Kapitel 25 – Leblose Augen und eine Knarre im Gesicht

Kapitel 25 – Leblose Augen und eine Knarre im Gesicht

 

Brian, der bis eben noch gute Laune gehabt hatte, kniff nun die Augen zusammen. Ein Schwesterchen … ein Mädchen … Brian schüttelte den Kopf, die Lippen zusammengepresst. Niemals. Verdammte Scheiße, niemals! Am liebsten hätte er jetzt etwas kaputtgeschlagen. Aber nicht in der eigenen Bude und erst recht nicht, wenn der Junge das mitbekommen könnte. Kindern Gewalt vorzuleben, war scheiße!

Evelynn setzte sich händereibend und mit hochrotem Kopf wieder zu ihm aufs Sofa. „Das … tut mir lei…“

„Wo ist das Geld, das Emanuel dir zugesteckt hat?“

Evelynn zuckte zurück und blinzelte überfordert. „Was?“ In ihrem Kopf hallte noch immer das Wort Schwester nach. Eine kleine Schwester. Ihr Sohn wollte was? Geschwister? Wie kam er darauf?! Ihre Hand wanderte gedankenverloren zu ihrem Bauch, während sich ihr rot angelaufener Kopf langsam hob. „Sag mal, woher kennt mein Sohn das Wort ‚rumknutschen‘?“

„Jetzt weich nicht aus, Evelynn!“ Brian bemühte sich darum, seine Stimme leise zu halten. „Dein Bruder hat mich um fast fünfzig Riesen erleichtert! Wo ist das Geld?“

Evelynn blinzelte. „Mein Bruder … Emanuel … Du hast ihn gekannt?“

Tja, was sollte er nun sagen? Dass Emanuel ein paar Jahre schon für ihn arbeitete? Und es wohl sein Stoff gewesen war, den Emanuel seiner kleinen Schwester gegeben hatte? Das war nicht Brians Schuld. „Er war bei dir in der Nacht, bevor er verreckt ist. Hat er dir das Geld in die Hand gedrückt? Oder dir gesagt, wo er es versteckt hat?“

Evelynn schüttelte geschockt den Kopf. „Was redest du da, Brian? Ich habe dir gesagt, ich habe ihn weggeschickt …, als er gekommen ist …“

„Ja, er kam zu dir angekrochen, weil er mein Geld unterschlagen hat! Wo ist die Kohle?“

Evelynn klappte der Mund auf und zu. Ihre zitternde Hand legte sich apathisch davor. „Er … er hat versprochen, nichts mehr mit Drogen zu tun zu haben!“

„Blödsinn! Er hat sich zwei Wochen vor seinem Tod noch fett damit eingedeckt! Und anstatt seine Schulden zu begleichen, beißt er ins Gras! Also frage ich dich ein letztes Mal, Evelynn …! Wo ist mein Geld?“ Jedes Wort betonte er einzeln. Er hatte sich erhoben, sich vor sie gestellt und kesselte sie nun, beide Hände an der Sofalehne hinter ihr positioniert, ein.



Evelynn keuchte ob der plötzlich aufkommenden Nähe. Sie spürte seinen Atem an ihrem Mund, hörte seine drohende Stimme und das Knirschen seiner angespannt aufeinandergepressten Zähne. Ihre Hände legten sich auf Brians Brust, um einen Abstand zu schaffen, während ihr Kopf sich inständig schüttelte und sie die kalte Wand im Rücken spürte. „Brian! Brian ich habe kein Geld! Wieso sonst wäre ich noch bei dir! Verdammt, ich wusste nicht einmal sicher, dass du Drogendealer bist!“

Brian ließ von ihr ab und richtete sich wieder auf. Mit beiden Händen fuhr er sich durch die kurzen Haare. „Fuck!“ Wo war sein verdammtes Geld? Eve log nicht. Ihre Argumente waren schlüssig. „Hat Emanuel etwas zu dir gesagt?! Hat er einen Ort erwähnt, wo er das Geld versteckt haben könnte?! Ein Zahlencode für ein Schließfach? Irgendetwas?!“

Evelynn schüttelte den Kopf. „Nein, nichts dergleichen! Ich wusste nicht, dass er noch Schulden hat …“ Das machte ihre Situation nicht besser. Drogendealer und Mafiosi bekamen ihr Geld zurück, ganz gleich wie. Sollte Emanuel ihm noch so viel Geld geschuldet haben … würde er sie bis zu ihrem Tod in seinem Puff anschaffen lassen. Sie hatte gehofft, ihre Schulden bei ihm, allein was die Kleidung und Lebenshaltungskosten anging, irgendwann, in fünf Jahren vielleicht, abarbeiten zu können. Doch jetzt rückte dieses Ziel in unerreichbare Ferne. Es war zum Verzweifeln. Sie schaffte es nicht. Yannis würde größer werden und verstehen lernen, was seine Mutter da machte. Das wollte sie nicht. Sie wollte nicht, dass er sie für eine elende Schlampe hielt! Was, wenn er später davon in der Schule erzählte? Sie wäre die Schlampe unter den Müttern, wortwörtlich. Nicht dass die Mütter sie sonst akzeptiert hätten. Heute auf dem Spielplatz …

Brian sah auf die Uhr. Der Tag war lang gewesen. „Scheiße, irgendwas muss er die gesagt haben!“ Er war drauf und dran, ihr einen Deal vorzuschlagen. Um sich abzulenken, ging er in die Küche. Die letzten Tage hatte Evelynn hauptsächlich gekocht, auch wenn es zumeist abgebrannt war. Er selbst hatte Fertiggerichte gegessen. Aber heute hatte er Bock auf Pancakes.

Zehn Minuten später war das Öl in der Pfanne heiß und der Pfannenwender ging in Brians Hand geübt seiner Arbeit nach. Die Bürotür öffnete sich langsam; eine spitze Nase wurde hindurchgestreckt. „Ist meine kleine Schwester schon fertig, Mami?“ Yannis trat durch die Tür hindurch, ins Wohnzimmer, suchte den Raum mit seinen großen Augen nach dem Ursprung des leckeren Geruchs ab und sprang gleich darauf einen ziemlich angespannten Brian an. Er war aufgeregt. So fürchterlich aufgeregt, er konnte sich gar nicht im Zaum halten! Brian kochte! Sein Freund kochte, und das konnte in dem fidelen Gehirn von Evelynns Sohn nur einen Grund haben. „Brian! Wenn du dann der Papi von meiner Schwester bist, bist du dann doch auch meiner? Oder geht das nicht? Und wenn du für uns kochst, habt ihr dann auch ganz viiiiel rumgeknutscht? Und Mami bekommt jetzt meine Schwester?!“



 

Beinahe zwei Stunden später hatte Brian Evelynn – die heute deutlich länger als sonst gebraucht hatte, um die Nervensäge ins Bett zu bringen – im Underdog abgesetzt. Ob es daran lag, dass Yannis einen Zuckerschock gehabt hatte, oder daran, dass er wirklich auf eine Schwester hoffte, wollte Brian gar nicht so genau wissen. Er schob es auf den Zucker. Warum galt der eigentlich nicht als Droge?

Brian fuhr auf den Hof von Nishs Striplokal. Es schien Ewigkeiten her zu sein, seit seine Verfolgungsjagd mit Evelynn hier ihren Anfang genommen hatte. Als er den Club betrat, brummte der satte Bass bereits bis in den Vorraum. Wie immer bestellte sich Brian einen Scotch, betrachtete die Show der Stripperinnen und ließ ausrichten, dass er da wäre. Zu seiner Überraschung wurde er direkt in das Büro des Unterbosses gebeten, klopfte wenig später an die Tür und trat nach dem ‚Herein‘ in dessen Reich.

Nish rauchte eine seiner teuren Zigaretten. Rauch auspustend, deutete er Brian, sich ihm gegenüber, auf der anderen Seite seines protzigen Schreibtischs zu setzen.

Brian setzte sich, lehnte sich dabei betont lässig zurück und musterte Nish. Aber seine Fassade hielt nur kurz, dann hibbelte sein rechtes Bein unruhig. „Was gibt’s, Boss?“

„Warst lange nicht mehr hier …“

„Ja.“ Brian rümpfte die Nase. „Ich habe einiges zu tun. Mir ist ziemlich viel Geld abhanden gekommen …“ Besser, er blieb halbwegs bei der Wahrheit. Wahrscheinlich hatte sich das sogar schon rumgesprochen. „Wäre gern wieder öfters hier, ehrlich. Ich mag deinen Club.“

Nish grunzte. „Mir ist egal, ob du meinen Club magst, oder nicht. Aber um meinen Vorzeigeschüler ist es plötzlich verdammt ruhig geworden. Und das nach dem er einmal mit den Großen spielen durfte und sogar eine Chance bekommen hat, sich in unseren Kreisen zu beweisen.“ In aller Ruhe zog Nish ein weiteres Mal an seiner Zigarette, während Brian langsam unwohl wurde. Nish hatte etwas gegen ihn in der Hand. Irgendetwas, doch Brian wusste noch nicht, was. „Weder“, Nish stieß den Rauch aus, „hast du mir Bericht erstattet, noch um Anerkennung gebeten, nach dem du deinen Job erledigt hast. Bessere Deals, höheres Ansehen, du weißt doch, wie es läuft, Brian.“



Bericht erstattet … Der letzte Job, den er für Nish erledigen sollte, war Evelynn zum Schweigen zu bringen. „Ich habe dir gesagt, dass ich den Job erledige und das habe ich getan. Schnell und unkompliziert, wie immer. Anerkennung, eine Frau entsorgt zu haben, brauche ich nicht. Ich hasse Gewalt gegen Frauen. Die Kleine war süß.“ Er hob die Schultern, als wäre ihm das Thema egal. Nish wusste, dass Brian zwar ein Zuhälter war, aber seine Prinzipien hatte.

„Ach so …, dann erklärt das natürlich, wieso du plötzlich nicht mehr kommst. Deine Lieblingsschlampe ist weg.“ Die Art, wie er es sagte … Nüchtern, die Zigarette anstarrend. Plötzlich richtete sich Nish im Sitzen ein Stück auf, nahm eine geradere Haltung an und damit eine interessiertere Haltung ein. „Sag mal, hast du sie vorher noch gefickt?“ Er hob die Augenbrauen. „Oder danach?“

„Vorher“, meinte Brian knapp und legte den Kopf leicht schief.

„Ah, stimmt. Du bist einer der Anständigen, ja, ja …“

Brian zuckte leicht mit den Schultern. Warum verdammt war er hier und warum rückte Nish nicht endlich mit der Sprache raus? „Drogendealer und Zuhälter gehören nicht zu den guten Jungs.“

Nish lachte auf. „Dieses Wort habe ich auch nicht in den Mund genommen, Brian. Ich sagte anständig. Anständige Jungs halten sich für fair, auch wenn sie es nicht sind. Sie machen andere glauben, sie seien die Guten in der Geschichte, und sie würden nie auf die Idee kommen, ihren Familien zu zeigen, wie sie wirklich sind. Die Bösen aber, Brian, halten nichts davon, ihre Liebsten zu belügen. Meist halten sie sich einfach von ihnen fern, denn keiner schaut gerne dabei zu, wie der Stolz in den Augen der eigenen Mutter verschwindet, wenn man ihr sagt, dass man mit Frauen handelt, Kinder drogenabhängig macht oder Morde begeht. Ist es nicht so?“

Was sollte der Scheiß? Nish sollte endlich zur Sache kommen und nicht einen verfickten Moralapostel geben! „Meine Mom weiß seit Jahren, was ich mache. Wenn ich nicht damit prahle, ignoriert sie es. Ich bin Thanksgiving bis Weihnachten immer bei meiner Familie. Funktioniert gut.“

„Ganz genau. Du bist anständig. Anständige Jungs haben meist so ihre Probleme, unschuldige Frauen zu töten …“ Nish paffte in aller Ruhe weiter.



„Ich hab die Asche noch im Auto. Kam noch nicht dazu, sie irgendwo zu zerstreuen.“ Brian kämpfte damit, nicht in Schweiß auszubrechen. Nish glaubte ihm also nicht, dass er die Kleine ermordet hatte. Und Nish lag mit seinen Vermutungen selten falsch.

„Ach ja?“ Die Augenbrauen des Rothaarigen erhoben sich in gestellter Überraschung. „Hätte dir gar nicht zugetraut, dass du den Dreck dann auch gleich noch entsorgst … Wo hast du sie verbrannt? In deinem Kamin? Oder etwa in dem von uns geschmierten Bestattungsinstitut?“ Nish stand auf und fuhr sich einmal durch die roten Locken, während er mit der anderen Hand die Zigarette einmal im Aschenbecher abklopfte und schon den nächsten Zug nahm. Mit leicht erstickter Stimme fuhr er fort: „Du weißt es bestimmt“, Nish blies aus, „aber alle Einäscherungen, die von uns in Auftrag gegeben werden, kommen auf Fabrizios Tisch.“

Fuck …! Am Ende arbeitete der Bestatter für Fabrizio und nicht für Brian. „Und?“, bluffte Brian mit einem langsam erblassenden Pokerface. „Kannst Emilio fragen, wenn du mir nicht mehr traust, Nish.“ Brian stand auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Äußerlich versuchte er, cool zu bleiben, aber in seinem Inneren brodelte es. Und ein kleiner Teil von ihm nässte sich gerade metaphorisch ein. „Denkst du wirklich, eine Frau stünde zwischen uns? Sind dir die letzten Jahre echt so egal?“

Nish räusperte sich, steckte die Zigarre in den Aschenbecher, ging um den Tisch herum und griff sich hinter den Rücken. „Ich habe unseren lieben Bestatter gefragt, Brian.“ Mit einer engelsgleichen Ruhe holte der Rothaarige die Hand wieder nach vorne und hielt Brian seine Knarre an die Schläfe. „Aber er hat nur deinen kleinen Dealer verbrannt. Und das erst gestern. Von ’ner Frauenleiche fehlt jede Spur, fast zwei Wochen, da hätte sie schon gefunden werden müssen, denkst du nicht? Aber das passt ja sowieso nicht zu deiner Geschichte … Immerhin hast du sie ja gekillt und verbrannt …“ Langsam, geduldig entsicherte Nish die Waffe.

In Brians Ohr klang das Klicken um ein Vielfaches lauter, als es eigentlich war. Er stand da wie eingefroren und starrte geradeaus. Schwitzte kalten Angstschweiß.

Nish beugte sich zu Brians Ohr. „Oder doch nicht?“



Brian schluckte schwer, ehe er hervorwürgte: „Sie wird nicht reden. Das ist alles, was verlangt wurde, nicht wahr? Und ich habe sie zum Schweigen gebracht.“ Scheiße. Das wars …

Nish lachte auf und zog die Waffe weg. „Also hast du ihr die Zunge rausgeschnitten?“ Amüsement machte sich auf seinen Zügen breit, was dem eigentlich sonst so ernst wirkenden Mann einen Touch Wahnsinn verlieh.

„Nein, ihr Maul ist anderweitig gestopft. Also alles locker.“ Brians Mund war trocken. Eine weitere Lüge würde ihn nur tiefer in die Scheiße reiten.

„Uh, dann war mein Riecher ja besser als erwartet.“ Nish kratzte sich das glattrasierte Kinn. „Dein Puff wird nämlich grade durchsucht. Und, nun ja, alles war dort nichts zu suchen hat …“

Brians Augen wurden groß, rissen auf. Unbändige Angst machte sich in ihm breit. Bilder durchstreiften seinen Kopf: Evelynn, die aus seinem Puff gezerrt wurde, und noch auf dem Parkplatz ein Loch in den Schädel geschossen bekam. Mit offenen, leblosen Augen sah er sie vor seinem Underdog liegen, die Haare offen und in Blut getränkt – wahrscheinlich geschändet. Doch das war nicht das Schlimmste. Das Schlimmste, das, was Brian zum Zittern brachte, waren die kalten Augen, in denen jedes Strahlen fehlte. Deren violette Sprenkel dabei waren, endgültig zu verblassen. Warum auch immer dieses imaginäre Bild gerade dafür sorgte, dass sein Herz einen Schlag aussetzte, nur um dann eher stolpernd, als regelmäßig weiterzuschlagen … Natürlich, wegen des Geldes … Weil sie ja wissen musste, wo es war. Yannis würde er einfach … einfach vor die Tür setzen. Oder auf irgendeinem Parkplatz aussetzen. Und hoffen, dass der Kleine eine Zukunft hätte …

Fuck! Warum tat sein Herz so verflucht weh, bei diesem Gedanken?! Er wollte den Jungen nicht! Er mochte ihn ja nicht mal!

Lügner.

Es fiel Brian unsäglich schwer, die Bilder zu verdrängen. Nun galt es erstmal, seinen eigenen Arsch zu retten. „Du filzt meinen Club? Mitten im Betrieb? Das ist echt ein mieser Zug von dir, Nish. Und das alles nur wegen einer kleinen Schlampe?“

„Nein, Brian. Das alles nur, weil du bewiesen hast, dass du nicht vertrauenswürdig bist. Hättest du sie nämlich kaltgemacht, wärst du gekommen und hättest berichtet, dass es erledigt ist. Außerdem hättest du dich aktiv darum bemüht, dich weiter hochzuarbeiten, jetzt, wo ich dir die Chance dazu gegeben habe.“ Die Ader, die durch Nishs Stirn verlief, hatte zu pochen begonnen. „Aber du“, Nish spuckte zu Boden, und ehe Brian realisieren konnte, dass sich seine Hand bewegt hatte, zielte die Neunmillimeter bereits wieder direkt auf seinen Kopf, „du bist so unglaublich undankbar, weißt du das? Bettelst mich jahrelang um eine Chance an, und wenn ich sie dir dann gebe, stellst du mich mit deinem Versagen vor allen anderen bloß!“



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