Kapitel 15 – Ein erregender Tanz

Kapitel 15 – Ein erregender Tanz

 

Yannis schlief. Evelynn strich ihm sachte durchs Haar. Ihr Mund war trocken.

„Kommst du?“

„Mhm …“ Den Puff wollte er ihr zeigen. Der halbe Bagel vom heutigen Morgen kam ihr fast wieder hoch. Mehr hatte sie heute nicht runtergekriegt. Evelynn stand auf und verließ das Büro. „Ich fühle mich nicht gut dabei, ihn die Nacht durch allein zu lassen.“

„Ich habe eine Kamera im Wohnzimmer und den Nachtmodus eingeschaltet. Wenn er ins Wohnzimmer geht, bekomme ich eine Nachricht. Also entspann dich. Kinder haben einen festen Schlaf.“ Brian führte Evelynn hinab in die Tiefgarage, stieg ins Auto und lenkte das Auto auf die dunkle Straße. „Außerdem war heute ein langer Tag für ihn mit vielen Eindrücken.“

Das mit der Kamera war gut zu wissen, dachte sie für sich. Sie würde das Bad auf jeden Fall niemals ohne Handtuch verlassen. „Beruhigend.“

An einer Ampel blieb Brian stehen und wandte sich Evelynn zu. „Dir ist schon klar, dass es dein Job als Mutter ist, den Jungen zu bekochen, und nicht andersrum?“

„Klappe.“

„Sehr eloquent. Seine Intelligenz hat Yannis sicher nicht von dir. Wer ist der Vater von dem Kurzen?“

„Ein Mensch mit außerkörperlichen Fortpflanzungsorganen.“

„Oh, tatsächlich.“ Brian verdrehte die Augen und fuhr weiter. „Übrigens will ich den Job und das in meiner Wohnung trennen. Kriegst du das hin?“

„Wenn ich dich nicht ranlassen muss, geht das klar.“

„Kommt ganz auf dich an. Wenn ich dich nicht einreiten muss, passt das für mich.“

Damit war das Gespräch beendet. Den Rest der Fahrt legten sie schweigend zurück, jeder in seinen eigenen Gedanken verstrickt. Irgendwann, nachdem sie eine kurze Strecke durch ein Waldstück gefahren waren, fuhr Brian auf einen spärlich beleuchteten Hof. Ein großes, freistehendes Haus stand dort. ‚The Underdog‘ prangte in rot beleuchteten Lettern an der Fassade. „Was meintest du eigentlich damit, als du zu Yannis gesagt hast, dass du gesund sein musst, weil er es ist. Wurde er auf Aids getestet?“

Evelynn zuckte die Schultern. „Babys werden nach der Geburt doch auf so ziemlich alles getestet.“

„Aber das heißt doch nicht, dass du gesund bist.“ Obwohl das Auto längst stand, machte Brian keine Anstalten auszusteigen.



„Hätte ich Krankheiten gehabt, wären die so ganz ohne Medikamente, die das verhindern, doch auf ihn übergegangen?“ Irritiert sah Evelynn zu Brian. Wie konnte man das nicht verstehen?

Brian fuhr sich durch die Haare und sah für den Moment reichlich überfordert aus. „Keine Ahnung. Alles testen die sicher nicht, wie Hepatitis oder Aids. Das macht George. Auch Tripper, Syphilis und der Scheiß. Außerdem ist die Geburt schon vier Jahre her.“

„Hm …“ Nachdenklich kratzte sie sich am Kinn. „Aber wenn Yannis eine dieser Krankheiten hätte, dann hätte sich das doch mittlerweile sicher gezeigt?“

Ahnungslos hob Brian die Schultern. „Ich bin kein Arzt. Aber ich hab ja bald die Ergebnisse. Nur bei Aids dauert es länger.“ Brian stieg aus und machte einen Schritt auf das große Gebäude zu, das sicherlich drei Stockwerke hatte. „Kommst du jetzt?“

„Wenn es sein muss …“ Evelynn stieg aus. „Aber ich glaube, bei einem Kind hätten sich die Symptome deutlich schneller gezeigt. Und während der Schwangerschaft haben die mich immerhin auf alles Mögliche getestet …“ Das eine Mal, als man sie ins Krankenhaus geschleppt hatte, weil sie durch einen Kreislaufzusammenbruch auf dem Bürgersteig bewusstlos geworden war.

Brian blieb abrupt stehen, verschloss das Auto mit einem kurzen Druck auf den Schlüssel und drehte sich um. „Alter! Das ist vier Jahre her, Evelynn! Jetzt sag nicht, deine Kerle hatten nie Probleme mit dem Kondom!“

Evelynn runzelte die Stirn. „Sag, Brian, hast du Kinder? Zwei Jobs und Geldsorgen? Bekommst du gerade so viel Schlaf, dass du am nächsten Tag noch laufen kannst, nur um dich mitten in der Nacht – in den drei Stunden, die du Zeit zum Schlafen hast – um ein schreiendes Baby zu kümmern, die Windel zu wechseln und ihn eine halbe Stunde an deiner Brust nuckeln zu lassen, wodurch du einen Sechstel der Zeit, die du sonst zum Schlafen gehabt hättest, verlierst?“

Brian hob die Augenbrauen, legte den Kopf schief und sah sie nun von oben bis unten an. Sein Blick veränderte sich. Nicht, dass er wollüstig wirkte. Eher wie ein Antiquitätenhändler, der prüfte, ob ein Stück eine Fälschung oder ein Original war. „Viele Frauen haben sich bei Nish was nebenbei verdient. Du willst mir also sagen, du hattest seit vier Jahren keinen Stecher mehr?“



Evelynn lief wurde heiß. So hatte sie das jetzt nicht auf den Punkt bringen wollen. Sie wollte damit lediglich sagen, dass sie sich sicher war, dass sie nichts hatte … Niemand bekam gern gesagt, er könnte krank sein. Evelynn stakste – zu einer Tomate mit schwarzen Haaren mutiert – an Brian vorbei in Richtung Eingang. Räuspernd befreite sie ihre Kehle von der Demütigung, die sie soeben über sich gebracht hatte, und stierte auf den Boden, um beim Vorbeilaufen auch ja nicht seinen Blick zu treffen.

„So verklemmt deswegen, Schneewittchen?“ Brian lachte leise und holte ohne Probleme ein. „Dachte, du hättest dir, wie das eine oder andere von Nishs Mädchen, was dazu verdient.“ Er öffnete die Tür. Sofort schlugen ihnen dumpfe Bässe entgegen. Brian ging vor. Er liebte sein Underdog. Es war nicht irgendein Puff. Es war die perfekte Mischung aus Blümchen- und Hardcoresex. Aus den Boxen schallten Viking Metal und Nordic Folk Music. Seit Vikings und Last Kingdom war er ein riesiger Fan davon. Es passte perfekt zum Underdog. Ein Puff, der in keine typische Kategorie passen wollte.

Er hielt Evelynn die Tür auf und betrat die große Eingangshalle. Auf der rechten Seite war die Bar. Der Rest des Raums wurde durch ein überdimensionales 360-Grad-Sofa eingenommen, in dessen Mitte eine große Bühne war. An einer Ecke der Bock, in der Mitte eine Stange und links genug Platz für andere Shows. Rechts neben der Bar ging es zur Treppe. Unten waren die speziellen Fetisch-Zimmer, die er Evelynn später zeigen würde. Oben gab es noch vier normale Zimmer, die dem Püppchen sicherlich reichen würden. Und hinter der Bar lagen die Umkleiden, WCs und sein Büro.

Aktuell tanzte Patricia, die platinblonde Schönheit, an der Stange. Zwei Gäste saßen auf dem Sofa und ließen sich von Kelly einheizen. Je länger sie hier unten saßen und gafften, desto mehr Alkohol konsumierten sie. In den Zimmern ging es teilweise recht schnell und heftig zur Sache. So war die runde Sofalandschaft der perfekte Ort, um die Wünsche und Vorstellungen abzuklopfen. An der Bar servierte Jennifer, wie immer im engen Lederkorsett. Die rotbraunen Haare hatte sie zu einem strengen Dutt gebunden. Seine Domina, die jedoch nur selten gebucht wurde. Wenn es mal der Fall war, übernahm er während ihrer Sessions die Bar. Brian steuerte auf die Bar zu und ließ Evelynn stehen, damit sich diese erstmal umsehen konnte.



„Scheiße“, murmelte sie. Wo war sie hier nur reingeraten? Ein richtiges Bordell. Sicher, sie hatte sich vor allem zu Beginn ihrer Schwangerschaft durch unzählige Buden gevögelt, immer auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf. Und vor der Schwangerschaft hatte sie, seit sie fünfzehn gewesen war, kaum einen Moment nüchtern verbracht. Was in dieser Zeit passiert war, war verschwommen. Sex, Drogen, Alkohol. Das eine führte zum anderen, und bezahlen musste sie die Drogen auch irgendwie. Wer also Yannis’ Vater war? Einer von vielleicht hundert. Doch dies hier war ein richtiger Puff. Ein Bordell, ein Hurenhaus, das ganz offiziell Sex gegen Geld anbot … Das war … anders.

„Eve? Kommst du mal?“ Brian deutete auf Evelynn, während er sich über die Theke beugte. „Die Neue, Jenn. Achte darauf, dass sie nicht übermäßig viel trinkt.“

Evelynn verdrehte die Augen. Als ob sie vorgehabt hätte, sich zu besaufen. Obwohl … wenn er gleich mit einem Typen um die Ecke käme, und sie anweisen würde, sich von ihm vögeln zu lassen, dann wären ein, zwei – vielleicht auch zwanzig Shots gar nicht so schlecht. Unbeholfen hob Evelynn die Hand. „Hi, Jenn.“

„Natürlich, Chef.“ Jennifer nickte Evelynn grüßend zu. „Übrigens hat sich Zoe krank gemeldet. Magen-Darm. Ich war vorhin mal oben bei ihr. Sieht schlimm aus.“

Brian verzog das Gesicht. „Dann sehe ich später auch mal nach ihr. Der Rest ist fit? Nicht, dass sich der Scheiß hier noch verbreitet.“ Sowas war vor drei Jahren mal passiert, weil die meisten Mädchen da oben auf engstem Raum zusammenwohnten und ständig in den Wohnungen der anderen ein- und ausgingen.

Evelynn runzelte die Stirn. Die wohnten allesamt oben? Wieso hatte er sie dann nicht auch dort einquartiert, sondern gab sich mit ihr bei sich zu Hause ab?

„Komm, Eve. Du wirst Patricia gleich ablösen.“ Brian ging neben der Bar vorbei in den Flur, der zu den hinteren Mitarbeiter-Räumen führte, sowie nach unten und oben zu den Zimmern. Er zeigte wo sein Büro war, in dem er fast immer anzutreffen wäre. Die Toiletten waren selbsterklärend, also ging er mit ihr in die Umkleide, die der im Stripclub nicht unähnlich war. An den Garderoben hingen Klamotten und auf den Kleiderständern waren Dessous säuberlich aufgereiht. „Such dir etwas aus, das passt“, wies er sie an und blieb an der Tür stehen.



Verwundert sah sie ihn an. „Wie jetzt?“

„Du tanzt heute nur und heizt die Gäste ein. Oder willst du schon deinen ersten Kunden? Zoe ist krank und aktuell sind nur zwei meiner Mädels vorne mit zwei Kunden. Also?“ Er verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ein…heizen?“ Tanzen konnte sie, aber was meinte er mit einheizen?

„Meine Güte! Mach dasselbe wie bei Nish, nur erotischer! Fass dich selbst an und gib den Kerlen das Gefühl, du würdest nur schon bei ihrem Anblick einen halben Orgasmus kriegen. Ich dachte, du weißt wie das Geschäft läuft.“

Evelynn verzog missbilligend das Gesicht. „Ich bin und war nie eine Professionelle, Idiot!“ Sie wandte sich um und suchte sich eines der Dessous aus. Kopfschüttelnd endete sie bei einem pallietenbesetzten Glitzerfummel. „Mich anfassen …“

„Liefere einfach eine gute Show ab? Und jetzt los, beeil dich.“ Brian blieb weiter an der Tür stehen und betrachtete ihre Auswahl missbilligend, schwieg jedoch.

„Ja, ja …“ Sie ließ die Hüllen fallen, ignorierte Brians brennende Blicke und zog sowohl Höschen als auch BH an. Anschließend verband sie die beiden Teile mit der dazugehörigen, mittig hängenden Schmuckkette. „Okay …“ Also sollte sie sich anfassen, als ob sie es sich selbst machen würde? Ja, Himmel, wie ging das nochmal? Ihre Libido hatte in den letzten Jahren nicht ein einziges Mal auf sich aufmerksam gemacht. Sie hatte kein Bedürfnis nach Sex oder körperlicher Befriedigung.

„Na los! Wirds bald?“

„Jaha, meine Güte!“ Hastig schlüpfte sie in passend glitzernde HighHeels. Seinen Kunden konnte er sich woanders hinstecken. Zumindest bis die Woche um war und sie die Resultate hatten. Mit etwas Glück bekam sie gleich im Anschluss ihre Tage.

Brian führte sie nach vorn zur Bühne, wo er Evelynn einen Schubs gab. „Los. Löse sie ab.“

Evelynn machte schnelle, kurze Schritte, um den Stoß, den er ihr verpasst hatte, unauffällig auszubalancieren. Sie sah sich um. Jetzt stand sie auf der Bühne. Es gab kein Zurück. Evelynn näherte sich der anderen Tänzerin … Nutte … und gesellte sich zu ihr an die Stange.

„Hi“, hauchte diese mit lasziv klingender Stimme.

„H…hi.“ Die andere ging nicht. Zu zweit an einer Stange?

Plötzlich wurde Evelynn an den Hüften gepackt und frontal gegen die Stange gezogen, an der die andere Tänzerin, Patricia, sich bereits rieb. Patricia leckte sich über die Lippen. „Spiel“, lautete ihre gehauchte Anweisung.



Evelynn nickte leicht, und machte es Patricia nach. Sie rieb ihre Hüften an der Stange, als wäre sie was ganz anderes … Anschließend begann sie einige der eher sexuellen Posen an der Stange anzuführen, und achtete dabei darauf, Patricia nicht in den Weg zu kommen, sondern sie in die Posen miteinzubauen. So ging das eine Weile gut. Irgendwie machte es sogar Spaß, zu zweit an der Pole zu sein. Doch dann erwischte sie Brians auffordernden Blick. Er wollte mehr.

Auch Patricia hatte es gesehen und verstand die Anweisung, die dahintersteckte, sofort. Sie umrundete die Pole und klemmte die Neue mit der nächsten Bewegung mit dem Rücken zur Stange und der Front zu sich ein. Ihre Brüste prallten aufeinander; die Pailletten klirrten leise. Patricia war ein kleines Stück größer als Evelynn, wodurch sie mit ihrer Hand problemlos die Polestange hinter der Neuen, oberhalb ihres Kopfes, umfassen konnte. Sie rieb sich an ihr, lockerte ihren versteiften Körper mit runden Bewegungen ihrer Hüfte wieder auf, während sie mit ihrem Mund den feingliedrigen Hals der Neuen hinaufküsste und dort eine nasse Linie voller leidenschaftlich hinterlassener Spucke hinterließ.

Die Neue stöhnte leise. War das gespielt? Hatte sich erstaunlich echt angehört. Da hatte jemand sein Handwerk drauf, auch wenn sie noch etwas schüchtern war. Evelynns Hände glitten Patricias Körper hinauf, über ihre schmale Taille und weiter hoch zu ihren Brüsten. Dann umfasste sie das hübsche Gesicht, kaum kam es aus der Versenkung ihrer Halsbeuge heraus, mit beiden Händen und zog es an ihre Lippen. Ihre Hüfte drückte gegen Patricias und in ihrem Bauch flogen die Schmetterlinge. Wieder stöhnte sie leise, dieses Mal in den Kuss hinein. Es kam ihr vor, als bräuchte sie nur noch eine kurze Berührung, einen schwachen Reiz, und sie flöge. Und sie wollte fliegen, bei allem, was ihr heilig war.

Brian blieb wie angewurzelt stehen. Eigentlich wusste er, dass Eve bei Patricia in guten Händen war. Er könnte jetzt einfach in sein Büro gehen und endlich mal etwas Arbeit wegschaffen. Stattdessen stand er da und beobachtete die beiden, während seine Hose immer enger wurde. Nur kurz ging sein Blick zum Sofa, wo Kelly, die rotblonde Schönheit mit den üppigen Brüsten saß. Sie war mittlerweile oben ohne und ließ sich von den beiden Gästen berühren, während sie sich rege unterhielten. Wollten die einen Dreier mit ihr? Kam selten vor, aber im Underdog war alles möglich. Den halben Preis gäbe es allerdings nicht.



Eine Bewegung ließ ihn wieder zur Bühne sehen, wo Patricia gerade dabei war, Eve das Oberteil auszuziehen. Der Stoff mit den Pailletten fiel klirrend zu Boden und sorgte dafür, dass auch die beiden Männer auf dem Sofa wieder zur Bühne sahen. Brian hatte solche Darstellungen schon so oft gesehen, dass es ihn mittlerweile kaum noch erregte. Aber zwei Frauen, die miteinander rummachten, ließen selbst ihn nicht kalt. Zudem hatte er es aufgrund seines Jobs selten, dass ihn der Körper einer Frau so sehr ansprach wie der von Evelynn. Aber diese Frau brachte ein Feuer in ihm zum Lodern.

Kelly stand mit einem der Männer auf und verschwand in Richtung Flur. Der andere Kunde blieb nicht lange allein, denn Patricia stieg von der Bühne und setzte sich neben ihn, wobei sie ihre langen Beine auf seinen Schoß legte. Mit einer Hand lockte sie Eve zu sich.

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