Kapitel 2
Eine Dorfgemeinschaft wie Mia Vampi besitzt nicht viele große Gebäude. Trotz der berühmten Schule, die sich in einem großen Schloss eingenistet hat, herrscht überwiegend Armut in der Region. Die Mehrheit wohnt in kleinen Steinhütten. Gerade mal groß genug für einen Schlafplatz, einer kleinen Kochstelle und einer Kiste für Hab und Gut. Schüler und Lehrkräfte kommen oft von auswärts und haben im Schloss ihre eigenen Schlafquartiere. Cornelius und seine Schwester sind eine Hand voll Kinder, die es aus der Dorfgemeinschaft schafften, einen Platz zu ergattern. Selbst im Schattenwald sticht das gewaltige Schloss mit den düsteren Fassaden und den spitzen Türmen heraus. Auch in ganz Mia Vampi schmückt das imposante Gebäude den Hintergrund. Selbst rändlich, wo eins von drei Anwesen haust. Die Familie Mut besitzt wie zwei weitere Adelsfamilien ein kleines Grundstück auf einem Hügel. Geschützt durch mächtige Zauber, die verhindern, dass unerwünschte Leute eindringen können. Laut Susanne haben nicht mal Engel Zutritt und verweilen einige Meter davor. Und doch verleitet die Armut verzweifelte Seelen zu Verbrechen. Gefüttert durch den Groll gegenüber der Familie Mut. So folgen stetig Versuche des Einbruchs. Trotz bekannter Folgen. Auch an jenem Tag, wo der Himmel in den bunten Farben erstrahlt, pflastern Verwundete und Leichen den Weg zum Anwesen der Familie Mut.
Stumm an den Boden Liegenden vorbeizuschreiten fällt Cornelius schwer. Wenn er könnte, würde er helfen. Doch er kennt die Folgen. Denn Flüche können bei Berührung auf gesundes Gewebe überspringen. Hinzukommt, dass er keinerlei Fähigkeiten als Heiler aufweist. Heiler in Mia Vampi gibt es nur wenige. Fünf, um genau zu sein. Im Schloss besetzen drei Heiler eine Praxis. Während zwei zwielichtige Gestalten sich in der Dorfgemeinschaft herumtreiben und aus ihren Diensten unverschämt Profit schlagen. Da der Eintritt ins Schloss trotz Notfälle verwehrt wird, sofern kein Schüler- oder Lehrerausweis vorgelegt wird, bleiben den Leuten oft keine andere Wahl, als sich ausbeuten zu lassen.
Den zwei jungen Kerlen zu Cornelius Füßen kann jedoch niemand mehr helfen. Sie winden sich elendig im verdorrten Gras, als baden sie in Flammen. Der Fluch zeichnet sich dabei durch schwarzgefärbte Hautflächen ab. Es wirkt wie ein Parasit, der langsam sämtliches Gewebe befällt. Äußerlich wie auch leider innerlich. Verfluchte keuchen, als kriegen sie kaum Luft. Ihre Bewegungen sind oft sehr starr und langsam. Ihre Blicke flehend nach Erlösung. Doch selbst Magie befällt der parasitäre Fluch und kann dem Anwender schaden. Erst, wenn das Herz aufhört zu schlagen, und sich die schwarzgefärbte Leiche über Stunden abkühlt, geht die Gefahr verloren. Die Leichenbeseitigung fällt daher weg, da sich das Anwesen nahe des Schattenwaldes befindet und somit Aas- und Fleischfresser herlockt. Beute, die in die dunklen Wälder verschwindet.
Cornelia würde das Leid aus nächster Nähe genießen. Verdient hieße es aus ihrem Munde. Doch ihr Bruder kann an jenem Anblick keinerlei Freude empfinden. Es kränkt ihn ungemein, dass besonders junge Leute trotz bekannter Gefahr ihr Leben aufs Spiel setzen, statt an sich zu arbeiten und ihren Lebensunterhalt anderweitig sichern. Er bedauert solch unbedachte Entscheidungen und hofft, den Verfluchten stehe ein nächstes Leben zu, dass sie nutzen, um glücklicher zu werden und alte Fehler nicht wiederholen.
Die Ansammlung an Krähen um das Anwesen nimmt mit den Jahren besorgniserregend zu. Die Vögel schrecken kaum mehr auf, wenn sich ein Erbe der Familie nähert. Oft fühlt sich Cornelius von all den Tieren beobachtet und fürchtet, es stecke mehr hinter der großen Tieransammlung. Doch vielleicht wird er auch nur paranoid. Die spitzen, filigranen Zäune des Anwesen erreichen gerade mal einen halben Meter und sind mehr Zierde als von Nutzen, da die Schutzzauber ihren Zweck bereits erfüllen. Das zweistöckige Haus versprüht einen zeitlosen, eleganten Glanz. Mit den kunstvollen Erkern und den steilen Dächern hat es einen romantischen Charme. Die dunkle Fassade mit den Giebelwänden lässt das Anwesen majestätisch wirken. Cornelius‘ Augenmerk haftet bei jeder Ankunft an der Glaskuppel des Westflügels. Das Arbeitszimmer seines Vaters beherbergt eine kleine Bibliothek. An jenem Ort verbringt Cornelius viel Zeit. Ob für Schularbeiten, der Recherche oder einfach Zeit zum Nachdenken. Ein Raum, an dem er auch gern vor Müdigkeit am Schreibtisch einschläft, weil er zu lange seine Nase in Bücher steckt.
Die Gartenanlage hingegen wird einfach gehalten. Die wenigen Pflanzen umranden das Grundstück nur beiläufig. Seine Eltern legten wenig Wert auf eine ordentliche Gartenpflege und entschieden sich lieber für einen großen Trainingsplatz. Überwiegend im Freien übt Cornelius den Schwertkampf. Bei Unwetter greift er auf die kleine Halle im Haus zurück. Daher fixiert er den großen Übungsplatz mit Strohpuppen an. Nach der Laufstrecke wäre dies eigentlich seine nächste Station. Doch der Besuch am Treppengeländer entgeht ihm nicht.
Nur durch die Bürgschaft eines Familienmitgliedes erhält der Besuch die Erlaubnis, unbeschadet ins Anwesen einzutreten. Die Kommandantin aus Kristallherz mag Cornelias Segen erhalten haben und doch beklagt sie sich ständig über Unwohlsein und einem ständigen Druck auf dem Brustkorb. Bei längerem Verbleib fiel Cornelius öfter auf, dass Susannes Hand auf die Brust wandert. Als Vampir bleibt ihm der schwächelnde Herzschlag nicht verborgen. Woraus er schließt: dieser Ort dient nicht zur Unterbringung von Gästen, sondern erlaubt nur kurze Besuchszeiten. Die Familie Mut schien bislang ihre ungestörte Privatsphäre zu genießen und traf dementsprechend Maßnahmen. Alles reine Spekulationen, die ihm nun keiner mehr bestätigen kann. Da sein Vater nie heimkehrte und seine Eltern sämtliche Verwandtschaft beseitigt haben soll.
Die gefürchtete Kommandantin aus der Stadt Kristallherz trügt mit einer jungen Hülle. Dank ständiger Bewegung und Training bleibt ihr Körper fit und athletisch. Ihre Bogenkunst beeindruckt ihn immer aufs Neue, so wie ihre Ausdauer und Schnelligkeit. Mit den Jahren musste er lernen, Susannes Tempo standzuhalten. Am Anfang verlor er sie und war aufs Spurenlesen angewiesen. Oft ein frustrierender und zeitaufwendiger Akt. Doch mittlerweile kann er beim Laufen mithalten. Trotz Talent in der Schwertkunst verliert er jeden Übungskampf gegen Susanne. Selbst dann, wenn sie auf andere Waffen zurückgreift. Dieses Monster weiß sich zu wehren. Selbst mit einem einfachen Holzzweig.
Die dunklen Augen der Kommandantin ruhen wie ein Jäger auf ihm. Rebellisch in Leder gekleidet sitzt sie aufrecht auf den Stufen. Wachsam. Ungeachtet, dass zarte Winde an ihren roten Haaren spielen und wenige Locken aus ihrem Knoten lösen. Trotz der vielen gemeinsamen Jahre kann sich Cornelius wenig mit dem leuchtenden Kristall auf ihrer Stirn anfreunden. Giftgrün und bedrohlich spitz. So klein wie sein Nagel am kleinen Finger. Die Impulswellen, die das Ding von sich gibt, fühlen sich an wie eine Bombe, die kurz davor ist, hochzugehen. Etwas, das kaum ein anderer wahrnehmen scheint. Als er sie vor Jahren drauf ansprach, blickte die Kommandantin recht überrascht, als käme dieses Detail selten zur Sprache.
Der Besuch macht keine Anstalten, sich zu erheben, daher steuert er Susanne direkt an.
„Susanne, du hattest dich nicht angekündigt.“
Denn meist folgt ein kurzer Brief. Tage, bevor sie auftaucht.
Die Augen seines Gegenübers werden schmal und unangenehm prüfend, als gefiele ihr etwas nicht. Etwas, was sie ihm sicherlich in den nächsten Sekunden an den Kopf werfen wird.
Tatsächlich giftet sie ihn: „Schmiere dir dein dreckiges Grinsen aus dem Gesicht, Bursche!“
„Unmöglich“, flötet er und deutet hoch zum Himmel, „Ist es nicht schön?“
„Pah! Dein Hirngespinst von Hoffnung wird dich schneller enttäuschen, als du glaubst! Was musst du für ein Narr sein, zu denken, die Träger der Zeitmagie handeln für Lunstas Wohl! Lunsta wird nur eine Zwischenstation für jene Zeitmagier sein! Eine kleine Prüfung, um zu wachsen. Ihre Wunder mögen das Reich bereichern können, aber sind nicht auf eine gute Tat ausgelegt! Zeitmagier handeln egoistisch und ignorant!“
Brummig stemmt sich Suanne damit auf, als sei alles gesagt. Eine solch alte Seele wie sie wird sicherlich mehr als einem Zeitmagier getroffen haben. Und doch weiß er von ihr, dass die Erinnerungen zur Zeitmagie nur schwammig bleiben. Spuren über den Verbleib beseitigen Zeitmagier, sodass ein großes Mysterium zurück bleibt. Und doch können kleine Erinnerungsfragmente verschont werden. Kleine Indizien, die ihre Existenz bestätigen.
„Die Zeit ist gekommen. Ich werde das Schwert für den nächsten Zeitmagier“, verkündet Cornelius voller Stolz.
Erneut. Eine von so vielen Wiederholungen. Ein Satz, der den Zorn der Giftschlange weckt. Ruckzuck hält Susanne den Bogen in den Händen und wie so oft auch verfehlt ihr Pfeil haarscharf. Zum zweiten Mal schafft es Cornelius sogar, den abgeschossenen Pfeil zu fangen. Triumphierend hält er ihr diesen hin. Mit einem zufriedenen Grinsen. Mit gebleckten Zähnen schnappt Susanne zu, um ihn daraufhin mit dem Handrücken am Kopf zu erwischen. Ein schneller Schlag, der sitzt und ein unangenehmes Pochen zurücklässt. Zischend sieht Cornelius auf und will sich beschweren, doch Susanne kommt ihm zuvor. Sie tritt an ihm heran und sticht erbost auf seine Brust ein.
„Das Feuer erwählte dich! Der Träger der Zeit braucht keinen Magier als Leibgarde! Du hast deinen Job und sie ihren! Schlag dir dieses Hirngespinst endlich aus dem Kopf! Du bist ebenfalls ein Magier! Andere werden sich für die Rolle des Schwertes prügeln! Aber nicht du!“
Säure stößt in ihm auf. Frust in Form von heißem Dampf. Eine endlose Diskussion wie mit den Schattendrachen. Er kennt ihre Meinung. Ihren Standpunkt. Sie eigentlich seinen und doch wird er sich wiederholen.
„Ich wollte nicht vom Feuer erwählt werden! Schon vorher träumte ich von der Beschützerrolle!“
Denn auch wenn er gern Drachenpfleger geworden wäre, hätte die Familie ihm etwas anderes erzählt. Verschwendetes Talent hieß es immer von seiner Mutter. Ein jeder Nachkomme gehöre aufs Schlachtfeld. Ohne Ausnahme! Wenn er sich zur Ruhe setzen würde, könnte er sich noch immer seinem lächerlichen Traum verwirklichen. Da sich Cornelius aber ungern als Schlächter sieht, konnte seine Schwester ihm die Beschützerrolle für den Träger der Zeitmagie schönreden. Laut Susannes Berichten und auch den schriftlichen Überlieferungen bekleiden ausschließlich Frauen das Amt des Zeitmagiers. Und für ihre Dienste steht ihnen eine Leibgarde zur Verfügung.
Drei Beschützer:
Schwert.
Pfeil.
Schild.
Feste Rollen, die verteilt werden, sobald die Ankunft der Zeitmagierin bekannt steht. Mit dem bunten Himmel werden sicherlich jetzt die Vorbereitungen getroffen und der Schlüssel zur Anmeldung steht vor ihm. Die giftige Kommandantin besitzt mehr Einfluss, als ein jeder annimmt. Von Cornelia weiß er sogar, dass Susanne bereits zwei Kandidaten empfahl. Ihr Besuch wirkt verdächtig, daher lehnt sich Cornelius sehr weit zurück und streckt die Hand erwartungsvoll aus.
„Ich denke, du hast etwas für mich, Susanne.“
Schnaubend tritt Susanne jedoch von ihm fern und schüttelt den Kopf.
„In der Beschützerrolle würdest du deine Pflichten als Feuermagier vernachlässigen!“
„Schwachsinn! Der Träger der Zeit dient dem Volk. Ich würde ein Team mit dem Zeitmagier bilden.“
„Weißt du eigentlich, wie lächerlich ich mich machte, indem ich dich vorschlug?“ Schwungvoll dreht sie sich um. Mit hochrotem Kopf. „Blamiert habe ich mich! Bis auf die Knochen! Weil du Sturkopf mir, seit wir uns kennen, damit auf die Nerven gehst! Ich hätte dich niemals empfohlen! Niemals! Aber selbst deine Schwester bat mich darum! Was ist nur in euch gefahren? Und dann dieses beschissene Timing! Denn ich kann dich nicht länger schützen! Lunstas Rat wünscht umgehend deine Anwesenheit in der Armee! Deine Ausbildung als Magier hat nun Vorrang! Denn nicht nur die Zeitmagierin betrat Lunsta, auch die werte Eisprinzessin soll schon bald erwachen!“
Die sogenannte Eisprinzessin namens Alina gehört zur ersten Generation der Magier. Die Generation vor ihm. Ebenfalls eine Verfluchte. Die einzig bekannte Magierin für zwei Elemente. Licht und Eis. Es herrschen viele Gerüchte über Alina. Einige unschöne, denen Cornelius wenig Gehör schenken mag, bevor er sich selbst nicht überzeugt. Doch sollte es stimmen, dass Alina von einem Dämon gelenkt wird, dann steht dieser Frau zu viel Macht zu, um Lunsta zu schaden. Als Anführerin der Magier gehört zu ihren Aufgaben die Ausbildung der nächsten Generationen. Doch sie fiel in der Schlacht gegen die Vampire. Wie Susanne trägt Alina den Fluch der Unsterblichkeit. Daher bleibt es nur eine Frage, wann die Eisprinzessin erwacht, um weiterhin Lunsta zu dienen. Es klingt zu schön, doch auch Cornelius betrachtet die Unsterblichkeit als ein Fluch. Das beste Beispiel präsentiert Susanne. Der Verlust an Freude am Leben zeichnet jene Kommandantin aus. Susanne wirkt tief verbittert und scheint die auferlegten Pflichten und Lasten satt zu sein.
„Lunstas Rat muss sich gedulden. Ich werde erst die Prüfung zum Schwert antreten“, verkündet Cornelius seinen Entschluss.
Der Zorn in den Augen seines Gegenübers verglimmt und die Mundwinkel der Kommandantin fallen hinab.
„Verzeih, dass ich deine Entschlossenheit mit Füßen trete, aber der Termin steht. Schon morgen wirst du mich in die Hauptstadt begleiten. Dort wird das Siegel entfernt und du kannst als vollwertiger Magier agieren. Du musst eine Reihe Test durchlaufen, damit sie dich aufgrund deiner Fähigkeiten besser einschätzen und einplanen können. Zum Schluss besiegelst du den Vertrag. Du hast nur zwei Möglichkeiten: Werde zur Marionette oder wähle deine fälschliche Freiheit durch die Hinrichtung. Lunstas Rat duldet keine andere Alternative. Weigerst du dich, den Termin wahrzunehmen, stempeln sie dich als Rebell ab. Verstehst du das?“
Frustriert stiert er hinauf zum bunten Himmel und findet Trost an dem Anblick. Das Leben stellt ihn überall vor Hürden. Seit eh her. Und doch will er sich davon nicht kleinkriegen lassen. Auch wenn es ihn ungemein ärgert.
„Also schön. Dann bringen wir die Sache morgen hinter uns. Nachdem ich das Amt als Feuermagier akzeptiere, kann ich immer noch an der Prüfung für das Schwert der Zeitmagie teilnehmen. Ich bin mir sicher, du kennst alle notwendigen Informationen, Susanne. Daher verrate mir doch, wann das Auswahlverfahren für die Leibgarde der Zeitmagierin beginnt.“
Die Angesprochene lässt kurz ihren Kopf hängen und atmet lang aus. Ein auffälliges Verhaltensmuster, was er so von ihr nicht kennt. So wie das plötzliche Mitleid in ihrer Stimme.
„Morgen. Leider befindet sich nur wenig Spielraum zwischen den beiden Terminen. Ich befürchte sogar, du wirst es nicht pünktlich schaffen können.“
Seine Augen weiten sich vor Unglauben. Die Botschaft trifft ihn wie ein Faustschlag, der sitzt und ihn ins Schwanken bringt. Seine Entschlossenheit wird einfach weggefegt, sowie seine gute Laune über den spektakulären Himmel.































































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