Kapitel 16
Die traurige Kunde über Tante Mary’s Tod und dem sprunghaften Verschwinden von Mutter Kacie sind anstehende Botschaften, die Skyla hätte vermitteln müssen. Doch Lukas kam ihr zuvor. Nachrichten, die Vater Finn den Boden unter den Füßen wegreißen. Sein lautes Wimmern und Schluchzen lässt sich bereits aus dem Foyer vernehmen und lotst die Tochter zum Gästebereich des Restaurants. An einem Tisch kauert der alte Herr. In Gesellschaft von Lukas. Die Brille legte der alte Herr beiseite. Das Gesicht bleibt in den Händen vergraben. Thomas tritt mit einer Kaffeekanne und einer Tasse zuerst an seinen alten Freund und bewirtet ihn mit leerem Ausdruck. Während der Verhandlung mit Naomi trafen auch Justin und Oma Ulrike ein. Daher weiß Skyla, dass ihr Vater auf den neusten Stand gehalten wurde. Aufgrund des Zeitsprunges entging ihr die Sorge, pünktlich ins Krankenzimmer von Naru zu kehren, sodass ihr Verschwinden nicht aufgefallen wäre. Ein Versäumnis, das sie eine ordentliche Standpauke kostete. Eine Schimpfparade kombiniert mit Vorwürfen, die sie noch immer schniefen lässt und dafür sorgt, dass sich ihr Blick kaum vor Reue heben mag. Aber auf Wunsch von Oma Ulrike nähert sich Skyla ihrem Vater.
Zum Trost spenden – behauptete Oma Ulrike.
Es klingt lachhaft, wenn Skyla bedenkt, dass alles nur wegen ihr aus dem Ruder lief. Eigentlich hat sie nicht das Recht, ihrem Vater unter die Augen zu treten.
Die Kanne platziert Thomas auf den Tisch, als er sein Patenkind ausmacht. Übereilt bricht er zu ihr auf und Skyla kann seinen Blick kaum deuten, als er die Distanz überwindet. Dabei fängt er sie nur in eine feste Umarmung ein und seufzt erleichtert.
„Schön, dass du zurück bist. Du siehst mitgenommen aus. Vielleicht kann ich dir etwas Gutes tun? Soll ich kochen oder euch einen Kakao machen?“
Einen Kakao besserte ihre Laune in der Vergangenheit immer. Besonders, wenn er von Thomas zubereitet wird. Nur heute mag sie auf seinen bekannten Trostversuch verzichten, denn der Magen rebelliert. Daher schüttelt Skyla stumm den Kopf und verliert eine einzelne Träne, als er ihr entgegenblickt.
„Das alles tut mir schrecklich leid, Thomas.“
Doch statt wütend zu sein, lächelt er, als feiere er gerade seinen Geburtstag mit all den Leuten, die ihm wichtig sind.
„Hör mir gut zu, Skyla. Gemeinsam werden wir damit fertig. Gebe dir nicht die Schuld an dem Ganzen. Du hast nichts davon gewollt und alles in die Wege geleitet, um uns zu schützen. Ich weiß, das will sicherlich auch in den nächsten Wochen nicht in deinen Kopf. Daher nehme ich es mir zur Aufgabe, Lichter zu entzünden, die die Dunkelheit durchbrechen, die dich heimsuchen wird. Ich weiche nicht von deiner oder von Finns Seite. Ihr könnt euch auf mich verlassen. Auch Lukas wird euch beistehen. Für Finn und mich ist es das größte Glück, wenn du und mein Sohn heil zurückkehrst.“ Seine Hand fängt ihre ein und drückt diese kurz. „Ich sehe, du zögerst. Dabei hast du nichts zu befürchten. Lass zu deinem Vater und ihn trösten.“
Ohne seinen Einsatz würde sich Skyla noch immer von dem Tisch fernhalten. Doch Thomas gibt ihr den nötigen Stups. Er rückt ihr gerade einen Stuhl zu recht, da treffen sich die Blicke von Vater und Tochter. Finn erhebt sich augenblicklich, um wie Thomas sie in seine Arme zu schließen. Viel fester, als bräuchte er jemanden, der ihm in den nötigen Halt gibt. Seine Tränen stecken sie an, dabei hatte Skyla Hoffnung, so langsam versiege die Quelle.
Das Zeitgefühl mag Skyla entgehen, aber die Haltung wird langsam unangenehm. Zum Glück löst sich ihr Vater von allein. Um all die Schwäche fortzuwischen und zu lächeln, als sei nun alles wieder okay. Eine Maske, die leider nicht überzeugt.
„Hey.“ Er beginnt sanft und mit einem schwachen Lächeln, doch die Stimme zittert kläglich. „Wir bekommen Zuwachs. Naru soll in meine Obhut wandern. Wäre das für dich in Ordnung?“
Darüber muss Skyla nicht mal nachdenken. Naru hat ebenfalls mediale Fähigkeiten. So oder so würde sie Kai dazu verdonnern, über den Kleinen zu wachen.
„Natürlich. Ich helfe dir auch mit Naru.“
Stolz klopft er ihr auf die Schulter und erkennt: „Du siehst fertig aus, Kind. Setz dich. Willst du über all das sprechen? All das, was du vor uns verheimlichst hattest. Aus Furcht, ich glaube dir nicht und würde ebenfalls den Drogenkonsum vermuten?“
Kaum ausgesprochen, atmet Lukas genervt aus und hebt kapitulierend die Hände. „Ich bereue es ja nachträglich. Ich habe überreagiert und war zu schnell überzeugt von der Vermutung. Aber wer rechnet auch schon mit übernatürlichen Kram?“
Finn prustet los. Es klingt jedoch mehr traurig und verzweifelt. Dennoch neckt er den Jungen: „Dabei bist du doch so ein Nerd wie dein Vater und ich. Wo bleibt nur deine Fantasie?“
Skeptisch blickt Skyla auf und fixiert ihren Patenonkel, der einige Tassen heranschleppt und sich Kaffee gerade einschüttet. Angestarrt zu werden, entgeht ihm nicht, daher kreuzen sich ihre Blicke. Frech lächelt er und zwinkert sogar.
„Ich weiß, Skyla. Kaum zu glauben, aber mein Vater ist ein Sammler und ein großer Fan der Sciencefiction. Den ganzen Kram siehst du aber nur in seinem Schlafzimmer“, berichtet Lukas ihr.
Thomas räuspert sich und richtet die Krawatte. „Leider muss ein Bänker professionell auftreten. Mein Hobby wird in unserer Branche ungern gesehen und auch beim Dating wird meine Schwäche zum K.O.-Kriterium.“
Skyla schnauft erbost. „Na und? Such dir eine Frau, die alles an dir akzeptiert, Thomas. Verstell dich nicht für andere. Mich würde so etwas nicht abschrecken.“
„Ich weiß.“ Ihr Patenonkel beugt sich mit stolzem Blick vor. „Das liebe ich an dir, Skyla. Daher bedaure ich es, dass du Augen für einen anderen Kerl hast. Nichts würde mich glücklicher stimmen, wenn du mit Lukas dein Glück versucht hättest. Was nicht heißen mag, dass ich dir meinen Sohn aufdrängen mag. Lebe ohne Reue. Auch so sind wir eine Familie. Wenn auch nicht blutsverwandt.“
„Du macht es schon wieder!“, beschwert sich Lukas bei ihm, „Sprich es doch einfach nicht aus, okay?“
Thomas seufzt und kratzt sich verlegen am Kopf. „Sorry, Lukas. Ich weiß, die Wunde ist noch frisch. Ich versuche Rücksicht auf deine Gefühle zu nehmen.“
Auch Skyla wäre dankbar dafür. Zum Wohle aller und bevor sich irgendeiner hineinsteigert, beschließt sie sich an den Herd zu stellen. Stille wird sonst zu Gift für ihre Seele. Ablenkung muss her und nach all der Anstrengung haben sicherlich alle großen Hunger.
Auf ihren Wunsch begibt sich Thomas mit ihr in die Küche und die Vorräte werden inspiziert. Für eine große Meute wählt Skyla ein einfaches Gericht. Etwas Schnelles. Etwas, womit alle zufrieden wären. Nudeln mit Tomatensoße und einem kleinen Salat. Es muss kein weiteres Wort über das Inventar fallen, um die Lage zu erklären. Thomas rät ihr, eine Einkaufsliste zu schreiben, und verspricht, sich um alles Weitere zu kümmern. Zeit gemeinsam und vor allem mit ihm allein hatte Skyla schon lange nicht mehr. Nun aber hilft ihr Patenonkel in der Küche, wo er kann. Wie Lukas beweist er sich als guter Zuhörer und zeigt aufrichtiges Interesse über ihre neue Welt, über ihre Fähigkeiten und über ihrem geistigen Zustand. Im Nu befindet sich die Mahlzeit servierbereit. Während Thomas mit seinem Sohn den Tisch deckt, will Skyla das Team zusammentrommeln. Wie gut, dass Justin weiterhin im Erdgeschoss verweilt. Immer noch im Gespräch mit ihrer Oma. Naomis Bereich mag Skyla ungern erneut betreten. Besonders nicht so kurzfristig hintereinander, daher setzt sie Hoffnung in Justin. Tatsächlich versichert er ihr, dass Naomi lieber allein speist und meist während der Arbeit. Daher beschließt er, ihr eine Portion vorbeizubringen. Dankbar für seine Kooperation macht sich Skyla auf die Suche nach den anderen.
Wie sich zeigt, sind die Zimmer bereits verteilt und werden eingerichtet. Milan packt tatkräftig mit an, indem er berät und dem Neuzuwachs für sämtliche Fragen zur Verfügung steht. Die Kunde über ein gemeinsames Essen lässt ihn von allen Anwesenden am meisten strahlen. Seine Freude auf die Stärkung steckt Sina ebenfalls an und im Nu eilen die beiden hinab, als müssten sie um ihre Portion kämpfen. Mason hingegen durchlöchert Skyla mit einer Menge Fragen rund um die Zutaten und Inhaltsstoffe des Gerichtes, sowie seine kranke Neugier über die anwesenden Personen und über Gesprächsverhandlungen mit Naomi. Eine Unterhaltung mit ihm wirkt wie ein knappes Frage-Antwort-Spiel. Am besten alles rein objektiv. Großes Interesse hat Mason an dem Machtgefüge dieses Teams. Die meisten Fragen drehen sich um Justin und Naomi. Eine Gesprächsentwicklung, die ihre Laune sinken lässt.
Im Gästebereich des Restaurants wurden viele Tische zusammengeschoben. Woraufhin alle an einer großen Tafel speisen. Eine Gelegenheit, die Skyla nutzt, um eine große Vorstellungsrunde zu machen. Mason mag Skyla böse anfunkeln, als sie großzügig über seine Person spricht, doch ein jeder sollte das Recht haben, zu wissen, wie es um die Kampfkraft steht und mit welchen Leuten sie es hier zu tun haben. Auf die Schutzgeister folgen unterschiedliche Reaktionen. Skyla findet es sogar niedlich zu beobachten, wie Mason auf seine Schutzfee selbst beim Speisen angewiesen ist. Soraya füttert den Ex-Soldaten brav wie ein kleines Kind, alles nur, weil seine Hände alles und jenes in Sekundenbruchteil gefrieren lassen würden. Der Fluch seiner Geburt. Ein Leben, um das Skyla ihn nicht beneidet. Hoffentlich kann Naomi Abhilfe verschaffen und seinen Alltag erleichtern. Die Feen werden schneller anerkannt als Skylas Dämonen. Obwohl das Ekelpaket von Bär fehlt, schließlich wacht Kai weiterhin über Naru. Und doch erhalten Agnar und Dalika überwiegend Respekt und Furcht als Reaktionen ihrer Vorstellung. Dalika hätte sicherlich bessere Chancen, Eindruck zu gewinnen, wenn ihre Laune sich bessern würde und sie nicht wie eiskalte Amazone stiert. Ihre Züge sind kalt und unbarmherzig geworden. Die Augen glühen noch immer wie Tore zur Hölle und ihre Ausstrahlung wird von Stunde zu Stunde düsterer. Etwas, was Skyla Sorge bereitet.
Tatsächlich nutzt Thomas seine Vorstellung dafür, über seine Zukunftspläne zu sprechen. Sein Vorhaben mit dem Restaurant. Als Justin im Anschluss über die bevorstehende Operation spricht, sprechen die zweifelnden Blicke für sich. Skylas Vater scheint nicht die Kraft zu haben, seine Sorgen zu äußern. Dafür aber Thomas. Er beginnt sogar mit Justin und Mason zu diskutieren, doch Oma Ulrikes Unterstützung kommt unerwartet und wie zu erwarten, erstickt die alte Frau jeden Widerspruch im Keim. Ihr Machtwort lässt alle verstummen. Bis Justin verkündet, dass Lukas nicht mitgenommen wird, da er für die Mission nicht geschaffen ist. Es war zu erwarten, dass sich der Betroffene weigert, diese Entscheidung zu akzeptieren. Justin fordert das Unmögliche von Skyla, denn sie kann sagen was sie will, Lukas wird nichts vom Gegenteil überzeugen. Selbst Oma Ulrike oder sein Vater können ihn unmöglich überreden. Doch so stur Lukas auch sein mag, an Justin wird er sich die Zähne ausbeißen. Zumal Justin Skylas komplettes Umfeld studiert hat. Auch die Verhaltensmuster. Lukas‘ Getränk wurde manipuliert. Wann und wie ist Skyla ein Rätsel. Aber mitten in der Diskussion bricht das Bewusstsein von ihrem Freund weg. Ein Vorgehen, das Milan zu kennen scheint. Denn er befindet rechtzeitig zur Stelle, um Lukas auf ein Zimmer zu tragen. Sowohl Thomas, Finn und auch Skyla können diese Art nicht gutheißen. Doch all ihre Beschwerden prallen an einer Mauer aus Ignoranz ab. Ein Verhalten für das Mason applaudiert.
Über Nebenwirkungen soll sich Thomas wenig den Kopf zerbrechen. Laut Justin handele er in allen Interesse. Zum Schutz aller. Damit wäre alles gesagt und Justin rät ihnen zu einigen Stunden Ruhe, bevor ein Treffen zum Planen folgt. Diesmal gemeinsam mit Naomi. Die Stunde der Wahrheit rückt näher und noch kann sich Skyla nicht im Entferntesten ausmalen, was sie erwartet. Hoffentlich kehren sie alle lebend heim. Gemeinsam mit Emilie.



































































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