von dem Artikel. Meine Art unseren Feind zu provozieren, denn ich werde der Welt nach und nach von Emilies tragischem Ende und …“
Noch ehe Sina zu Ende sprechen kann, entreißt Justin ihr den Artikel und überfliegt diesen.
„Hey!“, beschwert sich Sina und startet einen Versuch, sich ihre Arbeit zurückzuholen. Aus eigener Erfahrung kann Skyla versichern, dass ihr dies nicht gelingen wird. Zu gut sind Justins Reflexe.
„Ist konfisziert“, brummt das dürre Genie.
Sina bläst die Wangen auf und weigert sich, eine Niederlage zu akzeptieren: „Einspruch! Du hast kein Recht, meine Arbeiten einzukassieren. Das ist geistiges Eigentum und ich habe eine Meinungsfreiheit! Außerdem kann ich als Journalistin euch Vorteile verschaffen.“
„Verstehe.“ Erneut überfliegt Justin den Artikel. „Doch, bevor du uns Ärger bereitest, brauchst du erst meinen Segen. Ich widme mich deinen Zeilen später. Nun aber knöpfe ich mir Skyla vor, denn wie ich sehe, schleppt sie wieder Leute an.“
Kaum zu Ende gesprochen, dreht sich Sina um und klatscht begeistert.
„Wahnsinn! Noch mehr Verbündete. Ich bin so stolz auf dich, Skyla!“, flötet sie.
Genervt drückt Justin sie fern und funkelt erbost in Skylas Richtung.
„Eine Erklärung bitte!“, fordert er streng.
Der Moment der Wahrheit!
Sollte Skyla wohl meinen. Doch direkt neben ihnen beginnt es auffällig zu summen, sodass sie sich zu einem Energiefeld drehen. Eine blauweiße Kugel aus reiner Energie, die singend angeflogen kommt. So groß wie ein Handball. Aus ihrem Inneren werden kleine Energiewellen ausgestoßen, die sich Sekunden später auflösen. Kaum verharrt das kleine Energiebündel, gewinnt es an Größe und beginnt sich zu verformen.
„Jungs!“ Skyla greift beunruhigt nach Milan und Justin zugleich. „Ist das Ding gefährlich?“
Milan schnaubt genervt und verwirrt sie mit ihrer Antwort noch mehr: „Das, was uns gleich besuchen kommt, solltest du als Bedrohung einstufen.“
„Was?“ Da Milan sie nicht ansieht, dreht sie ihren Kopf beunruhigt zu seinem Partner. „Justin?“
Doch der reißt sich los und betrachtet Milan warnend. „Ich erwarte Respekt, Milan!“
„Ich lasse mir nicht den Mund verbieten!“, entgegnet der Angesprochene säuerlich.
Justin seufzt laut und tritt von ihnen fern. Direkt zu dem energiegeladenen Bogen, der sich auf der Terrasse bildet. Es sieht aus wie ein Portal von Mia. Nur weniger bunt und bestehend aus reiner Energie. Elegant tritt Lady Irene durch die magische Tür. Eine hochgewachsene Frau, die Naomi zum Verwechseln ähnlich sieht. Am Arm eingehackt befindet sich Dr. Herzlieb. Ebenfalls eine Augenweide. Eine schlanke, junge und ambitionierte Ärztin, die ihr Leben der Kinderintensivstation verschrieb. Auch heute steckte die Dame das lange schwarze Haar hoch. Es bleibt nicht bei zwei Besuchern, Naomis Mutter bringt noch vier weitere Hexen und einen Hexer mit. Ein jeder wirkt diszipliniert und aufmerksam.
Hochachtungsvoll verneigt sich Justin. „Seid willkommen.“
Lady Irene steuerte ihn direkt an, doch kaum entdeckt sie Skyla, bleibt die feine Dame abrupt stehen. Als Skyla bemerkt, dass ihr Augenmerk auf die Tätowierung fällt, verdeckt Skyla diese eilig mit der Hand. Gleichzeitig verflucht sie ihr Schicksal, ein Kleid zu tragen. Doch sie mag für eine Trauerfeier angemessen gekleidet sein und jetzt, wo Milan sich nicht mehr hinter ihr versteckt, zeigt sich, dass auch seine Wahl der Garderobe erneut auf den Anzug fiel. Lady Irene verharrt jedoch eisern an Ort und Stelle und fixiert Skyla mit Misstrauen an.
„Justin, ich fürchte, wir müssen über deinen Schützling sprechen!“
Skyla schluckt, sie mag das freundliche Lächeln von Dr. Herzlieb registrieren, aber nicht erwidern können. Die Doktorin scheint erneut die heiße Luft auszublenden, so wie damals, als Tessa die Kooperation verweigerte, als es um Wärme und Liebe für ihren Bruder ging.
Der Körper zuckt schreckhaft zusammen, als ein kräftiger Arm sich um Skyla legt und sie einfängt. Als sie an die Brust gedrückt wird, rechnet sie mit Milan. Niemals mit dem Kopfgeldjäger Silas, der sie bestimmend festhält und Naomis Mutter mit einem kecken Grinsen entgegnet.
„Lady Irene, welch eine Freude, Euch wiederzusehen. Ich dachte, diese Ehre wird mir nie wieder zuteil. Sie können stolz auf Justins Schützling sein, denn Skyla verdanke ich mein Leben. Die Tempelritter hatten mich schon aufgeschlitzt und ausgebeutet, aber Skyla gab mich nicht auf und dank ihres Nang Tanis bekam ich meine Organe zurück und erwachte. Wie die anderen im Hintergrund und noch weitere Leute befinden sich in den Händen ihres Schutzgeistes. Noch schlummernd, aber sicherlich bald bereit, zu erwachen. Wahrlich heldenhaft.“
Lady Irene öffnet den Mund, als sei sie überwältigt Silas an jenem Ort anzutreffen. Kaum registriert sie seine Worte, schließt sich der Mund und sie wahrt wieder Professionalität, als sie sich zu Skyla dreht und den Oberkörper kurz verneigt.
„Ich muss dir dafür danken, Skyla. Ungern hätte ich Silas an den Feind verloren. Du kannst stolz auf deinen Nang Tani sein. Wäre es möglich, Dalika zu rufen? Schließlich bin ich aus geschäftlichen Gründen hier und bin einer Zusammenarbeit positiv gestimmt. Dein Nang Tani könnte hierbei eine wichtige Rolle spielen. Denn Cassandra möchte hier eine kleine Praxis eröffnen. So können Verwundete durch Jagdaufträge auch gleichzeitig an jenem Ort behandelt werden.“
Dalika. Ihr Nang Tani wartet mit den andren Schutzgeistern am vereinbarten Treffpunkt. Und Skyla will den Besuch bei Emilies Familie nicht länger aufschieben. Auch wenn sich hier eine gute Gelegenheit bietet, die Sache mit der Tätowierung unter den Teppich zu kehren. Zum Glück hegt Milan keine Hemmungen, eine Hexe zu verärgern.
Denn er zieht Skyla kompromisslos aus Silas Griff und betont streng: „Das muss ein anderes Mal geklärt werden, denn Skyla und ich haben noch eine Verabredung. Nichts, was wir aufschieben können. Daher entschuldigt uns bitte.“
Milans Finger mögen in Skylas Hand gleiten und sich verbinden, da gerät sie etwas in Panik, denn sie wollte Justin aufklären.
„Justin, all die Leute hier, die ich mitbrachte, wurden von Dalika behandelt und gerettet. Silas ist der Einzige, der mit unserer Welt vertraut ist. Die anderen sind leider ahnungslose und außenstehende Opfer. Ich schicke sie in deine Obhut.“
„Genau, kümmere dich darum, Justin!“, fordert Milan eilig und zieht Skyla bereits fort.
„Hey! Diese Angelegenheit bedarf einer umfangreichen Besprechung…“, tönt es missbilligend von Justin.
Doch Milan läuft dickköpfig davon, ungeachtet des Zorns seines Partners.
Auch Mia kommt herbei geflogen und verkündet ihre Sorgen: „Du halst dir nur unnötig Ärger auf, Milan.“
Doch diesmal nimmt er es einfach schulterzuckend hin. „Dann ist das so!“
Eine neugierige Journalistin wie Sina hingegen wittert eine Story. Sina verhielt sich bislang verdächtig still, dass sie in Vergessenheit geriet. Nun aber eilt sie hinterher mit einem Wirrwarr an Fragen.
„Hey, was wäre denn so wichtig? Eurer Kleidung nach geht es sicherlich um Emilie oder? Dann lass mich euch begleiten, schließlich dokumentiere ich den Fall und werde jede Kleinigkeit zu unserer Waffe nutzen.“
Milan mag ihr einen vernichtenden Blick zu verwerfen, doch so etwas motiviert Sina umso mehr. Doch Skyla weiß am besten, wie sie Sina ohne großes Drama loswerden. Auch, wenn sie sich danach sicherlich etwas anhören darf.
„Dein Dress, Sina. So können wir dich gar nicht mitnehmen.“
Ihr Einwand zeigt Wirkung, nur kurz blickt Sina auf ihr süßes Kleid mit Trompetenärmel hinab. Zu bunt, zu hell. Ein Schnippen und Sina dreht sich auf den Absatz um.
„Ich bin gleich zurück.“
Der Teufel grinst aus Skyla. Die Taktik mag fies sein und nun heißt es, schnell zu verduften.
Frech stößt sie ihre Begleitung mit dem Ellbogen an. „Dann mal los, Milan.“
Doch der Kerl starrt auffällig grimmig.
„Fies von dir“, wirft er ihr an den Kopf.
„Mhm“, summt sie stolz und umgeht das Haus.
Bereits von ihrem Zimmerfenster sprang Skyla die Einfahrt ins Auge. Rechts davon erschuf Dalika das Konstrukt eines riesigen Gewächshauses. Wie angekündigt will der Nang Tani sich um die Selbstversorgung kümmern. In Skylas Abwesenheit blieben ihre Schutzgeister nicht untätig. Die Arbeiten am Gewächshaus laufen weiter. Neu sind die vielen Rosenbögen vor dem Eingang des Projekts. Diese sind auch schon mit jungen Pflanzen ausgestattet und als Emilie sich unter den Rosenbögen streckt und die Arme in die Lüfte hebt, wachsen die Ranken hinauf und das gesamte Blattwerk bedeckt das Gitter.
„Wie bei mir auf der Arbeit“, staunt Skyla laut über das Ergebnis.
Emilie dreht sich zu ihr und nickt stolz. „Ganz recht. Du hast von dem Rosentunnel immer geschwärmt. Nur musst du akzeptieren, dass meine Rosen rot sind. Ich hoffe, dass stört dich nicht.“
Allein der Gedanke wärmt Skylas Herz.
„Oh, Emilie. Ich freue mich riesig.“ Sie schlendert hindurch und macht sogar die ersten Knospen aus. „Ist Dalika im Gewächshaus?“
„Jap“, versichert Emilie und folgt ihr.
Nur Milan zögert, als traue er dem Hokuspokus nicht. Daher macht Skyla kehrt und reicht ihm die Hand, zögerlich greift er zu.
„Spürst du das?“
Er klingt beunruhigt, daher hinterfragt Skyla sein Verhalten.
„Was genau meinst du?“
Milan zögert und scheint nach den richtigen Worten zu suchen. „Es ist wie mit dem Feenbaum. Wir befinden uns auf Schutzringen und werden geprüft.“
Skyla runzelt die Stirn. „Geprüft?“
Mia schwebt herbei und berichtet: „Ein Feenbaum blickt in die Herzen der Besucher. Bedrohungen erhalten keinen Zutritt. In der Tat schlummert solch eine Macht im Gewächshaus. Wir sollten nicht vergessen, dass der Nang Tani zu einer Unterart von dem Feenvolk gehört. Damit wäre der Nang Tani in der Lage einen Feenbaum zu erschaffen.“
Emilies verschmitztes Grinsen entgeht Skyla nicht. Sicherlich verschweigt ihre Freundin etwas.
Kaum begeben sie sich durch gläserne Tür hinein, überrascht Mason sie mit ihrer Anwesenheit. Der Ex-Soldat steht einfach da und beobachtet die Arbeiten im Hintergrund.
„Hey, Mason.“
Es sollte nur eine beiläufige Begrüßung sein, doch Mason erfasst sie und spricht sie sogar an: „Bist du dir sicher, Skyla? Dein kleiner Ausflug klingt gefährlich. Ich könnte dich begleiten und die Umgebung im Auge behalten.“
„Danke, aber Skyla hat mich als Begleitschutz“, meldet sich Milan bissig.
Um kurz darauf gemustert zu werden. Mason seufzt und schüttelt jedoch enttäuscht deinen Kopf: „Du versprichst wie Skyla viel Lärm und Chaos.“
Empört öffnet Milan den Mund, doch Skylas Augenmerk gilt mehr dem kleinen, fleischigen Stamm mittig des Raumes. Der Tempelbaum hat schon die ersten büschelartigen Blätter an den Trieben. Doch noch ragt er nicht über die Knie und doch umgibt ein gewisser Glanz den Baum. Am Stamm schwirrt Soraya, die kleine Feuerfee von Mason. Ihr steht die Skepsis ins Gesicht geschrieben, während sie sich mit Dalika unterhält. Das Bäumchen scheint auf Feen eine anziehende Wirkung zu haben, denn auch Mia trennt sich freiwillig von Milan und steuert ihre Artgenossen an.
Im Dach zeigen sich Lücken, die Hälfte wurde verglast, somit kann noch kühle Luft hinein wehen. Ein Vorteil für die Aufbewahrung von Emilies Leiche, die nahe dem Tempelbaum aufbewahrt wird. Ihr Geist ruht sich nun auf einer kleinen Bank aus und überblickt die Umgebung. Skyla steuert sie an und setzt sich daher bewusst neben sie hin. Emilie mag vielleicht eine Maske tragen, doch ihre zitternden Hände verraten die ansteigende Nervosität.
Gegen Skylas Erwartung spricht ihre Freundin sich Mut zu: „Ich werde Tamir retten.“
Skyla hegt keinen Zweifel und nickt zuversichtlich. „Ganz sicher.“
Eine schwache Motivierung und doch scheint sich Emilie über die Unterstützung zu freuen, sie lächelt, auch wenn sie ihre Hände auf die von Skyla legt, in der Hoffnung, sie könne ihre Batterie beim Medium für die kommende Prüfung aufladen.
































































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