Kapitel 29
Wie Kindheitsfreunde albern Cuno und Sina am Stall herum. Eine kleine Schneeballschlacht, die ihnen eine kindliche Seite entlockt. Ein seltener Anblick, denn für gewöhnlich provozieren sich die beiden bei jeder Gelegenheit. Wie Rebecca gerne betont, sind Clives Schritte zu laut, denn Cunos Gehör reagiert einwandfrei. Selbst im Spieltrieb. Sich für den Spaß mitreißen zu lassen, scheint dem Paladin unangenehm zu sein, schließlich zuckt er zusammen, als wäre er beim Taschendiebstahl erwischt worden. Mit geröteten Wangen streckt er die Hände ergeben hoch, woraufhin Sinas Arm sinkt. Entwarnung für Cuno und doch schluckt er hörbar, als müsse er sich auf eine Standpauke vorbereiten.
Sein Lächeln wirkt künstlich, als er zu seinem Freund spricht: „Clive, was machst du hier draußen?“
„Ich wollte nicht stören“, gesteht der Alchemist freundlich.
Cuno seufzt gedehnt und berichtet auffällig hastig: „Sina bewarf mich zuerst und ich wollte es bei einem mahnenden Blick belassen, doch dann folgte der zweite Angriff und irgendwie fühlt es sich an wie die Schneeballschlachten mit Rebecca.“
Ein niedliches Verhalten für den stolzen Paladin. Zum Glück haben sie keine Zuhörer, denn ein jeder Soldat scheint beschäftigt zu sein. Patrouillen, Vorbereitungen und Ausbesserungen des Lagers.
„Du brauchst dich nicht rechtfertigen, Cuno.“ Damit hätte sich das Thema in Clives Augen erledigt und winkt stattdessen seine beiden Freunde heran. „Würdet ihr mir kurz ein offenes Ohr schenken?“
Eine Aufforderung, die dafür sorgt, dass eine neugierige Person wie Sina alles stehen und liegen lässt. In dem Fall gleitet ihr der Pulverschnee aus den Händen, den sie halb zur Kugel formte. Freudig klopft sie sich die Handschuhe frei und eilt heran, während Cuno nervös vor sich hin stammelt. Es klingt nach Ausreden, doch Clive mag die Thematik nicht vertiefen. Die Sache mit Jenara hat Vorrang!
„Ich hatte kürzlich Besuch von der Hexe Jenara.“
Mehr muss Clive nicht erwähnen, um die volle Aufmerksamkeit der beiden zu erhalten. Kurz sucht Clive nach verdächtigen Zuhören und als er glaubt, die Luft sei rein, beginnt er von dem Besuch und seine Bedenken zu erzählen. Absolut ehrlich teilt er seine Sorgen mit. Ungeachtet von dem angestauten Frust, da Sina seine Lage erheitert. Die Fee lacht sich leise ins Fäustchen und versteht nicht, warum Clive die Hexe auf Abstand hält. Cuno hingegen teilt die Bedenken und setzt sich sogar für Clive ein. Er hält Sina die Gefahr vor Augen und rät zur Vorsicht. Die Begegnung mit Luela hat ihn geprägt und daher fürchtet er den nächsten Kampf gegen eine Hexe. Er beklagt Jenaras Verbissenheit und wünscht sich, die Eishexe würde sich an einen anderen klammern. Dabei sieht Clive auch gewisse Vorteile in der Situation, denn so konnte er Selenes Identität in Erfahrung bringen. Auch wenn Jenara ein Talent hat, Clives Fassung niederzureißen.
Kaum kommt die Meeresbohne zu Wort und die damit verbundenen Rituale aus Sinas Heimat, wirkt die Fee zunehmend verunsichert. Zum Glück redet sie über ihre Sorgen. Für die Zeremonien wurden über Stunden eingeplant. Vorbereitungen, die sogar Tage vorher angefangen haben. Mit Gaben und Räucherstäbchen. Mit Gesang und einem stillen Gebet. Eine lange Liste an Vorbereitungen, die Sina bereits überfordert. Clive fürchtet, dass sie zwar Teil von den Ritualen war, aber zu wenig im Hintergrund mithalf, um eine fehlerfreie Durchführung zu gewähren. Auf die Verwendung oder Herstellung von Räucherstäbchen kam Clive bislang nicht zum Genuss. Zwar gibt es wenige Alchemisten der Heilkunde, die Linderung mit den Raumdüften versprechen, aber die Praktiken überzeugten Clive bislang nicht. Vielleicht auch nur, weil zu viele Vorurteile im Raum stehen. Nun aber gäbe es eine gute Gelegenheit, dass er des Besseren belehrt werden könne. Clive will offen für neues Wissen sein, auch wenn er sich in diesem Fall etwas in ihm sträubt. Vielleicht auch nur, weil die Lehrkräfte für Aromatherapie ihren ganz eigenen, fast schon suspekten, Charakter aufweisen. Oft sehr eitel oder sogar exzentrisch. Ein Alchemist aus der Aromatherapie wird im Kreise des Adels jedoch gefeiert und erobert die Herzen der Damenwelt im Flug. Während Clives hergestellte Kosmetik medizinische Vorteile liefert, bauen die Violettroben auf Wohlfühleffekte durch ein angenehmeres Hautgefühl und starke Duftnoten. Die Aromatherapie verspricht Profit und Ansehen. Aussichtschancen, die Studenten anlocken. Während die anderen Bereiche das Fachgebiet belächeln und sogar bespotten.
„Heiliges Holz wird gewählt, wenn der Kontakt zu inneren und übergeordneten Ebenen gewünscht sei.“
Eine plötzliche Einmischung von der Schwarzen Robe. Clive erschreckt in jenem Moment, wo sich Caspian aus einer dunklen Ecke löst und herantritt. Instinktiv zieht Cuno sein Schwert und bleckt die Zähne.
„Ihr habt gelauscht!“, folgt der Vorwurf des Paladins.
Mit erhobenen Händen tritt Caspian näher. „Schuldig. Eine schlechte Angewohnheit der Schwarzen Robe. Doch der Heiler wirkt verloren, weil er den Tod fürchtet und auf Abstand weilt. Anders als meine Wenigkeit. Räucherstäbchen vom heiligen Holz führe ich mit mir. Mehr als genug. Meditation gehört zu meiner täglichen Routine. Ach so, ein kleiner Tipp, Absolvent! Ich bin der Experte für den Tod und so kann ich dir versichern, dieser hat sich an deine Schultern gehängt. Die heimtückische Version, die im Verborgenen wandelt. Die Hexen Luela und Jenara lernten, sich leise zu bewegen. Sie bohren ihre Krallen in dich und reißen an deinem Fleisch, bevor du sie entdeckst. Sei besser vorsichtig. Ich sehe Jenaras Aura an dir haften, die ihr immer verraten wird, wo du gerade wandelst. Ein fieser Trick. Doch sie zeigt sich noch unschlüssig in der Einschätzung zu deinem Auftreten. Die Hexe prüft dich, will dich besser verstehen, um dann ihre nächsten Schritte zu planen.“
Caspian beeindruckt Clive immer aufs Neue. Sein Gegenüber zeigt sich als aufmerksam. Ein stiller Beobachter, der Zusammenhänge erfasst, analysiert und zu gut zuordnet. Ein Puzzlemeister mit starken Lösungsansätzen.
„Woher nimmst du dieses Wissen?“, hinterfragt Clive daher misstrauisch.
„Wer auf höheren Ebenen durch tägliches Meditieren wandelt, sieht die Welt mit anderen Augen und lernt, Muster zu erkennen“, antwortet Caspian mit einem Blick, als habe Clive eine selten dämliche Frage gestellt.
Als wäre damit alles gesagt, wendet sich die Schwarzrobe an Sina. „Vielleicht können wir mit meiner Unterstützung dein Ritual ausführen. Lass uns den Ablauf besprechen und wir setzen eine Materialliste an. Wir könnten uns jetzt damit befassen. Bevor uns der Herzog zur Besprechung holt, vielleicht haben wir in den Abendstunden Erfolg, Clive zu unterstützen.“
Nur kurz lässt Sina das Angebot auf sich einwirken, um schließlich mit einem entschlossenen Nicken die Sache zu besiegeln. Damit entspannen sich Cunos Züge, er scheint, Caspian nicht länger als Bedrohung einzustufen. Daher steckt er sein Schwert zurück an den Gürtel und schaut Clive auffordernd an.
„Willst du dich an der Planung beteiligen oder sollen wir über die Verteidigungsanlage sprechen?“
Hin und her gerissen von beiden Varianten zögert Clive mit einer Entscheidung, sodass Sina einklinkt und fordert: „Vielleicht wäre es gut, wenn ich ungestört planen kann. Details zum Ritual könntest du im Nachhinein hinterfragen.“
Caspian nickt zustimmend. „Sämtliche Fragen könnten uns aus der Planung reißen und unser Vorhaben verzögern. Die Kleine hat Recht, Fragen können im Anschluss gestellt werden.“
Wie gern würde Clive dem widersprechen, aber aus eigener Erfahrung kann er das Argument vollkommen nachvollziehen. Rebeccas Überraschungsbesuche haben ihm oft den Fokus während der Arbeit genommen und immer aufs Neue musste er sich sortieren, was den Arbeitsaufwand erhöhte. Einsichtig nickt Clive und folgt somit Cuno hinauf zur Burgmauer.
Kaum sind die ersten Treppen erklommen, überrascht Cuno ihn mit seinem neuen Vorhaben.
„Selbst ein Paladin besitzt nicht die Fähigkeiten, eine Hexe aufzuhalten oder zu töten. Eine Tatsache, die ich nicht akzeptieren mag. Zu deinem und zu Graf Byloms Wohl werde ich an dieser Prüfung wachsen. Ich suche Rat. Zur Not in der Bibliothek. Vielleicht kriegen wir einen Hexenjäger gefangen und zwingen ihn, mich auszubilden. Ich will die Kooperation mit Jenara nicht einfach hinnehmen und mich vorbereiten. Hinsichtlich der aktuellen Entwicklung muss ich mein Vorhaben beschleunigen. Vielleicht kann Sina mir helfen. Möglicherweise klingt es lächerlich, aber ich hege Hoffnung, dass sich die Macht einer Hexe lokalisieren und bekämpfen ließe. Vielleicht kann ich mir solch ein Wunder ebenfalls aneignen, um Feuer mit Feuer zu bekämpfen.“
Eine interessante Denkweise und vielleicht mag seinem Freund der nächste Vorschlag helfen.
„Caspian sprach von täglicher Meditation. Seine Augen erfassen Dinge, die der Mehrheit verborgen bleiben. Vielleicht sollten wir lernen, unseren Geist zu erweitern und zu trainieren.“
Anerkennend nickt Cuno und schlägt nun vor: „Dann lass uns gemeinsam daran arbeiten. Wir können unsere Erfahrung schriftlich festhalten und dabei austauschen, vielleicht können wir gemeinsam mehr Fortschritte entwickeln. Außerdem mag ich nun kaum länger von deiner Seite weichen, nachdem sich die Situation mit Jenara so zuspitzte. Als dein Schwert werde ich Jenara nun Steine in den Weg legen.“
Cunos Denkweise unterscheidet sich gewaltig zu einfachen Soldaten. Seine Ausbildung als Paladin macht ihn für Nachforschungen und Niederschriften empfänglich. Clive freut sich auf das gemeinsame Training mit ihm und begrüßt seine Ideen.
Der Ausflug über der Verteidigungseinlage gibt nicht nur interessante Einblicke über den Aufbau der Burg und über die Arbeit eines Paladins, sondern dient einem weiteren Zweck. Cuno beweist eine strategische und zukunftsorientierte Denkweise. Südlich der Burg gibt es eine Hintertür, die zu der Kerkeranlage führt. Ein separates Gebäude. Ein Turm, der abgelegen auf einen Hügel ruht. Sowie eine kleine Grasfläche mit nährstoffreichem Boden. Cuno holt sich von Clive eine fachkundige Meinung zu seinem Vorhaben. Der Boden mag gefroren sein, aber die Blütenpracht darunter spricht für den Anbau von Nahrung und Kräutern. Schließlich erkennt Cuno das Problem an. Bei der großen Anzahl von Herzog Lysanders Leuten müssen Vorräte her. Sina könnte sich darum kümmern. Zusätzlich um Heilpflanzen, denn für ihr Vorhaben muss auch die medizinische Versorgung garantiert sein. Bislang lässt der Herzog Lebensmittel einliefern. Seine Leute kaufen aus anderen Regionen Güter, was für den Anfang gut gehen kann, aber aufgrund unberechenbarer Wetterlagen oder Überfällen auch Verzögerungen eingeplant werden müssen. Daher baut Cuno auf Selbstversorgung. Alles Themen, die während der Besprechung angeschnitten werden müssen. Daher erfährt Clive, dass Cuno bewusst Sina aufsuchte, um über sein Vorhaben zu sprechen, leider steckten ihn Sinas Albernheiten an, sodass Sina von ihrem Glück noch nichts weiß. Nur erkennt Clive eine Problematik an dem ganzen Unterfangen. Für die Selbstversorgung gehört die Bestäubung der Pflanzen dazu. Bei solch kalten Temperaturen werden sich aber keine Insekten an jenen Ort verirren. Cuno hofft jedoch, dass Sinas Anwesenheit dies ändern könne. Er steckt zu viel Hoffnung in Sinas starkem Band für die Natur und wirkt überzeugt, dass die Tiere dank ihrer Wunder selbst in winterlichen Temperaturen überlebensfähig sind. Einen Punkt, den Clive anzweifelt, doch er bevorzugt das Schweigen, schließlich will er Cunos Arbeit und Tatendrang nicht niedertrampeln und wer weiß, vielleicht liefert die Besprechung Lösungsansätze von anderen Seiten.




























































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