Kapitel 5

Blaulicht und Sirenen sorgen bei den Mitgliedern des Ritterordens für Unruhe in den Reihen.

„Amelia? Dein Befehl“, fordert Kacie.

Die vertraute Klinge rutscht der Blondine aus dem Ärmel. Die Reflexion zeichnet sich in den blauen Augen ab. Mit Kälte im Blick saust die Waffe hinab und Skyla begrüßt den Tod mit offenen Armen. Doch der Angriff wird abgefangen und die Klinge aus der Hand geschlagen. Segones Dasein und so wie die Dämonen die spitzen Zähne bleckt, zeigt, dass sie nicht bereit sei, ihren zweiten Champion zu verlieren. Ihre Anwesenheit scheint Amelia wenig zu beeindrucken. Stattdessen hebt die stolze Führungskraft die Hand und von überall hagelt es Kugeln. Amelia tritt zurück und entkommt somit Segones Schwerthieben. Die Dämonenkönigin zerteilt eine jede Kugel. Der hitzige Tanz im Kugelgefecht scheint die Schwertmeisterin zu verraten, denn Amelia rümpft die Nase.

„Schwefel! Kacie! Deine Tochter hantiert mit Dämonen!“

Die Angesprochene zischt erbost. „Ein letztes Mal, Amelia! Dieses Ding ist nicht meine Tochter!“

Skyla kämpft gegen die bitteren Tränen. Ihr Herz verträgt diese Worte kein weiteres Mal. Sie schluckt schwer und spürt einen großen Kloß im Hals.

„Prägt Euch diesen Schmerz gut ein, meine Königin. Die Wunde mag vielleicht jetzt unerträglich brennen und fürchterlich bluten, aber Ihr werdet daran wachsen und die Ketten sprengen, die Euer wahres Potenzial zurückhalten.“

Das klingt leicht gesagt und doch glaubt Skyla nicht daran, diesen Schmerz zu überwinden. Kaum fallen Worte auf Latein, zischen die Schlangen in Segones Haaren. Im Hintergrund ranken die ersten Dornengestrüppe in die Höhe, doch Segone wird zum Ausweichen gezwungen. Die Scharfschützen scheint Segone bislang nicht beseitigt bekommen zu haben, denn die Schüsse fallen weiter aus der Höhe. Auch Amelia greift zu einem fiesen Trick und wirft einen gläsernen Behälter, den Segone instinktiv zerteilt und von einer klaren Flüssigkeit übergossen wird. Ein Mittel, das großen Schaden anrichtet. Kaum kommt es zu Hautkontakt, steigt heißer Rauch aus Segones Poren und der Dämon schreit mit unnatürlich tiefer Stimme. Kaum krümmt sich die Königin, rückt die Elite an. Sowohl Skyla als auch Segone werden angegriffen, doch obwohl der Dämon laut leidet, erheben sich Winde voll mit Ranken und Rosen, die alles um die beiden zerfetzen.



 

Unverhoffte Verstärkung tritt ein. Leider zu spät zeigen sich alle drei Schutzgeister von Skyla. Dank Kai überragt Agnar von der Größe einen ausgewachsenen Menschen. Ein pelziges Exemplar, das einer Tarantel gleich. Gemeinsam stürzen sich Bär und Spinne in die Meute. Nur Dalika verweilt eisern an Skylas Seite. Ein Blick umher und sie stößt verärgert die Luft aus. Noch immer als Pflegekraft getarnt trifft der Nang Tani einen Entschluss.

„Segone! Ein Durchgang!“

Mit gebleckten Zähnen späht die Dämonin zu ihnen rüber. Der Angriff mit der Substanz nahm ihr die Fassung. Zorn pumpt sichtbar durch ihre Adern, die im Bereich Hals und Stirn anschwellen. Im Hintergrund tönen Sirenen immer lauter. Die Ritter um Kacie und Amelia werden unruhiger. Einige raten zur Flucht, andere zum schnellen Handeln. Anders als Milan und Justin sind die Ritter Skylas Schutzgeistern ebenwürdig und können diese im Zaun halten.

Amalia bleckt die Zähne und spricht über ihren Frust: „So viele junge Ritter verloren heute ihr Leben. Ein Rückzug kommt nicht in Frage. Packt das Böse an der Wurzel, bevor wir an dieser Aufgabe scheitern!“

All der Widerstand wird mit diesen Worten erstickt. Auch Kacie erwacht aus ihrer Starre und zieht eine Machete hervor. Ein Schulterblick, und sie wirft ihre Waffe wie einen Dartpfeil los. Bereits in den vielen Jahren haben Skyla und ihr Vater ihren versteckten Zorn zur Schau bekommen und zollten ihr Respekt. Hinter dem Angriff steckt solch eine Wucht, dass sich der scharfe Gegenstand mit Leichtigkeit in das Herz von Kai bohrt. Trotz Übergröße und Verwandlung einer Magiebestie, erlischt das Licht in seinen Augen.

KAI!

Ein widerlicher Dämon, aber Skylas erster Schutzgeist. Ein Kerl mit einem frechen Mundwerk und ein wahrer Macho. Doch eine gepeinigte Seele mit einer tragischen Vergangenheit. Wohl oder übel gehört er zum Team. Skyla will es nicht wahrhaben. Ähnlich wie bei Naomi kam sein Untergang überraschend und schnell. Durch Kais fehlender Macht schrumpft Agnar auf seine gewohnte Terantelgröße.

 

Kein Laut dringt aus Kai, als er leblos zur Seite wegbricht. Amelia hingegen klatscht freudig in die Hände.

„Bravo, Kacie. Welch eine Schande, dass wir dich erst so spät in unseren Reihen begrüßen durften.“



Segones plötzliches Lachen steckt voller Wahn und wirkt unangebracht. Skyla will die Laune der Dämonenkönigin gerade hinterfragen, als sie plötzlich Dalika hinter ihrer Mutter ausmacht. Aber Kacie Intuition lässt sie nicht im Stich. Rechtzeitig geht sie in die Hocke und entkommt den Klauen des Nang Tani.

„Schmor in der Hölle, Kacie!“

Dalikas Stimme hat einen tiefen, fast dämonischen Ton angenommen und echot eine Weile. Die Augen glühen heller wie ein Blutmond und das Haar steht Dalika plötzlich zu Berge. Kacie wird gezwungen, sich in Bewegung zu setzen. Kein Zögern, kein Innehalten. Ein purer Überlebenskampf, denn der Nang Tani macht sie zu ihrer nächsten Beute. In Raserei schlägt Dalika mit gewaltig langen Klauen um sich. Klauen, die Luft schneiden. Selbst den Betonboden zu ihren Füßen. Amelia und auch ihre anderen Kameraden beweisen Bruderschaft und eilen Kacie zur Unterstützung. Ein jeder versucht, den rasenden Nang Tani aufzuhalten, aber Dalika wirbelt um sich und lässt sich nicht bremsen. Dabei scheinen sie Agnar kurz vergessen zu haben. Der Spinnendämon greift ebenfalls zu drastischen Maßnahmen und ruft seine Artgenossen. Es tummeln sich plötzlich unzählige Spinnen um die Ritter. Ihre kleine Größe macht es den Feinden schwer, diese von sich fernzuhalten. Ein Ritter nach dem anderen wird von einer Armee Spinnen erklommen. Selbst ihre Schreie ersticken unter den Insekten.

 

„KACIE!“ Amelias Ruf scheint ihre Kameradin rechtzeitig zu erreichen, denn Skylas Mutter läuft genau auf Segone zu, die bereits ihr Schwert hebt. „Links von dir!“

Blindes Vertrauen rettet Kacie vor der Dämonenkönigin, denn Segones Schwerthieb verfehlt und saust haarscharf an Dalika vorbei. Doch der Nang Tani blendet Segone völlig aus und droht Kacie einzuholen. Amalia bremst nun ab und überschaut das Chaos mit Bleiche. Ein Funkgerät an ihrer Hüfte meldet sich.

„Stützpunkt 3 steckt in Schwierigkeiten! Der weiße Teufel tobt vor Ort! Ich wiederhole: Der weiße Teufel tobt vor Ort! Hohe Verluste und befreite Gefangene! Darunter die Fee und der Drache! Wir brauchen dringend Verstärkung!“

Kaum endet der Hilferuf, meldet sich das Funkgerät erneut. Diesmal von einer ruhigeren Stimme.



„Ankunft an Stützpunkt zwei. Wie bei eins und sieben kein Lebenszeichen. Hohe Verluste und überall Feuer! Alles deutet auf einen Drachen hin. Augenzeugen erwähnen eine Person, die dem weißen Teufel ähnelt.“

„Stützpunkt vier meldet Sichtung von einer Gruppierung Hexen und andere Gestalten.“ Ein lautes Donnern und lästiges Piepen unterbricht die Meldung kurz. „Feindkontakt! Ich bestätige starke Hexenmacht und sogar zwei Werwölfe! Hohe Verluste! Wir stehen unter Beschuss!“

 

Zischend fixiert Amalia Skyla an. Segone hielt sich grinsend zurück und geduldet sich gebannt auf eine Entscheidung. Tatsächlich dreht sich die blonde Ritterin um und verkündet lautstark den Rückzug. Sie eilt ihren Kameraden zur Hilfe, die mit Agnars Spinnenfreunden kämpfen. Als hätte sie großes Vertrauen darin, dass Segone nur zu Skylas Schutz agiert. Ein gewaltiger Fehler, denn kaum kehrt die Blondine ihr den Rücken, folgt Segones Sturmangriff. Amelia bemerkt jedoch rechtzeitig den Hinterhalt und weicht im letzten Moment zur Seite. Damit mag sie ihr Leben retten, aber andere ihrer Kameraden opfern. Segone stürmt an ihr vorbei und spießt einen Ritter hinter ihr auf. Amelias Augen weiten sich, der Mund steht ihr kurz offen. Aber dann dreht sie die Klinge in ihrer Hand und rammt diese ohne zu Zögern in Segones Schulter. Der Dämon zischt laut und wirft den Kopf in den Nacken. Ganz langsam dreht Segone diesen zu ihrem Peiniger und Amelia wirkt, als gefriere ihr das Blut in den Adern. Unfähig zu reagieren, steht sie wie versteinert an einer Stelle. Anders als ein junger Ritter, dessen Kapuze verrutscht und seine wilde Mähne entblößt. Er schnappt sich Amelia und rettet sie vor Segones Rundumschlag. Dabei gleitet Amelias Hand von ihrer Klinge, die in Segones Schulter stecken bleibt. Ein Störfaktor für die Dämonin, die sich mit einem kräftigen Ruck davon befreit. Das Messer glüht fürchterlich in ihrer Hand, als liege es länger in einem Ofen und beginnt langsam zu Schmelzen. Heißer Dampf dringt aus Segones Hand und doch wirft sie die Waffe mit eiserner Miene fort.

 

Dornengestrüpp wächst um sie herum und peitscht wild durch die Luft. Somit bleiben die Ritter auf Distanz. Segones Blick haftet nun auf Skyla. Der Dämon lächelt breit, als habe sie den Spaß ihres Lebens.



„Sie mag nur diese Gruppe anführen, aber auch ein Stützpfeiler kann das Gerüst gefährlich ins Wanken bringen. Ich bringe Euch ihren Kopf, meine Königin. Keine Sorge, ich lasse sie nicht entkommen.“

Skyla vertraut auf ihr Wort und will später einen Deal. Sie mag nicht länger ans Bett gefesselt bleiben und selbst in Aktion treten. Als könne Segone ihre Gedanken lesen, gewinnt ihr Grinsen an Größe. Die Dornenranken kehren zurück ins Erdreich und Segone nähert sich gemächlich der blonden Anführerin. Diese befindet sich in einer hitzigen Diskussion zu ihrem Retter, bis ihnen die Dämonin ins Auge springt. Der junge Mann zieht seine Chefin auf die Beine und reißt sie fort. Zwei weitere Ritter haben Agnars Angriffe überstanden und treten ebenfalls den Rückzug an, sodass die Spinne zurück zu Skyla kehrt. Stumm verweilt er an ihrer Seite, während sich das Chaos um sie herum lichtet.

 

Erdrückend liegt die Stille wie ein Leichentuch über jenen Ort. Skyla sucht vergebens nach Leben. Der Zugangsweg der Notaufnahme erinnert an einen Lostplace.

Zeit, um Trauer und Zorn Raum zu geben.

Zeit, um Entschlüsse zu treffen.

Zeit, um krankhaft daran zu arbeiten, die Kontrolle über den Körper zu erlangen.

Unzählige, zermürbende Versuche startet Skyla, um die Verbindung zu ihrem Körper wiederherzustellen. Tatsächlich zucken ihre Finger und wenn auch nur kurz lassen sich die Arme bewegen. Kleine Erfolge, die sie eigentlich aufmuntern sollte, aber nicht unter Zeitdruck. Ihrem Spinnendämon scheint ihr Unterfangen nicht zu entgegen. Er beobachtet still und leise, bis sie schweißgebadet nachgibt und den Frust am liebsten herausschreien mag.

 

Agnar tippt sie vorsichtig mit seinen Spinnenbeinen an und hebt diese, als wolle er angreifen, doch er verharrt in Position und spricht sogar zu ihr: „Du vergisst eine wichtige Sache. Eine unausgereifte Fähigkeit, die dir helfen kann. Ich biete dir eine gewagte Lösung an. Eine mit hohem Risiko. Die Not erfordert verzweifelte Maßnahmen. Unsere Chancen stehen schlecht. Wir haben Kai verloren, aber das können wir ändern. Raum und Zeit sind relativ. In dir schlummert die Macht, hieraus eine optionale Zukunft zu gestalten. Gemeinsam können wir an einen Ausgangspunkt zurückkehren, um das hier zu verhindern. Eine Reise in die Vergangenheit.“



Das klingt zu schön, aber undenkbar. Skyla zweifelt an seine Theorie, zumal sie Agnars Selbstzweifel heraushört. Er spricht über eine Vermutung. Nichts mit Gewissheit. Ertappt sinken seine Beine hinab.

„Und doch besser, als gar nichts zu unternehmen. Willst du die Verluste einfach hinnehmen? Ich biete dir eine Chance für einen Neuanfang.“

Agnar gehört immer noch zur Gattung der Dämonen. Etwas, das sie auch gern bei Kai verdrängte. Einem Dämon Gehör zu verschaffen birgt ebenfalls viele Risiken. List in verzweifelten Situationen wie diesen. Doch was hat Skyla schon zu verlieren? Sollte die Möglichkeit bestehen, einen Zeitsprung zu schaffen, dann könnte sie all die Verluste rückgängig machen. Aber zu welchem Preis? Es wird schließlich immer davon abgeraten, die Zeitlinie zu verändern. Die Folgen könnten gravierend sein. Und doch teilt sie Agnars Ansicht. Denn alles ist besser, als dieses Szenario einfach zu akzeptieren!

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