Kapitel 3
Fliegende Geschosse fängt Susanne mit Leichtigkeit. Auch in jenem Fall. Das Objekt in ihren Händen könnte als Attentat durchgehen und Cornelius verspürt den Drang, einen Bissen von der seltsamen Konsultation zu nehmen. In der Hoffnung, das Zeug bringt ihn schnell um. Eindeutig eine Kreation von seiner Schwester. Das, was Cornelia als Sandwich bezeichnen mag, gibt seltsame Dämpfe von sich und die Lebensmittel wirken mutiert. Selbst farblich erinnert das Sandwich nicht mehr an Brot, denn es hat einen seltsamen Grauton angenommen.
„Hab uns was Schnelles zubereitet, Susanne“, tönt es aus dem Hintergrund.
Tatsächlich tritt Cornelia durch den Eingang. Ebenfalls ausgestattet mit einem Höllen-Sandwich. In den Jahren veränderte sich seine Schwester kaum. Sie gewann nur an Größe und Muskulatur. Ihre Haare hält sie gewissenhaft kurz. Es blieb in all den Jahren bei dem Bob. Keine Ausnahme. Keine Veränderung. Nie länger, als bis zu den Schultern, ansonsten folgt ein großes Drama. Was kombiniert mit ihren dunklen Augen ihr noch mehr Strenge verleiht. Das naturrote Haar präsentiert sie immer offen und nutzt ihre Herkunft zur Einschüchterung. Anders als bei ihm ist ihre Mähne seidig glatt, während seine Wirbel sich kaum bändigen lassen.
„Sieh an, mein Bruder kehrte zurück. Schon fertig mit deinem Schwerttraining oder magst du dich mit mir messen?“
Susanne mag das Ding in ihren Händen interessiert begutachten, doch noch ehe sie einen Bissen tätigen kann, entreißt Cornelius ihr dieses.
„Das Ding wird dich umbringen, Susanne. Ich mache dir was Besseres.“
„Ist nicht wahr!“, äußert sich Cornelia empört mit dem ersten Bissen in ihre Kreation, „Das lässt sich gut essen. Außerdem wäre es zu schade, um die Lebensmittel.“
„Wohl wahr. Hoffen wir mal, das mich deine Küchenkreationen umbringen, Schwester!“
Mit trübem Blick schreitet er zur Haustür. Seine Schwester hebt fragend die Augenbraue.
„Was stimmt denn nicht mit dir? Ich dachte, du kehrst grinsend heim. Bist du blind oder was? Sieh hoch zum Scheiß-Himmel! Das sollte deine Laune bessern!“
Kaum kommt er neben ihr zum Stand, wendet er zu viel Kraft auf, sodass er ihr Sandwich zermatscht. Gefrustet atmet er aus und spannt den Kiefer an.
„Genau da liegt das Problem! Wir wussten von Anfang an, dass keiner mich in der Beschützerrolle sehen will, und daher fordern sie mich als Magier. Kurz bevor das Auswahlverfahren für die Leibgarde beginnt.“
Seine Schwester mag ihn noch kurz wegen dem Sandwich vorwurfsvoll anfunkeln, doch kaum sickert die Botschaft ein, öffnet sich ihr Mund vor Empörung.
„Vorsicht, Bursche! Halterlose Mutmaßungen auszusprechen solltest du dir besser abgewöhnen, denn für dein bodenloses Mundwerk können sie dir die Hölle heiß machen!“, folgt Susannes Tadel.
Erbost dreht sich Cornelius um. „Aber ist doch so! Das alles wurde spontan entschieden, um mich aus dem Rennen zu schießen!“
Susanne zischt verärgert, aber schweigt, womit sie die verdammte Bestätigung liefert. Die Kommandantin kehrt ihm sogar den Rücken zu, als ertrage sie seinen anklagenden Blick nicht länger. Cornelia hingegen beginnt leise zu lachen.
„Diese Dreckskerle! Aber das lassen wir uns nicht bieten! Wann ist der Termin?“, hinterfragt sie motiviert.
Ihr Bruder schnaubt verärgert. „Spielt das eine Rolle?“
Freudig boxt sie ihm gegen die Schulter und offenbart ihre Gedanken. „Ist doch egal, wann sie dich dahaben wollen! Wir tauchen einfach früher auf. Mit Susanne, denn die hat dich empfohlen…“
Die Hoffnung war groß, dass dies der Fall wäre, doch nie kam dieses Detail zur Sprache. Nun aber erhält Cornelius endlich die Bestätigung, die er sich wünschte. Tatsächlich betrachtet Susanne ihn aus dem Augenwinkel und leugnet die Sache nicht. Ein Detail, das sein Herz wärmt. Susanne glaubt an ihm und das erfüllt ihn mit Freude.
„Dich und einen anderen Kandidaten. Was würde sich Susanne blamieren, wenn schon vor dem Auswahlverfahren ihr erster Bewerber durchfällt. Also tauchen wir morgen in der Hauptstadt auf und veranstalten einen riesen Lärm. Wir machen die Dreckskerle so klein und stampfen sie zu Boden. Susanne ist der Schlüssel. Wenn sie ausrastet, dann wird sich keiner mehr trauen, etwas zu sagen.“
Cornelia klingt zu überzeugt und zu freudig auf die Aussicht, ihren Zorn auf die Welt loszulassen.
Doch statt Zuspruch liegt am Ende nur unsichere Stille zwischen ihnen. Weder Susanne, noch Cornelius, kriegen die Zähne auseinander. Dabei geduldet sich Cornelia erwartungsvoll.
„Euer Ernst? Wollt ihr die Schikane einfach hinnehmen? Versuchen wir es! Die pissen uns ans Bein, als werden sie unseren Zorn ernten!“, animiert Cornelia weiter.
Cornelius würde sich wünschen, der Plan erzielt Erfolg. Doch ohne Susannes Zuspruch bleibt es nur Wunschdenken. Sicherlich steht zu viel für Susanne auf dem Spiel. Die Kommandantin verhält sich zu lange zu still und meidet längeren Blickkontakt. Auch wenn er sieht, wie angestrengt sie überlegt und wie ihr unterdrückter Zorn aufflammt. Dann plötzlich löst sie den Knoten und ihre Locken fallen rebellisch hinab.
„Also schön! Marschieren wir da morgen ein und reißen ihnen die Hintern auf!“ Ihre Faust donnert Susanne gegen ihre Brust. „Noch spottet die oberste Abteilung über meine Entscheidung. Es wird Zeit, dass ich das Büro aufsuche und da mal aufmische. Nehmen wir den Laden auseinander!“
Ihre Kampfansage sorgt dafür, dass Cornelia motiviert nickt und die Treppenstufen zu ihr hinabsteigt.
„Die werden sich noch wundern! Dumm von ihnen, dass sie sich mit den falschen Leuten angelegen.“
Eine Ansage, die auch Cornelius‘ Kriegsflamme füttert. Seine Schwester hat Recht! So schnell lässt er sich seinen Traum nicht zerstören. Eine Niederlage gesteht er sich erst ein, wenn er alles versucht hat, was in seinem Möglichen stand.
Für gewöhnlich verweilt Cornelia nie länger als einen Tag in Mia Vampi. Oft sind es die freien Tage, die sie hierher verschlagen. Ihre Pflichten als große Schwester. Ab und zu in Begleitung von Susanne. Denn beide leben und agieren als Team einige Kilometer entfernt in der großen Handelsstadt Kristallherz. Dort, wo Cornelia sich einen Namen machte und wo Susanne ihr ein Haus organisierte. Umso mehr genießt er den Besuch, denn im Anwesen kann es trotz der vielen Bücher oft schrecklich einsam werden. Daher trifft er einen Entschluss.
„Kommt rein und macht es euch gemütlich. Ich mache für alle Frühstück.“
„Danke, Bruder, aber ich bin versorgt“, erinnert Cornelia ihn und hebt das Sandwich.
Susanne hingegen lässt sich solch einen Luxus nicht entgehen und beschließt: „Klingt gut. Aber Cornelias Sandwich packe ich mir ein. Mal sehen wie stark der Magen sein wird, von dem Kerl, der mir zuerst widerspricht, wenn wir Terror schieben.“
Cornelia blinzelt entsetzt und beobachtet wie Susanne eine Tüte für Beweismittel hervorholt, um ihren Bruder das gematschte Teil abzunehmen.
„Unverschämt! Ich weiß nicht, was ihr für Probleme habt, aber das Zeug ist gut! Du bist doch auch noch nie an meinen Kreationen gestorben, Susanne!“
„Mhm!“ Susanne nimmt sich kurz den Moment, um die Giftbombe sicher zu verstauen, bevor sie sich dazu äußert. „Nicht jeder trägt den Fluch des Kristalls auf sich. Der sieht zwar aus wie ein Schmuckelement, doch ich versichere euch, zu langer Aufenthalt in der Kristallhöhle sorgt für gesundheitliche Einschränkungen. Meine Gene sind mutiert und so schnell bringt mich nichts um. Ich werde sicherlich noch viele Generationen von euch überdauern, bevor jemand meinen Fluch brechen wird.“
Die Kristallhöhle unter Kristallherz wurde als potenzielle Gefahrenstufe eingestuft. Der Zutritt soll strengsten untersagt sein und die Eintrittsgenehmigung bekommen nur sorgfältig ausgewählte Forschungsteams. Trotz Giftkammer soll laut Cornelia das Leben in der Handelsstadt sorglos verlaufen, als blenden die Bewohner die Gefahren aus. Dabei gehört die Kristallhöhle nur zu wenigen Gefahrenquellen in Kristallherz. Eine Seuche, die sich besonders in Großstädten ausbreitet, soll ganze Bezirke unbewohnbar machen. Quarantänezonen, wo nicht mal ein Magier Zutritt erhält. Denn der Befall wirkt dämonisch und fällt somit ins Aufgabengebiet der Engel. Hoffentlich nichts, womit er je in Kontakt kommen wird.
Susanne bräuchte ein Wunder, um vom Fluch erlöst zu werden. Dabei gibt es Hoffnung.
„Die Zeitmagierin könnte vielleicht helfen“, grübelt Cornelius, um einen kräftigen Schlag auf den Hinterkopf zu kassieren.
„Fängst schon wieder damit an, Bursche? Ich kriege das Kotzen, wenn ich deine närrische Träumerei lausche!“, brummt Susanne.
Trotz all der Zeit sieht er ihre Schläge nie kommen. Noch nicht! Dennoch verärgert in ihre verbissene Einstellung. Doch keiner der beiden mag die Sache vertiefen. Beide haben ihre festgebissene Meinung und lassen sich nicht beeinflussen.
Hinein ins große, spärlich beleuchtete Foyer und Cornelia klärt ein Missverständnis: „Es wird keine weitere Generation Mut geben! Mein Bruder und ich sind uns einig, wir wollen unsere Blutlinie aussterben lassen.“
Nicht überzeugt läuft Susanne mit verschränkten Armen hinterher. „Abwarten!“
„Als Beschützer schwöre ich der Liebe ab“, erinnert Cornelius sie.
„Dann versuche mal, Gefühle zu erstechen! Schneide dir das Herz besser aus der Brust, ich spreche aus Erfahrung.“
Beide Geschwister werden hellhörig. Selten gibt Susanne von ihrem Privatleben preis. Meist hütet sie ihre Erinnerungen wie einen Schatz, was sie unnahbar wirken lässt.
„Sicherlich ein großer Krieger. Niemals ein Politiker“, mutmaßt Cornelia, während sie einige Kerzen entzündet, um jenen Ort zu erhellen, der Licht verschluckt. Ein Haus, das bereits viele Generationen Komfort bot. Ein Anwesen mit hohen Decken und glänzenden Fliesen. Gestaltet wie das Innere eines Palastes, nur düsterer.
Cornelius nickt zustimmend bezüglich der These seiner Schwester, denn er bezweifelt, dass Susannes Interesse nur geweckt werden kann, wenn man unter der Menge durch besondere Fähigkeiten heraussticht. Doch die Thematik scheint Susanne nur die Laune zu vermiesen, daher wedelt die Kommandantin ab und schnappt sich einen Apfel aus der Obstschale, während sie bewusst die Küche ansteuert. Durch die vielen Besuche kennt sich Susanne im Haus bereits gut aus und so organisiert sich problemlos ein Glas und befüllt dieses mit stillem Wasser.
Neben der Bibliothek gehört die große Küche zu Cornelius´ Lieblingsorten. Ein Ort, wo er alles vergisst und sich mit Freude daran wagt, neue Kreationen auszutesten, um seiner Schwester das ein oder andere Lächeln zu entlocken. Cornelia mag keine Frau der großen Worte sein und doch haut sie ihre Gedanken immer sofort heraus. Wenn sie etwas mag, dann teilt sie ihm dies auch sofort mit. Daher genießt er ihre ehrliche Neugier immer aufs Neue, wenn seine Gerichte überzeugen. Kaum wagte er sich in frühen Jahren an das erste Rezept, wurde das Kochen zu einer weiteren Leidenschaft. Aufgrund der knappen und überteuerten Lebensmittel schätzt er die Zutaten besonders und behandelt diese respektvoll. Wie die gesamte Einrichtung sind auch an jenem Ort die Möbel dunkel. In einem matten Schwarz, das durch goldene Griffe aufgewertet wird. Sämtliche Einrichtungsstücke sind hochwertig, was das Vermögen der Familie untermauert. Die Hausgestaltung zeigt sich einheitlich und stilvoll. Oft sehr dunkel, dennoch elegant.
„Hör zu, Bursche“, beginnt Susanne mit gerunzelter Stirn, als plage sie noch immer etwas, „Allein, um meine Ehre zu wahren, werden wir morgen den Laden aufmischen, aber mache dir bitte keine zu großen Hoffnungen bezüglich des Auswahlverfahrens. Ich kenne einige Namen von Kandidaten und obwohl ich an deine Fähigkeiten glaube, sehe ich keine hohen Erfolgschancen. Für das Schwert bewirbt sich ein wahres Monster, anders kann ich es nicht sagen. Jemanden, dem du von der Erfahrung und der Technik weit unterlegen bist.“
Susanne mag eine Pessimistin sein, doch auf ihr Urteilsvermögen ist leider Verlass. Nur kurz droht sich seine Laune erneut zu trüben, doch vielleicht überrascht er sie auch.
„Ich verstehe. Dennoch will ich nichts unversucht lassen.“
Susanne nickt anerkennend und klopft ihm sogar kumpelhaft auf die Schulter.
„Eine gute Einstellung“, lobt sie ihn.
Cornelia tritt vollbeladen zur Küchentheke und hinterlässt ein Riesenchaos an Zutaten, um schließlich zu fordern: „Ich habe so Lust auf das letzte Nudelgericht bekommen. Ich habe einfach mal alles aus dem Vorratsschrank mitgebracht, wo ich glaube, das steckte da drinnen, Bruder.“
Ein diverser Haufen Lebensmittel, die wenig Sinn ergeben. Es ist, als habe Cornelia den halben Vorratsschrank einfach leer geräumt. Bei all dem Durcheinander muss er erst einmal einen Überblick finden. Seine Schwester wird keinen Finger krumm machen, um alles am Ende aufzuräumen, damit brummt sie ihm unbewusst noch mehr Arbeit auf. Aussicht, worauf er sich mit hängenden Schultern zu ihr dreht.
„Wirklich, Schwester? Außerdem Nudeln in aller Frühe? Was stimmt nicht mit dir?“
„Jap! Nudeln! Unbedingt Nudeln! Du schaffst das!“ Sie sucht gezielt die Kaffeemaschine auf und schnappt sich die erstbeste Tasse, wo der nächste Gedanke ausgesprochen wird. „Ach so! Ich habe die Sache mit der Konkurrenz mitbekommen! Mir egal, welches Monster für das Schwert antritt, du kehrst nur mit dem Titel eines Beschützers heim! Ich dulde keine Niederlage, verstanden?“
Susanne schnaubt und kontert: „Du verlangst zu viel von deinem Bruder!“
„Und du unterschätzt uns, Susanne! Mein Bruder wird ein Beschützer, etwas anderes dulde ich nicht!“
Damit wäre alles für Cornelia gesagt und ihr Fokus liegt auf die Zubereitung von einer Kanne Kaffee.
Susanne hingegen scheint ihre Zweifel zu hegen. Sie wird ungewöhnlich still, was Cornelius zu Bedenken gibt. Wahrscheinlich hat sie mir gesagt, als sie eigentlich durfte. Ihre ganz besondere Art, wie sich um jemanden sorgt. Sie verhält sich am heutigen Tag ungewöhnlich sanft und still. Daher folgt seine Bitte.
„Noch bleibt uns ein Tag, Susanne. Ich weiß, deine Zeit ist kostbar, aber vielleicht könntest du mich heute gesondert trainieren. Schließlich mag ich dich nicht blamieren wollen und wenn möglich, mache ich es diesem Monster besonders schwer.“
Die Angesprochene stiert auffällig lange und auch Cornelias langgezogenes Grinsen entgeht Cornelius nicht. Keiner von ihnen wirkt überrascht, als haben sie genau mit dieser Reaktion gesprochen.
Tatsächlich seufzt Susanne und ärgert sich laut: „Du hast es prophezeit, Cornelia!“
„Natürlich! Ich kenne doch meinen Bruder!“
Susanne nickt und fordert: „Einen Kaffee, Cornelia! Das wird ein langer Tag!“
„Daher hast du dir doch die kommende Woche Urlaub genommen“, offenbart Cornelia und erntet ein böses Funkeln.
Eine Information, die anscheinend unter Geheimhaltung liegen sollte. Cornelias größte Schwäche und dennoch dankt ihr Bruder ihr für dieses Detail. Susanne würde sich nicht einfach frei nehmen, wenn sie nicht an ihm glauben würde. Auch wenn er sich fragt, warum Susanne direkt eine ganze Woche beantragt haben muss. Das ist sehr ungewöhnlich für ein Arbeitstier wie sie. Doch allein Susannes Vertrauen in seinen Fähigkeiten stärkt ihn für die kommende Prüfung!




































































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