Kapitel 8

Von kriechender Kälte folgt der Sprung ins Nasse. Frisch gekleidet. Trocken und wärmer als mit einem Engelshemd. Nur, um im nächsten Moment knöcheltief in einer Pfütze zu landen. Gefährlich spritzt Wasser hinauf, doch der rote Mantel besteht zum Glück aus einem wasserabweisenden Material. Strömender Regen ergießt sich über ihnen. Ein Sprung und Agnar sucht erneut Schutz unter Skylas Kleidung. Für eine Spinne wie ihn sind das extreme Wetterbedingungen. Skylas Augen huschen über einen alten Spielplatz. Klein, abgelegen und mitten in einem Wohngebiet. Die dunklen Wolken hängen verdächtig tief.

 

Auf der Suche nach Schutz vor der Nässe springt Skyla ein Element besonders ins Auge. Die Rutsche besitzt ein spitzes Dach. Aber die Kletterwand schreckt Skyla ab.

„Steuer die Halbkugel an!“

Agnars Befehl kommt ihr gerade recht. Das Konstrukt, wohin sie sich begibt, erinnert mit all den Löchern und Tunneln an einen durchlöcherten Käse. Nur von der Form her wurde auf eine bunte Halbkugel zurückgegriffen. Geschätzt erreicht das Gerüst eine Höhe von mindestens fünf Metern. Geduckt streitet Skyla ins Innere durch einen willkürlich gewählten Tunnel. Das Regenwasser hat bereits bis zur Hälfte einen Weg hineingefunden. Dennoch sind sie im Kern vom herabfallenden Regen geschützt. Tatsächlich gibt es einige erhöhte und kleine Kletterebenen. Die Tunnelwände sind von Graffiti übersät und so manche Ecken riechen unangenehm. Kaum endet der kleine Bach unter ihren Füßen, springt Agnar hinab und ergreift die Führung. Ihr Spinnenfreund bewegt sich schnell und führt Skyla sogar eine Kletterebene höher in einen kleinen kreisrunden Raum hinein. Ausgestattet mit Sitzecken. Versteckt in einer schattigen Ecke hockt ein Kind. Kurze Funken sprechen für ein Feuerzeug. Der Wind heult laut durch die Tunnelanlage und auch der Regen trommelt ununterbrochen auf dem Dach.

 

Unheilvoll leer sind die Kinderaugen, die ihr entgegenblicken. Die immer dann zum Vorschein kommen, wenn das Feuerzeug bedient wird. Der zweite leuchtende Gegenstand. Ein weiteres Fragment.

„Mein Bruder schenkte es mir. Für ihn wertlos, denn er besaß etliche dieser Dinger. Für mich von unfassbarem Wert. Für gewöhnlich erhielt ich keine Geschenke. Der Zauberwürfel und das Feuerzeug waren daher was ganz besonders.“



Mit Bitterkeit schreitet Skyla zu dem Kind und pflanzt sich direkt neben ihm hin. Ihr Dämon spricht über seine Vergangenheit unfassbar abgestumpft, als habe er sein Herz bereits erdolcht und vergraben.

„Ein Kind sollte kein Feuerzeug zum Spielen haben!“, zischt sie.

Die schlechte Laune stammt von all dem Elend, was sie zu Augen bekommt. Das Fragment lässt sich jedoch einfach entwenden, damit erweist sich dies als schwierigere Aufgabe als im Hause davor. Immer dann, wenn sich kurz ein Licht entzündet, nutzt sie die Chance, um das Kind besser zu begutachten. Agnars jetzige Version wirkt nicht gewachsen. Nicht älter als vorher. Ein Detail, das ihr zu bedenken gibt.

 

Apathisch bedient das Kind minutenlang das Feuerzeug. Ohne jede Gefühlsregung. Seine dämonische Version verliert die Geduld. Seine Beschwerden über das Wetter, die Gefahren dieser Welt und das sie so nicht vorankommen hängen Skyla in den Ohren, und doch mag sie still und heimlich länger neben dem Kind sitzen bleiben. Sie will seiner früheren Version Gesellschaft leisten und verstehen, warum er so reagierte. Selbst bei Regen haben Lukas und sie auf dem Spielplatz getobt. Auch ohne Regenstiefel. Es gab von den Eltern zwar Ärger, doch solche Erfahrungen waren voll von Spaß und Freude. Gedankenversunken legt Skyla ihren Kopf auf die angewinkelten Knie. Die im Haar verhangenen Regentropfen tropfen dabei hinab. Ganz langsam. Die Kälte gepaart mit der Nässe bringt ihren Körper zum Frösteln, doch es stört sie nicht.

„Agnar, hattest du Freunde? Du wirkst so einsam.“

Seine Antwort kommt zögerlich, aber klingt schrecklich abgestumpft.

„Ich hatte meinen Bruder.“

Der Bruder, der nie wirklich da war und ihm nur dieses Feuerzeug zurückließ.

„Und in der Schule?“

„Ich ging nicht oft zur Schule.“

Verwundert blickt sie auf. „Wieso? Warst du krank?“

„Du stellst zu viele Fragen, Skyla!“

„Möglich. Aber ich weiß doch viel zu wenig von dir, währenddessen du mich bereits gut kennst.“

Ihr Argument lässt der Dämon in Stille versinken. Skyla kann unmöglich verstehen, ob er über ihre Worte nachdenkt oder diese einfach nur ignoriert.

 

„Das Feuerzeug! Nimm es doch einfach!“



Zur Abwechslung überrascht Agnar sie mit schlechter Laune. Seine Stimme zittert, als ertrage er jene Szene nicht länger.

„Nicht nötig. Wenn deine jüngere Version so weitermacht, dann gibt es schon bald den Geist auf.“

„Solange wollte ich aber nicht warten!“

Skyla öffnet den Mund zum Konter, als sie plötzlich Schritte und Stimmen im Tunnelsystem wahrnimmt. Der Junge legt das Feuerzeug zwischen sie und horcht ebenfalls auf. Zögerlich rutscht er zum Rand der Sitzkante und umfasst diese mit zittrigen Händen. Eine Chance, die sie wahrnimmt und das Feuerzeug kleinheimlich in ihre Manteltasche verschwinden lässt.

„Wir haben, was wir wollten, also lass gehen!“, drängt ihr Dämon verdächtig genervt.

Doch Skyla folgt dem Blick des Jungen zu dem Loch, von wo man in die Räumlichkeit klettern kann. Dort lugt der erste Kopf hinaus. Einer von drei Jungs in Agnars Alter. Alle drei beladen mit Rucksäcken, die sie achtlos hineinwerfen. Bei einem wurde der Reißverschluss nur grob geschlossen, woraufhin sich der Inhalt auf dem Boden ergießt. Sämtliche Süßigkeiten, Limonaden und eine alte tragbare Spielekonsole. Das laute Brummen verrät den Besitzer der Tasche.

„Wirklich? Hoffentlich ist das Ding noch heil!“

Seine Kumpels lachen gehässig, während er zu seiner Tasche schreitet und die Sachen zurück in die Tasche wirft. Alles außer der Spielekonsole.

 

Geschützt haben sich die Jungs vor dem Regen nur mit den Kapuzen ihrer Hoodies. Diese sind ebenfalls durchtränkt, aber es scheint keinen zu stören. Kaum ist der Letzte durch das Loch hineingeschlüpft, setzt sich das Menschenkind Agnar langsam in Bewegung Richtung Ausgang. Ohne das Feuerzeug und im hohen Bogen zu der Gruppe. Er wandelt im Schatten. Ganz leise wie eine Maus. Noch bleibt er unentdeckt, denn die Jungs stehen eng beieinander und breiten sich mit ihren Sachen tuschelnd aus.

 

Unsicher tritt Agnar aus dem Schatten. Schritt für Schritt und ganz langsam, als fürchte er, schnelle Bewegungen lassen ihn auffliegen. Die Furcht in den Augen des Kindes beunruhigt Skyla. Im Nu erhebt sie sich und schreitet entschlossen auf das Geschehen zu. Mit geballter Faust und gebleckten Zähnen. Jederzeit bereit, auch nur einen Streitlustigen abzufangen und auf den Boden zu nageln. Doch das Voranschreiten erweist sich als große Hürde. Skyla trifft auf Widerstand. Eine unsichtbare Macht zerrt an ihr. Plötzlich werden ihre Arme in die Höhe gerissen und mit einem Schrei hebt ihr Körper ab in die Luft. Mit solch einer Wucht, dass sie unfähig der Situation ausgeliefert ist. Der Flug wird gebremst und am Ende baumelt sie benommen nah der Decke.



„Verzeih, Skyla. Ich ahnte, du würdest eingreifen wollen. Doch nur die Starken überleben, das ist ein eisernes Naturgesetz! Dieser Junge hat die Schläge und Tritte verdient. Und zu meinem Bedauern lernt er nicht daraus. Er bleibt bis zum Tod schwach und elendig.“

„Agnar!“, schimpft Skyla und sucht bereits nach ihrer verräterischen Spinne, doch dieser versteckt sich zu gut. Sie nimmt stattdessen seine Spinnenweben wahr, die ihr Gewicht an der Decke halten. Noch. „Hol mich…“

Der Rest bleibt ihr im Hals stecken, denn seine klebrigen Fäden klatschen ihr ins Gesicht. Dieser freche Dämon ist nicht auf den Kopf gefallen und verbietet ihr somit den Mund. Damit kann sie keinen Befehl rausgeben, der ihn zwingt, zu gehorchen. Nie handelte der Spinnendämon gegen Skyla. Nie! Er war bislang treu ergeben.

 

Ein Blick hinab zeigt, dass der Junge aufgeflogen ist. Umzingelt von der Gruppe und in die Ecke gedrängt. Sie hört ihn flehen. Hört das schallende Gelächter seiner Peiniger, die handgreiflich werden, ihn schnappen und durch das Loch hinab schupsen. Sein Schrei hallt in ihren Knochen nach, während ihrer in den Spinnenweben erstickt. Skylas Finger erfassen die Netze, zerren daran. Die Höhe mag beachtlich und vielleicht gefährlich sein, doch sie will dem Jungen zu Hilfe eilen. Agnar sprach von Prügel, das heißt, er überlebt den Sturz. Aber Agnars Fädchen erweisen sich als belastbar und dehnbar. Spinnenseide, die nicht reißt, egal, wie sehr sie daran zieht.

 

Konzentriert visiert sie ihre Hände an. Bereit, ihre Macht loszusenden. Erneut sind die Kraftstöße zu schwach und bringen nur Bewegung in seine Netze. Doch mit jedem Versuch ändert sich dies. Die Abstoßreaktion bringt selbst seine Fäden an ihre Grenzen und Skyla fällt ein gutes Stück hinab, weil diese sich gefährlich lang dehnen. Die Rückfederung zeigt, dass sie doch nicht so schwindelfrei ist, wie sie glaubte. Auch die Schnüre an ihren Handgelenken schneiden sich schmerzhaft ins Fleisch. Einen Schmerz, den sie nicht scheut und es so weit treibt, dass ihre Macht sie hinauf zur Decke katapultiert, wo ihre Füße sich abfedern und sie sich von dem klebrigen Zeug losreißt. Ihre Hände haben diese Aktion jedoch nicht ganz unbeschadet überstanden, denn die Fäden haben sich ein gutes Stück in die Haut gesägt und bluten. Doch das sollte ihre geringste Sorge sein, denn der Fall aus der Höhe wird brutaler enden. Nichts gibt ihr mehr Halt an der Decke, die Schwerkraft erweist ihren Dienst und zerrt sie erbarmungslos hinab.



 

Untätig blieb Agnar nicht. Auch er plante seinen Schachzug und so fällt sie ihm in ein großes Spinnennetz. Zu riesig für seine Größe, aber rettend. Auf den Rücken liegend starrt sie hinauf zur Decke. Zeit, wo sich ihr Herz nach dem kurzen Fall beruhigt. Aber die Weben an ihren Mund stören, daher plant sie diese, von sich zu reißen. Wie hilflose Beute stellt sie jedoch fest, dass Agnars Netz sie nun komplett bewegungsunfähig macht. Sie klebt zu fest an der Spinnenseide.

„Verzeih, Skyla. Das wird sicherlich nun eine unschöne Erfahrung, aber freiwillig wirst du jenen Ort nicht verlassen. Daher bin gezwungen zu handeln.“

Agnar klingt nah. Den Kopf kann Skyla jedoch kaum bewegen.

All die freigelassene Energie fehlt ihr, um Agnars nächsten Schachzug zu entkommen. Wie ein Schwall Wasser klatscht ihr das nächste Netz entgegen. Groß genug, um sie zuzudecken. Das große Netz gibt damit nach. Zuerst beult sich die Stelle mit Skyla verdächtig in die Tiefe. Die Ankerfäden ziehen sich lang, bis der Erste reißt. Nach und nach folgt der Rest. Beim Fall überschlägt sich Skyla mehrere Male, was ihrem Schutzgeist direkt in die Hände spielt, denn so wickelt sie sich von allein in einen Kokon. Was zu ihrem Glück den Aufprall abfedert. Als würde Skyla auf eine weiche Matratze fallen. Eine mit starkem Federkern, der sie noch mal kurz aufhopsen lässt. Agnars Fäden mögen klebrig und echt widerlich sein, aber all die vielen Schichten wirken weich und belastbar.

 

Ein grelles Licht zu ihrer Rechten zwingt sie, die Augen zu schließen, um nicht direkt zu erblinden. Das Bild, was sich ihr danach bildet, lässt sie erschaudern. Denn Agnar gewinnt an Größe. Als wäre Kai vor Ort, der es liebt, die Ängste der Spinnenphobiker zu triggern. Somit überragt Agnars Gestalt locker ihre Hüfte im Stehen. Zwischen den Zähnen zerbricht das Feuerzeug, was eigentlich in ihrer Manteltasche liegen sollte. Wie er daran gekommen ist und wann er dies entwendet haben muss, bleibt ihr ein Rätsel. Doch Zeit zum Nachdenken bleibt ihr keine. Der Kokon setzt sich gemeinsam mit Agnar in Bewegung. Hinab durch das Loch ins Erdgeschoss. Gehässiges Gelächter und ein ständiges Donnern dringen an Skylas Ohr. Doch Agnar entführt sie in die gegengesetzte Richtung. Als wüsste er, dass nicht weit von ihnen der nächste Eingang auf sie wartet.



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