04. Brücken abbrechen

Auf dem Rückweg zum Verkehrskreisel passierte man eine Abzweigung, hinter der es steil den Berg hochging. Selbst zu dieser späten Stunde bogen hier pausenlos Reisebusse ein und quälten sich nach oben, um frisch eingetroffene Gäste auf die Felsklippe zu transportieren. Die zitternden Lichter des dortigen Hotelkomplexes ließen sich abends immer weithin erkennen.
Nach der Enttäuschung mit dem Boulevard hatten ausgerechnet diese schnöden Betonklötze mein Interesse geweckt. Wenn man vom Strand aus zu ihnen blickte, schien es, als würde direkt dahinter die Ebene beginnen. Gab es da oben womöglich einen Weg, der aus diesem Tal mitsamt seiner elenden Retortenstadt hinausführte auf die echte, authentische Insel?
Eines Nachmittags lief ich voller Optimismus die Zufahrtsstraße hoch. Als diese vor dem protzigen Hotelportal in einem Wendekreis endete, glaubte ich zunächst, wieder eine Niete gezogen zu haben. Aber halt: Ganz am Rand, sehr unauffällig, leicht zu übersehen, war ein Abzweig – das musste er einfach sein, mein Weg der Wünsche, der ersehnte Ausgang in die Natur, die Freiheit! Wieder folgte die Ernüchterung auf dem Fuße: Es handelte sich schlicht um die Zufahrt zum Hotelparkplatz. Ein lückenloser Teppich aus Chrom und Blech empfing mich, voluminöse Karossen brieten hier neben Kleinwagen unter südlicher Sonne. Ganz hinten aber stiegen glatte Felshänge in die Höhe – und endlich begriff ich: Die Hotels befanden sich mitnichten ganz oben am Rand der Klippe, sondern auf einer Art Zwischenplateau, das man extra für sie und den zugehörigen Parkplatz in den Hang geschlagen hatte. Dahinter ging es noch gute zehn Meter weiter aufwärts. Und natürlich existierte nirgends eine Treppe oder sonst ein Aufgang.
Als die Felswand so schroff und abweisend vor mir aufragte, packte mich ein Gefühl tiefster Verlorenheit. Offenbar existierte kein Fluchtweg aus diesem elenden Tal, bis auf die Fernstraße, die aber kurvenreich, dicht befahren und für Fußgänger lebensgefährlich war. Hieß: Ohne Auto kam man von hier nicht weg, war eingesperrt, konnte nur im Kreis herumlaufen wie ein Tier im Käfig und warten. Warten, dass der Urlaub vorbeiging und man endlich wieder abgeholt, hier herausgeholt wurde.
Leider lagen in meinem Fall die Dinge komplett anders: Kein Busshuttle der Welt würde jemals an meinem Hotel vorfahren, um mich zum Flughafen zurückzubringen. Meine Ferien endeten nicht einfach zu einem bestimmten Zeitpunkt, wie bei den anderen Gästen. Für mich gab es kein Zurück mehr, das war alles vorbei, definitiv zu Ende…
Lautes Knattern und Röhren zerriss plötzlich die abendliche Stille; eine Horde Jugendlicher kam auf altmodischen Motorrollern angebraust. Sämtliche Maschinen wurden von Jungen gesteuert, die Mädchen hockten auf dem Sozius und klammerten sich an ihren Fahrern fest. Laute Rufe in einer Sprache, die nicht nach Französisch klang, Lachen, Freude, Hupen. Alles dauerte nur ein paar Sekunden, dann war das Grüppchen verschwunden, der Motorenlärm verhallt. Zurück blieb nur ein starker Geruch nach Zweitakter-Benzin.
Ich hatte noch keine Lust, den Spaziergang zu beenden. Im Hotel wurden vermutlich gerade die Gäste auf dem Animationsgelände bespaßt, dann war es in meinem Zimmer vor Lärm eh nicht auszuhalten. Lieber eine weitere Runde durch die Ferienhaus-Siedlung drehen, den Spaziergang ein halbes Stündchen verlängern.
Abhauen, alles zurücklassen – wann war mir dieser Gedanke zum ersten Mal gekommen? Vermutlich in diesem Sommer, während des wochenlangen Starkregens, der für diverse Dammbrüche, Überflutungen und sogar Ertrunkene gesorgt hatte. Dieses bedrohliche und zugleich deprimierende Wetter war wie ein Spiegelbild meines inneren Zustandes gewesen. Ein Spiegelbild allerdings, von dem man sich nicht einfach wegdrehen konnte, das allgegenwärtig war mit seiner Nässe, seiner Dunkelheit, seiner zerstörerischen Wucht. Irgendwann hatte ich den permanent regengrauen Himmel, die endlos heranziehenden Unwetterwände, die Katastrophenmeldungen nicht länger ertragen können. Bilder waren vor meinem inneren Auge entstanden, von blauen Fluten, leeren Sandstränden, Palmen, die sich im Passatwind wiegten. Ich sah mich durch leuchtende Weiten gehen, die Füße umspült von milder See. Die Luft strich mir angenehm über die Haut, eine nie gekannte Ruhe erfüllte mich…
Eine Reise in den Süden, ohne Wiederkehr. Raus aus diesem verfluchten Nicht-Leben, dem bloßen Funktionieren. Die alte Existenz abstreifen wie eine tote Haut. Nicht länger bloß ein Kollege sein, ein Kunde, Klient, Vorgang, sondern endlich den Menschen in sich zum Vorschein bringen – die Idee ließ mich nicht mehr los. Und als ich überlegte, wohin ich fahren sollte, kam mir sofort diese Insel in den Sinn. Weshalb ausgerechnet dieses unwichtige Eiland im Mittelmeer, irgendwo zwischen den Balearen und Korsika gelegen?
Der einzige Grund, der mir einfiel, war Lennards Karte. Die Urlaubskarte, die er mir damals von hier geschrieben hatte. Sie war sein letztes Lebenszeichen gewesen, danach hatte man nie wieder von ihm gehört. Irgendetwas an dieser Insel musste ihn zutiefst fasziniert haben. Seinerzeit war ich drauf und dran gewesen, ihm nachzureisen. Daraus war schließlich doch nichts geworden, aber weshalb nicht jetzt nachholen, was ich einstmals versäumt hatte? Schauen, was an dieser Insel so Besonderes war?
Letztlich spielte das genaue Motiv für meine Wahl aber auch keine Rolle. Entscheidend war das Gefühl von Aufbruchsstimmung; dieses musste genutzt werden, und zwar schnellstmöglich, ehe es wieder verpuffte. Ich beschloss, das Undenkbare zu wagen: Kündigung zum 30. September, Aufgabe der sicheren Beamtenlaufbahn. Niemand außerhalb des Kollegenkreises erfuhr von dieser Entscheidung. Freunde hatte ich keine mehr, der Kontakt zu meinen Eltern war ebenfalls kaum noch existent, beschränkte sich auf pflichtschuldige Telefonate an Geburtstagen und zu Weihnachten. Nachdem das Kündigungsschreiben aufgesetzt und abgeschickt, auch der Referatsleiter informiert war, machte ich unverzüglich an die Planung der Reise. Anfangs wollte ich nur einen Flug buchen und mich vor Ort um eine Unterkunft kümmern, aber das erschien mir schlussendlich zu risikoreich. Ich war nie der große Urlauber gewesen, kannte vor allem das Herumreisen auf eigene Faust nicht, das selbständige Zurechtkommen in fremden Ländern. Also ließ ich mir im Reisebüro ein Rundum-Sorglos-Paket zusammenstellen: Flug, Bustransfer zum Hotel, drei Wochen Halbpension, Verlängerung möglich. Ein einziges Problem ergab sich in diesem Szenario: den Hin- ohne den Rückflug zu buchen. Das hätte noch nie jemand verlangt, behauptete die Dame im Reisebüro kopfschüttelnd. Am Ende kam mich diese Variante – man mochte es kaum glauben – deutlich teurer.
Das Hotel lag an der Südküste; nur hier herrschte gemäß dem Reiseführer ewiger Sonnenschein. Zwar wurden auch andere Inselregionen als reizvoll beschrieben: So prägten im Norden wohl karge, ursprüngliche Landschaften das Bild, während sich im Zentrum Gipfel von über 2000 Metern Höhe erhoben. Allerdings sollte das Wetter dort überall kühl und regnerisch sein, ich aber wollte Strand und Sonne satt. Also blieb nur die Südküste, Massentourismus hin oder her. So schlimm würde es schon nicht werden. Alles in allem fand ich, dass es ein gutes Arrangement war, um sich zunächst an die neue, fremdartige Situation zu gewöhnen. Später konnte ich immer noch weitersehen.
Der Morgen der Abreise brach an. Meine Maschine startete um 06:30 Uhr in Fuhlsbüttel, in Paris-Charles-de-Gaulle hatte ich geschlagene fünf Stunden Aufenthalt. Erst gegen vier Uhr nachmittags setzte bei böigem Wind der A320 mit einem hässlichen Ruck auf dem Inselflughafen auf. Während der Shuttle-Fahrt über das Rollfeld sah ich weiter hinten frei wachsende Palmen – ein gutes Omen, wie mir schien. Ich fischte den Rollkoffer vom Gepäckband und verließ etwas gerädert, aber doch guter Dinge das Flughafengebäude. Draußen traf mich fast der Schlag: Die Sonne brannte stark, ja, geradezu brutal herab, dabei hatten wir Anfang September. Mein Optimismus schwand dahin, verdampfte regelrecht wie Wasser in der Wüste; zurück blieb eine äußerst ungute Vorahnung…
Die ersten Tage schlug ich mich wacker. Zugegebenermaßen war ich geschockt von den Hotelsilos, dem Touristenrummel, dem allgegenwärtigen Geplärre und Gelärme. Aber ich ignorierte das alles nach Kräften und spulte mein festgelegtes Programm ab. Verbrachte die Tage am Strand oder erkundete die Gegend, drehte meine abendlichen Runden durch den Ferienort. Neben der frustrierenden Umgebung setzten mir bald auch die hohen Temperaturen und vor allem die extrem schwüle, drückende Luft zu. Aber ich blieb eisern, machte mit zusammengebissenen Zähnen weiter. Lief über den nächtlichen Boulevard, entdeckte die künstliche Klippe an seinem Ende. Und sah mich schließlich oben an den Hotels vor der schroff aufragenden Felswand stehen.
Das Bild war von maximaler Eindringlichkeit: Sackgasse, Schluss, Endstation. Ich kam definitiv nicht mehr weiter. Erst jetzt kapitulierte ich, oder vielmehr: Ich brach regelrecht zusammen. Eine heftige Migräneattacke streckte mich nieder; zwei Tage lag ich flach, dämmerte bei geschlossenen Vorhängen und eingeschaltetem Ventilator vor mich hin. Üble Gedanken peinigten mich in dieser Zeit, endlose Selbstvorwürfe zermarterten mir Hirn und Gemüt. Was hatte ich mir nicht alles erhofft von dieser Reise? Sie sollte der Schritt in ein neues, besseres Leben werden, und jetzt fühlte ich mich so schlecht wie noch nie. Mutterseelenallein, von aller Welt verlassen. Dabei war alles so sorgfältig geplant gewesen. Jede Kleinigkeit hatte ich mir vorher überlegt, jedes Detail erwogen. Nur was innerlich mit einem passieren mochte, wenn man sämtliche Brücken hinter sich abbrach, das alte Leben komplett zurückließ, darüber hatte ich nie nachgedacht. Vielleicht hatte mir schlicht die Vorstellungskraft gefehlt.
Und weshalb war ich ausgerechnet hierher gekommen? Hätte ich mir nicht besser ein ruhigeres, weniger überlaufenes Reiseziel aussuchen sollen? Ja, vermutlich. Aber so war es am bequemsten gewesen, auch hatte ich nicht damit gerechnet, dass es derart primitiv und dumpf sein würde. Nervtötender Betrieb von morgens bis in die Nacht. Dichtes Menschengewimmel, ob im Hotel, am Strand oder im Ort. Die Leute noch egoistischer, rücksichtsloser und ruppiger als zu Hause. Rabiat drängelten sie sich dazwischen, wenn man an der Poolbar wartete. Wie selbstverständlich nahmen sie beim Frühstück alles mit, was an Brot oder Beilagen noch übrig war, ohne sich um diejenigen zu scheren, die hinter ihnen in der Schlange standen. Immer musste man seinen Platz verteidigen, seine Ansprüche geltend machen, sonst spülte sie einen fort, diese Welle aus Konsumwut und Vergnügungsfuror…
Aber ich erholte mich rascher als befürchtet. Bereits nach einigen Tagen waren die Kopfschmerzen verschwunden, auch innerlich fühlte ich mich jetzt ruhiger, ausgeglichener, gelassener. Trotz allem, das schien jetzt wieder klar, war es richtig gewesen, herzukommen. Ich hatte mich abgenabelt vom Alten, auf die fremde Situation eingelassen. Und bald würden neue Taten folgen. Zwar wusste ich nach wie vor nicht, welche das sein konnten, aber die entscheidende Veränderung stand unmittelbar bevor, das spürte ich. Ich war endlich bereit.
Nach meiner vollständigen Genesung ordnete ich mich zunächst wieder in den täglichen Ferienbetrieb ein – und verzeichnet bald erste Erfolgserlebnisse. So ging meine Neurodermitis spürbar zurück, vermutlich durch die Dauersonne. Auch nahmen die Reizdarmsymptome ab, die mich seit langem quälten. Sicher lag das am Hotelessen, das immer frisch zubereitet wurde, während ich mich vorher fast nur von Junkfood ernährt hatte.
Das abendliche Grillengezirp war kaum leiser geworden, als ich wieder zum Verkehrskreisel kam. Ich überquerte die Fernstraße, ging an der Bushaltestelle vorbei. Tagsüber sah man hier immer ganze Trauben von Wartenden unter dem Sonnenschutzdach ausharren, aber nun war alles verwaist. Windböen schüttelten das Blechschild mit dem Haltelogo… und in meinem Kopf formte sich undeutlich eine Idee. Zum ersten Mal überhaupt warf ich einen Blick auf den Fahrplan: Die Linie endete in Porto d’Arreccio, die Busse fuhren stündlich. Porto d’Arreccio – laut Reiseführer ein gemütliches Fischerstädtchen am südwestlichen Zipfel des Eilands und ein touristischer Anziehungspunkt, vor allem wegen seines liebevoll restaurierten Zentrums. Das also war der Grund für die vielen Leute, die man hier tagsüber immer sah.
Und wenn ich es ihnen gleichtat? Mich selbst in einen der alten, klapprigen Linienbusse setzte, die ich so oft von hier hatte abfahren sehen? Aus dem Tal herauskommen, ins Freie gelangen – das erschien auf einmal so simpel, so banal: Eine schlichte Busfahrt würde genügen.
Aber ich blieb skeptisch. Weshalb sollte man in Porto d’Arreccio finden, wonach man hier in Plage d’Aiola so lange vergeblich gesucht hatte? Konnte die Lösung wirklich derart trivial sein? Ich verjagte die Bedenken und suchte einen passenden Bus heraus, speicherte die Abfahrtzeit im Handy.
Auf dem Rückweg zum Hotel wurde die Aufbruchsstimmung noch stärker. Bald, sehr bald schon würde ich den Weg fortsetzen, den ich mit meiner Reise auf diese Insel begonnen hatte.






























































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