Kapitel 8 – Ein drittes und letztes Mal
Kapitel 8 – Ein drittes und letztes Mal
„Danke.“ Evelynn hielt die Tasche mit klammen Fingern. Es war dieselbe Tasche, in die sie vor fünf Jahren das viele Geld, zusammen mit dem Teddy und seinem abgetrennten Kopf, gestopft hatte. Brian hatte sie wie versprochen in die Wohnung gelassen. Die Wohnung … war verlassen gewesen. Zentimeterdicker Staub hatte sich auf den Möbeln gesammelt und Evelynn hätte gerne die Fenster aufgerissen und frische Luft hineingelassen. Der Blick zum Sofa hatte sie an Zeiten erinnert, in denen Brian mit Yannis Videospiele gezockt hatte, oder an die beiden, wie sie auf dem Sofa gekuschelt hatten. Während Evelynn sentimental geworden war, hatte sich Brian versteift und sie zur Eile gedrängt. Seit sie ihn verlassen hatte, hielt er es in dieser Wohnung nicht mehr aus. An jeder Ecke holten ihn Erinnerungen an ein verlorenes Leben ein. Eine Möglichkeit, wie sein Leben hätte verlaufen können.
Brian hatte Evelynn zur Eile gedrängt, und nun stand sie da, neben seinem Auto, vor seiner heruntergelassenen Fensterscheibe, und verlagerte ihr Gewicht nervös von einem Fuß auf den anderen. Bedankte sich bei ihm. Brian nickte. „Auf nimmerwiedersehen, Eve.“ Damit wandte er den Blick starr nach vorn, fuhr das Fenster hoch und drückte aufs Gas.
Evelynn blieb allein am Bürgersteig zurück, fühlend, wie ihr Herz in winzige Teile zerbarst. Ihre Seele teilte sich in zwei; sie konnte sich nicht entscheiden, zu wem sie jetzt gehörte und wem ihre Treue galt. Evelynn schluchzte bitterlich auf. „Brian …“ Erstickt verklang das Wort in der menschenleeren Straße. „Ich werde dich vermissen …“, flüsterte ihr Mund, während ihr Herz laut schrie: „Ich liebe dich! Ich liebe dich doch, verdammt! Komm zurück!“
Evelynn griff sich an die Brust, in einem kläglichen Versuch, den reißenden Schmerz darin zu lindern. Wieso war es heute so kühl gewesen? Wieso hatte er sich so sehr von ihr distanziert? War er wütend? Zwei Wochen war es her, da hatte sie sich geweigert, ihn zu verarzten, wenn er sie nicht in die Wohnung ließ. Evelynns Blick glitt nach unten zu der Tasche. Er hatte nicht einmal verlangt, den Inhalt zu sehen. Er hatte strikt kein – oder kaum ein – Wort mit ihr gewechselt. Es war alles so leicht gegangen. Sie hatte das Geld. „Und was mache ich jetzt?“
Es war der Spülkasten geworden. Der Toilettenspülkasten. Dort wäre das Geld sicher angelegt. Jedoch ließen Evelynns Gedanken sie nicht zur Ruhe kommen. Wieso war er so abweisend gewesen? Wieso war er überhaupt schon wieder auf den Beinen gewesen?! Gut, sie hatte ihm nur zwei Wochen Bettruhe verschrieben, aber das war mehr als scherzhaft gemeint gewesen! Natürlich durfte er noch lange nicht wieder aufstehen! Ihre eigenen Verletzungen waren immerhin auch noch nicht zur Gänze verheilt! Aber er hatte sie abgeholt und in seine alte Wohnung gefahren.
Evelynns Kopf drehte sich, ihre Gedanken wirbelten und ihr Verstand arbeitete unermüdlich, während sie versuchte, alles, was in den letzten vier Wochen, seit sie ihn wiedergesehen hatte, geschehen war, zu verarbeiten. In chronologischer Reihenfolge rückwärts: Er hatte mit ihr das Geld geholt, wenn auch unwissentlich. Es hatte immer noch unter dem ausgezogenen Bettsofa gelegen. Nicht einmal das hatte er wieder eingeklappt. Es war, als hätte er die Wohnung nach ihrem Besuch bei Amber nie wieder betreten. Dann …, damit er sie zu seiner Wohnung gefahren hatte, hatte sie ihm, nach ihrem Motorradunfall, mit ihrer ersten Hilfe vermutlich das Leben gerettet. Zuvor … hatte er sie einmal auf dem Parkplatz des Underdogs erwischt …
Evelynns Gedanken spannen immer weiter, bis sie bei ihrer ersten erneuten Begegnung vor ungefähr vier Wochen ankam. Gott, der Sex war atemberaubend gewesen! Aber … nein, den Gedanken musste sie verdrängen, sonst endete sie, getrieben wie eine läufige Hündin, wieder in seinem Zimmer. Rick, sein Untergebener, hatte sie dabei erwischt, wie sie ihn und seinen Van verfolgt hatte. Evelynns Gedanken spannen weiter zurück. Sie dachte darüber nach, wieso sie dem Van gefolgt war. Weil sie ein unverbesserlicher Gutmensch war, ganz sicher nicht. Nein …, sie fühlte sich schuldig. Deshalb.
„Emanuel …“ Evelynn streckte die rechte Hand nach oben zur Decke aus, die sie schon eine ganze Weile, auf ihrem Bett liegend, betrachtete. Leise schluchzte sie auf. „Es tut mir so leid…!“ Alles kam wieder hoch. Wie Emanuel sie angebettelt hatte, bei ihr bleiben zu dürfen, und wäre es nur eine Nacht. Wie sie ihm all seine Verfehlungen vorgeworfen hatte, ihn aus der Wohnung geschmissen … und schließlich in seinen Tod getrieben hatte. Weder hatte sie die Polizei gerufen, als er in den Van …
Evelynn stockte der Atem. Der Van! Die Augen weit aufgerissen, setzte sie sich auf. Ihre Gedanken wirbelten wild umher. „Wenn Emanuel immer noch mit Drogen gedealt hat“, so wie Brian es ihr damals gesagt hatte, „und auch das viele Geld spricht dafür … Aber wenn er deswegen gestorben ist … dann war das doch die Mafia, die ihr Geld zurück wollte …? Und das …“ Evelynn schüttelte den Kopf. „Nein, das ist Unsinn“, hauchte sie verstört, wusste aber noch im selben Moment, dass sie nicht völlig falsch liegen konnte. Mit Erschrecken erinnerte sie sich: „Brian hat mich damals nach dem Geld gefragt!“, und schlug sich die Hände vor den Mund. Als ihr der Atem ausging, schnappte sie hastig nach Luft. „Aber …“ Das konnte nicht sein. Das durfte nicht sein! „Aber Brian selbst hat keine hohe Position inne. Er ist nur ein Handlanger. Das System mit der Entführung im Van war zwar das gleiche, aber vielleicht agiert die Mafia generell so. Vorstellbar wäre es. Und Brian wurde damit beauftragt, das verschwundene Geld zu suchen! Und ist durch Zufall auf mich gestoßen! Er … sein Boss … sein Boss hat Emanuel …!“ Evelynns Zähne knirschten; ihr Blick war dunkel. „Sein Boss hat meinen Bruder auf dem Gewissen!“ Evelynn runzelte die Stirn. „Wie hat er noch mal geheißen? F … irgendetwas mit F … Ich war da … Ich muss es wissen …! Fo … Fa … F …“ Geballt knallten Evelynns Fäuste auf ihre Matratze, die nur ein unzufriedenstellendes, dumpfes Geräusch von sich gab. „Verdammt!“
Evelynn kam nicht mehr auf den Namen, egal wie oft sie sich noch den Kopf zerbrach. Es gab immerhin noch ihr Kind und den Job, der viel Zeit beanspruchte. Vor allem jetzt, wo sie ihr Motorrad nicht hatte. Immer noch nicht! Es waren drei Wochen seit dem Unfall vergangen und mittlerweile glaubte sie, es wäre wohl klüger, sich ein anderes, gebrauchtes Motorrad zu besorgen. Sie hatte ja nun Geld und… Nein, das war für Yannis!
Am Ende ihrer Schicht ging sie wie immer zu der Bushaltestelle. Aber auf halber Strecke kam ihr jemand auf einem Motorrad entgegen. Auf ihrem Motorrad! Der Mann hielt neben ihr am Bürgersteig, nahm den Helm ab und grinste breit. Rick!
„Na?“ Er steig vom Motorrad und klappte den Ständer runter. „Ich musste ein paar Teile besorgen. Gar nicht so einfach für die alte Maschine. Aber ich liebe gute, alte Maschinen wie dein Indian Motorcycle. Ist echt ein tolles Teil. Und fast wie neu, nachdem ich daran rumgeschraubt habe.“ Rick strich über den Tank und bedeutete Evelynn, aufzusteigen.
Evelynn grummelte, nicht wissend, ob sie ihm trauen durfte oder nicht. „Bei unserer letzten Begegnung wolltest du mich umbringen.“
„Da dachte ich noch, du wärst ein Cop oder sowas. Nimms nicht persönlich.“ Rick zuckte mit den Schultern. „Ist halt ein gefährlicher Job, da kannste niemandem trauen. Erst recht keinem, der was gesehen hat, und dir folgt.“
Naja, da hatte er nicht mal so unrecht … „Du hast jemanden mitten auf der Straße entführt. Was denkst du, wie wahrscheinlich ist es, dass das jemand beobachtet?“
„Es war mitten in der Nacht. Und die meisten Menschen gucken weg, wenn sowas passiert. Hat dir denn niemand beigebracht, dass du niemals nach Hilfe rufen solltest, wenn du sie brauchst?“ Rick steckte seine Hände in die Hosentaschen. „Die Leute laufen eher weg, als dass sie helfen. In dieser Welt hilft niemand jemand anderem. Und wenn ein Verbrechen passiert, gucken sie weg. Was du auch machen solltest.“
„Und dann gibt es Tote, die jemandem etwas bedeutet haben!“ Vielleicht … nur vielleicht war Rick sogar einer der Handlanger, die Emanuel entführt hatten! Dem bewussten Teil in ihr war klar, dass die Wahrscheinlichkeit dafür geradezu minimal gering war, aber dem unterbewussten Teil in ihr reichten bereits seine allwissend-tuenden Worte, um ihm die Schuld in die Schuhe zu schieben. „Gäbe es keine Menschen wie dich, die andere entführen, hätte ich euch auch nicht verfolgen müssen! Denn ich werde niemals wieder zusehen, wie ein Verbrechen begangen wird!“ Am nächsten Tag bekäme sie es doch nur mit einem Anruf der Polizei zurückgezahlt. Und dann war es nicht Emanuel. Dann war es vielleicht Yannis. Ihre Eltern …, oder vielleicht sogar Brian.
„Ach, Schätzchen. Es verschwinden regelmäßig solche Typen. Sei doch froh, dass es die Dealer oder korrupten Schweine sind, die wir uns vorknöpfen. Manche bekommen Prügel, andere ’ne Kugel. So ist das nun mal.“ Rick spuckte geräuschvoll auf den Boden. „Du solltest dir eher Sorgen um die Pädos machen, die kleine Mädchen oder Jungs entführen. Diesen Scheiß machen wir nicht.“
Evelynn verschränkte die Arme. „Ich war einundzwanzig, als Brian mich entführt hat. Weder gehöre ich zur Klasse Bulle, noch zur Klasse Dealer. Und ein Kind war ich auch nicht mehr, auch wenn ich es Brian anfangs zugetraut hätte, es mit Kindern zu treiben. Also geht deine Antwort, so schön sie sich auch schmiert, nicht auf, Rick.“
„Er hat dich nicht entführt. Brian sollte dich umbringen, hat er aber nicht. Also sei dankbar dafür und hör auf, ihm hinterherzulaufen wie eine Hündin. Brian ist eine Nummer zu groß für dich. Nein, eigentlich sogar ein paar Nummern zu groß. Wenn du echt glaubst, er ist nur ein kleiner Zuhälter, solltest du mal langsam die Augen aufmachen, Schätzchen. Mein Boss gehört zu den Typen, die echt weit oben sitzen.“
Evelynn erbleichte. Sie biss sich auf die Unterlippe, versuchte ihren Verstand von der Schlussfolgerung abzuhalten, die er unweigerlich ziehen würde. „Brian ist … einer der Typen ganz oben …?“
„Ja, natürlich. Und du wirst da keinen Platz drin finden. Also hör auf, ihm hinterherzulaufen, das ist echt peinlich, Schätzchen. Brian hat keinen Bedarf an jemandem wie dir. Er kann jede Frau in seinem Bett haben. Wesentlich hübschere Frauen. Vor allem die jungen Dinger, die noch ordentlich eingeritten werden müssen.“ Rick zog eine Schachtel Zigaretten aus seiner Tasche, holte eine heraus und zündete sie an. Er nahm einen tiefen Zug, bevor er Evelynn den Qualm ins Gesicht pustete. „Nur als Tipp: Halte dich fern von ihm. Mit den bösen Jungs spielt man nicht. Sonst endest du noch wie dein Bruder.“ Er zog wieder an der Zigarette, wandte sich ab und ging.
Wie … ihr … Bruder …
Evelynn starrte ihm nach, ungläubig, atemlos, ideenlos. Willenlos. Apathisch. Wie … Emanuel. Brian … einer der Großen. Einer der Mächtigen, die Befehle gaben. Dealer, die sie einpackten und abknallten. Dealer … wie Emanuel. Evelynn blinzelte. Je eine Träne löste sich aus ihren Augen. „Eingeritten …“ Das war es, was am meisten schmerzte. Die jungen Dinger. Nicht die verbrauchten, wie sie. Wieso sollte Brian an einer Mutter Interesse haben, einer Frau, die schon geboren hatte, Verpflichtungen hatte … Aber diese Gedanken wurden wieder von den in ihrem Kopf wiederhallenden Worten Ricks verdrängt.
Anstatt nach der heutigen, erschöpfenden Schicht nach Hause zu gehen, landete sie in einer Bar. Einer Spelunke, wohl eher. Sie starrte auf den Whisky vor sich. Kein Wort hatte sie verlauten lassen, aber der Barkeeper schien ihr ihren Zustand angesehen zu haben.
„Nimm es nicht zu schwer, Kleine. Der nächste kommt immer.“
Der nächste Tote? Der nächste Drink? Der nächste Fick? Der nächste Unfall? Der nächste was? Evelynn starrte auf den Alkohol. Würde es ihr helfen, jetzt zu trinken? Würde es ihre Probleme beseitigen? Nein, aber es würde ihr das Denken einfacher machen. Aber es würde auch die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sie ihr Motorrad gleich wieder zu Schrott fuhr und ihrem Sohn damit diesmal die Mutter nahm. Also drehte sie das Glas nur in der Hand herum, roch den Alkohol darin und versuchte, den Geruch nicht automatisch mit Krankenhaus und Blut zu verbinden. Sie hatte Brians Wunde verbunden. Sie hatte sich ihm hingegeben. Sie hatte ihm vertraut, auch wenn sie wusste, dass sie es nicht hätte tun dürfen. Wieso nur fiel sie immer wieder auf ihn herein? Wieso hatte sie ihn geküsst, als er da verletzt im Auto gesessen hatte? Hatte sie Mitleid gehabt? Ihn für verletzlich befunden? Nein, wieso überlegte sie drum herum, wenn sie die Antwort doch längst kannte?
„Scheiße …!“, presste sie hervor, die Stimme weinerlich. Evelynn schniefte leise. Was sollte sie jetzt tun? Brian hatte Emanuel, ihren Bruder, ermordet. Und sie danach bei sich aufgenommen, um das Geld zu finden. Er hatte sich an ihren Sohn herangemacht, hatte sie dazu gebracht, sich in ihn zu verlieben, und das alles nur wegen dieses beschissenen Haufens Geld! Geld, das sie brauchte. Geld, das Emanuel ihr beschafft hatte, auch wenn sie sich nahezu sicher war, dass er es nicht für sie vorgesehen hatte. Aber der springende Punkt war: Emanuel war dafür von Brian ermordet worden. „Und dann hat er auch noch die Nerven, überrascht zu tun!“ Evelynn spuckte die Worte – die jeden anderen in der Bar höchst verwirrt zu der jungen Frau mit dem roten Gesicht und dem verbissenen Ausdruck aufschauen ließen – geradezu angeekelt, wütend, nein, zornerfüllt aus. Sie fühlte, wie ihr Inneres auf Gerechtigkeit sann. Sie wollte Emanuels Tod nicht so einfach akzeptieren. Das konnte sie nicht, nicht nachdem Brian auch noch den Helden gespielt hatte, als er ihr angeboten hatte, Emanuels Leiche einäschern zu lassen und ihr damit die Beerdigungskosten zu ersparen. Was ein Held!
Vier angetrunkene Männer sahen zu, wie die Frau, die sich in ihrer Stammkneipe vor zwei Stunden einfach an die Bar gesetzt und keinen Schluck getrunken hatte, vom Barhocker rutschte und mit zittrigen Beinen in Richtung Tür ging. Keiner von ihnen wusste, wieso ihr Körper zitterte, wieso ihre Fäuste geballt waren, wieso ihr Kopf rot, ihre Wangen nass und ihr Ausdruck verbitterter nicht hätte sein können. Der Barkeeper schaute zum Whisky, den er ihr hingestellt und sie nicht angerührt hatte, und nickte langsam. Ein potenter Fremdgänger also … Damit war die Sache für ihn abgehakt. Dennoch war er in Sorge um die junge Frau, als er sie durch eines der Fenster auf ein Motorrad steigen sah, heftig schluchzend und vor lauter Tränen in den Augen kaum fähig, zu sehen, was sie tat.
„Harry? Willst du ihr nicht nach?“, rief einer der angesoffenen Kerle dem Barkeeper zu.
„Braucht sicher jemanden, der sie diese Nacht hält“, brachte Brad, ein Mann mit Cowboyhut, augenzwinkernd an. Er selbst wäre dem Mädchen zu alt, aber der junge Harry würde ihr sicher gefallen.
Der Barkeeper wägte ab. Ein guter Mensch hielte sie jetzt davon ab, so zu fahren. Ein guter Mensch … tja …




































































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