Kapitel 7 – Angst und Sehnsüchte

Kapitel 7 – Angst und Sehnsüchte

 

Brian spürte nur den verdammten, stechenden Schmerz in seinem Bauch. Er drückte zwei Finger in die Fleischwunde und keuchte. Für einen Moment wurde sein Blickfeld dunkel, klärte sich aber sofort wieder.

Wie durch einen Nebel nahm er wahr, dass da noch jemand bei ihm war. Schwarze Haare… Sie hatte ihn angesprochen. „Eve …“ Er hielt ihr den Schlüssel hin, mit dem er abgeschlossen hatte, bevor die beiden Kerle dachten, sie könnten sich mit ihm anlegen. „Drinnen ist Verbandszeug.“

„Ich weiß.“ Evelynn biss sich auf die Unterlippe. Die Wunde war nicht tödlich. Zumindest würde sie ihn nicht sofort töten. Sie nahm Abstand. „Aber du hast letzte Woche klar gemacht, dass du meine medizinische Hilfe nicht willst.“ Das war gemein. Es stach ihr ins Herz, so etwas von sich zu geben. Aber es war nicht nur gemein, es war auch furchtbar gefährlich. Wenn sie nicht schnell genug war … Er durfte nicht sterben! Aber sie wollte Yannis ein gutes Leben ermöglichen!

„Schließ einfach auf!“, knurrte Brian ungehalten und kämpfte sich unter Schmerzen auf die Beine. „Ich versorge mich dann selbst!“ Wie er es schon so oft getan hatte in den letzten Jahren. Allerdings hatte er bisher immer Glück gehabt. Kratzer waren das im Gegensatz zu der beschissenen Stichwunde gewesen.

„Erlaube mir doch einfach, Yannis‘ Spielzeug zu holen! Dann bist du mich los! Das ist es doch, was du willst!“ Evelynn stemmte sich ebenfalls auf die Beine.

Brian lehnte sich an die Tür und stöhnte unter Schmerzen auf. Das Blut sickerte aus der Wunde, obwohl zwei Finger darin steckten. „Verflucht … Dann hilf mir!“ Er musste die Blutung stillen und aufhören zu reden.

„Sag, dass ich es aus der Wohnung holen darf!“ Er war so dumm! Wieso stand er auf? Er musste liegen! Durfte sich nicht anstrengen!

„Was immer du willst … Aber mach endlich die scheiß Tür auf!“ Brian brüllte zum Ende hin fast. Scheiße, er verblutete hier noch!

Hastig riss ihm Evelynn die Schlüssel aus der blutbesudelten Hand und machte sich daran, die Tür aufzuschließen. Dann legte sie einen Arm unter Brians Schultern und half ihm so ins Innere des Puffs. „Hinlegen, sofort!“ Evelynn schaute sich nicht eine Sekunde um, sondern schaltete sofort in den Arbeitsmodus, den sie sich die letzten Jahre, unter anderem auf der Notfallstation, angeeignet hatte. „Am besten auf den Boden, sonst siffst du das Sofa voll!“



Ihre Beine führten sie schnell und zielsicher in den Lagerraum, Jennifers Reich, wo sie nach dem Erste-Hilfe-Kasten griff. Mit diesem in der Hand joggte sie zurück zu Brian. Sie fand sich hier zurecht, als wäre sie nie weggewesen, dabei hatte sie hier nicht einmal besonders lange gearbeitet. Was für eine Scheiße.

Brian hatte sich nicht hingelegt, sondern saß auf dem Boden. Er hatte sein Shirt ausgezogen und presste dieses nun auf seine Wunde. Sein Gesicht war verzerrt und die Lippen hatte er fest zusammengepresst.

„Elender Sturkopf, dein Starrsinn bringt dich noch um!“ Sie kniete sich neben ihn, öffnete den Koffer und holte Verbandszeug raus. Blutstillende Kompressen. Der Erste-Hilfe-Koffer war besser ausgestattet, als er sollte … „Hand weg.“

Brian kam dem nach und nahm das Shirt weg. Sofort floss Blut aus der Stichwunde und lief hinab zu seiner Hose. „Fuck!“, gab er keuchend von sich. Die Schmerzen waren abartig.

„Nein, Blut.“ Evelynn blieb gelassen und vollführte die erlernten Schritte. Nachdem die blutstillenden Kompressen auf der Wunde lagen, ging es ans Einbandagieren. „Schade um dieses schöne Sixpack …“, murmelte sie leise, während sie den Verband ansetzte, sich vorbeugte und ihn Brian um den Oberkörper wickelte. So nah … Schon wieder war sie ihm so verführerisch nah …! „So.“ Evelynn wischte sich die Hände am sauber gebliebenen Teil seines Shirts ab. „Ah, scheiße, ich habe gar keine Handschuhe getragen!“ Jetzt waren ihre Hände ja voller Blut!

Sein Blick ging zu ihren Fingern. „Du hast sie… desinfiziert…“ Schweiß stand auf seiner Stirn und sein Atem ging nur stoßweise, weil er sich darum bemühte, keine Schmerzen zu zeigen.

„Habe ich?“ Evelynn versuchte sich zu erinnern. „Vermutlich …“ Das Desinfizieren war für sie zu einer alltäglichen Handlung geworden. Sie tat es während der Arbeit ganz automatisch. Also vermutlich hatte sie sich die Hände zuvor wirklich desinfiziert. Was nichts daran änderte, dass sie jetzt voller Blut waren. Evelynn sah auf, sah zu Brian und atmete tief ein und aus. „Du musst den Schmerz nicht verbergen. Ich arbeite im Krankenhaus, schon vergessen? Einen Moment.“ Sie kramte in dem Erste-Hilfe-Koffer herum. „Ja!“ Sie hielt Schmerzmedikamente in der Hand. Hatte sie doch gewusst, dass sie etwas dergleichen beim Durchwühlen gesehen hatte! „Ich hole dir Wasser, eine Sekunde.“



Evelynn stand auf. Augenblicklich knickte ihr rechtes Bein ein. „Fuck! Mh … pff …!“ Den Kopf rot angelaufen, stützte sie sich mit beiden Händen auf ihren Oberschenkeln ab. Den Schmerzen nach zu urteilen, war ihr Adrenalinpegel schon wieder dabei, zu sinken. Aber noch konnte sie sich nur mit geringen Schmerzen bewegen. Sie hatte es nur nicht erwartet …

„Du bist verletzt?“ Brian fing kurz an zu lachen, stockte dann aber, weil die Schmerzen zu heftig waren. „Wir sind schon zwei Krüppel, was?“

„Ja. Die Nacht scheint für Verletzungen prädestiniert zu sein.“ Evelynn nahm ein Glas, füllte es mit Wasser aus dem Hahnen und kippte es hinunter. Mit der linken Hand, wohlgemerkt, denn ihr rechtes Schulterblatt fühlte sich übel geschunden an. Nachdem sie auch das zweite Glas Wasser auf Ex getrunken hatte, füllte sie es erneut auf, um es Brian zu bringen. Dieser hatte mittlerweile die Packung der Schmerztabletten geöffnet. Ungelenk setzte sich Evelynn neben ihn, lehnte sich so wie Brian mit dem Rücken an die Wand und reichte ihm das Glas. „Hier.“

Brian nahm zwei Tabletten auf einmal, stopfte sie in seinen Mund und spülte sie mit dem Wasser runter. „Nur wegen ein paar Dollar.“ Er hielt Eve die Packung mit den Tabletten hin. Das Glas war noch halbvoll.

„Danke.“ Evelynn begnügte sich mit einer Pille, verzog beim Schlucken aber das Gesicht. „Meine Eltern werden mich rausschmeißen. Wenn sie mich nicht vorher umbringen.“

„Warum? Ruf sie an …“ Scheiße, reden tat echt weh und war wahnsinnig anstrengend. „Sag… Sag, jemand braucht deine Hilfe…“

„Ich meinte wegen des Medikaments. Das wird vermutlich beim Drogentest anschlagen.“

„Drogentest?“ Brian schnaufte belustigt. „Ernsthaft jetzt? Deine Eltern lassen dich Drogentests machen?“ Er nahm das Blister und drückte es Evelynn in die Hand. „Keine scheiß Opioide. Ist Tylenol. Also auch nicht blutverdünnend.“ Brian betrachtete Eve, die völlig verzweifelt aussah. Am liebsten hätte er sie in seine Arme geschlossen und sie einfach nur festgehalten. Er wollte so sehr, dass es ihr gut ging. Er lehnte sich umständlich zur Seite und zog sein Handy aus der Hosentasche. „Ich rufe Rick an. Er holt uns ab und fährt dich nach Hause. Ich kann noch mit zu deinen Eltern gehen und mit ihnen reden. Wenn du willst.“



„Nein, bitte nicht, auf keinen Fall!“ Evelynn versteckte ihr Gesicht in ihren Händen. „Sonst drücken sie mir schon wieder einen Schwangerschaftstest in die Hand! Ihr müsst mich wo rauslassen, wo sie das Auto nicht sehen!“

„Aber du bist verletzt, Eve. Schon wieder. Wie willst du das deinen Eltern erklären?“ Brian griff nach ihren Händen, um sie von ihrem Gesicht zu ziehen. „Und die letzten Abende, in denen du vermutlich nicht pünktlich zu Hause warst, sondern um mein Haus herumgeschlichen bist. Wie willst du ihnen das erklären?“

Evelynn wandte den Blick ab. Seine Hände waren warm. „Weiß ich nicht. Vielleicht … sage ich einfach, ich bin wieder hingefallen. Ist ja nicht mal gelogen …“ Sie seufzte tief. Und die Abwesenheit in den Nächten habe ich durch Zusatzschichten im Krankenhaus erklärt.“

„Kontrollieren Sie auch deine Geldeingänge oder nur dein Blut und Urin?“ Brian hob die Augenbrauen. „Du solltest ausziehen. So eine Kontrolle ist krankhaft. Ehrlich.“ Seine Fingerspitzen streichelten über ihre Wange. Sie könnte bei ihm wohnen. Er hätte genug Platz und die Strecke zur Arbeit wäre kürzer für sie. Aber sie würde es nicht wollen. Und er…? Nein, sie sollte am besten wieder aus seinem Leben verschwinden. „Willst du den Teddy heute noch holen oder treffen wir uns dafür erneut? Ein drittes und letztes Mal?“

Evelynn nickte und lächelte müde. Ihr Kopf schmiegte sich wohlig an seine Hand. „Ein drittes und letztes Mal. Wir sind beide zu malträtiert, um jetzt noch woanders hinzugehen als nach Hause.“ Eigentlich sollte sie ins Krankenhaus …, aber das konnte sie sich nicht leisten. Allein den Ausfall, den sie bei der Arbeit haben würde, konnte sie sich kaum leisten. „Und was das Ausziehen angeht … Es geht nicht. Wer betreut Yannis, wenn ich arbeiten bin? Wer bezahlt uns Wohnung und Essen, wenn ich bei der Arbeit ausfalle? Wie jetzt … Ich kann mir auch so fast nichts leisten. So beschissen es auch ist, wenn ihre einzige Forderung ist, dass ich clean bleibe, kann ich das akzeptieren.“

Oh, das war gewiss nicht ihre einzige Forderung. Ihre Eltern wollten sie kontrollieren. Aber Brian hütete sich, seine Gedanken auszusprechen. Stattdessen nahm er sein Smartphone, rief Rick an und bestellte ihn zum Underdog. Danach wandte er sich Eve zu. „Dein Motorrad steht auf dem Parkplatz? Ich lasse es später zu dir nach Hause bringen.“



„Nein …“ Evelynn kratzte sich unangenehm berührt am Kopf. „Mein Motorrad steht schrottplatzreif irgendwo am Straßenrand.“ Sie seufzte tief und legte ihren Kopf auf Brians Schulter. Es überkam sie eine Müdigkeit, die das Adrenalin bis zu diesem Zeitpunkt erfolgreich unterdrückt hatte, und ließ ihre Augen flattern. Sie sehnte sich nach seinen Armen. Der Unfall, so glimpflich sie auch davongekommen war, zog an ihren Nerven.

„Ich kümmere mich um dein Motorrad.“ Schon wieder… Oder zumindest würde er den Auftrag geben. Rick liebte Motorräder und reparierte sie auch. Er würde sich darum kümmern. Seufzend legte er einen Arm um Evelynns schmächtige Gestalt und zog sie noch ein wenig mehr an sich. Obwohl die Schmerzen trotz Schmerzmittel immer noch heftig waren – vielleicht wirkte das Zeug auch noch gar nicht –, aber es war ihm egal, denn es wäre das letzte Mal, dass er Eve so nahe sein konnte. Sie würden sich noch einmal sehen und er müsste sie in sein altes Apartment bringen. Das schmeckte ihm schon jetzt nicht. Aber er hatte es versprochen.

Die Minuten verstrichen und Eve schlief, an seine Schulter gelehnt, ein. Er selbst konnte nicht schlafen, während die Gedanken kreisten und die Wunde in seinem Bauch pochte. Als Rick endlich ankam, stellte dieser keine unnötigen Fragen. Brian klärte das mit dem Motorrad und während Rick wieder rausging, um es zu suchen, weckte Brian Eve vorsichtig. „Hey, das Taxi ist da …“

Evelynn schreckte auf. Ihr Atem ging schnell und ihre Pupillen waren geweitet. Sofort sah sie nach Brians Bauch. „Geht es dir gut?!“

„Nur eine Fleischwunde. Ich bin zäh.“ Brian stand langsam auf und zog Evelynn mit auf die Beine. Die Schmerzen in seinem Bauch waren kaum auszuhalten, aber er gab keinen Ton von sich. Solange er den Mund nicht aufmachte, würde Eve nichts merken. Hoffte er. Langsam ging er in Richtung Ausgang. Das Verbandszeug ließ er einfach liegen. Es war egal. Faith würde es aufräumen. „Der Schlüssel“, gab er keuchend von sich. Er musste sein Underdog wieder abschließen.

„Ich mach das, du kannst ja kaum laufen.“ Evelynn kam von hinten und schob ihren Arm wieder unter Brians Schultern. „Und das solltest du auch nicht. Du musst zu dir schauen. Und dich ausruhen.“ Evelynn schaffte es mit Brian aus der Tür, zog diese wieder zu und schloss ab. „Als Krankenschwester verpflichte ich dich zu mindestens zwei Wochen Bettruhe!“



„Machst du dann auch Hausbesuche?“, scherzte Brian und ging langsam mit ihr zum Auto. Obwohl er sich die Schmerzen nicht anmerken lassen wollte, keuchte er bei jedem Schritt unterdrückt. Erst, als er endlich auf dem Beifahrersitz saß, konnte er etwas aufatmen. Der Schweiß lief ihm bereits von der Stirn und er merkte erst jetzt, dass er obenrum, bis auf den Verband, nackt war.

Evelynns Hände lagen auf Brians Brust. Wie sie dahin gekommen waren, das wusste sie nicht mehr, aber Fakt war, dass sie das schwere Heben und Senken unter ihren Fingern spürte und heilfroh darüber war. Die Stimme versagte ihr beinahe, als sie flüsterte: „Du musst auf dich aufpassen, Brian.“ Ihre Finger strichen sanft über seinen Verband, glitten wieder hoch und streiften seine Wange. Evelynn beugte sich vor und hauchte Brian einen Kuss auf den Mund. „Wenn du Hilfe brauchst, ruf mich an. Bitte.“

Brian schloss die Augen. „Natürlich“, antwortete er auf beide ihrer Bitten hin. Er wollte wütend auf sie sein, weil sie sein Leben wieder so heftig auf den Kopf stellte. Stattdessen spürte er Sehnsucht, wenn er an sie dachte.

Wenig später war Rick da und Eve stieg ebenfalls ein. Wie gewünscht, hielt Rick mit dem Auto nur eine Seitenstraße entfernt, sodass Eve allein nach Hause gehen konnte. Obwohl das Auto weiterfuhr, sah Brian in den Außenspiegel zu Evelynn. Sie war auch verletzt. Sie sollte auch auf sich aufpassen. Und das würde sie wieder, wenn er aus ihrem Leben verschwände. Oder sie aus seinem, wie schon vor fünf Jahren.

Rick half Brian noch in dessen Wohnung und rief einen von Fabrizios Ärzten. Nicht, dass Brian noch innerlich verblutete. „Brauchst du noch was, Boss?“

„Kümmere dich die nächsten ein, zwei Nächte um das Underdog. Dann sollte ich wieder fit genug sein. Und sichere noch die Aufnahmen der Überwachungskamera.“ Vielleicht konnte Brian Gesichter erkennen. Dann würde er den beiden dummen Jungs noch eine Lektion erteilen.

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