Ascardia 3 – Kapitel 9

~Ascardia~
Es war ungewohnt, Mishelle an meiner Seite zu haben. Sie hatte mir beim Fest Wein über das Kleid gekippt und schien sich jetzt dafür mit allem, was sie konnte, entschuldigen zu wollen. Zumindest glaubte ich, dass das der Grund war, warum sie mir nicht von der Seite wich.
Issabella war nie so gewesen. Sie hatte mir immer ein bisschen mehr Freiraum gegeben, doch so richtig störte es mich nicht.
»Ist das wirklich in Ordnung?«, fragte ich, während sie meine Maße nahm. Dabei summte sie begeistert.
Cayden hatte entschieden, dass ich eine neue Garderobe brauchte, um für die Jahreszeiten gewappnet zu sein. Auch, weil ich wieder etwas zugenommen hatte und die meisten Kleider spannten. Trotzdem fühlte ich mich immer wieder unwohl dabei, extra für mich einen Schneider zu beauftragen.
»Denkt an das Fest, das bald ansteht. Ihr wollt doch schön aussehen, um Fürst Veylenreach zu beeindrucken«, zwinkerte mir Mishelle zu.
Sie war in meinem Alter, wenn ich das richtig schätzte. »Wir müssen Euch auch noch Schmuck besorgen«, erklärte sie schwärmend. »Ohrringe in der Farbe von Fürst Veylenreachs Augen würden Euch wunderbar stehen.«
Meine Lippen zuckten, denn es war irgendwie niedlich, Mishelle so schwärmen zu sehen. Gleichzeitig fühlte ich mich jedoch auch ein bisschen überfordert.
»Ich weiß nicht, ob ich so viel Schmuck möchte«, erwiderte ich zögerlich. Erinnerungen an einen Besuch bei Fürst Dorne kamen wieder hoch. Ich wollte nicht eine von diesen Frauen sein, die unter den ganzen Schmuck verlorenging.
Mishelle sah mich mit einem Blick an, den ich eher bei einem Kind erwartet hätte, das bettelte. »Eine Kette und Ohrringe solltet Ihr wirklich in Betracht ziehen«, bat sie.
Ich schloss meine Augen. »In Ordnung«, stimmte ich zu. Wenn es sie glücklich machte, wieso nicht. Zwei Schmuckstücke waren wirklich nicht viel.
Mishelle setzte ihre Arbeit fort, hielt aber plötzlich inne. Ich konnte sehen, wie sie ihren Kopf leicht drehte. Das hatte ich schon einmal beobachtet, war aber überrascht, es auch bei Mishelle zu sehen, die keine Alpha war. »Fürst Revilspire möchte Euch sehen, sobald wir hier fertig sind«, sagte sie mit einem Lächeln und setzte sofort ihre Arbeit fort.




Ich fragte mich, warum Ayden mich nicht direkt kontaktierte. Seitdem ich das eine Mal zusammengebrochen war, als Cayden mich mental angesprochen hatte, kontaktierte keiner von beiden mich mehr so.
Ich verzog ein wenig meine Lippen. //Du kannst mich auch direkt fragen//, meckerte ich, ohne zu bemerken, dass es sich dabei nicht nur um meine eigenen Gedanken handelte.
Erst, als eine kühle Brise meine Sinne streifte, wurde mir klar, dass ich offensichtlich eine mentale Verbindung aufgebaut hatte. Aber nicht zu Ayden.
//Warum so verärgert?//, fragte Caydens Stimme, die ich fast schon als belustigt empfand.
Hitze schoss mir ins Gesicht. Das war mir überaus peinlich, aber gleichzeitig ließ es mein Herz höherschlagen. Ich konnte mental mit Cayden kommunizieren.
//Entschuldige, das war keine Absicht//, erwiderte ich peinlich berührt.
Mental erklang ein Schnalzen. //Und ich dachte schon, du hast dein Versprechen vergessen.//
Ich wusste nicht sofort, wovon er sprach, bis mir klar wurde, dass mentale Kommunikation auch Magie war. //Ich wusste nicht, dass ich das kann//, gab ich zu. //Ich war nur ein wenig frustriert über Ayden, der Mishelle kontaktiert hat, statt mich direkt//, erklärte ich mich, wollte ich doch keinen Ärger dafür haben.
//Du kannst mich jederzeit kontaktieren, sollte dich etwas beschäftigen.// Diese Zusage ließ mein Herz einen Sprung machen und das Lächeln auf meinen Lippen wurde tiefer.
»Lady?«, fragte Mishelle überrascht. Natürlich war ihr nicht entgangen, dass sich meine Laune aufhellte.
»Hat Ayden gesagt, was er möchte?«, fragte ich, denn in mir wuchs eine gewisse Neugier.
Mishelle schüttelte leicht den Kopf. »Nur, dass er Euch bei den Ställen sehen möchte, sobald wir fertig sind.«
Ein Strahlen schlich sich auf meine Lippen. Bei den Ställen? Das hieß wir würden mit Nox und Silber fliegen! Es war wirklich schon lange her, dass wir zusammen einen Ausflug gemacht hatten. Ich war zwar jeden Tag allein ein wenig geflogen, doch das war nicht dasselbe.
Einen Moment dachte ich darüber nach, ob er wohl sein Versprechen, mir das Bogenschießen beizubringen, einlösen wollte. Aber warum bei den Stallungen?
Je mehr ich darüber nachdachte, desto aufgeregter wurde ich. »Wenn er bei den Ställen wartet, sollte ich etwas passendes anziehen«, bemerkte ich in Mishelles Richtung, die sofort den Schrank öffnete und mir die Hosen und die Bluse herausholte, die ich so gern beim Reiten trug.




Ich hatte mir nie besonders viele Gedanken darum gemacht, dass ich in diesem Haushalt die einzige Frau war, die Hosen trug, doch es fühlte sich richtig an.
Mishelle half mir dabei, mich anzukleiden und band dann meine Haare zu einem festen Zopf, damit sie nicht störten.
Als ich fertig war, war mein erster Impuls, aus dem Fenster zu springen. Mishelle war jedoch keine Alpha. Sie würde mir nicht folgen können, daher wandte ich mich zur Tür.
Mit schnellen Schritten lief ich durch die Flure, die Treppen hinab und hinaus in den Garten.
Mishelle folgte schwer atmend, während ich nicht einmal außer Puste war. Stattdessen hatte ich das Gefühl voller Kraft zu sein. Besonders, als die warme Sonne mein Gesicht küsste.
»Bitte nicht so schnell, Lady«, murmelte Mishelle und versuchte, mit mir Schritt zu halten.
Es fiel mir wirklich schwer, langsamer zu laufen. Mir war nie aufgefallen, dass ich schneller war. Issabella war immer recht weit hinter mir gelaufen, daher hatte ich nicht erwartet, dass es anderen so schwerfallen könnte.
Also lief ich langsamer, auch wenn die Neugier mich halb umbrachte.
Mein Magen kribbelte voller Aufregung und als die Stallungen in Sicht kamen, versuchte ich sofort, Hinweise zu erkennen.
Ayden streichelte gerade Nox, der gesattelt war. Auch Silber stand bereit. Ich bemerkte jedoch sofort den neuen Sattel.
Nachdem ich Cayden überredet hatte, mich ohne Sattel reiten zu lassen, tat ich das eigentlich immer. Das sie jetzt einen Sattel trug und selbst Nox gesattelt war, verwirrte mich einen Moment.
Dann bemerkte ich den Köcher mit Pfeilen, der auf Aydens Rücken hing.
Mein Herz machte einen Satz und Vorfreude packte mich. Ich hatte zwar keine Ahnung, warum er mit Bogen bei den Greifen stand, aber zumindest sah es aus, als hätte er sich etwas dabei gedacht.
Als er mich entdeckte, grinste er, was mich nur noch aufgeregter werden ließ. Was auch immer er vorhatte, er hatte selbst große Lust darauf.
»Bereit, was Neues zu lernen?«, fragte er und hielt einen Bogen hoch, den ich in seiner Hand gar nicht bemerkt hatte.
»Ich habe schon gedacht, du hast es vergessen«, neckte ich gut gelaunt, als ich nach der Waffe griff, um sie mir zu besehen.
Silber hinter mir bewegte sich und drückte ihren Kopf in meinen Rücken.




»Ja, ja«, lachte ich, drehte mich um und begrüßte sie mit einer ausgiebigen Streicheleinheit.
»Warum sind die Greifen hier, wenn du mir das Bogenschießen beibringen willst?«, fragte ich, während Silber besagten Bogen ausgiebig beschnupperte.
Aydens Grinsen bereitete mich ein wenig auf seine Antwort vor, doch glauben konnte ich ihm trotzdem nicht, als er sagte: »Weil du lernen wirst während des Reitens zu schießen.«
Überrascht wirbelte ich zu Ayden herum. Ich sollte zuerst lernen im Reiten zu schießen, bevor ich überhaupt wusste wie es ging?
War das sein Ernst?

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