Kapitel 34
Verdrängung klappt am besten, wenn Skyla in Arbeit versinkt. Die Vorräte in der Küche wurden inspiriert und gecheckt, auch die grobe Mehrheit der anwesenden Person befragte Skyla zu ihrem Essgewohnheiten, sodass sie aus den gesammelten Informationen einen Wochenplan aufsetzen konnte und sich nun um die heutige Verpflegung wagt. Mit zwei Küchenhelfern. Emilie bereichert das Unterfangen ungemein, schließlich widmete sie ihre Lehre der Küche. Mit ihr macht die Menügestaltung Unmengen Spaß. Während Lukas sich fleißig um die Vorbereitungen kümmert. Der Kochprozess wird von Emilies Gesang versüßt und dank des Upgrades als Nang Tani fallen Emilie Interaktionen leichter, so kann sie sich um das vegetarische Menü kümmern. Emilies sonniges Gemüt erhellt unweigerlich Skylas düstere Welt und so erwischt sich das Medium immer wieder aufs Neue bei einem Lächeln. Bis sie einen Beobachter an der Türschwelle ausmacht.
Das Herz zieht sich schmerzhaft zusammen, als Skyla in die silberfarbigen Augen von Milan schaut. Der Geisterjäger betrachtet sie stumm und ausdruckslos. Die verschränkten Arme vor der Brust zeigen jedoch noch immer seine Angespanntheit. Kaum registriert, winkt er sie fordernd mit dem Zeigefinger zu sich heran.
„Emilie, könntest du meinen Part übernehmen? Ich würde mal kurz verschwinden“, wendet sie sich an die andere Köchin.
Auch wenn Emilie zuversichtlich lächelt, zeichnet sich Müdigkeit bei ihr ab. Woraufhin Skyla vermutet, ihre Freundin stößt an ihre Grenzen. Daher dreht sie sich suchend um. Lukas tritt bereits heran, auch wenn seine dunklen Augen Milan fixieren.
„Lukas, die Soße ist bereits fertig, könntest du nur darauf achten, dass nichts anbrennt?“
Denn für einen solch anstrengenden Tag entschieden sich Emilie und Skyla für eine Bolognese. Nichts zu Aufwendiges, schließlich verlangte die Rettungsaktion zu viel ab.
„Ungern lasse ich dich mit ihm allein. Sollte er dir zu blöd kommen oder dir weiter Schuld einreden, dann kehre ihn den Rücken“, fordert Lukas und streicht stärkend über ihren Rücken, als müsste er ihre Anspannung lösen.
Milans Verhalten wurde von ihm stark kritisiert und obwohl Skyla Lukas überzeugen wollte, dass Geister eigentlich geläutert werden müssen, änderte sich seine Meinung nicht. Lukas wirkt überzeugt, dass er sich wie Skyla entschieden hätte. Dabei weiß Skyla, dass es falsch war, Emilie zu unterstützen. Dennoch nickt sie die Sache ab, um Lukas zu beruhigen, obwohl sie nicht beabsichtigt, die Flucht im Gespräch mit Milan zu suchen.
Mit mulmigem Gefühl nähert sich Skyla dem Geisterjäger und rechnet damit, dass er einen ruhigen Ort aufsucht, doch stattdessen geduldet er sich, bis sie ihn erreicht, um ihr zu verkünden: „Unsere Verluste wollen wir beim Übergang unterstützen und auch ohne Leichen möchten wir uns von ihnen verabschieden. Ein ganz wichtiges Ritual für uns alle. Der thailändische Nang Tani unterbreitete einen überzeugenden Vorschlag. Ich wurde regelrecht von ihr entführt und wir sind nach Thailand gereist, um Einkäufe zu tätigen. Wir bitten einen jeden, sich die Zeit für eine kleine Bastelaktion zu nehmen. Du erinnerst dich doch bestimmt an die Krathongs oder?“
Tränen sammeln sich in den Augen. Nicht allein wegen der Verluste, sondern weil er eins ihrer schönsten Dates anspricht. Eine unbeschwerte Zeit. Eilig wischt sie sich die Tränen aus dem Gesicht und nickt traurig. Milan wendet daraufhin den Blick von ihr ab und atmet hörbar aus.
„Wir werden bei Anbruch der Nacht unsere selbstgebastelten Schiffe aufs Gewässer setzen und die Kerzen entzünden. Dein thailändischer Nang Tani und Sina leiten die Bastelaktion bereits und verweilen im Gemeinschaftsraum, so kann jeder bei Gelegenheit vorbei schauen und sich daran beteiligen.“
Eine schöne Idee, die Skyla zwar befürwortet, doch die ihre innere Ruhe ins Wanken bringt. So sehr hat sich Skyla gewünscht, selbst ein Krathong zu bauen, aber unter freudigeren Anlässen.
Unbewusst dreht sie sich von ihm fern und sucht Halt beim Pass. Eine Kante, an die sich klammern kann, weil ihr Körper dringend Halt braucht. Obwohl die Nachricht ausgeliefert wurde, verharrt Milan weiter an der Stelle und sie fühlt seinen Blick auf sich ruhen.
„Der Ausflug nach Thailand und das Gespräch zu deinem Schutzgeist gaben mir Zeit, um meinen Kopf frei zu bekommen“, beginnt er zögerlich.
Kaum dreht sie den Kopf zu ihm, erkennt sie, wie er langsam den Abstand verringert. Mit einem unfassbar reuevollen und traurigen Ausdruck. Seine Augen glänzen, als kämpfe er ebenfalls gegen die Tränen an. Doch es kommt zu einer Unterbrechung. Wie ein bissiger Hund schiebt sich Lukas dazwischen. Sein warnender Blick gilt Milan, bevor seine Züge sanfter werden und er an Skyla tritt. Unterstützend schnappt er zu und gibt Skyla den nötigen Halt.
„Du bist bleich und aufgewühlt“, informiert Lukas sie, „soll ich dich auf dein Zimmer bringen?“
Seine Sorge schätzte sie bislang immer, nur in diesem Moment kommt Lukas ungelegen. Milan dreht sich bereit mit einem frustrierten Ausdruck fort und macht Anstalten, einfach zu verschwinden. Daher greift Skyla auf eine Taktik zurück.
„Lukas, wärest du so lieb und könntest du mir etwas zu Trinken organisieren? Ich denke, der Schwindel kommt daher, weil ich nicht viel getrunken habe.“
„Verlass dich auf mich, aber erst einmal hole ich dir einen Stuhl, sodass du dich setzen kannst“, nimmt sich ihr bester Freund vor und entfernt sich, wenn auch mit einem giftigen Blick für Milan.
Kaum sind Milan und Skyla allein, nutzt sie die Chance, um den Geisterjäger anzusprechen.
„Der Ausflug nach Thailand hat dir also gut getan, Milan?“
Die Sekunden ziehen sich wie Kaugummi in die Länge, denn sie fürchtet, Milan hätte das Interesse an diesem Gespräch verloren. Doch nach einer gefühlten Ewigkeit dreht er sich um und fixiert sie mit einem unfassbar unglücklichen Ausdruck an.
„Ich will mich nicht mit dir streiten und ich will dich nicht verlieren, Skyla. Aber du schlägst dunkle Pfade ein, die ich kaum befürworten kann. Was weißt du eigentlich über die Jünger Hades? Ich erinnere mich noch gut am Anfang unserer Beziehung, wo du Justin immer wieder klarmachen wolltest, dass du dich nur verteidigen magst. Die Gegenwehr gegen den Ritterorden verstehe ich, zumal ich dich überzeugte, dass du keine Gnade gegenüber solchen Leuten zeigen sollst. Aber einen Mordauftrag für Hades anzunehmen fällt in eine ganz andere Schublade. Du wirst nicht einfach von ihnen für eine einmalige Sache ausgesucht. Wenn dich ein Jünger Hades findet und konfrontiert, dann weil eine langfristige Zusammenarbeit gesichert ist. Was bedeutet, Naomi und all die anderen haben Recht! Wer sich mit diesem Kult einlässt, arbeitet meist allein und taucht unter. Was bedeuten wird, du wirst mich verlassen und dich der Dunkelheit verschreiben. Was ich auch tue, am Ende verliere ich dich, obwohl wir doch dabei sind, hier etwas aufzubauen.“
Seine Worte lassen sie alles hinterfragen und doch bleibt Skyla überzeugt von einer Sache: „Nein, ich habe kein Interesse an einer langfristigen Geschäftsbeziehung zu Hades. Hier geht es sich rein um die Geschwister Rose. Die Strippenzieher. Die beiden haben bewusst meinem Umfeld geschadet. Ich lasse nicht zu, dass mir jemand die beiden wegnimmt, denn ich habe eine Rechnung mit ihnen offen. Janik manipulierte und opferte Emilie und ich bin mir sicher, dass Tanja beim Angriff auf Lukas dabei war!“
Der erste Schachzug des Feindes fand auf einem Parkplatz eines Supermarktes statt. Ein prägender Moment. Eine Warnung vom Ritterorden und zu Skylas Pech traf es Lukas mit einem Hinterhalt. Obwohl ihr Freund zu jener Zeit von der Kenntnis über ihre Macht verschont blieb. Aber Lukas gehört zu ihrem Umfeld und wurde daher als Druckmittel genutzt. Zusammengeschlagen fand sie ihn nahe seiner Wohnstätte. Verängstigt und eingeschüchtert. Noch immer wallt Bitterkeit in ihr auf, wenn sie sich an jene Nacht erinnert.
„Eine Meinung, die ich teile“, mischt sich Lukas ein, der einen Stuhl heranträgt.
Skyla schätzt seine Geste und nimmt dankbar Platz. Nur kurz verharrt Lukas an ihre Seite, denn ihm liegt noch immer etwas auf der Seele.
Seine Worte richten sich an Milan: „Du hast Emilie kennen gelernt und selbst ohne viel Menschenkenntnis solltest du begriffen haben, dass Emilie keinen Wert auf andere Meinungen legt. Sie lässt dir keine Wahl und hätte sich somit nicht läutern lassen. Skyla grenzt somit nur den Kollateralschaden ein. Zumal du das Unmögliche von ihr verlangst, denn die Sache mit Emilie war zu persönlich. Eigentlich hätte sich Skyla ihr nicht annehmen dürfen, aber Emilie ließ ihr keine Wahl. Außerdem sieht jeder Blinde den mentalen Zustand von Skyla und obwohl sie bereits auf dem Boden liegt, trittst du auf sie ein! Weißt…“
„Lukas, genug!“
Skyla packt mit flehendem Ton zu und zieht ihren Freund zurück in den Hintergrund. Sie schüttelt bittend den Kopf und tatsächlich erlischt der Funke Zorn in seinen Augen.
„Du hast alles richtig gemacht“, betont er stattdessen sanft und tätschelt ihr über den Kopf, „ich hole dir jetzt etwas zu Trinken.“
Stumm beobachtet sie, wie er sich entfernt.
Nun setzt sich Milan in Bewegung und zu ihrer Überraschung geht er vor Skyla in die Hocke und hält eisern Blickkontakt.
„Ich liebe dich, Skyla. Aber ich fürchte mich vor dem Tag, an dem wir dich an die Dunkelheit verlieren. Leider kann ich dir mit Gewissheit nun sagen, dass dieser Fall eintrifft, der Beweis dafür befindet sich auf deinen Arm. Die Münze und der Mordauftrag sagen mehr aus, als sich auf Anhieb vermuten lässt. Eine Tatsache, die mich wütend macht. Daher gebe mir bitte etwas Zeit, um mich zu beruhigen, okay?“
Sie nickt. Dankbar für seine Offenheit. Und doch muss sie ihn um einen Gefallen bitten.
„Milan, darf ich mir Mia ausleihen? Nur für einen kleinen Ausflug, denn ich muss ein Versprechen einlösen. Emilies Familie sollte Gewissheit über ihren Tod haben. Ich muss Emilies Körper zu ihnen bringen und Emilie wünscht sich das Gespräch zu ihrem Bruder, denn sie fürchtet, er wird vom Ritterorden manipuliert. Emilie ist überzeugt, ihn vor dummen Fehlern bewahren zu können.“
Sein Kopf schwenkt rüber zu Emilie, die Wort hält und auch Skylas Posten übernimmt und dafür sorgt, dass nichts anbrennt.
„Nur, wenn ich euch begleiten darf. Doch nicht heute mehr. Heute werden wir die Toten verabschieden und so kann sich Emilie erst einmal erholen. Morgen lösen wir dann gemeinsam dein Versprechen ein.“
Skyla nickt dankbar und packt zu, als sich Milan erheben will. Ihre Hand umfass seinen Arm, womit er in der Bewegung innehält und sie ihm unter Tränen gesteht: „Ich liebe dich auch, Milan. Es tut mir leid, dass ich dich immer wieder so enttäusche.“
Ein Geständnis, das für einen Überfall sorgt. Kaum zu Ende gesprochen, überwältigt er sie mit einem Kuss voller Sehnsucht. Ihre Worte wühlen ihn sichtbar auf, denn seine Tränen treffen sie ihm Gesicht. Statt es bei einem Kuss zu belassen, drängt er sich ihr immer wieder auf und so holt er sie vom Stuhl, um sie auf Augenhöhe zu heben. Um schließlich seine Stirn an ihre zu lehnen. Begleitet von einem erschöpften Ausdruck.
„Du machst mich fertig“, beschwert er sich bei ihr.
Weniger aggressiv, auch nicht aufgewühlt, sondern viel zu sanft. Skyla hingegen genießt die Nähe zu ihm. Ihre Finger klammern sich an dem Stoff seines Mantels fest, denn sie will ungern von ihm getrennt werden. Dieser Moment fühlt sich wie eine Versöhnung an.
Doch Emilies verzweifelter Ruf lässt sie erwachen. Ein Blick zurück zeigt, wie Emilie zwischen den Posten schwitzend jongliert. Auch Milan erkennt die Lage und lässt Skyla herunter, um ebenfalls heranzueilen und seine Hilfe anzubieten. Doch Emilies Haltung entspannt sich allein, als Skyla sich um ihren Posten kümmert. Während Emilie das Gespräch zu Milan aufnimmt, fällt Skyla auf, dass Lukas verdächtig lang fortbleibt. Ein ungutes Gefühl plagt sie dabei, daher will sie sich vornehmen, nach ihm zu sehen, sobald die Herdplatte ausgeschaltet werden kann.




































































Kommentare