Kapitel 1
Dämmerung.
Zu diesem Zeitpunkt reicht das Licht in den frühen Morgenstunden aus, um mit dem Auge das Umfeld problemlos zu erkennen. Ein Zustand, den sich Cornelius für Lunsta herbeisehnt. Noch tappt das Land im Dunkeln. Doch die Zeitmagie könnte der Schlüssel sein, damit sich die Sicht klärt. Damit die Bewohner dieses Reich die wahre Problematik erkennen. Daher fiebert er den Tag herbei, an dem sich seine Hoffnungsträgerin offenbart. Denn es heißt laut den Legenden bringt die Zeitmagie Heilung, Schutz und Offenbarung.
Der Tag startet bewusst vor Sonnenaufgang. Mit einer Laufstrecke durch den Schattenwald. Die Dorfgrenze wäre somit erreicht und ein Blick auf die verdorrte Natur zeigt, dass jener düstere Ort sämtliches Licht verschluckt und von einem unheilvollen Nebel durchzogen bleibt. Magische Nebelschwaden, die bekannt dafür sind, die Orientierung zu stören. Ein eindrucksvolles, aber gefährliches Phänomen. Ohne Erfahrung und ohne ordentliche Kenntnisse über den Schattenwald gleicht das Betreten einer Selbstmordaktion. Die Liste der Vermissten ist lang. Dieser Wald verschluckt Leute. Ob beheimatete Kreaturen, aber auch die Pflanzenwelt, wollen den Tod der Besucher.
Irrtum!
Ein wissendes Lächeln stiehlt sich auf seine Lippen. Cornelius besitzt ein kleines Geheimnis. Eins, das er nicht mal seiner Schwester offenbaren könne, da sie ihm sonst die Ohren lang ziehen würde. Gefolgt von einer langen und bösen Standpauke. Doch der junge Vampir hat eine kleine Schwäche und allein der Gedanke, auf das was folgt, lässt das Herz höher schlagen. So folgen die ersten Schritte hinab in den Nebel. Begrüßt von der feuchten und kühlen Luft. Trotz schlechter Bedingung reicht ein Fingerschnippen aus, um Flammen zu erzeugen. Feuer, das sich um seinen Körper schlängelt und die Form eines Schlangendrachens annimmt. Magie, die sich an seiner Schulter heftet. Ein wichtiges Unterfangen. Denn ohne Lichtquelle sinken die Überlebenschancen in jenem Wald drastisch.
Täglich passiert Cornelius den Schattenwald. Die Furcht vor den Gefahren verlernte er. Der Schattenwald fühlt sich mehr wie ein Zuhause an, als die Dorfgemeinschaft von Mia Vampi, die seine Anwesenheit nur duldet, weil ein jeder den Zorn von der Kommandantin Susanne fürchtet. Eine furchteinflößende Frau. Grausamer als jene Kreatur des Schattenwaldes. Susanne brüllt lauter als Drachen und zeigt sich giftiger als die Königsboa aus den Sümpfen. Ihre Worte treffen zielsicher ins Herz, so wie ihre Pfeile. Es steckt immer zu viel brutale Wahrheit dahinter, um diese Frau nicht ernst zu nehmen. Von ihr lernte seine Schwester Cornelia alles und jenes schlecht zu reden. Die zwei größten Pessimisten aus dem Reich Lunsta. So gern er die beiden Giftschlangen auch hat, umso dankbarer ist er für die Zeit, im Schattenwald kurz abzutauchen.
Fern von dem Anwesen.
Fern von der Schule.
Fern von den Märkten.
Fern von dem Lärm und der Gewalt aus Mia Vampi.
Der Schattenwald zieht sich halb durch das Reich Lunsta und das Ausmaß der Verderbnis lässt sich an keinem besseren Ort festhalten. Wohin er auch tritt, zeigt sich ausgedörrter Boden und totes Gestrüpp. Staub wird mit jedem weiteren Tritt aufgewirbelt. Lunsta hungert, da zu viel Landfläche unfruchtbar wurde. Die Bäume nähren sich von Blut und Knochen und verstecken düstere Kreaturen. Die Mehrheit zählt zu Geisterwesen und Dämonen. Auch Seelenverschlinger genannt. Wenige Aas- und Fleischfresser treiben ebenfalls ihr Unwesen und bedienen sich im Nachhinein gern an leeren Fleischhüllen. Bei großem Hunger kommt es selten zu Angriffen. Doch meist verhalten sich die Aas- und Fleischfresser bedeckt. Auch in jenem Moment spürt er die Feiglinge im Hintergrund. Wie sie ihn beobachten und für sein Ableben beten, um sich an seinem Fleisch laben zu können. Doch plant Cornelius nicht, das Zeitliche zu segnen, ehe er dem neuen Träger der Zeitmagie unter die Augen treten konnte. Vorher mag er sich über die verheißungsvolle Macht und über die Persönlichkeit des Anwenders sein eigenes Bild machen können und hoffen, dass er niemanden verehrte, der nur an die vielen Privilegien denkt, wenn das Amt geschmückt wird.
Händler und Reisende wandeln im Schattenwald auf den gepflasterten Pfaden, da diese rund um die Uhr beleuchtet werden. Licht verspricht etwas Sicherheit, denn die Kreaturen aus dem Schattenwald zeigen sich Lichtscheu. Doch Licht verrät auch seine Anwesenheit vor auflauernden Angreifern. Einige Bewohner aus Mia Vampi kennen seine Routine und ihr Groll ihm gegenüber verleitet sie zu Schandtaten. So kam es häufig zu Übergriffen. Nicht immer konnte sich Cornelius glimpflich gegenüber der überwältigen Anzahl der Angreifer behaupten. Einmal kehrte er mit schweren Wunden heim. Verletzungen, die ihn hätten töten können. Doch bislang stand das Glück immer auf seiner Seite. Vermutlich gestärkt durch seine Sturheit und dem mächtigen Überlebenswillen. Doch um Konfrontationen sämtlicher Art aus dem Weg zu gehen, meidet Cornelius bewusst die Straßen und ändert immer wieder seine Route der Laufstrecke. So kam es zu einem Glücksfund.
Trotz Nebel erkennt Cornelius dank wachsamen Blick einige vertraute Elemente. Da wären die Bewegungen einer Dornenschlinge, die ihre Reißzähne schon länger in einen gigantischen Baum schlug und das Holz invadiert. Eine Pflanze, die den Baum bluten lässt und das Harz als Nahrungsquelle wählte. Zum anderen sprang ihm vor wenigen Tagen ein Hasenbau ins Auge. Niedlich wirkende Tiere. Trotz glänzendem Horn auf dem Schädel, das von der Struktur und von der Farbe an eine polierte Perle erinnert. Die Hasen wirken flauschig und sanft mit ihrem gespielt unschuldigen Blick. Doch Cornelius musste sich schon einmal gegenüber ihrer Horde zur Wehr setzen, wenn ihre Krallen und Zähne wachsen und sie ihm Affenzahn ihre Beute von allen Seiten konfrontieren. Er mag die Schwerkunde gut beherrschen, aber Waffen können nur selten Abhilfe verschaffen. Die Mehrheit der Kreaturen im Schattenwald zeigt eine Anfälligkeit gegenüber Magie. Die Elemente Feuer und Licht schlagen am wirkungsvollsten ein. Welch ein Glück, dass ihm das Feuer bevorzugt. Reißzähne, Krallen und die Hörner der Schattenhasen sind eine gute Einnahmequelle und finden für gewöhnlich immer Abnehmer. Nur nicht bei einem Erben der Familie Mut. Für ihn gibt es nur zwei Leute aus Mia Vampi, die seine Beute entgegennehmen und doch den Preis ungeheuerlich drücken. Mit dem Hungerlohn bleibt nie viel für Einkäufe über, daher lernte Cornelius, seine Beute selbst zu häuten und zu verarbeiten. Susanne würde wollen, dass er den Hasenbau ausräuchern würde, doch die kleinen Nager zeigen großen Respekt, als sie ihn ausmachen. Mit eingezogenem Kopf und angelegten Ohren verschwinden ihre weißen Köpfe tief im Loch. Nur ihre honiggelben Augen starren aus sicherer Distanz. Sofern niemand angreift, hält sich Cornelius damit auch zurück. Allein vom Zeitfaktor her.
Ein steiler Abhang führt hinab zu einem kleinen Höhleneingang. Zu einer Brutstelle von Schattendrachen. Erst kürzlich schlüpften die Kleinen. In Cornelius‘ Beisein, als er das Muttertier verarztet hatte. Seine Schwäche für Drachen ist bekannt und nach jahrelanger Diskussion haben Susanne und seine Schwester endlich aufgegeben, dass er niemals freiwillig einem Drachen schadet.
Niemals!
Selbst keinem listigen Schattendrachen!
Eine spezielle Geisterform, die er dank seiner Magie umsorgen konnte. So konnte das Muttertier durch sein wärmendes Feuer genesen, denn die Drachendame verbrauchte zu viel Energie und ihre Existenz drohte zu erlöschen. Als er sie fand war sie nur noch ein leichter Schemen, der drohte vom Wind fortgetragen zu werden. Die Drachendame war zu erschöpft, dass sie kaum die Augen aufhalten konnte, und ihn somit nicht registrierte. Somit wäre das Tier leichte Beute für jeden, der Jagd auf Schattendrachen machen würde. Ihr zu helfen hatte in jenem Moment Priorität. Seit jenem Tag begrüßt ihn die junge Familie freudig. Auch heute. Zu glatt erweist sich der steile Abhang, dass er sich hinabgleiten ließ und am Ende mit einem Sprung sicher landet. Genau rechtzeitig löst sich seine Feuermagie und tänzelt schwebend in einem großen Abstand um ihn herum. Denn im nächsten Augenblick wird er von den vier Babydrachen eingeschlossen. So groß wie sein ausgestreckter Arm sind die Kleinen noch handlich. Anders als ein ausgewachsener Drache, der bis zu sieben Meter erreichen kann. Schattendrachen ähneln mehr einer Schlange, als einer Echse. Bereits junge Tiere wirken sehr anmutiger und sind hoch intelligent. Obwohl ihre Art keine Flügel besitzt, schweben ihre Körper durch die Lüfte und bewegen sich schwimmend fort. Sie mögen kein Feuer speien und doch entzünden sie leuchtende Flammen. Geformt nach ihrem Willen. Es gibt zwei Varianten, auf die sie zurückgreifen. Die weißen Flammen sind heiß und ätzend. Die Schwarzen kalt, aber vernichtend. Wer vom schwarzen Feuer getroffen wird, verhält sich depressiv und kann bei längerem Kontakt den Lebenswillen verlieren. Eine gefährliche Eigenschaft, die schon von vielen Jägern unterschätzt wurde.
Zum Glück haben sich die neugeschlüpften Babys mit ihren Mächten noch nicht befasst und sind mehr auf Spiel- und Kuscheleinheiten aus. Ihre Körper bestehend aus Rauch und funkelnden Partikeln. Die Augen glühen rötlich, wodurch sie üblicherweise großen Respekt ernten. Aber auch nur, weil kaum einer ihre verschmuste Seite zu Gesicht bekommt. Der erste Schattendrache schlängelt sich um seinen Körper und schmiegt seinen Kopf an Cornelius‘ Wange. Dabei pustet er freudig ein paar der fuchsroten Strähnen an. Das Haar seiner Mutter. Cornelius erinnert sich nur vage an sie. An eine strenge Frau, die viel mit seiner Schwester schimpfte. Eine bildhübsche Frau voller Zorn und Frust, der die Hand gern ausrutschte. Millenia Mut verfluchte ihre Rolle als Mutter. Sie hasste das ruhige Leben und sehnte sich nach den Abenteuern. Doch um die Blutlinie aufrecht zu erhalten, gehörte der Nachwuchs und die Erziehung zu ihren Aufgaben. Eine Zeit, die sie veränderte. Es wäre gelogen, wenn er nicht zugeben würde, ihren Zorn zu fürchten, und doch ging er dazwischen, wenn Cornelia blutend am Boden lag und sie es kaum mehr schaffte, sich aufzuhieven. Die Schläge, die er kassierte, waren voller Milde. Aber auch nur, weil er als Junge zur Welt kam. Ein ganz besonderes Privileg in der Familie. Bedauerlicherweise, denn so konnte er den Schmerz seiner Schwester nur zur Hälfte nachvollziehen.
Schonungslos wirft Susanne mit den Fakten um sich. Auch gegenüber Kindern. Daher kennt Cornelius sämtliche Details über die Schreckensherrschaft seiner Eltern. So sehr er die Hinrichtung seiner Mutter befürworten mag, fällt ihm dies trotz allem schwer. Immerhin war sie seine Mutter. Ungeachtet der schwierigen Beziehung zu ihr. Eine Denkweise, die ihm sicherlich noch Ärger bereiten wird. Auch für die Zukunft. Denn auch wenn Susanne dazu rät, das Herz zu erstechen und stillschweigend zu akzeptieren, was das Gesetz fordert, wird er diesen Ratschlag niemals umsetzen können. Der beste Beweis ist jener Moment im Schattenwald. Es wäre seine Aufgabe, die Schattendrachen hinzurichten. Allesamt. Stattdessen öffnet er auffordernd die Arme und lässt es zu, wie der Rest sich an ihn schmiegt. Die Art, wie sie mit ihren langen Zungen über seine Wange schlecken oder ihn anhauchen, soll zeigen, wie sehr ihn mögen. Eine Liebe, die auf beiden Seiten beruht. Eine Schwäche für Drachen hatte er schon von klein auf und hätte ihn das Feuer nicht erwählt, dann hätte er sich gerne der Drachenzucht verschrieben. Als Pfleger den ganzen Tag mit Drachen in Kontakt zu stehen stellt er sich als ein wahrlich schönes Leben vor. Doch diesen Herzenswunsch kann er nicht nachgehen, solange er vom Drachenvolk für das Element Feuer erwählt wurde. Als Feuermagier hat er das Reich von Lunsta zu schützen. So schreibt es das Gesetz vor.
„Ich nehme euch einfach mit mir“, platzt der Gedanke aus ihm.
Eine Vorstellung mit der er sich anfreunden könne. Schattendrachen werden gefürchtet und würden ihm zusätzlichen Respekt bringen. Ungern mag er von den Tieren getrennt sein und so wäre diese Familie rund um die Uhr in seinem Besitz. Nur müsse er den Geisterwesen Seelen opfern. Ein schwieriges Unterfangen. Ihm werden sich mit hoher Wahrscheinlichkeit viele Feinde in den Weg stellen, da wäre die Beschaffung weniger das Problem. Nur wartet die Gesellschaft auf Fehltritte und er fürchtet, dass ihn solch eine Entscheidung das Genick brechen könne. Auch Susanne und seine Schwester würden ihm etwas anderes erzählen.
Wie ärgerlich!
Die Anwesenheit der Drachenbabys lässt ihn aufrichtig lächeln und einfach alles vergessen. Für gewöhnlich würde sich ein erwachsener Drache mit bebenden Schritten ankündigen. Nur kein Schattendrache. Das Muttertier schaut zuerst aus dem Hölleneingang und schwebt schließlich heran, um ihn mit einem leichten Kopfstoß zu begrüßen. Vorsichtig, sodass ihre spitzen Hörner ihm nicht schaden. Sich von den Kleinen zu befreien fällt Cornelius zuerst schwer, weil ein jedes Tier klammert und seine Aufmerksamkeit haben will. Doch es wäre unhöflich, die Drachendame zu ignorieren. Außerdem freut es ihn ungemein, wie fit sie seit der Verletzung wirkt. Die Drachenmutter scheint sich ordentlich ausgeruht zu haben und wirkt nun voller Anmut mit ihren langen Hals und dem sanften und ruhigen Blick. So wie es sich für einen Schattendrachen gehört. Freudig streichen seine Finger von der Stirn abwärts über die Schnauze. Allein in jenem Moment spürt er, wie viel Energie im Tier schlummert. Fühlbare Macht, die auf seiner Haut kribbelt. Nicht schmerzhaft, sondern stärkend, als würde etwas von ihrer Macht auf ihn übergehen und ihn Kraft für die nächsten Stunden schenken. Seine Streicheleinheiten verleiten den Drachen dazu, genussvoll die Augen zu schließen. Für gewöhnlich lassen sich Geisterwesen nicht berühren, außer sie bauen freiwillig eine Verbindung auf, indem sie einen erwählen. Wie in jenem Fall. Eine Wahrheit, die ihn mit Stolz erfüllt. Ein Privileg, das er schätzt und niemals verlieren will.
Der wundervolle Moment der Vereinigung wird jedoch von einer Veränderung am Himmel unterbrochen. Ohne Vorwarnung bricht buntes Licht durch die Baumkronen. Kraftvoller als das Sonnenlicht. Kaum kommt es zum Blickkontakt zu dem Muttertier, schnappt sie sich Cornelius behutsam mit ihren Beißern und setzt ihn auf den Rücken. Da von ihm keine Gegenwehr folgt, sollte die Drachendame erkennen, dass er ihr beistehen wird, um nach dem Rechten zu sehen. Ohne den Nachwuchs. Ein tiefes Brummen und ein jedes Drachenbaby löst sich von Cornelius, um Schutz in der Höhle zu suchen, sodass sich das Muttertier beruhigt hinauf zu den Baumkronen streckt. Vorsichtig lugt ihr Kopf zuerst durch das Blattwerk und die Ungeduld verleitet Cornelius fast dazu, hinaufzuklettern. Doch langsam schlängelt sich der Schattendrache weiter hinauf, sodass er den leuchtenden Himmel zu sehen bekommt, der in den Farben des Regenbogens erstrahlt. Ein solch bunter Farbstrich in dieser kalten und tristen Welt, den er so noch nie sah. So viele Farben an nur einem Ort versammelt. Ein atemraubender und funkelnder Anblick. Schöner als der Nachthimmel. Gleichzeitig hoffnungsspendend. Die bernsteinfarbenen Augen weiten sich und der Herzschlag verdoppelt sich. Zu viele Bücher verschlang er über die Zeitmagie und nun besteht kein Zweifel, dieses Phänomen kündigt den neuen Träger der Zeitmagie an. Einen Tag, den er sehnsüchtig entgegenfieberte und nun endlich könnte sich einfach alles verändern!































































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