Prolog
Prolog
Frederike
Es war beissender Rauch, der mich aus meinen unruhigen, dunklen Träumen riss. Der Mangel an Luft im Raum und das erstickte, aber entfernte Husten Mutters, rissen mich fort von den sich wiederholenden Bildern, die in zeitloser Wiederkehr in meinem Geiste umherirrten. Bilder meiner grossen Schwester, Bilder meiner Beschützerin, Bilder ihres Leids, ihrer hoffnungszerfetzten Blicke.
Meine linke Hand begann mit einer müden Hast, über das Laken zu tasten, lange bevor ich meine Augen aufriss und erkannte, dass Rjrj nicht neben mir im Lager lag. Aber war sie denn noch nicht zurück?
Mit dem nächsten Atemzug wurde jeder meiner Gedanken aus meinem Kopf vertrieben. Mein leises, aber inbrünstiges Husten hallte durch den kleinen Raum, dessen vier Wände beherbergten, was ich zu Hause nannte. „Mutter?“, krächzte ich, gefolgt von einem leiseren, atemlosen, „Vater?“. Mein Körper krampfte, raue Huster ausstossend, zusammen, ein Wimmern, gefolgt vom Nächsten, entfleuchte meinen bebenden Lippen, während Tränen sich aus meinen brennenden Augen stahlen. Mit dem letzten bisschen Luft in meinen leeren Lungen japste ich verzweifelt: „Rjrj?“
Nichts. Niemand. Mit letzter Kraft tastete ich noch einmal das Lager ab. Schweiss hatte sich auf meiner Stirn gebildet. Es war heiss. Ein Krachen liess mich zusammenzucken und wieder in eine zusammengekauerte Position schrecken. Meine Augen presste ich fest zusammen. Ich wollte, dass die Welt endlich wieder still wurde. Es war so laut. Das Knistern und Bersten, wenn das Holz nachgab. Die Schreie, so laut. So viele. Ich presste die Augen zu und betete zu dem Hellen, dies alles möge enden. Und sollte es ein Traum sein, so wollte ich aufwachen!
Das nächste Husten kam gleichsam mit dem erneuten Versuch, nach Luft zu schnappen, und liess mich krampfen aufgrund seiner Intensität. Hitze näherte sich meinem Rücken in furchterregender Geschwindigkeit, sodass ich meine Augen aufriss, es sofort wieder bereute, hochschreckte, taumelte und wieder fiel. Schrecken frass sich in meine Knochen, als ich auf meine verkrampften Hände starrte, doch bald trieb mich der beissende Rauch wieder in den Stand und weiter, weiter, weiter.
Schreie. Ich ging direkt auf sie zu, die Hitze liess ich hinter mir zurück. Ich prallte gegen eine Wand, strauchelte zur Seite und fand die Tür. Ich streckte meine Hand aus. Sie war nur halb so gross wie Rjrjs, aber sie drückte die schwere Holztür auf und ich stolperte hinaus, schnappte nach Luft.
Auf die Knie gesunken atmete ich ein und aus, tief und verzweifelt. Meine Hände drückten an meine Brust, versicherten sich, dass ich zu Atem kam, dass meine Brust sich hob und senkte.
Schreie. Schreie liessen mich aufblicken und im selben Moment wünschen, ich hätte es nicht getan. Die Dunkelheit herrschte noch über die Welt, der Wald hinter der Hütte war schwarz, so wie die Nacht, die die Welt in ihren Armen halten sollte. Doch hatte die Dunkelheit der Nacht sich dem Licht unzähliger Feuer gebeugt. Sie flackerten hell und heiss, nahmen die Hütten und Häuser des ganzen Dorfes als Opfergaben an und liessen die Schatten in sicherer Entfernung zwischen den Bäumen zittern.
„Nein…!“
Meine Augen rissen auf, mein Kopf schreckte herum und ich schnappte nach Luft. „Mutter!“
„Was machst du hier, Fredi?!“ Mutter hielt sich den grossen Bauch. Sie war blass. Es ging ihr doch nicht gut! Sie musste ins Bett! Doch statt ihr das zu sagen, zuckte ich ängstlich zurück. So hatte sie noch nie mit mir gesprochen. So hatte sie mich noch nie angesehen.
Mutter hatte die Hände in den Stoff ihres abgewetzten Rockes gekrallt. Ihr Gesicht war russverschmiert und durchzogen von einer Emotion, die ich in all der Zeit, in der sie bereits meine Mutter war, noch nie bei ihr gesehen hatte. Aus diesem Grund dauerte es auch seine Zeit, bis ich erkannte, was sich da in ihren Augen spiegelte, so kalt und klar, losgelöst von jedem irdischen Befinden. Es war nackte Angst.
„Wieso bist du nicht im Haus geblieben?!“ Ihre Finger lösten sich aus dem fadenscheinigen Stoff ihres Kleides und umfassten meine Schultern mit einer knochenbrechenden Härte, während ihr Blick immer wieder getrieben zu beiden Seiten huschte. „Was machst du hier?! Geh wieder rein!“
In diesem Moment knarrte und knackte es laut. Die Tür unserer brennenden Hütte fiel mit einem dumpfen Knall zu Boden. Doch war es nur ein leises Geräusch inmitten der Schreie, die das Dorf mit einem Missklang, geboren aus Leid und Schmerz, füllten.
Dröhnende Stille nahm mich ein. Die knochigen Hände Mutters schüttelten mich, mein Kopf schwankte vor und zurück, doch mein Blick blieb auf die gefallene Tür gerichtet. Dann glitt er weiter, nur ein Stück. Apathisch entgegnete ich den trüben, starren Blick Vaters. Er lag nicht weit vor der Hütte auf dem Boden. Wieso bewegte er sich nicht? Wieso schlug er uns nicht? Wir waren nicht im Haus geblieben, schliefen nicht. Es war Nacht. Wir müssten schlafen. Wieso strafte er nicht? Es war laut. Es war dunkel, die Nacht herrschte. Dann galt es, leise zu sein. Aber Mutter schrie. Sie schrie und schrie, schüttelte mich, ihr Gesicht verzerrt zu einer Fratze. Dabei ging es ihr doch nicht gut?
Mutters Hand klatschte schwungvoll gegen meine Wange. Brennen breitete sich aus. Langsam glitt mein Blick zu ihr zurück. Das hatte sie noch nie gemacht. Neue Tränen sammelten sich in meinen verweinten Augen, während ihre schon gar nicht mehr auf mich gerichtet waren, sondern hinter mich blickten.
„Du musst rennen! In den Wald! Geh!“ Wieder schüttelte sie mich. „Geh!“ Sie stiess mich hinter sich. Ich stolperte, konnte mich nicht fangen, kam hart auf dem Boden auf. Einmal noch wandte sie mir den Blick zu. „Such deine Schwester und lauf!“
Lauf. Während Mutter sich umdrehte, ihre Hände zu Fäusten ballte und entschlossen – und mit aufrechterem Gang, als ich ihn je bei einer Frau gesehen hatte – in die entgegengesetzte Richtung schritt, rappelte ich mich auf und stolperte weinend einen Schritt hinter ihr her. Mein Blick ging zwischen ihrem geschwollenen Leib und ihrem Arm hindurch und erfasste einen Mann, gross und furchteinflössend. Im fackelnden Licht der Feuer sah ich ein Grinsen; etwas Dunkles, Dickflüssiges klebte ihm am Kinn und tropfte auf das bereits durchtränkte Hemd.
Mutter erhob die Stimme, erfüllt von einer mir gänzlich fremden Autorität: „Dieses Reich gehört nicht den Wesen des Dunklen, Vampir! Verschwindet!“ Ihr Kinn hatte sie stolz erhoben, das konnte ich erkennen. Meine Füsse brachten mich einen taumelnden Schritt zurück. War das wirklich Mutter?
Der Mann lachte und sein Lachen liess mir Herz und Atem stocken. Einen weiteren Schritt taumelte ich zurück, ehe ich mich an Mutters Befehl erinnerte, mich umdrehte und die Beine in die Hand nahm. Ich rannte, rannte, rannte in Richtung Wald. Ein Schrei, spitz, klar, Mutters. Mein Kopf schoss herum, entdeckte ihre zarte Gestalt kraftlos in den Armen des Mannes hängen, und mein Herz stockte ein weiteres Mal. Schwankend stolperte ich weiter. Mein Blick galt Mutter, ihren Lippen, als sie sich das letzte Mal bewegten, ihre letzten Worte verlauteten, zu leise, zu stumm, als dass ich sie hätte vernehmen können. Dann zog der Mann seinen Kopf aus ihrer Halsbeuge und löste seinen Griff um ihren regungslosen Körper. Sie fiel. Und er kam – sein Blick fokussiert – direkt auf mich zu. Ich stolperte. Er näherte sich weiter und mein Atem wurde schwerer, mein Herz rasender und meine Glieder zitternder, doch meine nackten Füsse bewegten sich keinen Schritt mehr, keinen einzigen. Immer weiter legte ich den Kopf zurück, meine Augen in tiefgreifender Bangigkeit geweitet.
Seelenruhig neigte der grosse Mann den Kopf. Lag das Grinsen noch auf seinen Lippen, dann lag es jetzt in der Dunkelheit, die einzig noch seine Silhouette offenbarte. „Ob du genauso ein Leckerbissen bist?“
Schneller, als ich auch nur Luft hätte holen können, um zu schreien, wurde mein Kopf an den Haaren zur Seite gerissen und Schmerz flutete meinen erschöpften Körper. Und dann …? Ich spürte, wie heisse Tränen über meine Wangen liefen, meine Beine nachgaben und ich doch nicht fiel. Meine Augen schlossen sich flatternd, während mein Körper ein letztes, müdes Mal seinen Atem ausstiess. Als sie sich wieder öffneten, war da nur Dunkelheit. Und eine Anwesenheit. Verwirrt neigte ich den Kopf seitlich und meine Stirn runzelte sich, als ich mir der überwältigenden und allgegenwärtigen Ruhe gewahr wurde, die hier zu herrschen schien. Die Augen zu schmalen, neugierigen Schlitzen verengt, versuchte ich, eine Gestalt auszumachen. Sie versteckte sich im Schatten dieser ruhigen Finsternis, dessen war ich mir aus irgendeinem Grund gewiss.
„Frederike“, sprach da eine Stimme, die weder Geschlecht, Gefühl, Härte noch Sanftheit in sich trug.
Mit einem ungläubigen Keuchen fiel ich auf die Knie, sah aber hoffnungsvoll empor ins Nichts und schniefte. „Seid Ihr er?“, wollte ich wissen, die Stimme bebend. Ich hatte gebetet. War er gekommen? „Seid Ihr der Helle?“








































































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