Der schwarze Freitag (II)
Der erste Schrei durchschnitt die morgendliche Stille. Er kam aus dem Erdgeschoss des Westflügels und endete so abrupt, als hätte jemand dem Ruf mit einer gepanzerten Hand den Mund verschlossen. Arnaud riss sich vom Fenster los, griff nach seiner wollenen Tunika, zog sie hastig über den Kopf und schnallte den schlichten Ledergürtel darum. Seine Finger zitterten, nicht vor Kälte, sondern vor einer Unruhe, die er nicht einzuordnen vermochte. Seit seiner Aufnahme in den Orden hatte er vieles gelernt: den Umgang mit Schwert und Lanze, das Lesen lateinischer Texte, Gehorsam, Disziplin und Selbstbeherrschung, allerdings hatte ihn niemand auf einen Augenblick wie diesen vorbereitet.
Kaum, dass er die Tür seine Kammer geöffnet hatte, schlug ihm hektisches Stimmengewirr entgegen. Der sonst so stille Gang war voller Bewegung. Brüder liefen kreuz und quer umher, manche barfuß, andere mit halb angelegten Mänteln. Türen flogen auf. Verängstigte Novizen blickten aus ihren Kammern, ohne zu begreifen, was gerade geschah.
»Was ist los?«, fragte einer.
Niemand antwortete ihm. Am Ende des Korridors erschien Bruder Mathieu, der alte Verwalter der Bibliothek. Sein graues Haar hing ihm wirr über die Stirn, seine sonst ruhigen Gesichtszüge waren von einer Angst gezeichnet, die Arnaud an ihm noch niemals gesehen hatte.
»Nicht nach unten!«, rief er. »Die Treppen sind besetzt!«
Im selben Moment erklangen schwere Schritte. Metall auf Stein. Rhythmisch… und sie kamen immer näher.
Ein Trupp königlicher Soldaten bog um die Ecke. Sie trugen Kettenhemden unter wattierten Waffenröcken, eiserne Helme mit Nasenschutz und lange Speere. Vor ihnen ging ein Beamter in dunklem Mantel, der eine geöffnete Pergamentrolle in den Händen hielt. Sein Blick glitt prüfend über die Gesichter.
»Bruder Geoffroi.«
Zwei Soldaten packten den Angesprochenen sofort.
»Bruder Étienne.«
Der nächste wurde gegen die Wand gestoßen.
»Bruder Lambert.«
Keiner von ihnen widersetzte sich. Doch war keineswegs Feigheit der Grund dafür. Der Eid des Ordens verbot Gewalt gegen Christen, solange kein rechtmäßiger Krieg erklärt worden war. Die Brüder standen unter Schock. Niemand verstand, auf welcher Grundlage diese Männer handelten.
Der Beamte hob erneut den Blick. Seine Augen blieben auf Arnaud ruhen. Er sah auf die Liste, dann wieder zu ihm.
»Arnaud de Villiers.«
Die Worte trafen ihn wie ein Faustschlag. Sie kannten sogar seinen Namen.
»Dort!«, rief der Beamte.
Vier Soldaten setzten sich gleichzeitig in Bewegung. Arnaud reagierte instinktiv. Zwischen ihnen stand ein schwerer Eichentisch, auf dem normalerweise Kerzen und Wasserkrüge bereitstanden. Mit aller Kraft stieß er dagegen. Das Möbelstück kippte. Die Krüge zerbarsten auf dem Steinboden. Wasser spritzte in alle Richtungen. Einer der Soldaten stolperte, ein anderer verlor kurz das Gleichgewicht. Dieser Augenblick genügte. Arnaud rannte. Er hörte hinter sich Flüche, das Scheppern von Metall und den Befehl, ihn lebend zu fassen. Lebend. Dieses Wort blieb in seinem Kopf hängen. Warum lebend? Sollte er verhört werden? Angeklagt? Oder wartete etwas noch Schlimmeres auf ihn?
Vor ihm führte die Galerie zu einer halb gewendelten Treppe, die in den Innenhof hinabführte. Jedoch standen unten weitere Soldaten. Ein Entkommen über den normalen Weg war ausgeschlossen. Er erreichte das Treppengeländer und blickte einen Herzschlag lang hinab. Es waren beinahe drei Meter. Ein gefährlicher Sprung. Hinter ihm kamen die Verfolger näher, und er traf seine Entscheidung. Mit beiden Händen stützte er sich auf das Geländer, schwang die Beine darüber und ließ sich fallen. Für einen endlosen Moment schien die Zeit stillzustehen. Nur wenige Sekunden später schlug er hart auf den Steinplatten auf. Ein stechender Schmerz schoss durch sein linkes Knie. Die Luft wurde ihm aus den Lungen gepresst. Er rang nach Atem, doch er durfte nicht liegen bleiben.
Über ihm rief jemand: »Er ist dort unten!«
Arnaud zwang sich auf die Beine. Jeder Schritt schmerzte, aber das Bein trug ihn. Vor ihm öffnete sich der Innenhof. Das Bild, das sich ihm bot, würde ihn bis an sein Lebensende verfolgen. Überall knieten Brüder auf dem Pflaster. Ihre Hände waren mit Stricken gefesselt. Einige hatten Verletzungen im Gesicht. Andere blickten schweigend zu Boden und murmelten Gebete. Zwischen ihnen standen königliche Soldaten mit gezogenen Schwertern. Ein junger Novize weinte laut. Ein Ritter mittleren Alters hatte sich offenbar gewehrt. Blut lief ihm aus einer Platzwunde über die Wange, während zwei Männer ihn gewaltsam niederdrückten.
»Ketzer!«, brüllte einer der Soldaten.
Mehrere Bürger, die sich inzwischen vor dem Tor versammelt hatten, blickten verwundert in den Hof. Das Wort verbreitete sich wie ein Lauffeuer.
»Ketzer?«
»Die Tempelritter?«
»Unmöglich.«
»Hat der Papst sie verurteilt?«
Niemand wusste etwas.
Arnaud erkannte, wie gefährlich dieses eine Wort war. In den Köpfen der Menschen genügte bereits der Verdacht. War ein Mann erst der Ketzerei beschuldigt, verlor er oft jedwede Möglichkeit, seine Unschuld zu beweisen.
Er duckte sich hinter einen Brunnen. Von dort führte ein schmaler Gang zu den Stallungen. Nur wenige Brüder kannten diesen Nebenzugang, weil er hauptsächlich von Knechten genutzt wurde.
Gerade wollte Arnaud loslaufen, als ihn eine kräftige Hand am Arm packte. Er fuhr erschrocken herum. Vor ihm stand Bruder Hugo. Der alte Waffenmeister war weit über sechzig Jahre alt, sein Bart fast vollständig weiß, seine grauen Augen jedoch besaßen noch immer dieselbe Entschlossenheit wie damals, als er den jungen Novizen den Schwertkampf beigebracht hatte.
»Du bist verletzt.«
»Nur das Knie.«
»Gut. Dann kannst du noch laufen.«
Arnaud wollte etwas sagen, aber der Alte ließ ihn nicht zu Wort kommen.
»Hör mir gut zu.« Seine Stimme war ungewöhnlich ruhig. »Dies ist kein gewöhnlicher Zugriff. Sie kommen mit vorbereiteten Listen. Sie kennen jeden Bruder. Sie werden jeden finden, der hierbleibt.«
»Aber weshalb?«, fragte Arnaud fassungslos. »Was werfen sie uns vor?«
Der alte Ritter richtete seine Augen einen Augenblick gen Himmel, als suche er dort nach einer Antwort.
»Sie werfen uns nicht nur etwas vor.« Seine Lippen wurden schmal. »Sie haben das Urteil längst gefällt.«
Arnaud spürte, wie ihm ein Schauer über den Rücken lief.
»Dann müssen wir kämpfen.«
Hugo schüttelte langsam den Kopf.
»Nein.«
»Wir sind Ritter.«
»Gerade deshalb.«
Er legte Arnaud beide Hände auf die Schultern.
»Wenn wir heute gegen die Soldaten des Königs kämpfen, wird jedes ihrer Worte wahr erscheinen. Dann wird ganz Frankreich glauben, wir seien Verräter.«
Arnaud schwieg. Er wusste, dass der Alte recht hatte, und genau das machte die Lage so aussichtslos.
Hugo deutete auf den schmalen Durchgang zu den Stallungen.
»Dort hinaus.«
»Und Ihr?«
Der Ritter lächelte müde. Zum ersten Mal wirkte er wirklich alt.
»Einer muss ihnen Zeit stehlen.«
Noch ehe Arnaud etwas erwidern konnte, wandte sich Hugo ab und ging mit aufrechtem Rücken den Soldaten entgegen. Er hob nicht einmal die Hände. Er blieb stehen wie ein Mann, der seinem Schicksal ins Auge blickte.



































































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