Kapitel 6

In Köpfe einzudringen mied Skyla bislang, wenn die Not diese Fähigkeit nicht fordert. Ohne große Kontrolle kann zu viel Schaden angerichtet werden. Auch wenn diese Kraft zur Spionage und Informationsbeschaffung große Vorteile mit sich bringt. Skyla konnte Ruhelose bis aufs kleinste Detail lesen. So hatte sie zum Beispiel Zugriff auf eine umfangreiche Akte eines Dämons, der sie am Bahnhof angriff. Sein Leben wurde ordentlich aufgeführt. In einer greifbaren Datenbank. Gräbt sie tiefer in den Köpfen anderer, gelangt sie in eine Räumlichkeit, die ihr sämtliche Einblicke in die Vergangenheit erlaubt. Momente, die sich wie Filmszenen wiederholen. Es mögen nur Erinnerungen sein und doch kann Skyla mit allem interagieren und dem Konstrukt schaden. Bei Milan passierte es immer unbewusst. Zuletzt half die Technik, um Kai nach einer Entführung ausfindig zu machen. Dass die Möglichkeit zu einem Zeitsprung besteht wäre ihr neu. Doch ihr Spinnendämon wirkt überzeugt.

 

Intensiver Augenkontakt wäre der Schlüssel zum Eintritt. Eine Bedingung, die Skyla bei einer Spinne wahrlich schwerfällt. Trotz Übung, denn für den Vertrag zwischen Mensch und Schutzgeist steckte sie schon mal in der Situation. Und doch kostet es Skyla erneut Überwindung. Einmal aktiviert findet sie sich in einem kreisrunden Raum wieder. Spärlich beleuchtet und voller Türen. Ein dunkles Kabinett voller Möglichkeiten. All die vielen und übernatürlich großen Spinnenweben lassen das Medium erschaudern. Agnars Vergangenheit kam nie zur Sprache. Er mag ihr treu ergeben sein und doch erwiesen sich Gespräche mit ihm äußerst mühselig. Mit Emotionen und Andeutungen kann Agnar sehr wenig anfangen. Der Dämon braucht klare Befehle. Ohne Witz oder Sarkasmus.

 

Ein Blick auf die kleine Spinne vor ihren Füßen und die Neugier platzt aus Skyla.

„Sag, Agnar, wie bist du zum Dämon geworden?“

Der Dämon seufzt und dreht sich zu einer der vielen verwahrlosten Türen.

„Eine lange Geschichte voll von Schikane. Ohne Happy End und mit einem tragischen Tod.“

Schikane wie bei Kai. Ein Zusammenhang, den sie gern schriftlich festhalten möchte. Wie gern würde Skyla sich mit Justin über den Ursprung von Dämonen unterhalten. Doch das wäre nur möglich, wenn ihr Schutzgeist ihr die Chance auf den Zeitsprung möglich macht.



 

Reine Neugier treibt Skyla an, denn sie will sein Ende als Sterblicher mit eigenen Augen ansehen. Federleicht und mit sicherem Stand folgt der erste Schritt und der Kopf beginnt zu begreifen, wozu Skyla in Stande sei. Sie blickt an sich hinunter, bewegt die Arme und Hände. Ein kleiner Sprung und die Freude nimmt sie in Beschlag. Tränen der Dankbarkeit fließen hinab. Keine Schmerzen vom ständigen Liegen. Keine steifen Glieder mehr. Keine Hilflosigkeit. Frei von den Ketten, die sie ans Bett gefesselt haben.

Welch ein Segen!

„Agnar! Agnar, siehst du das?“

„Du verlierst den Verstand, Skyla!“

Verständnislos beobachtet er ihre schwunghaften Bewegungen, doch Skyla fühlt und genießt die Verbindung zu ihrem Körper.

 

„Warte, Skyla! Ich will nicht, dass du Zeuge meiner größten Schwäche und Dummheit wirst. Diese Tür sei dir nicht gestattet zu passieren!“

Als habe Agnar die Kontrolle über die Räumlichkeit kündigt eine anhaltende Vibration am Boden die Veränderung an. Kleine Steine beginnen am kalten Betonboden zu tanzen und eine Wand aus Gestein fährt aus dem Untergrund. Direkt vor der Tür. Im Nu versperrt das Gestein den angesteuerten Durchgang.

Der Tod kann viele Gesichter haben. Erlösung, unvorhergesehen, zerstörend und in Agnars Fall beschämend und schwach. Skyla mag keinerlei Infos über Agnars Ableben haben und doch weigert sich der Dämon ihr dieses Detail, zu präsentieren. Er wird sicherlich seine Gründe dafür haben und Skyla mag seine Privatsphäre respektieren. Daher will sie ihm die Führung überlassen.

„Gut. Dann sag mir, wie gehen wir vor?“

Eine Frage, die Agnar sehr lange beschäftigt. Skyla glaubt sogar, die Zahnräder in seinem Kopf zu hören.

„Ich denke, wir nehmen die Tür.“

Die Unsicherheit versteckt sich zu schlecht in seiner Stimmlage. Zögerlich begibt er sich zu einem x-beliebigen Durchgang. Bis zum Rahmen und nicht weiter. Daher wird es Zeit, einzugreifen. Ohne Wenn und Aber drückt Skyla die Türklinke hinab. Eine Pforte zu einer einfachen Diele. Dringend renovierungsbedürftig. An einigen Stellen blättert die Tapete bereits ab und vom Boden hinauf wurde mit Buntstiften gekritzelt und gemalt. Spinnenweben ziehen sich durch die Ecken und Kälte weht zu ihnen entgegen.



 

Ein lautes Seufzen seitens Agnar durchbricht die Stille. Weniger erfreulich, mehr belastend.

„Besser wir nehmen eine andere Tür.“

Doch Skyla befürchtet, dass sie so kein Stück vorankommen.

„Komm schon, Agnar. Bringen wir es hinter uns. Erkläre mir deinen Plan bitte detaillierter, denn ich bin sonst aufgeschmissen. Wir begeben uns in deine Vergangenheit, um was zu tun?“

„Um Fragmente zu sammeln.“

Die Antwort erweist sich mal wieder als nichtssagend. Skyla hatte gehofft, es käme von ihr eine klare Ansage. Doch Agnar lässt sie noch immer im Unklaren. Sie muss ihm all die Dinge einzeln entlockend.

Wie aufwendig!

„Was für Fragmente und wofür sind die gut?“

Der erste Schritt in die Diele wäre somit getätigt. Ein kleiner Erfolg fürs Voranschreiten. Fehlendes Tageslicht gibt der Räumlichkeit eine schaurige Atmosphäre. Sie meint in der Ferne ein Kind summen zu hören. Um sie herum findet sie ebenfalls geschlossene Räume. Nur weiter hinten mündet der Flur in eine Räumlichkeit, die durch eine spärliche Lichtquelle mehr Trost verspricht.

„Fragmente sind Gegenstände aus meiner Vergangenheit mit denen ich Emotionen teile. Dinge, die mir wichtig erschienen und die Energie gespeichert haben. Wir mögen bloß in einer Erinnerung stecken, aber Fragmente können mir helfen, mich weiterzuentwickeln. Mit genügend Macht kann ich einen Spiegel zu einem Portal verwandeln, dass du mit deinen Kräften geöffnet bekommst. Ich erschaffe die Tür und du den Schlüssel.“

 

Das klingt mühsam, zumal Skyla die Gefahren dieser Welt nicht vergessen hat. Die Wächter dieses Reiches, die nach Anomalien suchen und diese jagen und beseitigen. Gefährliche Monster, die sich nicht besiegen lassen. Daher mag sie sich nicht länger als nötig an jenem Ort aufhalten. Die eine Erfahrung mit den Biestern reichte ihr. Ein Wink, und die kleine Tarantel folgt ihr wie ein treudoofer Hund. Mit genauso großen Glubschaugen, statt zwei direkt acht von der Sorte. Einen Hund auszuführen ist schließlich viel zu einfach, eine Spinne wäre somit das Next-Level.

 

Zu erheitert und sorglos sind Skyla Schritte durch eine völlig fremde Welt. Ein Ort –dunkel und voll von Kummer. Nix hätte sie auf das Elend vorbereiten können, als sie den völlig verdreckten Wohnbereich vorfindet. Der Gestank von vollen Aschenbechern und säuerlich angereichter Luft durch mangelndes Lüften lässt sie die Nase rümpfen. Skyla begibt sich reflexartig zum Fenster, um dieses zu öffnen. Sie mag in einer Erinnerung stecken und doch weht ihr kalte, klare Luft entgegen. Die Welt außerhalb der vier Wände zeigt sich in einer verschlingenden Dunkelheit gehüllt. Am dreckigen Boden kauert ein Junge. Ungepflegt. Fettiges dunkles Haar und verschlissenen Klamotten. Neben ihn mag der Fernsehsender Krimis abspielen und zum Glück beschäftigt sich der geschätzt Achtjährige mit anderen Dingen. Skyla schüttelt sich beim genaueren Betrachten, denn das Insekt vor ihm stellt sich als große Hauswinkelspinne heraus. Harmlos, wie ihre Eltern immer behaupten und doch macht diese keinen friedlichen Eindruck. Ein braunes Exemplar mit langen, beharrten Beinen.



Naja, neben ihr läuft ein Tarantel-Dämon, also was sollte sie mehr fürchten?

 

Agnars lautes Seufzen erregt ihre Aufmerksamkeit.

„Was ist los?“, erkundigt sich Skyla.

Ihr Schutzgeist zögert mit der Antwort. Wie so häufig spannt er ihre Nerven auf die Probe. Manchmal will sie ihre Faust sprechen lassen, um ihn zu zeigen, wie sehr er sie mit der Stille verärgert.

„Raus damit, Agnar!“

Ihre Stimme bebt und doch hat der kleine Kerl die Ruhe weg.

„Du wirst es am Ende ja doch erfahren“, grummelt der kleine Dämon, „Ich mag kaum hinsehen und es beschämt mich, aber dieser schwache Mensch dort war einmal meine klägliche Version von mir.“

Sie blinzelt und betrachtet das Kind mit großer Neugier.

„Logisch, Agnar. Schließlich wühle ich in deiner Vergangenheit und sonst ist keiner hier. Wo waren deine Eltern?“

„Meinen Vater habe ich nie kennengelernt. Soll unverlässlich gewesen sein. Meine Mutter war ständig arbeiten und fort. Mein großer Bruder sollte auf mich Acht geben, aber der fand keinen Gefallen an mir und nutzte jede Gelegenheit, um zu verschwinden.“

Agnar war allein. Allein in dieser Bruchbude. Allein in jenen Ort voller Kälte und Trostlosigkeit.

 

Ein Blick über die Couch zur offenen Küche zeigt eine Packung Cornflakes und eine halbvolle Schüssel. Auch Limonade steht in greifbarer Nähe herum. Alte Pizzakartons und Aluminium-Verpackungen von Fertiggerichten stapeln sich nah der Spüle. Ein Trauerspiel. Wie gern würde sie sich jetzt für das Kind an den Herd stellen und ihm eine vernünftige Mahlzeit kochen. Ablenkung muss dringend her! Denn der Ort trübt ihre Laune. Die Suche nach einem Fragment wird sie ohne Agnar jedoch nicht allein bewerkstelligen.

„Okay! Sag mir, Agnar, was käme für ein Fragment in Frage?“

Gemeinsam wandern die beiden durch den Wohnbereich. In der Küche dreht sie sich um die eigene Achse. Überfordert von der Aufgabe und mit schweren Herzen bei der Wahl der Lebensmittel. Ihre Hände wandern hinauf und Skyla erschreckt sich, als ihre Finger über raue Mähne streift. Ihre Frisur… Sie vergaß ihre Veränderung. Milan erkannte sie kaum wieder. Allein die kurze Erinnerung an Milans Krankenbesuch lässt sie schwer schlucken. Unweigerlich kommen ihr die Szenen seines Todes hoch. Tränen laufen hinab und Übelkeit wallt in ihr auf.



 

„Ich würde es begrüßen, wenn du dich zusammenreißt, Skyla. Erbrich bitte nicht in meinem alten Zuhause. Damit würdest du Fragen und Mysterien in der Vergangenheit heraufbeschwören. Denn nicht immer bewegt ein Verstorbener eine Tür oder hinterlässt Spuren. Schon mal daran gedacht, dass Menschen mit dieser Fähigkeit ebenfalls in deinem Umfeld wandeln können? Vielleicht sucht dich kein Spuk heim, sondern jemand auf Durchreise.“

Agnar mag ein interessantes Thema ansprechen, doch Skyla fühlt sich nicht in der Verfassung, damit auseinander zu setzen. Stattdessen steuert sie einen kaputten Spiegel an, der in der Diele hängt. Ein Sprung zieht sich mittig über die Glasfront. Bei dem Netz wundert sich Skyla, dass das Konstrukt noch hängt und der Spiegel nicht in Einzelteile auseinanderfällt. Doch ein Blick auf die Fläche und sie schreckt zurück. Das, was sie dort sah, war eine Fremde. Ein völlig anderer Mensch. Das Haar kurz geschoren wie Patienten mit Krebs-Diagnose, die Haut auffällig bleich, die Wangen eingefallen und die Augen glanzlos.

 

Mühselig klettert Agnar die Kommode hoch und umkreist einen vollen Aschenbecher und eine leere Bierflasche.

„Ah! Der Spiegel! Mein Bruder hasste es, die Aufsicht für mich zu übernehmen. Mutters Wort war Gesetz und in seiner rebellischen Phase zog er trotz lautstarker Diskussion den Kürzeren. Kaum war Mutter raus, schlug er auf den Spiegel ein und warf die Kommode um. Er war launisch. Aber ein, zwei Bier und er beruhigte sich wieder.“

Seine Worte sickern langsam in ihr Bewusstsein. Ihr Kopf schwenkt rüber zu dem am Boden liegenden Jungen, dem die Kälte auffällt. Agnars menschliche Version erhebt sich, um das Fenster zu schließen. Mit gerunzelter Stirn. Wie Agnar erwähnte, hinterlassen ihre Aktionen Spuren in der Vergangenheit. Der kleine Junge sieht sich kurz um, als suche er nach einem vertrauten Gesicht.

„Ben? Bist du da?“

Seine Stimme zittert, als fürchte er sich.

 

„Wie alt warst du, als du starbst, Agnar?“

Eine Frage, die ihr schon länger im Kopf geistert. Da ihr Schutzgeist jedoch nicht die Tür zu seinem Todeszeitpunkt öffnen wollte, hielt sie sich zurück. Wie befürchtet, quält sich der Spinnendämon mit seiner Vergangenheit. Nicht bereit zu antworten läuft er davon, während seine menschliche Version in die Küche schreitet. Das Kind nähert sich Skyla verdächtig, sodass sie instinktiv ausweicht. Statt einem Snack oder einen Durstlöscher schnappt er sich einen Gegenstand, der in einer auffälligen Wolke aus Glitzerstaub steckt.



„Ein Fragment?“, platzt die Vermutung aus ihr.

Agnar brummt aus dem Hintergrund. „Das ist nicht gut. Wir können mir das Ding nicht einfach aus der Hand nehmen. Das Chaos wäre vorprogrammiert. Wir brauchen einen Plan!“

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