Kapitel 17

In Gesellschaft von unzähligen fremden Damen legt Justin ein ganz anderes Verhalten an den Tag. Charmant und verständnisvoll. Heuchlerisch höflich. Skyla erkennt ihn kaum wieder. Verwirrt tritt sie an Naomis Seite, die das Spektakel aus einer einsamen Ecke betrachtet. Als stille Beobachterin. Dabei sitzt sie auf einem Tisch und verströmt Kälte aus, die den gesamten Raum in Beschlag nehmen zu droht.
„Hey.“ Auf Skylas Begrüßung schnalzt die weißhaarige Hexe nur angewidert. „Willst du nicht näher ran?“
„Ich verzichte.“
Die Antwort folgt spitz. Ihre Haltung ganz steif. Eine Drehung und Skyla vermisst den Rest der Bande. Nur Mason befindet sich vor Ort. Fast hätte sie ihn übersehen, denn er verschmilzt mit dem Hintergrund. Er rührt sich nicht, blinzelt nicht. Aber von ihm braucht Skyla kurz Abstand und bevorzugt das Hexenbiest.
„Mein Neffe wurde heute per Kaiserschnitt geholt…“
„Wie schön für ihn!“
Naomi mag sie bissig unterbrechen und doch weigert sich Skyla, sich geschlagen zu geben.
„Aber er arbeitet jetzt schon mit Telekinese.“
Endlich dreht Naomi ihren Kopf zu ihr und betrachtet sie prüfend.
„Solche Wunderknaben soll es auch geben. Deine Großeltern besitzen dieselben Eigenschaften, wie ich hörte. Was bedeutet, eure Gabe liegt in der Genetik verankert. Ich sehne den Tag deines Todes herbei, um dich persönlich zu sezieren.“
Skylas Mundwinkel heben sich kurz, denn sie fürchtet einen Scherz, doch Naomi blickt, als spreche sie wahr, was Skyla kurz schlucken lässt. Der Gedanke daran lässt sie erschaudern.
„Das klingt, als wärest du fest überzeugt, ich sterbe vor dir. Weil es mir an Kampferfahrung fehlt?“
Naomi atmet lang aus und lässt die Schultern hängen. „Die Wahrscheinlichkeit besteht, aber deine Glückssträhne überwiegt auch ohne mächtige Schutzgeister. Doch halte dir vor Augen, dass Hexen eine viel längere Lebensspanne haben. Je nach Macht und Zauber kann ich ein Jahrtausend überstehen.“
Angewidert beäugt Skyla ihren Gesprächspartner und hält die Hülle für Trug und Schein.
„Darf ich fragen, wie alt du bist, Naomi?“
Ihre Frage bessert die Laune des Weißhaars, schließlich heben sich ihre Mundwinkel.
„Lass es mich dir so sagen, ich bin eine sehr junge Hexe mit wenig Lebenserfahrung. Dabei bin ich nur wenige Jahre älter wie du, Skyla. Und doch bin ich der Gemeinschaft ein Dorn im Auge. Dabei fange ich gerade erst an, meinem Namen gerecht zu werden.“




Und Justin zeigt großes Vertrauen gegenüber einem Bündnis mit Naomi. Daher hegt Skyla große Hoffnung in ihr nächstes Anliegen. Denn in all dem Trubel ging ein wichtiges Thema unter. Einen Punkt, den sie bei den Verhandlungen hätte berücksichtigen müssen.
„Ist dir das Log-In-Syndrom ein Begriff, Naomi?“
„Mhm.“ Die Hexe summt und stützt ihren Kopf auf ihren Händen ab. „Lass mich raten, du sprichst von einer Patientin des Schlosses Eulenherz. Ein Kind, wenn ich mich nicht irre.“
Skyla ahnt es bereits und doch spricht der Frust aus ihr: „Hat Justin dir erzählt oder?“
„Irrtum. Eine Ermittlerin bat um meinen Rat. Ich gestehe, der Fall klingt interessant, passt aber leider nicht in meinen Terminkalender. Welch eine Überraschung, dass du eine Verbindungsbrücke schaffst. Aber was erhoffst du dir, Skyla? Die Exekution steht im Raum. Der Geist des Kindes soll mächtig sein, aber voll Bosheit. Wünscht du dir Erlösung für das Kind oder ein Wunder?“
Naomis blaue Augen leuchten bedrohlich. Sündhaft schön, aber unnatürlich. Ob Magie im Spiel ist? Ein Zauber der Manipulation oder vielleicht doch mehr eine Absicherung?
Der Kontakt zu Nadines Geist hält Skyla eine bedeutsame Botschaft vor Augen, einen Wunsch, den sie unterstützen mag.
„Nadine wünscht sich nichts anderes, als zu erwachen. Aber sie hat keine Verwandten. In kurzer Zeit hat sie sich Fähigkeiten angeeignet, die nicht unterschätzt werden dürfen. Nur fehlt ihr eine Person, die ihr eine Richtung vor Augen hält. Das Kind braucht Hoffnung. Was passiert, wenn sie erwacht? Behält sie ihre neuerworbenen Fähigkeiten?“
„Falls sie erwacht.“ Naomi erhebt sich geschmeidig und streckt sich kurz. „Die Chancen stehen hoch, dass das Kind ihre neue Gabe behält. Du erhoffst dir also ein Wunder von mir. Doch sollte ich Erfolg haben, was passiert dann mit dem Kind? Sie hat keine Verwandten. Das Heim kann grausam sein.“
Skyla nickt und gesteht: „Ich habe Hoffnung, dass Nadine hier willkommen wäre.“
Ein amüsierter Laut entweicht Naomi, was dafür sorgt, dass sich Justin von der Damengesellschaft verabschiedet und sich ihnen nähert. Nichts, was der weißhaarigen Hexe entgeht.
„Justin, wie schön. Hast du schon von Skylas neuster Idee gehört?“



Skyla presst die Luft genervt zwischen die Zähne durch und rechnet nicht mit Unterstützung, aber Dalika tritt heran. Sie und Agnar hielten sich im Hintergrund bislang bedeckt.
„Spotte nicht über das ehrenvolle Vorhaben, meiner kleinen Blume. Das Kind wäre hier gut aufgehoben und eine Bereicherung für das Team.“
Doch Naomi betrachtet dies anders: „Kinder sind Lasten, auf die wir gerade verzichten können. Reicht schon, dass ein Säugling bald hier einziehen wird.“
Justin mag die Augenbraue fragend heben, doch Skyla interessiert viel mehr, wer die Fremden sind.
„Hey, stellst du die Damen vor, Justin?“
Naomis Miene verdüstert sich mit einem Schlag. Abwertend schnalzt sie und spuckt ihre Meinung vor die Füße.
„Der Club der Verzweifelten. Hexen, die sich überschätzten und ihr Elend von allein heraufbeschworen haben. Sie leckten die Wunden und suchen nun Hoffnung bei uns.“
„Super, dann sind sie genau richtig. Denn sind wir nicht ebenfalls verzweifelt?“ Skyla belächelt ihre Lage kurz, um schließlich traurig zu seufzen. „Auch wir sind gefallen, aber wir stehen wieder auf.“
„Die Liste der Gefangenen von dem Versteck, das wir angreifen, beherbergt einige interessante Leute. Darunter einige Hexen. Uns unterstützen wenige Angehörige bei unserem Unterfangen. Was uns zu Gute kommt. Denn wir brauchen eine größere Streitmacht“, liefert Justin die gewünschte Antwort.
„Apropos.“ Ein Räuspern und alle Blicke schnellen zu Sina, die mit mildem Ausdruck die Hand zur Begrüßung hebt und in den Raum tritt. „Glaubt ihr wirklich, dass ich für den Einsatz geeignet bin? Ich sehe mich nicht wirklich an der Front.“
Naomi rollt mit den Augen. „Wundert mich nicht.“
Justin betrachtet Sina stirnrunzelnd, bevor er sich entscheidet, eine Pistole aus seinem Waffengürtel zu ziehen und ihr hinzuhalten. Doch Sina schüttelt unschlüssig den Kopf. Nichts, was ihn dazu veranlasst, das Ding verschwinden zu lassen.
„Gefühle zu manipulieren ist eine mächtige Gabe. Besonders dann, wenn du deine Fähigkeiten auf die Geisterwelt ausbreiten kannst. Deinem Hilferuf werden unterschiedliche Präsenzen folgen. Außerdem kannst du die Entschlossenheit unserer Feinde ins Wanken bringen. Vielleicht nicht heute, aber in Zukunft. Sei dir versichert, dass auf dich geachtet wird. Wenn du magst, dann begleite mich und ich verspreche, auf dich aufzupassen.“




Frustriert stößt Naomi den Atem hinaus und beschließt, sich von ihnen zu entfernen. Skyla blickt ihr kurz hinterher, um schließlich zu beobachten, wie Sina zögerlich die Pistole entgegen nimmt. Jedoch mit einem Ausdruck voll von Unsicherheit und doch nickt sie Justin zu.
„Ich würde es begrüßen, wenn Skyla uns ebenfalls begleitet“, gesteht Sina kleinlaut.
„Bedaure, aber Skyla wird mir heute nicht von der Seite weichen.“
Wie erhofft tritt Milan an Skylas Seite und belohnt sie nicht nur mit seinem charmanten Grinsen, sondern auch einen flüchtigen Kuss. Seine Anwesenheit beflügelt Skyla und gibt ihr Hoffnung, heil aus der Sache zu kehren. Trotz all den Ärger und Stress lächelt Skyla dankbar und lehnt sich gegen ihn. Stützend legt Milan seinen Arm um sie, während er die Gäste im Hintergrund zu sehen bekommt.
„Alles Hexen“, stellt er fest.
Justin nickt und beschließt, die Sache unkommentiert zu lassen. Eine Gelegenheit, die Agnar wahrnimmt.
„Bei der heutigen Mission steht uns Kai nicht zur Verfügung.“
Eine Tatsache, die Skyla vergaß und zur Erklärung veranlasst: „Kai beschützt in meinen Auftrag meinen kleinen Cousin.“
Agnar nickt und gibt keinen Raum, um diese Information verarbeiten zu lassen. Stattdessen greift er hinab und zieht einen langen Spiegel aus dem Boden, als verstecke sich unter ihren Füßen eine geheime Abstellkammer.
„Aber wir haben Ersatz für ihn.“
Milan runzelt die Stirn und spricht seine Bedenken laut aus. „Und das aus dem Munde eines Dämons. Das gefällt mir nicht. Allein Skylas Blick zeigt, dass nichts mit ihr abgeklärt wurde.“
Dalika zischt die Luft hinaus und zickt ihn an. „Misstraue uns ruhig, das können wir ab. Aber behindere uns nicht bei unserer Aufgabe als Schutzgeist!“
„Giftig wie eine Hexe.“
Milans spöttischer Kommentar lässt den Nang Tani laut schnaufen.

Skyla will die Bombe gerade entschärfen, als sie plötzlich Nadine im Spiegel ausmacht und ihre Neugier weckt. Das Kind meidet den Blickkontakt und lässt den Kopf hängen, als fehle ihr der Mut.
„Hey.“ Skyla nähert sich mit einem aufrichten Lächeln. „Wie schön, dich wiederzusehen, Nadine.“
Sie geht vor dem Spiegel in die Hocke, um auf Augenhöhe mit ihrem jüngsten Gast zu sein. Verständlicherweise beäugt Nadine voller Skepsis ihr Gegenüber. Ihr Schweigen macht Dalika zu ihrem Sprachrohr, denn sie verkündet: „Agnar und ich machten uns kürzlich auf die Suche nach Nadine. Ohne Feindseligkeit, sondern mit einer Bitte.“




Wann?
Wann sind die beiden Schutzgeister verschwunden?
Skyla entging ihre Abwesenheit seit der Ankunft im Versteck nicht. Doch eine Gelegenheit hätte sich bei der Zubereitung des Mittagessens geboten. Oder nach ihrer kleinen Vorstellung in der Runde.
Zum Glück rückt Dalika mit dem Anliegen raus und verkündet stolz: „Nadine wird unser Vorhaben unterstützen und Kais fehlenden Platz einnehmen.“
Milan zieht scharf die Luft ein und konfrontiert Justin mit einem hilfesuchenden Blick, als heiße er die Idee nicht gut. Sein Partner scheint ebenfalls seine Bedenken zu haben, denn er nähert sich mit verschränkten Armen.
„Und wer gewährt uns Sicherheit, dass der Geist unserer Lage zu ihren Gunsten ausnutzt?“
„Ein Schwur.“ Agnar klingt überzeugt von seinem Einwurf. „Selbst Dämonen haben sich an Verträge zu halten.“
Skyla nutzt die Gelegenheit, um Justin ins Bild zu setzen. Eine kurze Vorstellung, wo sie das Attentat gewaltig herunterschraubt, denn für sie hat sich die Sache bereits erledigt, schließlich berichtet sie von ihre Pläne mit Nadine. Sie wünscht dem Kind ein neues Zuhause und ein Umfeld, das Verständnis in ihre Lage bringt. Ihr Vater wäre sicherlich der letzte Mensch, der Nadine verstößt. Daher hofft Skyla, das Team für diesen Beitritt zu gewinnen. Und sie steckt viel Hoffnung in Naomis Dienste, denn wenn einer das Kind rettet, dann hoffentlich der weiße Teufel. Während Milan seinen Missmut mit einem fast krankhaften Kopfschütteln verkündet, reicht ein Blick in dem Hintergrund, wo Naomi wachsam lauscht. Mit einem Blick voll von Neugier und Freude auf die Herausforderung. Sie für die Sache zu gewinnen wird sicherlich nicht schwer. Nur liegt die Entscheidung am Ende bei Justin. Er segnet jeden Beitritt ab, nur blickt Skyla bei seinem Pokerface nicht durch. Der Geisterjäger gibt keinerlei Hinweise zu seinem Empfinden. Stattdessen lässt er sich Zeit mit seiner Meinung. Zeit, die Sina nutzt, um das Gespräch mit Nadine zu suchen. Denn das Mädchen verhält sich steif und unwohl, doch auch solch eine harte Nuss bekommt Sina geknackt und auch wenn die Antworten zu ihren Fragen zögerlich folgen, öffnet sich Nadine ein klein wenig gegenüber Sina. Ein guter Anfang.

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