Ascardia 2 – Kapitel 10

~Cayden~
Als Ascardia sich neben Ayden in die Lüfte erhob, spürte ich ein Gefühl in mir aufsteigen, das ich nicht einordnen konnte.
Das Strahlen auf ihren Lippen und die Freude in ihren Augen sollten mir ein gutes Gefühl geben, wie immer, doch es war nicht so. Stattdessen war da etwas Rohes in mir, das sie packen und an meine Brust ziehen wollte.
Als sie das erste Mal auf Silber geflogen war, war es nicht so gewesen. Vorhin war es nicht so gewesen.
Warum jetzt?
Weil mein Bruder mit ihr in der Luft war, nicht ich?
War es das, was meine Brust so schmerzen ließ?
Ich widerstand dem Drang, die Stelle zu reiben, würde es doch sowieso nichts bringen.
Stattdessen beobachtete ich Ascardia.
Ihre anmutigen Bewegungen zeugten nicht von Erfahrung, sondern Talent. Ich hatte noch nie jemanden gesehen, der so schnell so gut auf einem Greifen geworden war. Auch Ayden hatte viel länger gebraucht als sie, dabei galt er schon früher als Naturtalent.
Mit einer schnellen Bewegung, um nichts zu verpassen, bewegte ich mich in eine Sphäre, die nicht jeder Fae betreten konnte und die doch Teil unserer Welt war.
Hier gab es keine Regeln, wie die irdische Welt sie kannte.
Ein einziger Gedanke reichte und ich war oben in der Luft. Nah bei Ascardia, die neben Ayden flog und mit ihm die Regeln diskutierte.
Ein Hindernislauf sollte es werden. Typisch Ayden. Er liebte solche Sachen.
Mit einer Bewegung ließ er magische Ringe erscheinen, die Ascardia dank mir schon kannte.
Sie waren Marker der Strecke und mussten nacheinander erreicht werden. Ayden war darin kaum zu schlagen.
Eigentlich war es unfair, dass er Ascardia dazu herausforderte, doch ich kannte meinen Bruder gut genug, um seine Hintergedanken zu bemerken.
Ich blickte zu ihm und erstarrte. Während er Ascardia erklärte, was sie zu tun hatte, strahlte er, wie schon lange nicht mehr. Es sollte mich glücklich machen, denn ich hatte diese sorglose Seite an ihm schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen, doch sie war auf Ascardia gerichtet.
Meine Hand schloss sich zur Faust, als die beiden auch schon starteten.
Beide Greife schossen wie Pfeile durch die Luft, entgingen meinen Blicken jedoch nicht.
Für den Bruchteil einer Sekunde wünschte ich mir, dort oben mit ihr zu sein. Mit ihr auf dem Greif zu fliegen, wie wir es in der ersten Flugstunde getan hatten, doch ich ermahnte mich selbst.




Es gab einen Grund, warum ich Abstand wahrte.
Das Ziehen in meiner Brust, das mich dazu motivierte, sie an mich zu drücken, war zu stark, zu animalisch, zu alt.
Eine Seite, die ich dachte, weggeschlossen zu haben, erwachte in mir. Jedes Mal, wenn Ascardia mich mit diesem breiten Lächeln und den strahlenden Augen anblickte.
Das Bedürfnis, sie zu beanspruchen, sie zu besitzen und jedem Mann in ihrer Nähe die Kehle herauszureißen.
Ein Trieb, dem ich aus gutem Grund nicht nachging. Nicht nachgehen konnte, wenn ich nicht wollte, dass Ascardia am Ende wie meine Mutter wurde.
Ich versuchte meinen Blick abzuwenden, um den Gefühlen keine Nahrung mehr zu geben, doch mein Körper wollte nicht auf mich hören. Ein Zeichen meiner Schwäche, die seit einigen Tagen durch meine Glieder floss.
Ascardia zu beobachten war zu einer Obsession geworden, dabei war ihr nicht einmal bewusst, dass sie in den letzten Tagen nie lange allein gewesen war.
Hier, wo sie mich nicht sah, nicht wahrnahm, konnte ich dem Drang, sie zu berühren, viel leichter widerstehen. Hatte ich angenommen.
Als sie jedoch den ersten Ring vor Ayden erreichte und einen Jubelschrei ausstieß, reagierte mein Körper instinktiv.
Ich kämpfte den Drang nieder, mich einzumischen. Vor allem, als das wissende Lächeln auf Aydens Lippen mir zeigte, dass er es zugelassen hatte.
Er spielte mit ihr, während ich das Kribbeln in meinen Fingern so krampfhaft unterdrückte.
Plötzlich verstand ich, was dieses Gefühl war. Es war Eifersucht. Eifersucht darüber, dass mein Bruder so sorglos ihre Nähe genießen konnte, während ich mit mir zu kämpfen hatte.
Würde Ayden diese Grenze zu Ascardia genauso überschreiten, wie ich es getan hatte oder würde er es schaffen, sich zu zügeln?
Es reichte, wenn ich mit mir zu kämpfen hatte. Wenn Ayden so weit fiel … würde ich Ascardia in Sicherheit bringen müssen.
Ich schloss einen Moment meine Augen, um mich zu beruhigen, doch ein erneuter Jubelschrei Ascardias zog meine Aufmerksamkeit wieder auf sie.
Unweigerlich musste ich an meinen ersten Eindruck von ihr denken. Verdreckt, abgemagert und wie ein wildes Tier.
Ihre Wildheit hatte sie behalten, doch jetzt sah sie aus wie eine stattliche, junge Frau. Außerdem fand ich, dass ihr das dunklere Blond ihrer Haare viel besser stand.




War das eine Nebenwirkung der Elementlichter?
Lilithoria hatte erwähnt, dass die Lichter ihre Körperstruktur änderten, doch ich hatte nicht damit gerechnet, dass man es so deutlich sehen würde.
Neben ihren Haaren und Augen war sie auch ein kleines Stück gewachsen. Etwas, von dem ich hoffte, dass es nicht noch einmal passierte. Ascardia war eine elegante Kriegerin, die keine Muskeln brauchte, um Eindruck zu hinterlassen.
Ein Gefühl von Stolz kam in mir auf, als ich sah, wie spielerisch Ascardia den nächsten Ring erreichte. Ayden war ihr jedoch auf den Fersen. Als hätte er ihr einen Vorsprung gewährt und würde ihn nun wieder aufholen wollen.
Hatte er sich so verschätzt oder machte er das mit Absicht?
Obwohl Ascardia bereits Schweiß auf der Stirn stand, ließ sie sich davon nicht beirren und gab ihr Bestes. Sie saß auf Silber als hätte sie in ihrem Leben nie etwas anderes gemacht.
Dieser Anblick brachte mein Herz erneut zum Stolpern. Ich wollte sie, das würde ich nicht leugnen. Aber wie nah war in Ordnung?
Wie lange würde ich ihren Aufforderungen zur Nähe standhalten?
Erinnerungen an einen Kuss und an ihren sanften, verführerischen Körper erzeugten eine ungeahnte Hitze in mir. Einen Hunger, den ich unbedingt stillen wollte, aber nicht konnte.
Ascardia war ein Werwolf. Eine Omega. Wenn ich mich zu sehr gehen ließ, würde ich sie zerstören, aber ich hielt es einfach nicht mehr aus, wenn sie nicht in meiner Nähe war.
Als würde selbst meine Magie auf sie reagieren.
Meine jetzige Herangehensweise brachte nichts. Machte es nur schlimmer.
Vielleicht sollte ich eine neue Strategie versuchen.
Vorsichtig.

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