Kapitel 14 – Arztbesuch
Kapitel 14 – Arztbesuch
„Mami?“
Evelynn hatte Yannis ins Auto getragen und hatte sich mit ihm auf den Rücksitz gesetzt. Brian fuhr sie soeben zur Bibliothek, damit sie dort kündigen konnte … Aber die nächsten zwei Wochen musste sie wohl noch arbeiten. Evelynn strich Yannis über die verstrubbelten Haare. „Guten Morgen, Schatz.“
„Wo sind wir?“ Verschlafen sah sich der vierjährige um.
Evelynn lächelte sanft. „Das erkläre ich dir später. Du darfst noch etwas schlafen, wenn du magst.“ Yannis wirkte doch noch sehr müde. „Bist du gestern spät ins Bett?“
Brummend vergrub der Junge seinen Kopf an ihrer Brust. „Ich wollte so gern …“, ein Gähnen unterbrach ihn, „auf dich warten …“
Sie nickte verstehend. Malvin hatte ihr davon erzählt, dass er das schon öfter gemacht hatte. Sie drückte ihm einen Kuss auf den Scheitel. „Schlaf, mein Schatz.“
„Aber … bist du dann wieder weg, wenn ich aufwache?“
Evelynn blieb die Luft in der Lunge stecken. „Nein … Nein, Yannis.“ Eine Träne löste sich aus ihrem rechten Auge. „Du wirst mich nicht los, schon vergessen? Ich bin deine Mami. Deine Mami liebt dich.“ Sie drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. „Und wenn man jemanden liebt, dann geht man nicht weg. Ich werde immer bei dir sein, mein Schatz.“
Yannis’ Augen schlossen sich flatternd. Evelynns Lippen bebten. Er war einfach zu schlau für sein Alter. Sie strich ihrem Sohn über die feinen Haare und sah nach vorn.
Brian musterte sie durch den Rückspiegel. „Du weißt schon, dass Liebe nicht klammern, sondern loslassen bedeutet, nicht wahr? Klar, ihr habt nur einander, und ich verstehe nicht viel von Erziehung. Aber wenn du nur einmal zu spät kommst, wird er sofort denken, du liebst ihn nicht.“
Evelynns Lächeln verblasste. „So meinte ich das nicht, Brian. Mir ist schon klar, dass ich körperlich nicht immer und vor allem nicht für immer bei ihm sein kann.“
Brian wandte sich schulterzuckend wieder der Straße zu. Nur wenige Augenblicke später hielt er auf dem Parkplatz vor der Bibliothek. „Willst du allein rein oder soll ich mitkommen und Stress machen?“
„Ich geh allein …“
Evelynn betrat die Bibliothek und blieb sogleich wie angewurzelt stehen.
„Guten Tag!“, flötete eine ihr Unbekannte junge Frau von hinterm Tresen.
„Guten … Tag?“
Die junge Frau sah sie stirnrunzelnd an. „Kann ich Ihnen helfen?“
„Ich … nein. Ich arbeite hier. Wer …“
Ein scharfes Räuspern ließ sie herumfahren. Rosalinda hatte die Arme streng vor der Brust verschränkt und das Kinn arrogant gehoben. „Diebe arbeiten hier nicht! Sei froh, dass ich dir nicht die Polizei auf den Hals jage, und jetzt verschwinde!“
„B…bitte?“
„Ha!“ Ihr Kopf drehte sich demonstrativ von Evelynn weg. „Hausverbot! Und jetzt verschwinde! Mit deinem ausstehenden Gehalt wird dein Diebstahl beglichen, also erwarte ihn gar nicht erst!“ Rosalinda machte die Biege und ließ Evelynn fassungslos und sprachlos zurück.
„Was …?“ Für eine ganze Weile stand Evelynn einfach nur da, nicht wissend, wohin mit sich. Was war gerade geschehen? Was war passiert?
„Evelynn?“
„Christopher?“
„Sie hat gesagt, du hättest eines der abzuschreibenden Bücher eingesteckt …“
„Oh …“ Die Kamaras … Verflucht, wieso musste Rosalinda die Aufzeichnungen denn auch anschauen?!
„Stimmt das?“
Evelynn wiegte den Kopf hin und her. „Sie waren immerhin zum Abschreiben. Sie wären entsorgt worden.“
„Das stimmt schon. Aber sie …“ Christopher seufzte. „Sie macht doch aus allem ein Drama.“ Unsicher knetete er sich die Hände. „Sie hat gesagt, ich soll sicherstellen, dass du gehst …“
„Oh … natürlich. Ich … gut. Dann … Wieso bist du denn eigentlich hier?“
„Semesterferien.“
„Oh … verstehe. Also … dann …“ Mit letztem Blick auf die Neue hinter der Theke drehte sie sich um und verließ die Bibliothek apathisch. Das war schnell gegangen. Kein Lohn. Dafür ein abgenutztes Kinderbuch, das sie Yannis in wenigen Tagen zum Geburtstag schenken konnte. Sie hatte es in einem ihrer Shirts versteckt gehabt, damit er es nicht zu früh fand …
Als sie zum Auto zurückkehrte, stieg sie hinten ein, nahm ihren schlafenden Sohn in den Arm und deutete Brian wortlos, zu fahren. Sie hatte keine Energie mehr.
Brian trat aufs Gas. Evelynn bekam erst mit, wohin sie fuhren, als der SUV in die Tiefgarage rollte. Wieder parkte er auf derselben Stellfläche, in der Nähe des Fahrstuhls. „Während du gekündigt hast, hab ich einen Termin beim Frauenarzt klar gemacht für heute Nachmittag. Genug Zeit, um vorher noch einkaufen zu gehen. Aber erst mal bringen wir eure Sachen hoch.“ Brian stieg aus und ging direkt zum Kofferraum, um nach der Tasche zu greifen.
Evelynn folgte mit einem schlafenden Yannis im Arm. „Er wird Fragen stellen …“
„Und was willst du ihm sagen?“ Sie traten in den Aufzug und Brian drückte auf den Knopf für seine Etage.
„Keine Ahnung. Dass du … ein Freund bist?“ Eigentlich wollte sie möglichst wenig Kontakt zwischen den beiden. Aber es ließ sich kaum vermeiden, dass sie sich näher kämen. Yannis würde Vertrauen zu Brian aufbauen …
„Passt. Ein alter Schulfreund oder sowas. Oder wir waren früher mal Nachbarn und haben uns zufällig in dem Supermarkt wiedergetroffen.“ Brian schielte zu Yannis. Evelynn mussten die Arme abfallen. Aber sie ließ es sich nicht anmerken.
„Ein alter Schulfreund also …“
Sie traten aus dem Fahrstuhl und Brian schloss die Wohnung auf. Als er wieder zuschließen wollte, presste Evelynn die Lippen aufeinander. „Kannst du das bitte lassen? Weder ich, noch Yannis fühlen uns eingesperrt besonders wohl.“
„Wenn du abhaust und dich jemand sieht, bin ich im Arsch. Das ist dir schon klar, nicht wahr?“ Brian schloss zu und stellte die große Tasche neben die Couch. Direkt gegenüber hing der monströse Fernseher, eingerahmt zwischen zwei schwarzen Regalen. Evelynns Blick glitt über die beiden Regale. Games, Blu-ray-DVDs und Bücher waren darin enthalten. Über dem Fernseher hing ein Regal, auf dem einige Bilderrahmen standen. Sie zeigten lächelnde Paare, manchmal mit einem Kind, zwei Kindern oder ohne Kind. Auf einem Foto waren bestimmt zwanzig Personen abgelichtet. Auf diesem fand sich auch Brian, wenngleich er dort noch einige Jahre jünger sein musste.
„Du hast wohl eine große Familie?“
Brian folgte ihrem Blick. „Ja, Familie ist alles, sagt meine Mom immer.“ Brian deutete auf die Couch. „Leg Yannis da hin. Dann schauen wir uns das Büro an. Es hat ’ne Schlafcouch. Sollte reichen für euch.“
„Danke …“
Eine halbe Stunde später wachte Yannis endgültig auf. Evelynn hatte ihn ins Sofabett gelegt, kaum hatten sie es fertig aufgebaut. Und als er aufwachte, war er verständlicherweise erst einmal verwirrt. Doch seine Mami lag neben ihm. Sie hatte die Augen offen und sie lächelte auf ihn herab.
„Gut geschlafen, mein Schatz?“
Yannis nickte verwirrt. „Wo sind wir, Mami?“
Evelynn biss sich auf die Lippe. Das war schnell gegangen. „In der Wohnung von einem alten Freund. Wir werden die nächste Zeit hier verbringen …“ Evelynn setzte sich auf und zog Yannis mit sich hoch. „Weißt du noch, der Mann, den wir im Supermarkt getroffen haben?“
Yannis nickte stirnrunzelnd.
„Bei ihm sind wir jetzt. Wir waren zusammen in der Schule, früher, als wir Kinder waren. Und jetzt hat er angeboten, dass wir bei ihm wohnen können.“
Yannis verstand das nicht so ganz … Seine Mutter und der Mann im Supermarkt hatten keineswegs vertraut gewirkt. Aber … „Okay!“ Er sprang auf und begann, sich im Raum umzusehen. Da war ein Pult. Ein schöner Pult. Ein großer Computer! Yannis’ Augen begannen zu glänzen. „Mamiiii … denkst du, ich darf daran spielen? Auf dem Spielplatz hat der Junge letztens gesagt, dass er immer am Computer spielen darf und dort Freunde hat!“ Yannis senkte betrübt den Kopf. „Ich will auch so gern Freunde haben.“
Evelynn stand auf und ging vor Yannis auf die Knie. „Von heute an werden wir den ganzen Tag zusammen verbringen, Yannis.“
Yannis’ Augen wurden groß. „Waaas?“
Evelynn lächelte. „Mami arbeitet nur noch in der Nacht.“
Yannis nickte geschäftig. „Wegen deinem Freund?“
„Genau. Er ist kurz Frühstück einkaufen. Danach kannst du ihm guten Morgen sagen.“
Yannis nickte heftig. „Können wir dann in dieser Zeit zum Spielplatz?! Und du kommst mit?!“ Aufgeregt klatschte er in seine kleinen Hände. „Und Opa Malvin auch!“
„Y…yannis… Das geht gerade nicht. Wir müssen vorsichtig sein. Wir können nicht einfach so raus.“
„Oh …“ Yannis’ Freude flaute ab wie ein Luftballon, dem die Luft ausging. „Dann ist es hier noch schlimmer? Ist es draußen noch gefährlicher?“
Evelynn wiegte den Kopf hin und her. „Das weiß ich noch nicht. Aber für den Moment bleiben wir hier, in Ordnung? Und dann essen wir etwa…“
„Evelynn? Wo bist du?“
Evelynn schlug sich innerlich die Hand vor die Stirn. Dieser Mann war gerade eben durchgefallen, was das Zusammenleben mit Kindern betraf. Schrie hier rum, als wäre er der Einzige im Haus …! Außerdem hatte sie nicht vor, Yannis so ein Benehmen beizubringen. Man schrie nicht in der Gegend herum. Und auch sonst sollte er sich möglichst wenig von Brian abgucken. Sie nickte Yannis noch einmal ermutigend zu, stand auf und öffnete die Tür zur Wohnstube. „Wir sind hier.“
Brian stand in der Küche und legte belegte Bagels und Croissants auf Teller. „Ist Yannis schon wach?“ Kurz warf er einen Blick zur Tür, erblickte den kleinen Mann und nickte ihm zu. Dann zog er aus der mitgebrachten Papiertüte eine große Flasche Orangensaft und schüttelte diese kräftig.
„Ja.“ Evelynns Augen klebten kurzzeitig gebannt an Brians Bizeps.
„Ja!“ Yannis schoss aus dem Zimmer, stellte sich vor Brian und baute sich vor ihm auf, das Kinn erhoben und die Arme in die Seiten gestützt. Verdammt, war das niedlich. „Ich bin Yannis! Und du bist … äh … Mamis Freund. Und du musst lieb zu ihr sein! Und zu mir auch! Sonst mach ich dich alle!“ Drohend erhob er die kleine, geballte Faust.
Evelynn drohte zwischen Rührung, Belustigung und Sorge zu vergehen. Hoffentlich nahm Brian ihm diesen Ausbruch nicht krumm. Aber Yannis war … fremden Männern gegenüber … nun, er fühlte sich ganz offensichtlich für Evelynns Sicherheit verantwortlich. Das hatte ihm sicher Malvin eingetrichtert, der alte Trinker!
Brians Mundwinkel zuckten. Dann klopfte er auf einen der erhöhten Barhocker neben sich. „Kannst mich Brian nennen. Und nun iss erst mal was. Magst du Orangensaft?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, füllte er dem Zwerg das Glas zur Hälfte auf und schob es ihm hin. Yannis allerdings dachte gar nicht daran, dem Glas auch nur die geringste Aufmerksamkeit beizumessen. Vor ihm auf dem Tisch lagen mehrere belegte Bagels. Mit Käse, Schinken, Salami, Eiern …! Und Croissants mit Käse überbacken!
„Mamiiii?“, kam es langgezogen von der Kücheninsel her.
Evelynn hatte sich schmunzelnd an den Türrahmen gelehnt. „Jaaaa?“
„Darf ich das essen? Alles?“
„Hm …“ Evelynn unterdrückte ein Lachen. „Ich weiß nicht. Aber wenn du mir und Brian ein Stück übrig lässt, geht das, glaube ich, in Ordnung. Aber da solltest du besser Brian fragen. Er hat es gekauft.“ Auch wenn es ihr zuwider war, den Kontakt zwischen den beiden auch noch zu fördern, so hatte sie doch vor, ihren Sohn zu einem anständigen jungen Mann zu erziehen. Und das bedeutete, bitte und danke sagen zu können.
Fast schon apathisch nickte ihr Sohnemann, und wandte sich sogleich Brian zu, schaffte es aber nicht, den Blick von den Bagels zu reißen. „Briaaaaaan?“
„Nimm dir, worauf du Hunger hast. Was übrig bleibt, schmeckt auch heute Mittag noch.“ Brian füllte zwei weitere Gläser mit Orangensaft und setzte sich danach auf die andere Seite der Kücheninsel, damit Evelynn neben ihrem Sohn sitzen konnte.
Langsam ging Evelynn auf die Küchentheke zu, setzte sich und beugte sich zu Yannis hinab. „Wie sagt man?“, flüsterte sie leise.
Hastig sah Yannis zu Brian auf – an den Fingern haftete bereits das Fett der Salami, nach der er gegriffen hatte. „Danke!“
Brian nickte knapp. Kurz rechnete er damit, dass Evelynn ihm jetzt zuflüstern würde, dass man auf ‚Danke‘ brav ‚Bitte‘ erwidern sollte. „Bitte“, erwiderte er etwas zu hastig, schlug sich innerlich einmal gegen die Stirn und konnte doch nichts gegen seine zuckenden Mundwinkel unternehmen. Mit leichtem Kopfschütteln griff er nach einem der anderen Bagels und biss hinein. Dabei ließ er den Jungen, der sich über das simple Frühstück hermachte, als wäre es ein Fünf-Gänge-Menü, nicht aus den Augen.
Evelynn stand auf, sah sich in der Küche um, und öffnete zwei Schubladen. In der zweiten fand sie, was sie gesucht hatte, und kehrte mit einem scharfen Messer an die Theke zurück. Brians Augen wurden schmal. Evelynn tat nichts dergleichen und schnitt einen der Bagel in zwei Hälften. Dann legte sie das Messer in die Mitte, zum Teller mit den Broten. Offenbar traute Brian ihr gar zu, ihn vor ihrem Sohn abzustechen. Der hatte sie doch nicht mehr alle …
Ihr Magen knurrte. Genüsslich und doch mit mulmigem Gefühl im Bauch biss sie in das weiche Brot hinein. Bestimmt schmeckte es unwahrscheinlich gut. Doch in ihrem Mund schmeckte das teure Essen nach Pappe.
Beinahe den ganzen Tag fuhr Brian mit Evelynn und Yannis herum. Sie brauchten vernünftige Kleidung, Hygieneartikel und den ganzen Kram, der richtig tief ins Geld ging. Dazu Lebensmittel, damit Evelynn auch einmal etwas für ihren Sohn kochen konnte. Es würde eine Weile dauern, bis sich die Investition in sie lohnen würde. Nicht umsonst hatte er ihre Verdienstgrenze so niedrig angesetzt. Und der größte Batzen käme erst noch.
Brian öffnete Evelynn die Tür zur Frauenarztpraxis. Er meldete sich am Empfang und nahm wie selbstverständlich im Wartezimmer Platz. Die Wartezeit nutzte er, um seine Mails zu prüfen. Den meisten Kram hatte er heute telefonisch regeln können. Den Rest würde er heute Abend in seinem Puff erledigen. Hoffentlich hatten seine Männer ein paar Hinweise zu Emanuel und dem Geld gefunden.
Yannis hatte sich sofort in die Spieleecke verzogen, wo seine Mutter versuchte, ihn für das Spielzeug zu begeistern. Der Junge jedoch hatte deutlich mehr Interesse an den herumliegenden Büchern. Nicht jedoch an den Bilderbüchern, wie es für einen Jungen in seinem Alter normalerweise der Fall gewesen wäre. Stattdessen hielt er eines der in großen Buchstaben geschriebenen Geschichten über einen Jungen und seinen Hund in der Hand und las seiner Mutter langsam daraus vor.
„Miss Brook?“
Evelynn sah auf. „Ja!“ Ihre Hand glitt über Yannis‘ wilden Blondschopf. „Bleibst du bei Brian?“
Brian schüttelte den Kopf. „Ich muss mit rein.“ Er blickte zu Yannis. „Erzählst du mir nachher die Geschichte, Kleiner?“
„Ja!“
Evelynn erstarrte, biss sich jedoch lediglich noch einmal mehr die Lippe wund, knirschte mit den Zähnen und sagte nichts. Sie lächelte Yannis zu, dann folgte sie der Assistentin ins Untersuchungszimmer. Brian lief neben ihr her.
„Was soll das?!“, zischte sie. „Davon war keine Rede!“
„Es erspart dem Arzt nur die Zeit, mir im Nachhinein alles noch einmal zu erzählen, also bleib locker.“ Auffordernd deutete er auf den Tisch, vor dem zwei Stühle standen. „Beantworte die Fragen einfach ehrlich und wir sind hier im Nu wieder raus.“
Ein Wunder, dass ihre Lippe nicht schon wieder blutete. Denn sie missbrauchte sie schon wieder als Kauobjekt. „Natürlich“, Herr Zuhälter. Sie setzte sich. Brian blieb stehen. Vor ihr saß ein Mann mit viereckiger Brille, der konzentriert etwas in den Computer tippte und noch dazu unermüdlich auf den Bildschirm starrte.
„Äh …“
„Ja, ja, einen Moment …“
„Äh …, gut …“
Zwei Minuten später sah der Mann, Dr. Napkin, dem Namensschild nach, auf. „So. Guten Tag. Jetzt habe ich Zeit für Sie. Dr. Napkin mein Name, Arzt der Gynäkologie.“
Natürlich … Ein Mann. Wieso ein Mann? Sie mochte keine männlichen Frauenärzte, auch wenn ihre Daseinsberechtigung durchaus ihre Legitimierung besaß und so … Sie mochte es nun mal nicht, wenn ihr ein Mann in die Möse guckte und mit seinen Fingern darin herumstocherte, kalte Metallgegenstände in sie einführte und … ja.
Ihr Lächeln war kälter als Eis. „Sehr erfreut. Mein Name ist Evelynn Brook. Und das da ist …“ Sie schaute zu Brian auf. Wie hieß er denn überhaupt?
„Ich weiß“, meinte der Arzt nur knapp. „Brian und ich haben heute früh telefoniert.“ Der Arzt sah wieder auf seinen Monitor. „Wann war die letzte Periode? Nehmen Sie Verhütungsmittel?“
„Vor vier Wochen. Und nein.“
Das klappernde Geräusch der Tastatur beanspruchte für die nächsten Sekunden den Raum. „Unregelmäßigkeiten bei der Periode?“
Evelynn verneinte.
„Wie viele Schwangerschaften? Wurde eine davon abgebrochen?“
„Eine. Und nein. Kein Abbruch.“
„Spontangeburt?“
Evelynn nickte. „Ja.“
„Hä?“ Brian lachte auf. „Was soll das denn heißen? Sturzgeburt oder was? So spontan kann die Geburt doch gar nicht gewesen sein. Die hat sich ja immerhin neun Monate lang angekündigt.“
Der Blick des Arztes blieb ernst. „Spontan heißt, dass die Geburt nicht eingeleitet wurde und normal verlief.“
„Sorry, George.“ In einer Unschuldsgeste hob Brian die Hände.
Der Arzt wandte sich wieder an Evelynn, stellte weitere Fragen zur Geburt, die sie alle ehrlich beantwortete. Danach bat er sie in das Nebenzimmer, wo sie sich untenrum freimachen und auf den Stuhl setzen sollte.
Das Prozedere war dasselbe, wie bei einer Jahreskontrolle, nur dass noch ein paar mehr Stäbchen den Weg in ihre Vagina fanden und das teilweise auch deutlich tiefer, als bei einer jährlichen Untersuchung. Nicht, dass sie in den letzten Jahren bei einem Frauenarzt oder sonst einem Arzt gewesen wäre. Das letzte Mal war auch ihr erstes Mal gewesen. Damals noch in Begleitung ihrer Mutter. Nach der Geburt, die sie tatsächlich spontaner als erwartet, auf der Rückbank eines Taxis hinter sich gebracht hatte, hatte sie sich einmal untersuchen lassen und war danach nie wieder bei einem Arzt gewesen. Sie hätte es sich schlicht nicht leisten können. Einmal hatte sie mit Yannis auf den Notfall müssen, weil er als Baby zu hohes Fieber bekommen hatte. Daraufhin hatte sie sich ein halbes Jahr von Haferflocken ernährt und bei praktisch jedem ihrer Mitbewohner Geld geliehen, um die Kosten abzubezahlen, gleichzeitig aber nicht aus der Wohnung geworfen zu werden.
Wie auch schon bei ihrem letzten Mal beim Frauenarzt starrte sie an die Decke und stellte sich vor, sie wäre überall, nur nicht hier. Und das seltsame Gefühl, das sie innerlich weitete, das war Yannis, der nochmal zur Welt kommen wollte und seine Hand ausstreckte. Die hätte auf jeden Fall deutlich mehr Recht dazu, in ihrem Geburtskanal zu stecken, als die Hand dieses schleimigen Arztes. Und dass ihre Beine so absurd weit gespreizt waren, und ihre Hüfte so gebogen war, dass der Arzt ihr gleich in beide Löcher gucken konnte, wenn er das denn wollte, das war, weil … weil … jetzt fiel ihr kein anderes Szenario mehr ein.
Kaum hatte Dr. Schleimig die Untersuchung ihres Unterleibs beendet, musste sie sich auch noch obenrum frei machen, und ihn ihre Brust abtasten lassen. Brustkrebs wollte man schließlich nicht. Aber dass der Arzt so lange dafür brauchte … War nicht so, als wäre es besonders angenehm, mit in die Hüfte gestemmten Armen dazustehen und sich betatschen zu lassen.
„So.“ Der Arzt notierte irgendwas. „Das wäre es mit der Untersuchung gewesen. Dann noch die Spritze. Danach können Sie sich wieder anziehen. Blutabnahme und Urinprobe überlasse ich meinen Assistentinnen.“
Der Pieks in den Hintern war unangenehm, aber schnell überstanden, und schon durfte sie aus dem kleinen Zimmer wieder raus in das andere Zimmer, in dem Brian wartete.
„Und?“
„Soweit alles in Ordnung“, entgegnete der Arzt knapp. „Wenn du sicher gehen willst, warte eine Woche. Dann hab ich auch die Ergebnisse.“ Der Arzt wandte sich an Evelynn. „Warten Sie hier auf die Schwester, die macht den Rest.“
Blutabnehmen, Wasserlassen … Als Evelynn zurück ins Wartezimmer trat, saß Brian bereits dort und beobachtete Yannis aus halb geschlossenen Augen.
Yannis sah auf. „Mami? bist du krank?“
Überrascht blieb Evelynn stehen. „Aber nicht doch.“ Eilig schüttelte sie den Kopf. „Wie kommst du darauf?“
„Hier stinkt es nach Des…desinsekt…“ Yannis runzelte genervt die Stirn. „Desfintekt… Nein, Des…“
„Desinfektionsmittel?“
Er nickte.
„Das liegt daran, dass wir hier bei einem Arzt sind.“
„Aber, wenn du gesund bist, wieso sind wir beim Arzt?“
Sie lächelte gezwungen. „Weil erwachsene Frauen eigentlich regelmäßig zum Arzt sollten. Und Brian hat sich Sorgen gemacht, dass ich krank sein könnte. Aber weißt du was?“ Sie wurde leiser, flüsterte ihm ein Geheimnis ins Ohr. „Du bist als Baby kerngesund auf die Welt gekommen. Und deshalb kann ich auch nicht krank sein.“
„Ah …“ Yannis blinzelte einige Male. „Ich glaube, das verstehe ich nicht.“



























































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