Kapitel 9

Glassplitter und spitze Steinen leisten die notwendige Vorarbeit. Der Kokon stößt an seine Grenzen. Die Freiheit ist zum Greifen nah. Es muss nur etwas nachgeholfen werden. Zum Glück schlägt die Vergangenheit Wellen in der Dämonenspinne. Die bekannten Ortschaften lösen etwas in Agnar aus. Lassen ihn innehalten und konfrontieren ihn mit Emotionen und Erinnerungen. Seine Fäden mögen biegsam und klebrig sein, doch Skyla lässt sich von der Erschöpfung nicht beeinflussen. Nur wenige Griffe, und sie entkommt ihrem Gefängnis. Mühselig kämpft sie sich aus der engen Schale und streicht sich einzelne Fäden aus dem Gesicht. Kein Regen prasselt hinab, die Luft ist klar und kühl. Über ihren Köpfen erstreckt sich ein Sternenhimmel. Gedämmt von der Lichtverschmutzung. Das Straßenviertel, wo sich Dämon und Medium befinden, kommt Skyla bekannt vor. Die Erkenntnis schnürt ihr den Brustkorb zu. Emilie wohnt ganz in der Nähe. Ein Blick auf ein Wegschild und ihr Verdacht bestätigt sich. Die Jägerstraße. Ein Wohnviertel in Stadtnähe. Emilies graue Hauswand lässt sich aus der Ferne ausmachen. So wie der Eingang zum Hinterhof, wo die beiden Freundinnen zwischendurch saßen und einige Zeit im kleinen Garten nahe der Garagen verbrachten.

 

Der Kiosk zu ihrer rechten ist Skyla jedoch nie ins Auge gesprungen. Angestrengt versucht sich Skyla daran zu erinnern. Bis zu dem Moment, als die Ladentür aufspringt und die Kinderversion von Agnar mit einem Einkaufsbeutel hinaustritt. Im Schein der Laterne fällt ihr ein blaues Auge und eine aufgerissene Lippe auf. Der Junge läuft mit geducktem Kopf voran.

„Agnar!“ Ein Mann mittleren Alters tritt heraus und hält eine Schachtel Zigaretten hoch. „Du hast, was vergessen. Deine Mutter kommt ohne die hier doch gar nicht klar.“

Eilig kehrt der Junge zurück zu dem Mann mit Brille und Superhelden-Shirt. Stumm nimmt er die Schachtel entgegen und nickt als Zeichen des Danks. Der Mann wuschelt ihm frech durchs Haar, woraufhin sich Agnars menschliche Version beschwert: „Lass das!“

Ergeben hebt der Mann die Hände in die Höhe. „Okay, okay. Sag mal, läufst du wieder durch die Hintergasse? Das ist gefährlich! Besonders um die Uhrzeit.“

„Ich komm schon klar!“, giftet der Junge und macht sich eilig auf den Weg. Vorbei an der Dämonenspinne und auch an Skyla, die einen Blick in die Tasche erhaschen kann.



 

„AGNAR! Verdammt! Ist das Alkohol?“

„War ja klar, dass die Nervensäge irgendwann ausbricht!“, ärgert sich der Schutzgeist.

Skyla tut so, als hätte sie dies überhört und mutmaßt: „Dann befindet sich das nächste Fragment in der Einkaufstüte?“

„Unwahrscheinlich. Das ist alles für Mutter. Nichts, was mir Freude bereitet hat. Der Einkauf war eine lästige Angelegenheit. Einmal bin ich fast damit in die Arme eines Polizisten gelaufen.“

„Dann trägst du sicherlich das Fragment bei dir. Also der Junge. Wir sollten hinterher!“

„Nein! Wir suchen eine andere Erinnerung!“

Erneut reagiert er mit Zorn. Doch Skyla ist frei und lässt sich nicht mehr von ihm bremsen. Nicht erneut. Eine schnelle Drehung und sie läuft los. Die erste Warnung beginnt mit seinem Ruf, daraufhin tritt er in Aktion und Skyla entkommt Spinnenweben, die er losschießt. Seine menschliche Version biegt tatsächlich in die Hintergasse ein. Zwischen den Häusern. Vorbei an herumstehenden Mülltonnen, Fahrrädern und sogar bellenden Hunden hinter den Zäunen. Die Zwischenwege sind eng, dreckig und unbeleuchtet. Doch der Junge läuft furchtlos heran und klettert sogar von einer Kiste, auf einen Müllcontainer. Hinauf auf ein Mauerstück, von wo er entlang balanciert. Im Lichtschein des Mondes mag sie sogar ein Lächeln auf seinen Lippen ausmachen. Endlich mal ein Lichtblick in Agnars trostloser Kindheit. Ein Augenblick, wo er unbekümmert wirkt. Bis er das Ende des ersten Mauerstücks erreicht und seine Augen sich vor Schreck weiten. Beunruhigt eilt Skyla heran und biegt um die Ecke, wo sie instinktiv Schutz sucht, denn ein Schuss wird abgefeuert.

 

Mit eingezogenem Kopf kauert Skyla hinter einem Motorrad. Aus dem Hintergrund lauscht sie dem Tod. Dem Röcheln und der schweren Atmung. Ihr Körper reagiert zögerlich. Ganz bleich richtet Skyla den Kopf hinauf zur Mauer, wo sie den Menschenjungen ausmacht. Auf den ersten Blick unbeschadet, aber wie versteinert. Kein Wunder, denn er wurde Zeuge eines Mords. Betroffen ist ein Teenager. Nicht volljährig, aber auch nicht zu jung. Ein Junge in abgenutzter Kleidung. Getötet von einem dunkel gekleideten Mann. Sicherlich der Besitzer des Motorrads, wenn man seine Schutzkleidung betrachtet. Es fehlt nur der Helm. Seit dem Schuss drehen die Hunde im Hintergrund durch, doch davon lässt sich der ausgewachsene Mann nicht stören. Stattdessen putzt er in aller Ruhe seine Pistole. Silberfarbende Augen wie Milan. Nur kalt wie Eis. Ganz anders als bei Skylas Freund. Das dunkle Haar kurz und elegant zurückgestrichen.



 

„Wie heißt du, Kleiner?“

Der Fremde mag noch immer seine Waffe anstieren und doch zweifelt Skyla nicht, dass er mit Agnar spricht. Still wie sie es von ihrem Schutzgeist kennt, verhält sich auch seine menschliche Version. Daher blickt der Mörder auf und fixiert den Jungen auf der Mauer an.

„Kluger Junge. Noch klüger wäre es, wenn du weggelaufen wärst. Aber du kämst nicht weit.“

Kaum zu Ende gesprochen bricht Agnars menschliche Version seitlich von der Mauer. Beunruhigt nähert sie sich ihm. Der wachsende Blutfleck an der rechten Flanke lässt eine Schussverletzung vermuten. Die Kugel steckt nicht im Jugendlichen, sondern flog hindurch, um schlussendlich bei Agnar einzuschlagen. Der Junge befindet sich noch immer in einer Schockstarre. Sein T-Shirt wird von seinem Blut durchtränkt. Skyla plant zu helfen. Ihn zu retten. Doch der Fremde nähert sich und stoppt genau neben ihr, um mit leeren Augen auf das Kind hinabzublicken.

„Wie heißt du, Junge?“

Agnars Augen füllen sich mit Leben. Skyla bemerkt, wie er das Taschenmesser über dem Knöchel des Fremden ausmacht. Befestigt an einem kleinen Gürtel. Tatsächlich findet Agnar die Kraft, um sich aufzusetzen und dem Kerl das Messer zu entwenden. Ohne Zögern sticht er zu. Mehrere Male und mit Kampfgebrüll. Der Mann stürzt rückwärts. Er feuert drei Schüsse ab, zwei verfehlen und einer bohrt sich Agnars Schulter. Doch das Kind ist clever genug und klammert sich eisern an das Messer. Bis ihn der Lauf der Pistole gegen die Schläfe gedonnert wird und er bewusstlos wegbricht.

 

Ohne Gefühlsregung blickt der Fremde auf seine blutenden Beine hinab und beginnt diese sorgfältig zu verbinden. Zeit zum Eingreifen bleibt Skyla keine, denn ein Spinnennetz erwischt sie und zieht sie in den Hintergrund. Direkt zu ihrem Dämon.

„Keine Sorge, noch sterbe ich nicht. Nicht an den Schussverletzungen und auch nicht an den Blutverlust!“, verspricht Agnar ihr.

Skyla macht das Messer aus, das sich der Dämon ebenfalls aus der Ferne mit seinen Weben schnappte. Es leuchtet. Anders als vor wenigen Augenblicken. Damit hätten sie das dritte Fragment. Obwohl die Aufgabe erfüllt wäre und sie sich jetzt auf den nächsten Schritt konzentrieren müsste, wirkt das alles nebensächlich. Ein Kind befindet sich in Gefahr.



„Wirst du gerettet, Agnar?“

Ihr Herz braucht eine ehrliche Antwort. Eine Absicherung, dass doch alles gut läuft. Doch erneut bestraft der Dämon sie mit Schweigen.

„AGNAR! VERFLUCHT! ANTWORTE DOCH!“

„Spielt keine Rolle, was jetzt passiert. Wir haben, was wir wollten.“

Er macht sie unfassbar wütend. Seine sture und verschwiegene Art. Skyla weigert sich, die Reise fortzusetzen. Nicht ohne die Wahrheit.

 

Das zornige Starren zeigt Wirkung. Agnar dreht sich jammernd fort.

„Du bist zu neugierig! Aber wenn du so sehr darauf bestehst, dann erzähle ich dir von der grausamen Wahrheit! Dieser Kerl ruft einen Kumpel an.“

Welch ein Timing. Als spiele Agnar den Erzähler, hält der Fremde bereits sein Telefon am Ohr.

„Einen Totengräber. Die beiden stecken mich in einen Sarg. Ich werde lebendig begraben und kämpfe mich wie durch ein Wunder heraus aus dem zu gebuddelten Loch. Ein stolzer Moment, wo ich als Kämpfer erwache. Ich hätte wohl oder übel überlebt. Hätten die beiden nicht ein Nachtlager aufgeschlagen. Der Schock stand ihnen ins Gesicht geschrieben und doch durchlöchern sie mich mit unzähligen Kugeln. So viele, als fürchten sie sich davor, ich könnte immer wieder von den Toten erwachen und mich als Monstrum auf sie stürzen.“

Agnar mag die Details weglassen, aber noch immer klingt seine Stimme furchtbar abgestumpft, dabei berichtet er wohl von den grausamsten Stunden seines Lebens. Allein der Gedanke daran lässt Skyla erschaudern. Sie will sich nicht vorstellen, wie es anfühlen muss, in einem Sarg tief in der Erde zu erwachen und das als Kind. Allein die Erfahrung in der Leichenhalle hat ihr gereicht. Damals auf der Suche nach Kai, als Segone ihn entführte und sie durch diese Macht ausfindig machen konnte. All die Verwirrung und die Zweifel an einem Ort zu erwachen, der einem das Gefühl gibt, bereits gestorben zu sein. Der alles in Frage stellt und Panik aufkeimen lässt. Agnar verstarb als Kämpfer. Ein Kind mit einer verkorksten Kindheit, das dennoch unfassbar viel Mut beweist.

 

Die Wahrheit ist raus und unfassbar beklemmend. Nicht in der Lage, sich dazu zu äußern oder gar den Kopf zu heben, sitzt Skyla still und leise auf dem Boden. Sie war fordernd und dürfte gerade jetzt nicht schweigen, doch Agnars Geschichte hält ihr die Schattenseiten vor Augen. Die Geburt eines Dämons. Bei so viel Leid und Einsamkeit wundert sie es nicht, warum Agnar als ein dunkles Geschöpf erwachte. Ähnlich wie bei Kai. Bei so viel Dunkelheit verirren sich sicherlich viele Seelen und kommen vom Pfad des Lichts ab.



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