Noshiko-Kapitel 20
Yuri führte mich durch die Gänge der Schule. Seine Hand hielt sanft meine. Etwas, was eindeutig neu war. Normalerweise hielt er mein Handgelenk und auch nicht so sanft. Ob er sich noch Sorgen machte?
„Ich habe da etwas, was dich sicher ablenken wird“, behauptete er, wobei er zärtlich mit seinem Daumen mein Handgelenk streichelte.
Ich war neugierig, wusste aber nicht, ob ich mich danach fühlte, irgendwas zu machen. Mein Körper war noch recht schlapp, doch das konnte auch an den Übungen liegen.
„Willst du wieder mit mir trainieren?“, fragte ich nicht ganz so begeistert.
Yuri tätschelte mich. Er schien es zu genießen, dass ich fast zwei Köpfe kleiner war als er. „Nein.“
Das beruhigte mich etwas. Ich glaubte nicht, dass mein Körper noch mehr Übungen aushalten würden.
Wir liefen weiter und Yuri führte mich seltsamerweise runter vom Schulgelände und Richtung Stadt. Jedoch bog er auf der Hauptstraße ab und führte mich weiter zwischen Feldern entlang. Wo wollte er hin? Es war Wochenende, weshalb wir nicht zur Schule mussten. Trotzdem konnte ich nicht erraten, wo er mich hinbringen wollte. Was war hier?
Über die leeren Felder, auf denen leichter Schnee lag, entdeckte ich Holzzäune. Dahinter kamen Pferde zum Vorschein.
Ich hatte schon lange keine Pferde mehr gesehen und musste lächeln. Wollte er mir diese zeigen? Woher wusste er überhaupt, dass ich diese Tiere mochte?
„Kannst du reiten?“, wollte er wissen, was mir einen fragenden Laut entlockte.
„Ja. Irgendwie. Bin schon lange nicht mehr geritten“, gab ich von mir, wobei ich überfahren von dieser Frage war, denn damit hatte ich nicht gerechnet.
„Gut. Wir reiten aus“, entschied Yuri, was mich vor Freude quietschen ließ.
„Warum willst du mit mir ausreiten?“, fragte ich neugierig, denn damit hatte ich nicht gerechnet.
In meinem Kopf hallte eine Stimme, die behauptete, dass er sich nur schuldig fühlte. Ich verstand nicht warum. Warum er sich schuldig fühlen sollte und warum die Stimme wieder da war.
Ich ignorierte sie. Es war besser, wenn ich mich jetzt auf andere Dinge konzentrierte.
Yuri führte mit zu dem Stall, der scheinbar zur Koppel dazu gehörte. Dort zog er einen Schlüssel hervor und ging zu einem Schrank. Aus diesem holte er einen Sattel, sowie Zaumzeug.
„Moment. Ist das dein Pferd?“, fragte ich, da mir das irgendwie komisch vorkam.
„Ja. Ich mache als Hobby Springreiten“, erklärte er mir. Überrascht darüber, starrte ich ihn einfach nur an. Davon hatte ich bis gerade eben nichts geahnt. Es war irgendwie schade, dass er es mir nicht erzählt hatte, aber irgendwie auch logisch. Wir hatten uns nie über solche Dinge unterhalten und meist war es auch viel interessanter, erst nach und nach Dinge herauszufinden als sie einfach so lieblos gesagt zu bekommen. Seine Überraschung war auf alle Fälle geglückt.
Ich beobachtete, wie Yuri das Pferd fertig machte und dann zu mir kam, um mich zu fragen, ob ich wusste, wie ich aufsteigen musste.
Langsam nickte ich. „Ich denke schon“, sagte ich, bevor ich vorsichtig zu dem Tier ging und es erst einmal streichelte. Das schwarze Pferd war sehr schön und edel. Es passte perfekt zu Yuri.
„Ich helfe dir“, entschied er und so schaffte ich es schließlich irgendwie auf das Pferd. Es fühlte sich vertraut an. Dabei war es schon sehr lange her, dass ich auf einem solchen Tier gesessen hatte.
Ich bemerkte, dass Yuri meine Füße aus den Steigbügeln machte, was dafür sorgte, dass ich nervös wurde. Dann schwang er sich aber hinter mich und schlang einen Arm um mich. Das sorgte dafür, dass ich mich wieder beruhigte.
Leicht lehnte ich mich an Yuri, der das Pferd langsam zum Loslaufen bewegte.
Ich genoss das Gefühl zu reiten und schloss für einen Moment die Augen. Es war wirklich schön.
Für ein paar Minuten genoss ich es, bevor ich meine Augen wieder öffnete, um die Umgebung zu betrachten.
Für einige Zeit herrschte schweigen, doch dann begann Yuri plötzlich, meinen Nacken zu küssen. „Weißt du eigentlich, was es bedeutet, zu erwachen?“, fragte er mit rauer Stimme.
Seine Lippen jagten mir einen Schauer nach dem anderen über den Rücken. Von der Stelle, wo er mich küsste, ging ein Kribbeln aus, das mich leise und zufrieden seufzen ließ.
Dass er dieses Thema wieder aufgriff, war seltsam. Ich wusste nicht genau, was ich davon halten sollte, da es eigentlich den schönen Moment kaputt machte.
„Nicht unbedingt“, gestand ich, als ich meinen Körper wieder im Griff hatte. Für mich hieß es eigentlich nur, dass ich sterben würde. Mehr wollte ich nicht zwingend wissen.
„Erwachen ist ein Begriff, der eigentlich nur im Zusammenhang mit Königinnen und Königen benutzt wird“, erklärte er mir mit ruhiger Stimme, wirkte dabei aber ungewöhnlich angespannt. Ich konnte es an seiner Körperhaltung spüren.
Leicht runzelte ich meine Stirn. „Heißt das, ich könnte als Königin erwachen, oder wie?“, fragte ich. Mir war durchaus bewusst, dass der Titel Königin und die Kraft, die damit zusammenhing nicht zwingend etwas mit Familie zu tun hatte. Selbst eine Bauerntochter konnte als Königin erwachen. Es war angeboren, wurde aber nicht unbedingt vererbt.
Im Grunde bezeichnete Königin eine Form der Magie, die man nutzen konnte.
„Ja. Ich spüre es in dir. Du hast die Voraussetzungen dafür“, sagte er noch immer angespannt.
Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Es überraschte mich nicht sonderlich, da selbst Großmutter Angst davor hatte, dass ich erwachen könnte und damit mein Leben endete. „Was würde mit einer Königin passieren, die hier erwacht? Immerhin gibt es hier eine herrschende Königin“, meinte ich, um mich abzulenken. Ich konnte die Vorstellung selbst in diese Klasse zu gehören, einfach nicht greifen.
„Ich schätze, dass es Königin Amaya nicht gerade gefallen würde, eine fremde Königin in ihrem Territorium zu haben“, bemerkte Yuri, der noch immer angespannt war. „Sie könnte dich angreifen und versuchen zu töten.“
Das glaubte ich nicht. Großmutter war zwar sehr auf ihre Macht bedacht, aber wenn sie mich tot sehen wollen würde, hätte sie das bereits getan. Immerhin wäre es nur ein einfacher Befehl gewesen. Die gerechte Strafe.
„Es würde mich nicht stören, wenn sie mich töten würde“, murmelte ich. Es war die Wahrheit, denn bei der Vorstellung meines eigenen Todes spürte ich keine Angst. Lediglich eine gewisse Hoffnung auf Ruhe.
„Aber mich“, fuhr er mich an, bevor er mich fest an sich zog und festhielt.
Ich verstand nicht genau warum. War ich nicht nur ein flüchtiger Moment in seinem Leben?
„Was findest du an mir?“, fragte ich, da seine Reaktion doch überraschend gekommen war.
Für einen Moment schwieg er und ich hakte nicht nach. Zu angenehm war es, so an seine Brust gedrückt zu sein, während wir ritten.
„Du beruhigst mich“, sagte er schließlich. „Du beruhigst dieses Etwas in mir, das jeder magiebegabte Mensch besitzt“, versuchte er zu erklären. „Mit Magie kommt ein gewisser Drang. Bei anderen ist dieser harmloser als bei anderen und dann gibt es Leute wie mich, die im Grunde permanent gegen diesen Drang ankämpfen“, flüsterte er und ich spitzte die Ohren. Von was sprach er da? Warum kam mir das so bekannt vor? „Deine Gegenwart gibt mir ein gutes Gefühl. Als wäre das … Wesen … in mir beruhigt“, sagte er, wobei er hörbar nach Worten suchte.
Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Es klang so … vertraut. Er sprach von einem Wesen in sich. Das erinnerte mich stark an die Stimme. „H-Hörst du auch Stimmen?“, fragte ich unsicher, leise und zögerlich. Was, wenn das gar nicht so unnormal war, wie ich immer dachte? Wenn es einfach dazugehörte, magisch zu sein?
„So könnte man es sagen“, stimmte Yuri zu, wobei er nicht ganz so sicher klar. „Wobei es bei mir weniger eine Stimme, als ein Drang ist“, versuchte er zu erklären, rang aber hörbar nach Worten.
„Dann ist es anders als bei mir“, gab ich zu. Wenn er von sich aus schon darüber sprach, war es vielleicht nicht schlimm, wenn ich ihm auch die Dinge, die mich plagten, erzählte. Also holte ich tief Lust. „Ich höre eine Stimme flüstern. Mal mehr, mal weniger“, gestand ich.
„Das klingt nach dem, was man unter uns Magiern als Stimme der Magie bezeichnet. Eine Art Instinkt. Eigentlich kannst du dieser Stimme vertrauen“, sagte er, wobei er sogar recht ernst klang.
„Das glaube ich nicht. Sie hat mich aufgefordert, dich zu töten. Ich glaube nicht, dass ich ihr trauen kann“, erwiderte ich fest, war aber eigentlich verwirrt. Was, wenn das stimmte und sie mich schützen wollte?
„Oh“, gab Yuri nachdenklich von sich, bevor er das Pferd dazu bewegte, stehen zu bleiben. Er stieg ab und ich glaubte, dass es an meinen Worten lag, doch dann half er mir, abzusteigen und zog mich an sich. „Dann hör nicht auf die Stimme“, flüsterte er an meine Lippen, während er mich fest an sich drückte.
Sein warmer Atem an meiner Haut war wunderbar und ließ mich schaudern.
Ich überwandte die kleine Distanz und küsste ihn innig. Er hatte Recht. Ich sollte nicht auf die Stimme hören, nur war das oft so schwer. Wenn sie wirklich hilfreich sein und mich beschützen wollte, wieso sagte sie mir dann, dass ich Yuri töten sollte? Ich verstand es nicht.

























































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