Noshiko-Kapitel 21

Es vergingen noch ein paar Tage, bis die Ferien endlich begannen. Auf Grund der Tatsache, dass Großmutter so viel um die Ohren hatte und gerade auf Reisen war, verbrachte ich die Woche auf dem Gelände des Internats. Zu meinem Glück war auch Yuri einige Tage da, denn er würde nur ein Wochenende bei seinen Eltern verbringen.
Im Grunde genoss ich die dicken Schneeflocken, die vom Himmel fielen, doch der Schnee war mittlerweile so hoch, dass man nicht einmal mehr wirklich in die Stadt gelangen konnte. Das war schaden, denn eigentlich hatte Yuri mir diese noch ein bisschen zeigen wollen.
Es war Wahnsinn wie viel Schnee in den letzte Tagen gefallen war und ich fragte mich, ob so die Schüler überhaupt zurückkehren konnten. Vielleicht konnte Yuri nicht einmal das Gelände verlassen.
„Es sieht aus, als würde es gleich wieder stürmen“, bemerkte Yuri, der hinter mich trat und zusammen mit mir zum Fenster hinausblickte. Ich konnte es an der Spiegelung im Glas erkennen.
Der Duft von heißer Schokolade umspielt meine Nase. Als ich mich ein Stückchen drehte bemerkte ich, dass er zwei Tassen heißen Kakao in der Hand hielt.
Dankbar nahm ich die Tasse entgegen und trank einen Schluck, bevor ich wieder hinaus blickte. „Denkst du?“, fragte ich, denn ich erkannte noch keinen Sturm. Im Moment wirkte es zwar verschneit, aber nicht gefährlich.
„Der Wind wird immer mehr“, behauptete Yuri besorgt. „Geht das so weiter, sind wir bald komplett eingeschneit.“
„Mit dir eingeschneit zu sein, ist jetzt nicht das schlechteste“, lachte ich, denn die Vorstellung hatte etwas sehr romantisches.
Yuri schnaubte leise. „Bring mich nicht auf dumme Gedanken“, warnte er, was mich lediglich lachen ließ.
„Was denn für dumme Gedanken?“, fragte ich unschuldig, denn ich ahnte, worauf er hinauswollte. Die Vorstellung mich mit ihm im Bett zu wälzen, gefiel mir gut und sorgte dafür, dass sich die Hitze zwischen meinen Beinen sammelte.
Er nahm mich gerade in den Arm und küsste meinen Nacken, als es klopfte. Brummend löste er sich von mir. „Das ist wohl deine Freundin“, sagte er nicht gut gelaunt, weil wir gestört worden waren.
„Ja, das müsste Sada sein“, stimmte ich entschuldigend zu. Ich hatte mich mit ihr verabredet, um zu zeichnen. Wo wussten wir noch nicht, doch uns würde schon etwas einfallen. Es war schön, dass sie ebenfalls hiergeblieben war. So hatte ich viel Auswahl. „Willst du nicht mitkommen?“, fragte ich, während ich mich vorsichtig löste und langsam zu Tür ging.




Yuri winkte ab. „Geh du nur. Ich glaube nicht, dass Sada erfreut über meine Gegenwart wäre“, meinte er. „Zudem muss ich noch ein paar Dinge klären. Es kommt mir also gelegen. Pass auf dich auf und ruf an, wenn was sein sollte“, wies er mich an, wobei er besorgt klang. Das ließ mich lächeln. Es war lange her, dass sich jemand derart Sorgen um mich machte. Noch immer hinterließ es ein angenehm warmes Gefühl in mir.
„Bist später“, sagte ich, öffnete die Tür und schlüpfte hinaus, bevor ich Sada anlächelte.
„Es ist seltsam, hier klopfen zu müssen“, murmelte Sada mit einem schiefen Lächeln. „Ich hab tatsächlich nicht erwartet, dass du wirklich hier bist“, gestand sie zaghaft, was mich überraschte. Ich hatte ihr doch extra gesagt, dass sie mich eigentlich immer hier finden konnte.
„Man könnte sagen, ich wohne hier“, sagte ich, obwohl ich ihr das schon einmal erklärt hatte.
„Ich weiß, aber trotzdem … es ist so …“, sie rang hörbar nach Worten, weshalb ich mich entschied, ihr zu helfen.
„Ist es wegen Yuri?“, fragte ich und lief los.
„Ja. Normalerweise klopft man nicht bei ihm. Nicht, wenn man in meiner Position ist“, erklärte sie, wobei ich ihr nicht ganz folgen konnte.
„Position?“, fragte ich, denn so ganz verstand ich nicht, was sie meinte.
Sada nickte. „Ja. Ich gehöre zwar einer reichen Familie an, aber die Hashitas sind so viel höhergestellt als wir. Ich würde normalerweise gar nicht mit ihm in Kontakt kommen“, erklärte sie. Sie klang überraschend zögerlich, als wüsste sie nicht, wie sie es beschreiben sollte, damit ich es nachvollziehen konnte.
„Sind sie so hohe Tiere?“, fragte ich verblüfft. Im Grunde hatte ich keine Ahnung. Großmutter hatte nie viel Interesse daran gehabt, mir die Dinge zu erklären.
„Ja. Sie stehen fast direkt unter der Königin, was ihre Macht betrifft. Außerdem sagt man, dass sie in viele Geschäfte verwickelt sind, die alle nicht ganz so … ungefährlich sind“, begann Sada, wobei sie zum Ende hin immer leiser wurde. Meiner Meinung nach war das nicht nötig, da sowieso niemand unterwegs war und wir allein in den Fluren waren, doch vielleicht hatten die Wände Ohren.
„Hat er deshalb irgendwie diese Schule unter seiner Kontrolle?“, fragte ich zögerlich. Mittlerweile hatte ich verstanden, dass hier das Gesetz des Stärkeren zählte und das war wohl Yuris Familie. Zumindest nahm ich das an.




„Ja, so kann man das sehen“, stimmte Sada zu, die irgendwie abwesend klang. „Reden wir bitte über etwas anderes?“, fragte sie. „Er macht mir Angst. Ich verstehe nicht, wie du so einfach mit ihm … zusammen sein kannst.“
Das überraschte mich, denn bisher hatte ich nie das Gefühl gehabt, er würde besonders düster oder gefährlich wirken. Aber vielleicht war es auch nur so, weil er in meiner Gegenwart anders war.
„Irgendwie habe ich das Gefühl, dass hier seltsame Dinge vor sich gehen“, meinte ich nüchtern. Alle sprachen so seltsam über diese Dinge und wichen permanent aus. Selbst Yuri. Warum konnte mir nicht einfach jemand sagen, was hier los war? Hatte Yuri vielleicht Angst, dass ich irgendwas kaputt machte?
Möglich war es, da ich nicht wusste, in was Yuri eigentlich alles verwickelt war.
„Das kann ich verstehen“, meinte Sada mit einem schiefen Lächeln. „Aber du solltest dir merken, dass du besser deine Nase nicht zu weit in diese Dinge steckst. Ist besser für deine Gesundheit“, belehrte sie mich. Dessen war ich mir durchaus bewusst, doch ich war nun einmal eine neugierige Person.
„Ich habe noch nie viel auf meine Gesundheit gegeben“, meinte ich mit einem schiefen Lächeln.
Sada blieb plötzlich stehen und blickte mich eindringlich an. „Sag mir nicht, du willst deine Nase hineinstecken“, fragte sie, wobei sie sehr leise flüsterte.
„Habe ich vielleicht vor“, antwortete ich genau so leise. Wollte sie mich aufhalten?
Sadas Augen funkelten plötzlich, was mir irgendwie Angst machte. „Ich bin dabei“, flüsterte sie verschwörerisch, bevor sie sich wieder etwas von mir zurückzog und grinste. „Komm, gehen wir malen“, sagte sie, als wäre nichts gewesen. Mein Herz klopfte heftig. War das ihr Ernst?
Wann war die beste Zeit dazu? Dann, wenn Yuri nicht da war? Das wäre vielleicht ganz praktisch.

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