Kapitel 24
(Video: Unheilig – Mein Löwe*)
Fiona
Und so gehen wir. Mein Blick wandert immer wieder zu Paul neben mir. Er ist ein schöner Wolf. Das Fell sieht wie flüssiger Sand aus, wie es sich im Wind und bei seinen Bewegungen verhält. Dann kann ich dem Drang nicht widerstehen und streiche einmal über sein Fell hinweg.
Paul erstarrt sofort. Nach einigen Augenblicken schaut er dann zu mir, fragend. „Entschuldige, ich, ich konnte nicht widerstehen.“ spreche beschämt. Doch Paul kommt mir näher und hält mir seinen Kopf hin. Als ich nicht reagiere, stupst er mich sanft an. Ich hebe zögernd meine Hand und streichle ihm dann über den Kopf. Sein Fell ist hier noch viel weicher.
Genießend lehnt er sich mit seinem Kopf an mich. Ich höre für einen Moment auf und schon grummelt der Wolf vor mir protestierend und lehnt sich noch stärker an mich. Als ich wieder weiter streichel, beginnt der Wolf freudig mit seiner Rute zu wedeln.
„Komm, wir wollten doch zur Lichtung. Wie steige ich am besten auf?“ frage ich ihn und schaue auf den Rücken von Paul. Paul grummelt beleidigt, da ich aufgehört habe ihn zu streicheln, legt sich dann aber vor mich hin.
So komme ich leicht auf seinen Rücken. Ich greife in sein dichtes Nackenfell und springe dann. Tatsächlich ist es wesentlich bequemer auf ihm zu sitzen, als ich gedacht hätte.
Fragend schaut mich Paul an. „Du kannst aufstehen.“ beantworte ich seine stumme Frage. Dann steht Paul bedacht auf. Ich spüre jeden einzelnen Muskel, wie sie sich unter seinem Fell anspannen.
Erst beginnt Paul langsam zu laufen. Als ich mich schließlich an die Bewegungen gewöhnt habe, lehne ich mich vor und sage in sein Ohr, welches sich sofort zu mir dreht „Du kannst schneller laufen.“
Paul beginnt daraufhin immer schneller zu laufen. Ich kralle mich in seinem Nackenfell fest und presse die Beine fest an. Es ist doch nicht ganz so einfach auf einem Wolf zu reiten.
Zum Glück dauert der Weg bei dieser Geschwindigkeit nicht all zu lange und Paul wird wieder langsamer. Als wir schließlich bei der etwas versteckten Lichtung ankommen, bleibt Paul ganz stehen und schaut mich fragend an. Etwas außer Atem spreche ich „Ich brauche noch einen Moment, meine Beine sind etwas wackelig.“
Paul schnaubt kurz und legt sich dann wieder hin. „Hey, was soll das denn bedeuten?“ frage ich ihn und boxe ihn gleichzeitig. Paul schüttelt mit dem Kopf. Ich schwinge mein Bein über seinen Kopf und lasse mich dann runtergleiten.
Einen Moment bleibe ich still sitzen und lasse die Lichtung auf mich wirken. Sie ist voller Blumen. Schmetterlinge und Hummeln summen von Blume zur Blume. Vereinzelt entdecke ich Silbernachts-Blumen.
„Weiß du, ich hatte damals Gefühle für dich.“ beginne ich, ohne ihn anzuschauen. Paul spannt sich merklich an und legt seinen Kopf neben meinem Bein ab, sodass er mich anschauen kann. Trotzdem schaue ich weiter zur Lichtung.
„Als du mich damals geküsst hattest, damit ich dazu gehöre, da hat sich etwas bei mir verändert. Ich sah dich von da an immer mehr als einen Jungen und nicht mehr als meinen Bruder mit dem ich aufgewachsen bin. Ich hab meine Gefühle für mich behalten, schließlich sahst du mich nicht so und ich wusste, du hast eine Mate. Vielleicht haben mich deshalb die Behauptung der Rudelmitglieder, dass wir Mates sind so gestört, weil ich insgeheim gehofft habe, sie wären wahr. Und dann ist Dust erwacht. Ich habe mich so für dich gefreut, doch mit jedem Tag hast du dich Stück für Stück von mir wegbewegt. Du warst nicht mehr da. Meine Stütze und Verbindung zu den anderen Rudelmitgliedern waren weg. Natürlich hatte ich noch Hanna, aber sie wurde nicht so respektiert wie du, als zukünftiger Beta. Und meine Eltern waren viel zu sehr damit beschäftigt, dass sie die Beta-Aufgaben von mir hielten, dass sie es nicht mitbekommen haben. Ich musste selber wachsen. Und doch habe ich meinen besten Freund vermisst, so so doll.“ spreche ich und merke erst jetzt, wie viel diese Worte an Bedeutung haben. Papa hat Recht, tief in mir weiß ich, was ich tun muss. Ich muss es nur erkennen.
„Ehrlich gesagt, tat es mir richtig gut, weg vom Rudel zu sein. So konnte ich mich selber finden und an mir wachsen. Ich habe mich damals viel zu sehr auf dich gestützt, was auch nicht gut war. Demzufolge muss ich dir danken, dass du mich damals so erschreckt hast. Ich glaube ohne diese Angst, wäre ich nie gegangen und nie zu dieser Frau geworden, die ich heute bin. Und ich liebe mich so, wie ich jetzt bin.“ sage ich mit immer mehr Stärke und Vertrauen in mich.
Paul schaut mich lange an. Du hättest aber einen sanfteren Schubs verdient gehabt, statt dass ich dich jage, höre ich plötzlich die Stimme von Paul in meinem Kopf. Erschrocken zucke ich zusammen, was Paul alarmiert aufspringen lässt. Er schaut sich suchend um, doch als er nichts findet, wendet er sich mir wieder zu. Was, was hat sie so zusammenzucken lassen? höre ich wieder seine Stimme.
„Paul? Hast du gerade per Mind-Link mit mir gesprochen?“ frage ich ihn leise. Der Wolf hält seinen Kopf fragend zur Seite. Mind-Link? Wieso sollte ich per Mind-Link mit ihr reden? Erst nach dem Biss können wir miteinander reden, höre ich wieder Paul.
Meine Augen werden vor Schock groß. „Ich, ich kann dich jetzt schon hören!“ spreche ich verwirrt. Aber das sollte nicht möglich sein, oder?
„Und doch höre ich dich.“ bestätige ich seine Frage. Moment, hörst du mich wirklich? Okay, was ist unsere Blume? „Silbernacht-Blume“ antworte ich ohne zu zögern.
Paul wedelt aufgeregt mit seiner Rute Du, du kannst mich wirklich hören? Ich hab davon schon mal gehört Doch das passiert eigentlich nur, wenn das Mate-Paar eine so tiefe Verbindung hat, dass sich das Mate-Band schon fest gebildet hat und das schon vor dem Biss. Aber ehrlich, damit habe ich nicht gerechnet, nicht nach allem was passierte.
„Naja, aber wir sind auch miteinander aufgewachsen. Das kann man nicht so leicht zerstören.“ erwidere ich etwas traurig. Warte kurz, höre ich Paul. Dieser läuft dann hinter ein paar Büschen.
Nach einem kurzen Moment kommt er dann wieder, als Mensch mit einer locker sitzenden Jogginghose.
(*ich würde gerne noch anmerken, dass es in dem Lied zwar eher um Demenz geht. Aber ich habe zwischenzeitlich an dieser Geschichte gearbeitet und nebenbei Musik gehört. Dann kam dieses Lied und der Refrain:
„Ich wünsch mir mein’n starken Löwen wieder
Der irgendwo noch in dir lebt
Der mich im Arm hielt, wenn die Angst kam
Mich beschützt hat, wenn ich schlief
Der mich auffängt, wenn ich falle
Und mir die große Welt erklärt
Heut bin ich für dich da
So wie du es für mich warst“
Als ich diese Worte hörte musste ich sofort an Paul und Fiona denken. Besonders wenn man Löwe durch Wolf ersetzt, auch wenn es sich dann nicht mehr so gut anhört 😉 )






























































Das ist tatsächlich eine erstaunliche Entwicklung! Also selbst wenn ich davor schon gewusst hätte, dass so etwas möglich ist, hätte ich bei Paul und Fiona nicht damit gerechnet – trotz ihrer gemeinsamen Kindheit..
Wobei man aber auch wieder zugeben muss: es fühlt sich so an, als würden beide immer noch eine starke Verbindung zueinander haben, die jetzt auch wieder wächst… eben wegen solchen Momenten wie vorhin, als Fiona Paul gestreichelt hat 🤍
PS: Wegen der Sache mit dem Rudel, als Fiona so unter Druck geriet, da fällt mir wieder auf, dass eben nichts, auch keine Gemeinschaft, vollkommen schlecht, aber eben auch nicht vollkommen gut ist. Es wird zwar immer in irgendeiner Art und Weise eine gesellschaftliche Erwartung an jeden bestehen, andererseits gibt es aber auch immer mal wieder Momente, in denen eine Gemeinschaft für einander da ist…jemanden unterstützt, so dass man nicht alleine da steht.
Das mit dem Rudel hast du schön gesagt.
Na dann bin ich auch gespannt, was du zum nächsten Kapitel sagen wirst 😉