DBdD-Kapitel 74

Es gelang Zunae, sich wieder zu beruhigen, als die Sonnenstrahlen sich über den Horizont ergossen.
In der Burg begannen die Bewohner aufzustehen und die ersten Kinder liefen durch die Gänge. Vor diesen wollte Zunae keine Schwäche zeigen. Für sie war das Fest wichtig und sie sollten es gut in Erinnerung behalten.
Zunae wischte sich die Tränen aus den Augen und blickte zu Yelir. »Wir sollten losgehen«, murmelte sie und versuchte sich an einem Lächeln. Allerdings zuckten lediglich ihre Mundwinkel.
Yelirs Sorge wuchs, doch er würde es fürs erste dabei belassen und reichte ihr den Arm. Zunae hakte sich unter und ließ sich hinaus in den Innenhof führen, in dem bereits die Kinder tobten.
Yelir bemerkte, wie Zunaes Mundwinkel zuckten, während sie diese beobachtete. Seine Befürchtungen, sie würden wegen den Kindern traurig werden, bestätigte sich zum Glück nicht. Stattdessen schien sie es zu genießen.
Also brachte er sie zu einer gemütlichen Bank, die in der Sonne lag. Nah genug beim Geschichtenerzähler, um zu lauschen. Aber auch so nah bei der Musik, dass sie diese hören konnten.
Die Haremsfrauen hatten sich schön gemacht und stellten ihr Können an der Violine, der Geige und einigen anderen Instrumenten zur Schau. Die Musik war ausgelassen und die Sonne wärmte ihre Körper.
Zunae beobachtete, wie Liselle sich um den Hindernislauf für die Kinder kümmerte. Wärme breitete sich in Zunae aus, während sie die liebevolle Art, mit der Liselle sich um die Kinder kümmerte, bewunderte. Sie half ihnen dabei, die rohen Eier auf die Löffel zu legen, die sie durch den Hindernislauf heil ans Ende bringen mussten. Eigentlich hätten es kleine Laternen sein sollen, doch aufgrund des Feuers waren sie davon abgewichen.
Wie es wohl gewesen wäre, wenn ihr Kind überlebt hätte? Es wäre noch nicht geboren. Vermutlich wäre sie jetzt im vorletzten Monat schwanger.
Hätte sie die Feier dann vielleicht mit anderen Augen gesehen? Hätte es überhaupt Überlebende aus Vereven gegeben?
Gedankenverloren beobachtete Zunae die Kinder, sodass sie gar nicht bemerkte, wie die Tische mit Essen bestückt wurden.
Irgendwann erhob sich Yelir, um an einem der Tische Essen zu holen.
Heute war alles ungezwungen, weshalb er auch den Dienern frei gegeben hatte.




Selbst Degoni und Aelith waren anwesend, obwohl sie noch nicht viel mehr über Fürst Ladvarian herausgefunden hatten.
»Lord Yelir. Das ist ein sehr schönes Fest«, wurde er von einer Frau begrüßt, die er nur flüchtig kannte. Er hatte sie ab und an bei Charlet gesehen und wunderte sich nun darüber, dass diese ihn so einfach ansprach. Als er aufblickte und sie musterte, fragte er sich, ob Zunaes Einfluss auf die Mode der Frauen wirklich so groß war, dass er schon wieder Ähnlichkeiten erkannte. Unter anderem trug sie das braune Haar offen. Etwas, was er so bisher nie wahrgenommen hatte. Zudem umspielte sie ein Hauch von Rose. Sehr dezent und nicht mit den Duftwässern zu vergleichen, die es hier gab.
»Danke«, erwiderte Yelir, der die Frauen aus dem Harem am liebsten gar nicht eingeladen hätte. Allerdings hatte Lacrew darauf bestanden. Für die Frauen gab es kaum noch Möglichkeiten. Außerdem konnte er so herausfinden, wie gut sie mit der normalen Bevölkerung klarkamen. Vielleicht wäre es möglich, den Harem langsam aufzulösen, indem er ihre Fähigkeiten nutzte.
Frauenarbeit war zwar immer noch nicht weit verbreitet und nicht unbedingt gern gesehen, doch ohne etwas zu unternehmen, würde sich nichts ändern. Außerdem waren viele Männer im Krieg gefallen. Arbeitskräfte waren Mangelware.
»Erinnert Ihr Euch noch an mich? Mein Name ist Evette«, stellte sie sich vor und knickste leicht.
Yelir wollte erst den Kopf schütteln, doch dann erinnerte er sich an etwas. In seiner Kindheit gab es nur ein einziges Mal einen Zusammenstoß mit einem Kind aus dem Harem. In seinem Innenhof. Das Mädchen hatte sich verlaufen und den Fuß verstaucht, weshalb er sie zurückgetragen hatte. War ihr Name nicht auch Eve?
Das Mädchen hatte ihn mehrmals besucht und sie hatten sich unterhalten, doch irgendwann war sie nicht mehr gekommen. Zu einer Zeit, in der bereits das Gerücht umging, Yelir könnte Frauen nicht leiden.
Bis jetzt hatte er gar nicht mehr daran gedacht. Es war ihm einfach nicht wichtig genug gewesen.
»Vielleicht. Bist du das Mädchen mit dem verstauchten Fuß?«, fragte er nach, da er ihre Frage nicht einfach unbeantwortet lassen wollte.
Evette lächelte strahlend. »Das bin ich«, sagte sie erleichtert, dass er sich an sie erinnerte.




Yelir hatte jedoch keinerlei Emotionen, während er sie betrachtete und wusste nicht so richtig, was er mit der Situation anfangen sollte. Immerhin war sie es, die nicht wiedergekommen war. »Es freut mich, dass dir das Fest gefällt, aber meine Frau wartet. Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest«, sagte er schließlich, bevor er sich den Gerichten widmete.
Einige waren kalt, andere wurden durch magische Steine warmgehalten.
Er hatte sich nie Gedanken darüber gemacht, wie viele Steine eigentlich im Alltag zum Einsatz kamen, aber seitdem es die Probleme mit den Minen aus Dravarn gab und sie in Kavalare die Mine wieder geöffnet hatten, fragte er sich, ob das alles so seine Richtigkeit hatte.
Eine Moment blickte Yelir zwischen gebratenem Reis und süße Kuchen hin und her. Heute war Zunaes Laune schwer einzuschätzen. Sollte er ihr etwas Süßes oder Salziges mitbringen?
»Was für eine süße, kleine Feier«, erklang eine weitere, weibliche Stimme, die Yelir innerlich die Augen verdrehen ließ.
Charlet. Natürlich hatte er sie einladen müssen, war es doch eine Familienfeier. Degoni und Lacrew freuten sich sicherlich darüber. Er nicht. Zudem hatte er gehofft, dass sie sich von ihm fernhalten würde.
»Was willst du?«, murmelte er leise, denn er hatte keine Lust auf seine Sticheleien. Zum Glück war sie nicht direkt zu seiner Frau gegangen. Zunae brauchte keine weiteren Sorgen.
Charlet hob die Hand an ihr Herz, als wär sie von seinen Worten wirklich getroffen. »Ich wollte dir nur sagen, was ich von der Feier halten«, sagte sie, als wäre nichts dabei,
Yelir verdrehte die Augen, ohne, dass sie es sehen konnte.
»Ich weiß, dass sie nicht nach deinen Standards ist. Aber ich versuche sie auch gar nicht zu erfüllen«, stellte Yelir klar, bevor er sich zu ihr umwandte. »Du bist nur eingeladen, weil Vater und Bruder das wollten. Ginge es nach mir, wärst du nicht hier. Du mischst dich viel zu sehr ein.« Mit diesen Worten nahm er sich Reis und Kuchen, bevor er sich auf den Weg zu seiner Frau machte.
Er spürte das leichte Stechen in seiner Schläfe, das die Frust über Charlet bei ihm auslöste.
»Yelir?«, fragte Zunae mit leiser Stimme, als sie ihren Mann entdeckte.
Sie saß noch immer auf der Bank und beobachtete. Eines der Kinder hatte ihr jedoch eines der schwarzen Tücher und einen Pinsel mit Goldfarbe gebracht, damit sie ihre Wünsche aufschreiben konnte.




Ursprünglich würde man diese in einem Feuer verbrennen, doch dieses Mal würde man sie zu einem Kleid für die Seelenkatzenstatue machen.
»Es ist alles in Ordnung«, versicherte Yelir mit einem Lächeln. Allein ihre Gegenwart sorgte dafür, dass sich seine Schultern lösten und sich Wärme in ihm breit machte. Es war gruselig, wie sehr er von ihrer Nähe abhängig war, doch im Moment konnte er nichts Schlechtes darin finden.
Ob es Lacrew mit seiner Mutter wohl auch so gegangen war? Oder mit Charlet? Letzteres konnte er sich nicht vorstellen. Dazu wirkte Charlet auf ihn einfach nicht warmherzig genug.
Er reichte seiner Frau die beiden Speisen, die zuerst nach dem Reis griff und ihn dann abwartend ansah.
Erst, als Yelir sich wieder zu ihr gesetzt hatte, begannen sie beide zu essen.
Es war eine entspannte Atmosphäre. Das Lachen der Kinder, die sanften Klänge der Musik und eine Gesellschaft, die Zunae schließlich doch ein Lächeln auf die Lippen zauberte. Sie wünschte sich, es würde so ruhig und friedlich bleiben.
.
Als die Sonne schließlich den höchsten Stand erreicht hatte, begannen um sie herum, hunderte von Sternen zu strahlen und hüllten die ganzen Nordlande in einen Schein, der noch schöner war, als die strahlende Sonne in den Südlanden.
Wärme hüllte sie alle ein, als Yelir sich auf ein kleines Podest stellte.
»Heute leuchten die Sterne für die Seelenkatzen«, begann er mit klarer Stimme. »Für jene, die wachen, die führen und die schützen.« Sein Blick wanderte über die Menge, während er ein Lächeln zeigte.
»Dieses Jahr ist vieles anders«, setzte Zunae ein, die froh darüber war, ebenfalls ein Teil dieser Rede sein zu dürften. »Viele von euch haben ihre Heimat verloren, dpch solange ihr hier seid, seid ihr nicht allein.« Ein Versprechen, auch die Schwächsten unter ihnen zu schützen.
»Diese Burg ist euer Schutz, so wie die Seelenkatzen über uns wachen. Feiert, erinnert euch an die, die fehlen, und wenn die Sterne fallen, denkt daran: Ihr seid nicht vergessen.«
Klatschen und Jubel ertönte und Yelir wandte sich nickend an Zunae.
Diese lächlelte und machte zwei Schritte nach vorn. »Dieses Jahr wird es kein Freudenfeuer geben, wie es normalerweise der Fall wäre«, erklärte sie, was einige, erleichterte Seufzer auslöste.




»Für dieses Jahr, werden wir den Seelenkatzengott auf eine andere Art ehren«, fügte Yelir hinzu, der ebenfalls nach vorn schritt.
Zunae hob ihre Hand, bevor sie sich auf die Stelle konzentrierte, die abgesperrt war. Es war nicht so leicht, die Kristalle zu fassen, weshalb sie lange geübt hatte. Nur deshalb gelang es ihr, Kristalle zu erschaffen, die das Licht der Sterne auffingen und in einem Regenbogen an Farben über den Innenhof warfen.
Die Kristalle wuchsen immer weiter, bis sie schließlich eine riesige Katze bildeten. Ihre Art, den Gott zu ehren, der sie schon ihr Leben lang begleitete, obwohl sie nicht einmal einer seiner Abkömmlinge war.

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