Kapitel 15

„Killerkatzen!“ Sina kreischt und kämpft um ihre Shrimps. „Bitte, liebe Katzis, lasst los!“

Wie angekündigt werden die neuen Besucher von einer Katzenhorde empfangen. Mias Portal führt direkt ins dunkle Foyer. Skyla wird dabei das Gefühl nicht los, dass sich die Anzahl der Tiere im Vergleich zum letzten Besuch verdoppelte. Milan schnappt sich eilig einen Besen und geht ins offene Gefecht. Doch die Tiere wittern Beute, um die sie kämpfen werden. Fauchend umzingelt die Schar Sina und Milan. Erst ein strenger Pfiff lässt die Samtpfoten zurückweichen. Naomi stolziert die Treppen hinunter und rümpft die Nase.

„Noch mehr Leute. Welch eine Unruhe! Wer trägt hierfür die Verantwortung?“

Die weißhaarige Hexe sucht gezielt den Blick zu Skyla, bis sie Lukas bemerkt, der eine ihrer Katzen auf den Arm trägt und die Gunst der Samtpfote für sich gewinnt.

„Welch schändliches Verhalten! Bursche! Ist dir bewusst, dass du einen meiner treuen Seelen in deinen Armen gefangen hältst! Ich rat dir, gib ihn frei und halte dich fern von meinen Lieblingen!“

Lukas wiegt die schwarze Katze wie ein Baby im Arm und wirkt wie der glücklichste Mensch weit und breit. Das macht Skyla ganz schön neidisch. Denn sie will auch eine Kuschelkatze. Stattdessen sehen die Tiere sie nicht mal mit dem Hintern an.

„Unmöglich! Er hat mich gern gewonnen.“

„Er?“ Skyla runzelt die Stirn. „Woher weißt du, dass es sich um einen Kater handelt?“

In all der Dunkelheit kann Skyla kaum etwas erkennen. Zumal sich eine schwarze Katze unter den Bedingungen perfekt tarnen kann. Doch ihr bester Freund lächelt nur frech. Nicht bereit, seine Beobachtungen mit ihr zu teilen.

 

Widerworte hört eine Hexe wie Naomi ungern. Bissig nähert sie sich, wird jedoch aufgehalten. Rechtzeitig kommt der Weiße Teufel zum Stand, als Mason seinen Arm ausstreckt, um ihr Amelias Kopf hinzuhalten. Zu Eis erstarrt und in Kältenebel gehüllt. Dank seines Fluches.

„Ein hochrangiges Ordensmitglied. Amelia Wein.“

Naomis Augen weiten sich, als erschüttere der Name ihre innere Ruhe. Masons Mundwinkel zucken freudig.

„Wie du siehst, kommen wir nicht mit leeren Händen. Skylas Fang wird sicherlich dein Interesse erregen.“



Aufs Stichwort tritt Agnar mit der Weinflasche hervor. Nur kurz gleitet Naomis Blick über diese, schließlich schnippt sie laut mit den Fingern, während sie sich schwungvoll umdreht. Der Rock ihres Kleides plustert sich dabei auf und Magierückstände verglühen wie Leuchtkerzen durch das Fingerschnippen.

„Folge mir, Skyla. Wir beide verhandeln in meinem Arbeitsbereich. Deinen anwesenden Schutzgeistern sei der Eintritt erlaubt, der Rest soll sich bitte gedulden.“ Neben Sina bleibt die weißhaarige Hexe kurz stehen und rümpft die Nase. „Noch ein Medium. Eins mit viel zu viel positiver Energie. Komm gar nicht auf die Idee Farbe an jenen Ort reinzubringen. Ich mag meine stilvolle Einrichtung.“

Sinas Blick schweift umher. „Eher schaurig und trostlos.“

Böse funkeln die blauen Augen der Hexe. „Wie befürchtet. Den Schuppen nebenan könntest du zu deiner kunterbunten Leinwand machen. Änderungen an dem Wohnstil sind inakzeptabel.“

Statt auf die Provokation einzugehen, lächelt Sina herzallerliebst. „Sieh an, du musst die berüchtigte Hexe sein, die hier haust.“

„Naomi. Ganz Recht. Ein Dorn im Auge des magischen Rats. Ausgestoßen von der Gesellschaft. Auch bekannt als Weißer Teufel.“

Statt abgeschreckt zu reagieren, packt Sina zu und umfasst die manikürten Hände der Hexe, um diese kurz zu drücken.

„Sina. Reporterin und Foodbloggerin. Wir haben eine Gemeinsamkeit, denn ich bin dem Ritterorden ein Dorn im Auge. Es freut mich so sehr, auf eine Hexe zu treffen, du bist die Erste und hast richtig krasse Vibes. Ich mag deine kalte Art und ich denke, da steckt hinter dieser Eiswand noch viel mehr als dein kalter Blick.“

Angewidert entzieht sich Naomi ihr und wählt die Distanz mit einer abwertenden Handbewegung, als wolle sie eine Fliege verscheuchen.

„Bitte verschon uns mit deiner heuchlerischen Therapiestunde und verteile deinen bunten Glitzer woanders. Vielleicht wickelst du dich in einen Umhang, denn das Licht, was du verstrahlst, lässt einen fast erblinden.“

 

Freudig reibt sich Milan in die Hände, als er an Sinas Seite tritt. Den Besen hat er einfach an die nächstbeste Wand gestellt, als diesen wegzuräumen. Skyla fürchtet schon, dass der Nächste darüber stolpert oder Justins sich spätestens beschweren wird. Doch das scheint dem Geisterjäger wenig zu interessieren, viel mehr freut er sich laut.



„Oh, Sina. Du bist ein Schätzchen. Mit dir wird Naomi uns meiden, das ist perfekt. Du glaubst ja nicht, wie anstrengend unsere hochnäsige Prinzessin sein kann.“

Sina seufzt leise und verschränkt die Arme. „Wenn möglich würde ich mich aber auch mit der bösen Hexe anfreunden wollen.“

„Zeitverschwendung“, behauptet Milan felsenfest, „Die interessiert sich doch nur für ihre doofe Forschung und für meinen Partner.“

„Vor allem du bist meine Anwesenheit nicht würdig, Milan!“, zischt Naomi und erklimmt die ersten Stufen, um sich schließlich zu Skyla umzudrehen, „Kommen wir besser schnell ins Geschäft, Skyla.“

Die Angesprochene nickt und wendet sich an Milan, aber nicht ohne ihm den Besen in die Hand zu drücken. „Lass den besser verschwinden, bevor Justin zurückkommt. Kann ich dir die anderen überlassen?“

Motiviert nickt er. „Na sicher, Süße.“

Kumpelhaft klopft sie ihm auf die Schulter und lässt ihren Blick umherschweifen. Dabei schaut sie Lukas kurz in die Augen und lächelt entschuldigend. Aber ihr bester Freund hebt den Kater ein Stück hoch, um ihr zu versichern, dass er vorerst besänftigt wurde. Er verhält sich wie ein Kater auf Katzenminze. Stumm tritt Mason heran. Mit dem gefrorenen Kopf, doch ehe Skyla ihm diesen abnehmen kann, übernimmt dies Dalika.

„Denk dran, der Feind schläft nicht!“, betont Mason erneut.

Augenrollend nimmt Skyla die Verfolgung mit ihren beiden Schutzgeistern auf.

 

Naomis Reich gehört verboten. Die Hexe beansprucht ganze fünf Räume im Hotel. Ihr Arbeitsbereich befindet sich sogar auf der zweiten Etage. Wie von Justin gewohnt wirkt der Bereich so steril wie in einem Krankenhaus. Der starke Geruch von Desinfektionsmittel steigt ihr entgegen, als sie die letzten Stufen hinauf erklimmen. Naomi öffnet ihnen eine schwere Sicherheitstür und Skyla erschaudert, als sie die Inneneinrichtung zu sehen bekommt. Hinter einem kleinen Vorraum, der als Umkleide dient, geht es durch eine Schleuse in einen Sektionssaal. Skylas Blut gefriert, denn auch sie erwachte schon einmal auf einem Autopsietisch. Ein prägendes Erlebnis, das Furcht in ihr keimen lässt. Neben den Einrichtungselementen – bestehend aus Edelstahl – glänzen die Wände und der Fußboden durch den Marmor. Ein geschliffener Stein mit goldenen Elementen.



 

Naomi zeigt wenig Interesse für Skylas erstarrten Zustand und bindet sich gewissenhaft die Haare zusammen, um schließlich den Schutzanzug anzuziehen. Fast fertig meldet sich ihre Ungeduld.

„Ich würde es begrüßen, wenn sich alle Anwesenden an mir ein Beispiel nehmen. Ohne Schutzkleidung lasse ich euch nicht in die Schleuse!“

Kaum ausgesprochen rüttelt sich Skyla wach, um Naomi zu konfrontiert: „Was ist das hier? Sag mir nicht, du lagerst hier auch Leichen!“

Naomi schnalzt abwertend mit der Zunge und beschwert sich: „Du bist laut, Skyla! Jammere nicht rum! Meine Autopsien werden dir bei der Monsterjagd noch helfen. Außerdem lagere ich hier interessante Exemplare.“

Damit wäre die Frage beantwortet und Skyla braucht einen kurzen Moment, um solch eine Information zu verdauen. Doch Naomis Laune verschlechtert sich zunehmend, sodass die Schutzkleidung widerwillig angelegt wird. Auch von den beiden Schutzgeistern.

 

Kaum durch die Schleuse bittet Naomi, die Lieferung auf den Sektionstisch abzustellen. Während die Hexe sich mit der Begutachtung auseinandersetzt, erkunden Skylas Augen beunruhigt die Räumlichkeit. In der Tat befinden sich beachtlich viele Kühlkammern vor Ort. Viele beschriftet und somit sicherlich belegt. Es juckt Skyla in den Fingern, die Fächer zu öffnen und den Schrecken ins Gesicht zu blicken. Bis ihr ein blubberndes Becken mit leuchtender Flüssigkeit ins Auge springt. Groß wie ein Whirlpool. Dunkel und verschlingend wie die Tiefen der See. Nah der Oberfläche schwimmen neongelbe Lichter und Kristalle. Kaum liegt der Fokus auf das Becken, meint Skyla qualvolle Laute daraus zu entnehmen.

Die Neugier platzt daher aus ihr. „Naomi? Was ist das für eine Flüssigkeit?“

„Ein Gefängnis für Energien wie diese.“

Auf Naomis Wunsch beginnt die Weinflasche zu schweben und folgt der Hexe zum Becken. Ein Wisch, und der Behälter gleitet geschmeidig in die Flüssigkeit. Als Skyla sich über den Rand beugt, drängt Dalikas sie kopfschüttelnd zurück. Nicht mit Zorn in den Augen, sondern voll von Sorge wie bei einer erschrockenen Mutter.

 

„Justin erwähnte einen Ortungszauber. Du bist auf der Suche nach einer Freundin und wünschst eine magische Tür zu ihr. Eine Tür zum Feind. Denn wie ich hörte, soll sie sich in Gefangenschaft befinden. Der Kopf der Dame scheint ein wichtiges Glied vom Konstrukt des Feindes zu sein. Wenn ich den Schädel knacke und auf die Erinnerungen zurückgreife, verschaffe ich uns viele Vorteile für unser Vorhaben.“



„Wichtig zu erwähnen wäre, dass der Kopf aus einer anderen Zeitlinie stammt. Skyla wagte den Sprung in die Vergangenheit, damit wäre wenig Verlass auf die Informationen der Toten. In dieser Zeitlinie könnten unerwartete Wendungen für böse Überraschungen sorgen“, erwähnt Agnar kühl.

Naomis Mundwinkel zucken. Ihr Blick auf Skyla wirkt nun bohrend. „Wirklich? Du hast einen Zeitsprung hinter dir?“

Ein Nicken sollte Antwort genug sein. Tatsächlich gibt sich Naomi damit zufrieden. Mit dem Blick auf den abgetrennten Kopf versinkt sie kurz in Gedanken.

Aber auch ihre Neugier wird geweckt und Antworten sucht sie beim Dämon.

„Zwei Versionen können in einer Zeitlinie nicht koexistieren. Welche Version war Skyla bereit zu opfern?“

Agnar beginnt zuerst zu starren. Einige Sekunden, bevor sich ein teuflisches Grinsen in seinem Gesicht breitmacht.

„Ich hielt eine Verschmelzung für angebracht und speiste das, was überschüssig war und für Probleme gesorgt hätte.“

Empört von dem Detail nähert sich Skyla dem Spinnendämon. „Was bedeutet das, Agnar? Was hast du getan? Bin ich etwa nicht mehr ein und dieselbe Person?“

„Vorsicht, Skyla. Fragen könnten zum Identitätsverlust führen. Belasse es dabei und zerbrich dir besser nicht den Kopf. Die Folgen wären fatal, wenn du dich in diese Problematik hineinsteigerst.“ Für Naomi wäre damit alles zu dem Thema gesagt und das Planen bekommt für sie Vorrang. „Der erschöpfte Zustand der Gruppe blieb mir nicht verborgen. Richtet euch hier ein, erholt euch, denn ich brauche einige Stunden Zeit, um Vorbereitungen zu treffen. Nur dürfen keine vierundzwanzig Stunden verstreichen für die Operation. Daher stärkt euch, tankt Schlaf und plant mit Justin das Vorgehen. Keine Sorge um den Wächter. Dieses Gefängnis außerhalb von Raum und Zeit kann selbst solch eine mächtige Kreatur nicht bezwingen. Sofern mein Herz schlägt, seid ihr sicher vor dem Ungetüm. Seine Energie kommt meiner Sammlung und Forschung zu Gute. Er wird sicherlich ein hervorragendes Opfer abgeben, um höhere Ebenen dunkler Magie zu durchbrechen. In ein paar Jahren stellt das Wesen somit auch keine Bedrohung mehr da. Selbst nach meinem Ableben nicht. Wie du heraushörst, willige ich den Handel ein und stelle dir meine Kampfkraft zur Unterstützung.“



Dafür, dass Justin betonte, Skyla müsse sich anstrengen, Naomi zu überzeugen, verlief die Verhandlungen einfacher als gedacht. Verdächtig leicht. Fast, als werde Skyla übers Ohr gehauen.

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