Kapitel 17 – Kindliche Kunst, verbranntes Ei und die blutige Pein
Kapitel 17 – Kindliche Kunst, verbranntes Ei und die blutige Pein
„Mami, Mami, Mami, Mami, Mami, Mami, Mami, Mamiiiii!“ Auf Evelynns rechter Seite hüpfte es ohne Ende auf und ab. „Aufstehn, aufstehn, aufstehn, aufstehn, aufstehn, komm schon, aufstehnnnnn!“ Es wurde an ihrem Arm gezogen, der nun in etwa so leblos in der Luft hing, wie ein im Wind wehender Galgen. „Maaaaamiiiiii!“
Evelynn riss die Augen auf und klatschte sich die Hand ans Ohr. Die Augen hatte sie zusammengekniffen. „Aua … Yannis … du darfst mir doch nicht so …“ Sie gähnte ausgiebig. „Hm. Ins Ohr schreien. Das macht man nicht. Und das weißt du.“ Ernst, so ernst wie das viel zu früh am Morgen nach viel zu wenigen Stunden Schlaf nun mal möglich war, sah sie auf ihren Sohn.
Yannis kaute schuldbewusst auf seiner Unterlippe herum. „Aber ich wollte dir doch etwas zeigen …“ Unsicher spielte er an seinen Fingernägeln. „Oder musst du gleich wieder zur Arbeit?“ Yannis sackte in sich zusammen.
Evelynn schüttelte schnell den Kopf, zog Yannis in ihre Arme und pflanzte ihm müde lächelnd einen Kuss auf den Scheitel. „Nein, mein Liebling. Ich arbeite nur noch in der Nacht, schon vergessen? Das heißt, ich habe den ganzen Tag mit dir.“ Heute hatte sie vor, ein zauberhaftes Frühstück für ihren Sohn zu zaubern. Nicht, dass ein Frühstück die ganzen Jahre, die sie ihn vernachlässigt hatte, wieder gutmachen würde … aber irgendwo musste sie ansetzen.
Yannis nickte bedächtig. „Versprochen?“
„Versprochen.“
Und das Lächeln kehrte auf die kindlichen Lippen zurück. „Dann muss ich dir jetzt zeigen, was ich gemacht habe!“
„Okay, okay!“ Lachend und gähnend zugleich ließ sich Evelynn ins Wohnzimmer ziehen. Abrupt blieb sie stehen. „Yannis …?“
„Hmh! Sieh nur! Du hast das doch in unserer alten Wohnung auch gemacht, und dann wollte ich das jetzt auch machen, damit du es nicht musst!“
„A…aber …a …“ Scheiße. Die Wände waren voller Farben. „Wo … hast du die Farben her, Schatz?“
„Brian hat mir gestern doch ein Malset geschenkt?“
Evelynn schluckte. „Oh. Das … hast du … schön gemacht.“
Yannis schluckte ebenfalls und senkte den Kopf. „Es gefällt dir nicht.“
„Oh, nein, nein, das ist es nicht, Liebling!“ Schnell begab sie sich neben Yannis auf die Knie. Sie konnte ihn nicht so traurig, so niedergeschlagen sehen. Er hatte das hier – zähneknirschend blickte sie noch einmal durchs Wohnzimmer, dessen Wände hüfthoch in allerlei Farben bemalt waren – gemacht, weil er ihr hatte helfen wollen. „Yannis?“ Vorsichtig hob sie sein Kinn an. „Dir ist doch klar, dass ich deine Mutter bin, oder? Ich muss auf dich aufpassen. Es ist meine Aufgabe, dir Essen zu machen und für dich zu sorgen.“
„Ja?“
„Und du willst mir dabei helfen?“
„Ja.“
„Schatz …“ Sie strich ihm, den Tränen nahe, durch die Haare. „Dann sei mein Kind. Versuch nicht, erwachsen zu sein, so lange du es nicht sein musst.“
„Aber …“ Yannis sah betrübt zu seinem Kunstwerk, während Evelynn das Gesicht einmal schmerzverzerrt verzog und sich leise keuchend eine Hand auf den Unterleib legte. „Aber Mami …“ Yannis begann leise zu weinen. „Ist es so hässlich?“
„Nein! Oh, Schatz!“ Wie sagte man seinem Kind, dass es nun mal nicht an Wände … aber … „Es ist wunderschön. Aber Wände sind nicht zum Malen da …“
„Aber das hast du doch auch gemacht!“, schniefte er.
„Aber Mami ist erwachsen und hat Farben benutzt, die extra dafür sind, Wände anzumalen.“ Streng bleiben! Nicht nachgeben! „Willst du mir nicht zeigen, wie toll du auf Papier malen kannst? Dann mache ich in dieser Zeit Frühstück.“ Sie sollte sich auf jeden Fall auch überlegen, wie sie das Geschmiere von den Wänden bekam.
Es klopfte. Brian drehte sich grummelnd im Bett herum. Er hatte schon im Halbschlaf irgendwelches Gerede gehört, aber es war noch viel zu früh! Viel, viel zu früh!
„Brian?“
Evelynn? Wieso klang sie so unsicher? Schämte sie sich wieder, vier Jahre niemanden gefickt zu haben? Oder wollte sie ihm noch mal sagen, dass sie den Deal doch nicht wollte? Nachdem er über eintausend Dollar ausgegeben hatte, für Kleider, Essen und Arzt, konnte sie das erst recht vergessen.
„Äh, ich will dich nicht stören …“
„Dann tu es nicht.“
Sie betrat sein Zimmer. Er hörte ihre Schritte. Brian zog die Decke über seinen Kopf. „Alter…! Was?“ Er klang mächtig angepisst und schielte auf die Uhr. Das waren gerade mal vier Stunden Schlaf gewesen!
„Ich … brauche Tampons.“ Evelynn beeilte sich, anzufügen: „Ich habe das ganze Bad abgesucht, aber du hast nichts da, und ich kann dir ja schlecht die Wohnung, oder die neuen Kleider vollbluten, also …“
„Oh Gott…!“ Brian schlug die Decke zur Seite. Ein Teil von ihm war wach und auf dem Weg zum Auto. Der andere Teil in ihm wusste nicht mal, wie man ‚Brian‘ buchstabierte. „Nimm … nimm Toilettenpapier oder so …“
„Ja … hab ich … also vorerst …“
„Gib mir zehn Minuten …“ Brian setzte sich auf und rieb mit beiden Händen über sein Gesicht. „Und ich brauche erst einen Kaff…“ Er stockte. „Riecht es hier verbrannt?“
„Nein? Ich koche nur.“
Brian war schneller aus dem Bett als Evelynn ihm in seinem verschlafenen Zustand zugetraut hätte. Nur in Boxershorts gekleidet, sprintete Brian in die Küche. Dort nahm er die Pfanne vom Herd. Was immer das auch mal gewesen war, es stank heftig und war ziemlich verbrannt. „Scheiße! Fuck!“
Evelynn kam ihm nach und kratzte sich verlegen im Nacken. „Naja …, ich habe es auf jeden Fall versucht …“
„Brian?! Mami hat gesagt, ich darf nichts da oben anfassen, weil ich noch zu klein bin, also habe ich da unten angefasst und abgestellt. Gleich als sie zu dir gegangen ist.“ Yannis‘ Mund knautschte zusammen, ehe er geheimnisvoll flüsterte: „Weißt du, Mami kann nicht kochen. Aber sie versucht es manchmal.“
Brian beförderte die Pfanne samt Inhalt in die Spüle und drehte das Wasser auf. Dann sah er zu Evelynn. „Was wolltest du machen? Pancakes?“ Den Kleinen ignorierte er – fast, denn er strubbelte ihm kurz durch die Haare. Wenigstens hatte er den Herd abgedreht, sonst stünde seine Bude wohl jetzt in Flammen.
„Rühr…ei…“ Evelynn sah aus, als würde sie sich schämen. Zurecht.
„Ernsthaft? Du kriegst nicht mal Rührei hin?“ Brian strich sich durch die Haare und schnaufte. Eher genervt als belustigt. „Weißt du eigentlich, wie lange es dauert, bis die Klimaanlage den Gestank rausgefiltert hat?!“ Brian schaltete den Abzug in der Küche ein und ging die paar Schritte ins offene Wohnzimmer rein. Dort blieb er mit offenem Mund stehen, als er die bunten Farben an seinen Wänden sah. Überall! Selbst neben seinem geliebten Fernseher! „Verfluchte Scheiße!“
„Oh …“ Evelynn war ihm gefolgt. „Da war noch was, stimmt. Ich habs mit dem Lappen nicht wegbekommen …“
Yannis stürmte hinein und hängte sich breit grinsend an Brians Hand. „Ist gut geworden oder? Mami hat gesagt, ich kann mega gut malen, und nächstes Mal will sie es auf Papier, damit sie es auch behalten kann, wenn wir die Wohnung wieder wechseln!“ Yannis rannte laut lachend zur einen Wand und deutete auf sein Werk. „Das bist du, das ist Mami, und das bin ich!“ Seine Brust plusterte sich auf. „Und ich bin der Größte, weil ich bei Spinnen nicht schreie! Mami hat in der Nacht so laut geschrien, und du warst auch dabei, also …“ Seine Hand ballte sich zur Faust. „Ab jetzt passe ich auf euch auf!“
Brians Gesicht, erst blass geworden, wurde nun rot. Erst starrte er den Kleinen nieder, dann Evelynn. „Du bist nicht nur zu dumm, um Rührei zu machen, du bist auch noch völlig inkompetent und überfordert bei der Erziehung eines Kindes!“
Evelynn, die bei letzteren Worten ihres Kleinen ganz rot geworden war, erstarrte bei Brians Anschuldigung. Sie nickte, denn er hatte recht. Sie hatte immerhin kaum Zeit gehabt, die sie mit Yannis hätte verbringen können. Und trotzdem zwang sie sich ein Lächeln auf die Lippen, wie so oft. „Stimmt wohl. Und ich gelobe Besserung.“ Ihre Mundwinkel zuckten zu einem wahrhaftigen Lächeln heran. „Jetzt habe ich immerhin auch die Zeit dafür.“
„Also Tampons …“ Brian atmete tief durch. „Und ich bringe Farbe mit, damit du die Wand streichst! Dafür hast du nämlich jetzt auch Zeit!“ Brian sah zu Yannis. Mit ihm würde er später reden. Nicht jetzt, wo seine Laune am absoluten Tiefpunkt war. Unfassbar!
Brian ging in Richtung Schlafzimmer. Aktuell war er sich nicht sicher, wer von den beiden schlimmer war. Kind oder Mutter? Definitiv die Mutter!
„Neue Eier!“, rief ihm Evelynn noch hinterher. Auf ihren Lippen bildete sich dasselbe Grinsen ab, wie auch Yannis es nicht zu selten zur Schau trug. Sie wandte sich ihrem Jungen zu, ein Gefühl verspürend, das sie nicht so recht deuten konnte. Hatte sie sich nicht letztens noch gedacht, ihr fehle ein Prinz, der sie rettete? Nun …, Brian war sicher alles andere als das. Er zwang sie in die Prostitution. Schlich sich ins Badezimmer, wenn sie unter der Dusche war. Er war in Mafiageschäfte verwickelt, und das nicht zu knapp, wenn sie richtig verstanden hatte. Hatte er nicht gar seine eigenen Dealer? Und wenn sie richtig verstanden hatte, sollte er einen davon sogar umgebracht haben. Beim Gedanken daran, dass sie und vor allem Yannis mit einem kaltblütigen Mörder zusammenlebten, lief es ihr kalt den Rücken hinab. Da fiel ihr ein, dass sie Emanuels Beerdigung noch finanzieren musste. Ob Brian ihr dabei helfen… Nein. Das würde er nicht. Sie durfte nicht vergessen, dass er eben doch kein Prinz war. Er war ein Zuhälter. Erpresser. Mörder. Und sehr geschickt mit seinen Fingern – ergänzte das Teufelchen auf ihrer linken Schulter, das sie wissend angrinste und obszön die Schenkel aneinander rieb.
„Yannis?“ Sie konnte ihre Vorfreude nicht unterdrücken. Endlich hatte sie Zeit, etwas mit ihrem Jungen zu machen! Zeit mit ihm zu verbringen. Und wenn sie dafür manches Mal die Beine spreizen und die Augen zukneifen musste, dann … Sie seufzte leise. Dann konnte sie das wohl hinnehmen.
„Mami?“
Hastig schüttelte Evelynn den Kopf und lächelte wieder. „Wir malen heute die Wände wieder an! Zusammen!“ Ihr Gesicht wurde gespielt streng. „Aber dieses Mal in Weiß, ja?“
„Hm …“ Yannis kratzte sich nachdenklich am Kinn. „Aber das ist doch langweiliiiiiig!“
Brian, der sich zwischenzeitlich Hose und Shirt angezogen hatte, starrte Yannis mit zusammengekniffenen Augenbrauen an. „Wenn du unbedingt spielen willst, drück ich dir meine geladene, entsicherte Knarre in die Hand und erkläre dir, wie man russisches Roulette spielt!“ Er ging zur Garderobe und zog sich dort die Schuhe an, während sein Blick noch mal ins Wohnzimmer ging. Reichten fünf Liter Farbe?
„Brian!“
Knurrend verschwand der Mann aus der Wohnung. Kurz darauf ertönte das typische Klicken eines herumgedrehten Schlüssels. Für einen kurzen Moment war es still. Evelynn hatte die Hände angespannt zu Fäusten geballt. Doch irgendwann bedurfte es Yannis der Aufmerksamkeit seiner Mutter, was dazu führte, dass er zögerlich an ihrem Ärmel zog. „Mami? Was ist eine Knarre?“































































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