Kapitel 30

Königlich thront Jenara am Ende der Tafel. Dort, wo Herzog Lysander sitzen müsste. Kaum tritt Clive ein, erfassen ihre Augen ihn und die Maske des Desinteressierten wird abgelegt. Das Lächeln, das sie ihm entgegen schmettert, wirkt teuflisch. Sicherlich eine weitere Provokation, um ihn aus der Fassung zu bringen. Nicht bereit, einzuknicken, stiert er hinüber. Warnend und noch immer erbost von ihren Albernheiten.

„Ignoriere sie besser, Clive“, folgt Cunos Ratschlag.

Etwas, das der Angesprochene beherzigen mag, daher erkunden seine Augen die Umgebung nach Herzog Lysander, dieser befindet sich seitlich im Gespräch mit einer Botin. Unbewusst steuert die kleine Gruppe seinen Bruder an. Lazarus schenkt sich großzügig Wein und lächelt erfreut über ihre Anwesenheit.

„Ganz nett hier“, kommentiert er.

„Noch“, entgegnet Cuno mit Zurückhaltung, denn der Paladin hat viel zu bemängeln.

Eine Aussage, die Lazarus‘ Interesse weckt, schließlich schenkt er Cuno sämtliche Aufmerksamkeit. Ein Gespräch, dem Clive für gewöhnlich folgen würde, doch die fließenden Bewegungen im Hintergrund entgehen ihm nicht. Die Schlange setzt sich in Bewegung. Ganz langsam in seine Richtung. Jenara scheint sich auch weiterhin durch sein Verhalten zu amüsieren.

 

„Vorsicht, Absolvent“, meldet sich Caspian zu seiner Rechten, „Der Tod lauert dir auf.“

Er und Sina stoßen dazu. Durch die großen Flügeltüren, die sich zu schließen drohen, als plötzlich ein weiter junger Mann diese gewaltsam aufstößt. Zu laut, sodass sämtliche Blicke auf den Schwertkämpfer ruhen. Ein gepflegter Bursche mit einem Blick, als sei er durch die Hölle gegangen. Kämpferisch, misstrauisch und doch diszipliniert. Das blonde Haar wird durch einen Zopf gebändigt, während seine hochwertige Kleidung in Mitleidenschaft gezogen wurde. Blutüberströmt tritt er herein und mustert einen jeden Anwesenden. Hinter ihm tritt ein zierliches Mädchen zögerlich ein. Ebenfalls fein gekleidet. In einem weinroten Samtkleid. Das dunkle Haar wurde aufwendig geflochten und hochgebunden, doch die vergangenen Stunden hinterlassen nicht nur eine Spur von Müdigkeit in ihrem Gesicht. Viele Strähnen haben sich aus der Frisur gelöst. Dreck zieht sich über die Wange und der Saum vom Rock wirkt beschädigt. Es riecht verkohlt und das Humpeln wirkt verdächtig.



 

Keine paar Schritte in der Richtung der jungen Dame, fletscht ihre Begleitung die Zähne und bildet eine Mauer.

„Auf Abstand!“

Doch Clive belächelt die Warnung und sucht gezielt den Blick zu der Patientin. Tatsächlich fixieren ihn die dunklen Augen, sodass er das Wort an sie richtet.

„Ihr scheint verletzt zu sein. Ihr humpelt. Ich bin Alchemist und könnte mich der Verletzung annehmen.“

„Lady Alcina. Welch freudige Überraschung. Ihr seht mitgenommen aus. Ich hörte von dem Vorfall und bin unfassbar erleichtert, Euch lebend anzutreffen. Setzt Euch doch bitte. Ich organisiere Euch Speisen und Trunk. Auch Eure Begleitung sieht aus, als könnte er Stärkung gebrauchen.“

„Traut ihm nicht, Lady Alcina. Traut Eurem Umfeld nicht! Nur weil Ihr ihm zugehört habt, steckt Ihr in der Lage! Wenn es Euer Wunsch ist, dann strecke ich ihn nieder!“, bellt der Junge mit dem stechenden Blick, der Herzog Lysander gilt.

Doch die junge Dame wirkt erleichtert, den Herzog zu sehen. Ihre Berührung an dem Arm ihres Begleiters ist sanft und zornlindernd. Ihr Lächeln wirkt dankbar und anerkennend. Der junge Bursche seufzt erschüttert. Die Anspannung fällt augenblicklich von ihm. Herzog Lysander rückt Lady Alcina einen Stuhl zu Recht und lässt sie bewirten. Auch ihr Begleiter nimmt Platz. Eine Chance für Clive.

„Das Bein“, beginnt der Alchemist vorsichtig, „Dürfte ich mir die Verletzung ansehen?“

Alcina wirkt überfordert, dennoch nickt sie und hebt den Rock. Tatsächlich kam sie in Kontakt mit Feuer. Die Wunde wirkt noch frisch, dennoch verunreinigt. Clive stellt den Koffer ab und beginnt mit der Reinigung, während sich der Herzog bei der Patientin erkundigt.

„Was ist geschehen?“

„Aufgrund meiner Nachlässigkeit, weil ich den Feind unterschätzte“, kritisiert sich der junge Bursche.

Doch Alcina schüttelt den Kopf und widersprecht dem Ganzen: „Die Zahl der Angreifer waren kaum allein zu bewerkstelligen. Wir leben nur dank deiner Fähigkeiten, Jerome.“

Und doch schnalzt der Kerl mit der Zunge, als weigere er sich, die Ausreden anzuerkennen. Ihr Lob blättert an ihm ab.

 

Kaum versorgt, folgt eine kurze Vorstellungsrunde. Auch der Adel muss sich hüten. Querdenker werden schnell beseitigt. Oft getarnt als Unfall und Überfall. Lady Alcina zeigte zu großes Interesse an Herzog Lysanders Sichtweise. Somit wurde ihr alles genommen. Ihr Heim, ihr Land, ihre Familie und ihr Titel. Als einzige Überlebende ihres Hauses sucht sie gemeinsam mit ihrem treuen Beschützer Schutz bei Herzog Lysander. Ihr Gastgeber rät zur Ruhe, zur Stärkung. Aber die Grafentochter bevorzugt die Teilnahme an der Konferenz. In ihrem Blick liegt nun ebenfalls Wachsamkeit. Sie mag erschöpft wirken, aber für jene Stunde schärft sie ihre Sinne. Auch ihr Begleiter wirkt mitgenommen. Kaum kommt sein Körper zur Ruhe, verliert er den Fokus im Blick. Ihn zu behandeln wird vorerst nicht möglich sein. Aufgrund von starkem Misstrauen. Die beiden wirken, als gingen sie durch die Hölle. Sie mögen das Zittern unterdrücken und verstecken wollen, doch der Schrecken lässt sich nicht so einfach abschütteln. Clive entfernt sich von ihr nach getaner Arbeit. Der Saft der Hauswurz dient als Kühlelement und der Umschlag aus Blättern des Spitzwegerichs helfen gegen die Schwellung. Trotz jungem Alter beweist Alcina Stärke. Keine Klage über die Verletzung und kein Schmerzlaut ging ihr über die Lippen, obwohl Clive nicht entging, wie sie zwischendurch durch die Zähne atmete.



 

Auf dem Wunsch von Alcina findet die Besprechung gemeinsam mit ihr statt. Es folgt erneut eine Begrüßung und eine kleine Vorstellungsrunde. Herzog Lysander lässt sich dabei nicht stören, dass Clive die Feuerstelle ansteuert und sich am Wasserkrug bedient. Gegen die Kälte versorgt der Herzog seine Leute mit heißem Trinkwasser. Daher stehen die Töpfe auf Gittern über jede Feuerstelle. Clives Bestand vom Rosmarin mag mager sein, dennoch wird dieser für wenige Tassen Tee ausreichen. Verfeinert mit Zitronenschalen. Eine kleine Stärkung, die dem neuen Besuch wohl bekommen wird. Clive schnappt sich zufrieden die beiden Tassen und serviert diese. Mit dem Blick auf Jerome.

„Ein Muntermacher. Nach wenigen Minuten wird dieses Getränk euch von innen wärmen und euch Kraft schenken.“

Wie zu erwarten misstraut der Schwertkämpfer ihm, anders als Lady Alcina, die sich fasst und ihm aufrichtig dankt. Clive verabschiedet sich mit einem Nicken und begibt sich zu Cuno. Eine Gelegenheit, die Herzog Lysander nutzt, um ihn vorzustellen.

„Ich hätte viele Männer ohne Clives Beisein verloren. Gewissenhaft übernimmt er die Pflege und strebt Heilung für seine Patienten an. Jung, aber ambitioniert. Ich plane ihn fürs Lazarett ein und vertraue auf seine beratende Funktion.“

Wie zu erwarten und in Clives Interesse. So kann er sich gewissenhaft auf sein eigentliches Gebiet fokussieren, auch wenn seine neue Ziele dagegen sprechen. Doch sicherlich ist die Rede von seinem Aufgabengebiet während des Aufenthalts in der Burg. Nur entging ihm beim Rundgang die Sichtung eines Lazaretts. Sicherlich auch nur, weil er abgelenkt war. Aber die Möglichkeit besteht, dass Herzog Lysander selbst erst kürzlich eintraf und die Einquartierung im vollen Aufbau steckt. Dies gilt es noch herauszufinden.

 

Mina und Selene sorgen für Aufmerksamkeit. Ihr Dasein wird hinterfragt und Caspian teilt ungefragt sein Wissen über Manabestien. Zu Clives Überraschung hält sich Jenara aus dem Gespräch heraus. Sie verbirgt gegen seine Erwartung die Identität von Luelas Tochter. Auch Caspian wirft nur mit den Fakten um sich. Vertrauen gewinnen. Vielleicht mag es unklug sein, aber Clive sucht ein Bündnis mit all den Fremden. Daher erhebt er sich und seine Streicheleinheiten wecken Selene. Der Vogel auf seiner Schulter öffnet die Augen und erfasst die Umgebung. So wie das sanfte Lächeln von Clives Seite, dass das Tier dazu verleitet, seinen Kopf an ihn zu stoßen. Flüchtig, aber hingebungsvoll. Alle Augenpaare ruhen auf die beiden und Clive sah die Zweifel während Caspians Beitrag über Manabestien. Die unausgesprochenen Fragen, daher liefert Clive nun Antworten.



„Wir können mit Gewissheit die Identität der Manabestie bestätigen. Selene hat eine Verbindung zu Jenara und ist die Tochter der Hexe Luela. Sie führte Lazarus zu uns, nachdem wir uns von Herzog Lysander kurz trennten, und seither verweilt  sie an unserer Seite.“

„An deiner Seite“, betont Jenara das Detail mit ihrem teuflischen Lächeln, „Was musst du gesegnet sein, solch eine sanfte Seele an deiner Seite zu wissen, die dich mit allen Mitteln beschützen mag.“

Ihre Augen funkeln belustigt und voller Intensität. Genervt wendet Clive den Blick ab, um zu sehen, wie er bereits von Herzog Lysander geprüft wird. Der Herzog wirkt wie ein stiller Beobachter. Dennoch ungewöhnlich steif. Anders als beim letzten Treffen.

 

„Wieso sollte die Manabestie euch aufsuchen, um schließlich bei euch zu verweilen?“, hinterfragt Lady Alcina.

Eine gute Frage, auf die Clive nicht mit Gewissheit antworten kann. Doch Jenara reißt das Wort an sich und wirkt überzeugt, als sie ihre Gedanken mit ihnen teilt: „Clive wurde mit ihrer Mutter konfrontiert und obwohl der Ausgang böse endete, wünschte er Luela nur das Beste und betrauerte ihr Ende. Eine Wärme, die wir Hexen selten erleben und ein Kind, dass wenig Bezug zu ihren Eltern hatte, sehnt sich besonders nach Sicherheit und Licht.“

„Aber dann wärest du die bessere Wahl“, widerspricht Clive ihr, „Von allen Seelen standst du ihr in den schwierigsten Zeiten zur Seite.“

Er rechnet mit Widerspruch, doch Jenara lächelt anerkennend. Er will sich von ihr abwenden, da gelingt ihr der nächste Treffer, seine Fassung niederzureißen.

„Vielleicht sollten wir uns deshalb zusammentun, Clive. Spielen wir doch gemeinsam auf Familie für Selene.“

Cuno seufzt gedehnt und Clive teilt seinen Missmut. Für solche Albernheiten hat auch er keinen Nerv. Besonders nicht mit einem verschmähten Liebhaber im Nacken. Doch Stille bedeutet die Niederlage und für dieses lächerliche Spiel muss Clive umdenken.

„Treffend, Jenara. Doch wie du siehst, sind wir bereits genau dabei, diese Denkweise umzusetzen. Wir alle unterstützen die Hexen und formen eine Zukunft. Selene wird von allen behütet und unterstützt. Hier mangelt ihr an nichts. Daher sei auch du bitte für Selene weiterhin eine Stütze.“



Jenara kichert erheitert, woraufhin Cuno gefrustet die Faust auf den Tisch donnert und sich entschlossen erhebt.

„Die Verteidigungsanlagen und auch die Nahrungsversorgung müssen ganz dringend überdacht werden!“

 

Stichwörter, die Lysanders Einsatz erfordern. Tatsächlich nickt der Herzog ihm auffordernd zu. Cuno nimmt sich kurz den Moment, um sich vorzustellen. Kurz und knapp. Mit einer Beileidsbekundung und aufrechten Anteilnahme zu Lady Alcinas Lage. Ein vorbildliches Verhalten, das die junge Dame zu schätzen weiß. Sie und ihre Begleitung greifen tatsächlich auf den Tee zurück. Eine Erleichterung für Clive, denn damit schenken sie ihm ein Stückchen Vertrauen. Cuno beginnt sofort mit seinem Gutachten. Mit dem Fund von Schwachstellen und Ideen, um diese zu beheben. Laut ihm hätte die Burganlage viel Potenzial, das zu wenig genutzt wird. Seine Ideen zur Umgestaltung finden viel Zuspruch und Anerkennung. Von Seiten des Gastgebers, aber auch von Lady Alcina und ihrem Begleiter Jerome. Lose Steine, morsche Ecken, tote Winkel und fehlende Sicherheitsmaßnahmen sind Cuno im Kopf hängen geblieben. Auch im Keller entdeckte er schlummernde Schutzmaßnahmen. Große Armbrüste auf Rollen.

 

„Sina.“

Die Angesprochene zuckt schreckhaft zusammen und den Kopf legt sie schief, als Cuno auch noch frech lächelt.

„Verzeih, nichts ist mit dir abgesprochen. Doch du bewirkst Wunder. Etliche. Bislang übernahmst du die Selbstversorgung ungefragt. Auf deinen Wunsch sprießen Nutzpflanzen. Herzog Lysander kauft Nahrungsmittel von den umliegenden Städten und Dörfern. Darauf dürfen wir uns nicht verlassen. Clive und ich fanden eine Stelle, die sich hervorragend für den Anbau eignet. Können wir auf dich zählen?“

Noch bevor ihr die Chance zur Antwort gegeben wird, konfrontiert Clive die Eishexe.

„Bist du in der Lage, das Eis schmelzen zu lassen, Jenara? Denn für unser Vorhaben stört der gefrorene Boden. Kalte Temperaturen halten Insekten auf Abstand, die wir für die Bestäubung der Pflanzen brauchen.“

Jenara zischt verärgert und berichtet: „Interessant! Auch Lysander kam mit einer ähnlichen Bitte. Ihr würdigt mein Kunstwerk nicht mit den nötigen Respekt.“



Cuno schnalzt verärgert mit der Zunge und hebt erbost den Finger. „Hier geht es nicht um Ästhetik! Sondern ums Überleben! Auch Ihr seid auf Nahrung angewiesen!“

Jenara erhebt sich erbost und steuert eins der Fenster an. „Lysander fordert einen Rückgang des Eises hinter den Burgmauern. Damit würden meine Skulpturen aus der Ewigkeit erwachen und verwesen! Ein unschöner Anblick und bestialischer Geruch!“

Eine erschütternde Botschaft, die Clive hinterfragt: „All die Menschen, die unter deinem Zauber litten, haben also ihr Leben verwelkt?“

Ihr leises Lachen klingt wahrlich böse. Mit schmalen Augen dreht sie sich zu ihm. „Du kannst sie nicht retten, Clive! Keinen! Selbst die Säuglinge nicht! All das Ungeziefer…“

„Jenara!“ Herzog Lysander ermahnt sie streng und tatsächlich bricht die Hexe ab, sodass ihr Gastgeber seinen Vorschlag vertieft. „Der Gedanke hinter meiner Bitte war, dass wir meine Soldaten in den Häusern nahe der Burg einquartieren. Wir benötigen Räumlichkeiten. Hier in der Burg wird es sonst zu eng.“

Doch auch in dem Punkt widerspricht Cuno: „Nutzt den Hof. Zelte können vorerst Abhilfe schaffen. Je weniger Fläche wir zu verteidigen haben, umso besser. Die Burg allein zu beschützen wird eine große Hürde. Erzürnen wir die Hexenjäger, dann können wir mit Rückschlägen rechnen und wir sollten unseren Feind nicht unterschätzen. Sie werden zu uns durchdringen und auch sicherlich die Burgmauern überwinden.“

Jenaras Augen werden schmal und ihre Finger zucken freudig.

„Sollen sie doch kommen!“

Ihre Stimme klingt ungewöhnlich dunkel und herrisch. Ein starker Kontrast zu ihrer engelsgleichen Gestalt.

 

„Die Hexenjäger?“ Lady Alcina erhebt sich bleich. „Etwa, weil wir mit Hexen zusammenarbeiten?“

Jenara belächelt ihre Unwissenheit und ärgert sie sogar. „Welch ein Naivchen. Ihr lasst Euch von dem Herzog bezirzen und hinterfragt sein Vorhaben nicht, was Euch in diese peinliche Lage bringt. Denn wir planen den Erstschlag gegen die Hexenjäger.“

Ertappt schlägt Lady Alcina die Augen nieder, während Jerome sich bissig erhebt.

„Mehr Respekt, Hexe!“

Doch Jenara lässt sich von seinem Zorn wenig beeindrucken und verspricht: „Ob Adel oder nicht, ihr seid alle gleich. Ich knie vor niemanden nieder. Eure Gepflogenheiten interessieren mich nicht. Ich stehe nur hier, weil ich den Wandel mit eigenen Augen verfolgen will. Es wäre schön, wenn wir Hexen nicht länger gejagt werden. Außerdem will ich verstehen, wer Lysander wirklich ist. Versteckt er sich hinter einer Maske oder spricht er wahr über seine Pläne. Er leckt die Finger nach der Krone und will uns Hexen an seiner Seite. Sieht er uns nur als Waffe oder als Opfer der Gesellschaft? Das gilt es für mich herauszufinden.“



„Ein gesundes Misstrauen. Aber ich hoffe, ich werde deinen Anforderungen gerecht und überzeuge dich noch, Jenara“, entgegnet Herzog Lysander.

Die Eishexe schreitet daraufhin provokant zu ihm. Sie legt die Hände auf seine Schultern und massiert diese zuerst vorsichtig, um immer grober zu werden. Es wirkt schon fast brutal, doch Herzog Lysander erträgt ihre Schikane stillschweigend und hält sogar mit ihr Blickkontakt. Dabei beugt sich Jenara zu ihm hinab und zischt ihn an.

„Dann bemühe dich besser. Denn bislang stehst du in Clives Schatten.“

Kaum zu Ende gesprochen, gleitet Herzog Lysanders Blick von ihr zu Clive, der Jenaras Manipulation wahrlich verflucht. Beunruhigt hebt Clive kapitulierend die Hände hinauf.

„Ich würde es begrüßen, wenn ihr mich aus euren Machtspielen heraushaltet. Ich bin ungern euer Launeball. Treibt euren Machtkampf gern ohne mich.“

 

Anders als erwartet schleicht sich ein Lächeln auf das Gesicht ihres Gastgebers. Ein freudiges.

„Scheint als würde sich das Schicksal bei mir rächen. Die Quittung für Sina.“

Die Fee presst gedehnt die Luft heraus und verschränkt augenblicklich die Arme. In ihren Augen brennt das Feuer, doch sie hält sich zurück. Lazarus hingegen spielte die ganze Zeit mit einer Gabel. Kaum fängt er diese, hebt er den Kopf. Mit einer stillen Bitte, die Clive vermuten lässt, dass die Besprechung beschleunigt werden muss. Er wirkt fehl am Platz. Gelangweilt und nicht interessiert an den Details. Doch sein Bruder blendet ihn aus und fixiert Jenara belustigt an. Mit einem Versprechen.

„Dein plötzliches Interesse an dem Alchemisten hält mich nicht davon ab, um dein Herz zu kämpfen. Ich wäre ein Narr, wenn ich mich geschlagen gebe. Ich würde mir mein Leben lang Vorwürfe machen. Mein Herz gehört dir, Jenara.“

Angewidert wendet sich die Hexe ab und ärgert sich laut: „Warum bestrafte ich mich selbst, in jenem Moment, als ich dein Leben verschonte. Ich frage mich, welche Geister mich ritten, damit ich die dümmste Entscheidung in meinem Leben traf.“

Statt gekränkt zu reagieren, lacht Lysander leise.

„Noch zweifelst du an mir, aber schau genau hin, ich werde dich noch überraschen.“

„Mhm!“

Damit wendet sich Jenara ab und läuft ihre Runden um den Tisch. Ein Verhalten, das viele Anwesende stören scheint, besonders Lazarus. Schließlich zeigt er mit offenem Mund auf Jenara, als verstehe er nicht, warum er sich nicht erheben dürfte. Doch sein Bruder funkelt ihn warnend an.



 

 

Ein Mann in Kutte tritt geduldig aus dem Hintergrund. Er löst sich aus einer dunklen Ecke und blieb bislang unbemerkt. Auch für Jenara, die ihre Runde mit Misstrauen unterbricht. Clive bemerkt das Eis, was sie in ihrer rechten Hand formt. Zu einem Dolch. Eilig erhebt er sich, um ein großes Unglück zu verhindern. Kompromisslos schnappt er sich Jenara am betroffenen Handgelenk und sein warnender Blick zeigt Wirkung. Die geformte Waffe zersplittert und verwandelt sich im Prozess der Zerlegung zu funkelnden Schnee, der von zarten Winden davon getragen wird. Jenaras Mundwinkel zucken freudig, während sie die Hände kapitulierend hebt. Zögerlich lässt Clive von ihr ab, behält sie jedoch im Auge. Lysanders Untertan scheint sich von der Aktion nicht zu stören und entrollt eine Karte auf dem Tisch.

„Ein Gelehrter, vielleicht ein Geograf“, belehrt Clive die Hexe, „Sie erfassen die Umgebung und erstellen Karten. Niemand, der dir schaden wird.“

„Versprich es mir“, fordert die Hexe mit glühendem Blick, „Wache an meiner Seite. Gemeinsam mit Selene.“

Eine heitere Bitte, die Clive zuerst überfordert und zu viel verlangt. Einem wachsamen Auge wie ihr sollte nicht entgangen sein, dass ihm Begleitschutz zusteht. Auch sein Körper passt ins Schema eines Gelehrten. Nicht trainiert. Nicht herausragend. Daher schüttelt er entschuldigend den Kopf. „Im Notfall kann ich meinen Koffer verteidigen, aber für den Kampf bin ich nicht gemacht.“

Jenara scheint sich aber nicht damit zufriedengeben wollen und lächelt verschwörerisch. „Dann wird es Zeit, dass sich dies ändert.“

Sie spricht in Rätseln und wirkt, als enthalte sie ihm Detail. Tatsächlich dreht sie sich zu Lysander, dessen Augenmerk eigentlich den drei Karten auf dem Tisch gehören sollte, doch stattdessen beobachtet er die beiden mit kritischem Blick.

Etwas, dass Jenara zu Gute kommen mag, denn sie verkündet stolz: „Mein Entschluss fällt, ich gehe auf dein Angebot ein und wähle einen Beschützer. Ich fordere Clive für die Position.“

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