Kapitel 24 – Eine kleine Schwester
Kapitel 24 – Eine kleine Schwester
Keine zwanzig Minuten später saßen Evelynn und Brian im Auto. Evelynn hatte sich angezogen, wobei ihre Hände noch immer unablässig gezittert hatten. Sie hatte aber kein Wort mehr herausgebracht. Und nun saß sie neben ihm. Als ob das verfickte Schicksal sich einen Witz erlaubte. Emanuel … Ihr Bruder … Der kleine, miese Dealer, der das Geld unterschlagen hatte, war ihr verfickter Bruder!
„Sag mal“, fing Brian möglichst sachlich an und atmete einmal tief durch. Vielleicht hatte sie zwei Brüder? Zwillinge, die beide Emanuel hießen? Was ein Scheiß! „Wie alt war dein Bruder eigentlich?“
Evelynn starrte müde aus dem Fenster, eingemummelt in Brians Jacke, die sie sich geklaut hatte. „Wenn ich jetzt zweiundzwanzig bin …, dann müsste er sechsundzwanzig gewesen sein.“ Die Nacht, in die sie starrte, war dunkel, doch die Lichter der Ampeln und Straßenlaternen erleuchteten die Straßen in grellem Licht.
Sechsundzwanzig. Das passte, denn Brian hätte Emanuel selbst auf Mitte zwanzig geschätzt. Nur eine Sache passte nicht. „Wieso hat dein Bruder einen anderen Nachnamen? Habt ihr unterschiedliche Väter?“ Der Rest passte. Die Frage war nur, ob Emanuel ihr das Geld gegeben oder ihr nur gesagt hatte, wo es war. Aber das würde er noch herausfinden.
Evelynn schüttelte den Kopf. „Er hat seinen Namen mit achtzehn geändert. Keine Ahnung warum. Vielleicht war ihm ‚Brook‘ einfach zu klassisch.“ Sie sah zu Brian, musterte ihn, seine angespannte Haltung, und wünschte sich gerade nichts sehnlicher, als sich wieder an ihn zu kuscheln. Doch es war schon sechs Uhr gewesen. Yannis war bestimmt schon wach. Sie durfte ihrer Schwäche nicht mehr nachgeben. „Vielleicht wollte er auch einfach nicht mit seiner Familie in Verbindung gebracht werden.“ Sie wandte den Blick von Brian ab und sah geradeaus. „Wer weiß schon, was in diesem Gehirn abgegangen ist …“
„Wieso kümmerst du dich um seine Überreste nach dem Scheiß, den er mit dir abgezogen hat?“ Die eigene Schwester zum Junkie gemacht und ihr dann noch Kerle auf den Hals gehetzt. Das war widerlich. Brian verkaufte auch Drogen und war Zuhälter, aber seine Mädels nahmen keine Drogen und sie taten das freiwillig. Von Eve mal abgesehen. Und er würde den Scheiß nie bei seiner Familie machen!
Evelynn neben ihm zuckte müde mit den Schultern. „Er ist mein Bruder. Ich habe Schuld“, sie schluckte, „an seinem Tod.“ Eine Träne entwich ihrem rechten Auge. „Ist doch das mindeste. Er muss Ruhe finden. Was wäre ich für eine Schwester, wenn ich meinen Bruder nicht beerdigen würde?“
Brian horchte auf. „Wieso ist es deine Schuld?“ Brian musste an einer Ampel stoppen und sah zu Evelynn rüber. Ihr Bruder hatte sich selbst in die Scheiße geritten! Und beinahe wäre sie selbst nie wieder aus dem Mist herausgekommen! Yannis war das Beste, was ihr passieren konnte.
„Weil er die Nacht, in der er ermordet wurde, bei mir war. Er hat mich um eine Bleibe gebeten. Nur diese Nacht.“ Evelynns Stimme wurde dünn. Sie schluckte. „Hab nein gesagt. Wollte ihn nicht in Yannis‘ Nähe. Aber…“ Leise schluchzte sie auf und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. Hätte sie ihn nur reingelassen. Hätte sie ihn nur die Nacht bei sich verbringen lassen!
Brian rechnete gedanklich zurück. Das musste der gleiche Abend gewesen sein, an dem Brian ihn noch hatte aufknöpfen und verprügeln lassen. Aber sie hatten Emanuel ein paar Blocks weiter nur ordentlich vermöbelt wieder liegen gelassen. Die Ampel wurde grün, und das Auto setzte sich wieder in Bewegung. „Aber das ist doch schon ein paar Tage her?“ Hatten sie zu fest zugeschlagen? War er an inneren Verletzungen draufgegangen?
„Er wurde gefunden, am nächsten Morgen. Man hat mich angerufen … gebeten, seine Identität zu bestätigen …“ Es schauderte sie, als Evelynn sich an seinen Anblick erinnerte, und sie schluchzte auf. „Er war ganz grün und blau geschlagen. Und dann das Loch im Kopf …! Hab … meinen Eltern davon berichtet.“ Evelynn schüttelte den Kopf.
„Loch im Kopf?“, fragte Brian, schneller, als er denken konnte.
Evelynn nickte stumpf. „Ja. Ermordet. Erschossen.“
Brian hätte beinahe aufgelacht. Das Schicksal nahm ihn wirklich kreuzweise. Die Bilder von Emanuel hatte er schon gesehen, aber zu dem Zeitpunkt nicht gewusst, dass die Kleine aus dem Supermarkt die Schwester von dem Arschloch war, das ihm das Geld gestohlen hatte. Dass er tot war, geschah ihm ganz recht. Aber hätte er nicht erst krepieren können, wenn Brian sein Geld wieder hatte?
Brian fuhr das Auto in die Tiefgarage und lenkte auf seinen Parkplatz zu. Nachdem er den Motor ausgeschaltet hatte, stieg er aus und ging sofort um das Auto herum, damit er Evelynn stützen konnte, falls es nötig war. Ob er sie wegen dem Geld fragen sollte? Vielleicht hatte Emanuel ihr etwas dazu gesagt. Aber … Nein. Dann hätte sie das Geld mittlerweile. Brian tappte also immer noch im Dunkeln. Und der einzige, der wusste, wo sein Geld war, wurde soeben eingeäschert.
Evelynn stieg aus dem Auto und ließ sich bereitwillig von Brian zum Lift helfen. Suchte sie Nähe? Ja. Brauchte sie Nähe? Ja, verdammt. Hatte sie eben einmal ein menschliches Bedürfnis!
Wenig später schloss Brian die Tür auf. Evelynn eilte direkt ins Büro, während Brian hinauf in sein Zimmer ging, um ein paar Stunden zu schlafen. Er schrieb Rick, seiner rechten Hand, dass dieser Evelynns ehemalige Wohnung gründlich absuchen sollte, und steckte ihm dabei, dass Emanuel der große Bruder von Schneewittchen war. Vielleicht hatte Emanuel das Geld irgendwo in der Wohnung versteckt. Spülkasten, der Abzug über dem Herd … Es gab genug Verstecke. Ohne auf eine Bestätigung zu warten, fiel Brian übermüdet ins Bett und schlief ein.
Es war fast Mittag, als er halbwegs ausgeschlafen war. In der Wohnung war es ruhig. Entweder hielten die beiden Mittagsschlaf oder sie waren draußen. Brian kippte seinen Kaffee in einen großen Becher und nahm diesen mit, um ihn unterwegs zu trinken. Er fuhr zu Evelynns alter Wohnung und ließ sich von Rick die Bude öffnen. Es war einfach alles abgesucht worden. Die Vorhänge waren zerrissen, Möbel von den Wänden geschoben und teilweise sogar der Putz von den Wänden weggekloppt.
„Nichts“, schnaufte Rick. Er war fast zwei Meter groß und gut trainiert. Eine Narbe am rechten Auge erstreckte sich fast bis zum Ohr. Ein Streifschuss, der ihn vor vier Jahren fast ins Grab gebracht hätte, wenn die Kugel nur etwas weiter links getroffen hätte.
„Stell noch mal alles auf den Kopf. Und wenn du die Wände einreißt. Du weißt, wie originell Dealer sind, wenn es darum geht, etwas zu verstecken.“ Brian deutete an die Decke. „Guck auch bei der Lampe nach.“
Rick bestätigte und machte sich wieder ans Werk. Brian fuhr weiter, machte seine übliche Tour bei seinen Dealern und fuhr später zum Bestatter, um die Urne mit Emanuels Asche abzuholen. Diese packte er in den Fußraum hinter dem Fahrersitz und stieg wieder in sein Auto. Nachdenklich trommelte er auf dem Lenkrad herum. Er dachte an die Kleine. Vielleicht war sie einfach nur eine gute Schauspielerin und hatte das Geld irgendwo versteckt? Oder es war bereits irgendwo angelegt für die nächsten zehn, fünfzehn Jahre. Dann wäre es genug Geld, um Yannis das College zu finanzieren.
Die Heulkrämpfe könnte sie gespielt haben. Frauen fiel es leicht, auf die Tränendrüse zu drücken. Wieso gab sie sich die Schuld am Tod von so einem miesen Arsch von Bruder? Warum wollte sie unbedingt seine Beerdigung regeln? Nach allem, was er ihr angetan hatte…
Nein, Evelynn hatte selbst gesagt, sie habe ihrem Bruder die Nase vor der Tür zugeschlagen. Sie hatte ihn nicht bei Yannis haben wollen. Aber das Geld hätte sie trotzdem genommen. Oder hatte es Emanuel auf dem Weg nach draußen versteckt?
„Ach, verdammt!“ Er würde sie einfach direkt fragen und dann sehen, was dabei rumkäme.
Als Brian zu Hause ankam, kehrten Quälgeist eins und zwei gerade von einem Ausflug auf den Spielplatz zurück. Yannis weinte, während Evelynn ihn trug und ihm beruhigend zuredete.
„Was ist passiert?“ Brian öffnete die Wohnungstür und hielt sie auf.
„Er ist hingefallen. Auf dem Spielplatz …“ Evelynn sah zu, dass sie ihren Sohn auf einem der Essstühle absetzte, dann eilte sie in die Küche und griff nach dem kleinen Erste-Hilfe-Set, das Brian in weiser Voraussicht – eigentlich eher für Evelynn – gekauft hatte. „Er hat sich das Knie aufgeschlagen. Ich muss das nur schnell desinfizieren und dann kleben wir ein Pflaster drauf …“
Yannis nickte unter Tränen und sah mit großen Augen zu seiner Mutter auf, die ihr Bestes tat, eine vorbildliche Mutter zu sein. Letzteres fiel Brian besonders auf. Sonst hatte Evelynn sich nie einen derartigen Stress gemacht. Sie war immer ruhig geblieben, wenn es um Yannis gegangen war. Und die Verletzung war lediglich eine leichte Schürfung, die ein klein wenig blutete.
„Was ist auf dem Spielplatz passiert?“
Gehetzt schaute Evelynn ihn an, ehe sie zu Yannis zurückeilte. „Ich sagte doch, er ist hingefallen!“
Brian verstrubbelte Yannis‘ Haare. „Aber wegen so ein paar Kratzern weint man nicht. Ist halb so wild. Das Bein ist ja noch dran.“ Er schenkte dem Kleinen ein Lächeln, damit dieser sich auf ihn konzentrierte und nicht zu seiner Mutter sah, die gleich noch das brennende Zeug draufkippen würde. „Wenn deine Mutter fertig ist und du es allein bis zur Couch schaffst, können wir wieder eine Runde Mario Kart spielen. Na, was sagst du?“
„Ja!“ Freunde machte sich auf Yannis’ verweinten Zügen breit. „Ja, ja, ja! Mami? Darf ich? Ich will wieder mit Brian socken!“
„Hierhin gucken, kleiner Mann!“
Evelynn betrachtete die beiden und zerfloss für einen Moment vor dargebotener Niedlichkeit, ehe sie ihre Mundwinkel wieder unter Kontrolle bekam und auf ihren Sohn zuging, um ihm das Knie zu verarzten. Desinfektionsspray – Yannis kniff tapfer die Augen zu –, pusten und dann ein Pflaster oben drauf. „Geht es wieder, mein Schatz?“
Yannis nickte hastig, die Augen immer wieder zu Brian zuckend. „Also … darf ich jetzt?“
Ein ungläubiges Lächeln nahm Evelynns Lippen ein. „Aber natürlich. Jedoch“, Yannis hatte sich schon aufgemacht, vom Stuhl zu springen und Brian zu umarmen, da hielt er nochmal inne, „nur wenn ich in der zweiten Runde mitmachen darf.“
Yannis’ Blick glitt fragend zu Brian und Evelynns folgte ihm.
„Klar“, meinte Brian. „Ich hab‘ genug Controller und man kann maximal zu viert spielen.“ Er ging zur Couch, wurde dabei allerdings von Yannis überholt, der sich gleich den Platz in der Mitte der Couch aussuchte. Brian startete das Spiel. Zusammen suchten sie sich wieder ihre Autos aus, bevor Brian diesmal eine andere Rennstrecke wählte. „Bereit?“
Yannis nickte mit offenem Mund. Kurz darauf sah er hochkonzentriert auf den Bildschirm und nagte fleißig an seiner Unterlippe, während sein Tod Brians Yoshi immer näher und näher kam.
Die Zeit verging wie im Flug. Nach dem gemeinsamen Mario-Kart zog sich Yannis in das Büro zurück und zwinkerte seiner Mutter verschwörerisch zu. Evelynn lief rot an. Während des Spiels hatte Yannis zwischen ihr und Brian gesessen. Und Evelynn … tja. Sie war in zahlreiche Wände geknallt und hatte sich unzählige Abgründe angesehen, denn ihr Blick war immer wieder von dem nackten Oberkörper neben Yannis angezogen worden. Brian hatte sich vor dem Spiel nämlich eine Trainerhose angezogen. Damit hatte es sich aber auch schon gehabt, und Evelynn, eine Frau, die die letzten zwei Nächte zwar in aller Ausgiebigkeit gefickt worden war, aber kein einziges Mal gekommen war … Kurz um: Ihre Libido war frustriert. Und da saß ein sixpackbepackter Gott neben ihrem Sohn, lachte und sah in diesen Momenten überhaupt nicht wie der beschissene Zuhälter aus, der er war.
Und da ihr Junge nun mal nicht dumm war, verschwand er gleich nach der dritten Runde zwinkernd hinter der Bürotür. Evelynn starrte ihm nach. Die Tür öffnete sich noch einmal und Yannis streckte den Kopf heraus. „Viel Spaaaaß! Oh, und Mami?“ Ihr Sohn grinste. „Ich will dann gern eine kleine Schwester, wenn ihr dann ganz viel knutscht!“ Damit schloss sich die Tür wieder.































































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