Kapitel 20 – Papi
Kapitel 20 – Papi
Evelynn rieb ihre Beine aneinander. Das Gefühl dazwischen war seltsam ungewohnt. Sie hatte schon Sex gehabt, aber eben lange, lange Zeit schon nicht mehr. Außerdem … Die Wangen brennend heiß, vergrub sie ihr Gesicht tiefer in ihrem Kissen. Er hatte ihr alles erklären müssen! Wo sie mit ihren Händen hinsollte, was sie damit machen konnte, während sie auf dem Rücken lag, oder wie sie sich in der Missionarsstellung entspannen sollte, damit ihr sein Eindringen nicht weh tat! Dass sie ihre Füße um ihn schlingen oder auf den Seiten liegen lassen konnte. Dass sie sich während dem Sex selbst stimulieren sollte, da es die meisten Kunden mit ihrem eigenen Vergnügen nicht so genau nehmen würden. Die Dinge, die er ihr hatte erklären müssen, hatten kein Ende mehr genommen! Als ob sie eine verdammte, alte Jungfer gewesen wäre! Dabei war sie das – belegt mit einem sich leise vor sich hinmurmelnden, an sie kuschelnden Beweis – längst nicht mehr!
„Hm …“ Sie zog ihr gerötetes Gesicht aus dem Kissen und brummte leise. „So schlimm ist es nicht gewesen …“, flüsterte sie. „Er war sanft …“ Und er hatte eine unglaubliche Geduld aufgebracht. Hatte sich nicht anmerken lassen, dass ihn ihre vielen Fragen und Unsicherheiten verwirrten. Und der Sex selbst war ja irgendwie gut gewesen, dachte sie sich stumm. Seltsam. Und ganz anders, als sie es von früheren Zeiten in Erinnerung hatte …
„Runter auf die Knie, Schlampe! Lutsch meinen Schwanz!“
„Auf die Knie mit dir! Arsch raus, na los!“
Sie schauderte. Das war etwas anderes gewesen. Trevor war nett gewesen. Aber manchmal … wenn sie geblinzelt hatte, da war es Brian gewesen, der … der über ihr gewesen war und sie genommen hatte. Wieder versteckte sie ihr purpurnes Gesicht im Kissen und stöhnte leise. Das sollte sie sich aus dem Kopf schlagen. Aber wirklich. Endgültig! Wieso dachte sie an sowas?!
Sie blickte auf die Uhr. Seit ihrer Heimkehr hatte sie weder schlafen können, noch ihren Gedanken entfliehen. Fast war es sechs. Seufzend stand sie auf und schlich sich aus dem Zimmer, ins Bad. Eine Dusche. Eine kalte, gedankenverdrängende Dusche.
Wenig später kam ein augenreibender Yannis zu ihr hineingetappst. Das hatte sie schon kommen sehen. Deswegen hatte sie auch die Badezimmertür nicht abgeschlossen.
„Na?“ Sie ging in die Knie. „Bist du aufgewacht?“
Yannis nickte müde. „Bist du erst nach hause gekommen, Mami?“
Evelynn lächelte. „Nein. Ich bin schon länger hier. Und ich habe neben dir geschlafen und mit dir gekuschelt.“
Yannis’ Augen glühten auf. „Wirklich?“
Evelynn lachte leise. „Kommst du mit duschen?“
Yannis nickte lächelnd und zog den Pyjama aus. Als er zu Evelynn in die Dusche stieg, zuckte er sofort wieder zurück. „Das ist kaaaalt!“
„Oh …!“ Evelynn kicherte. „Tut mir leid, Schatz.“ Schnell machte sie das Wasser wärmer. Dann streckte sie ihm die Hand entgegen. „Soll ich dir die Haare waschen?“
Yannis sah pikiert zu ihr auf und stemmte die Arme in die Hüfte. „Also bitte, ich bin schon vier Jahre alt, Mami!“
Evelynn zog einen Schmollmund. „Stimmt. Große Jungs können das selbst …“ Sie seufzte. Vielleicht wurden Yannis die gemeinsamen Duschen unangenehm? Immerhin würde er morgen bereits fünf … Seit sie ihn geboren hatte, seit er dem Waschbecken entwachsen war, hatten sie immer zusammen geduscht. Es war ein weiteres Ersparnis. So brauchten sie weniger Wasser. Aber vielleicht wurde es ihm jetzt zu dumm … Das musste sie respektieren.
„Ja! Brian macht das immerhin auch selbst!“
Evelynn erstarrte kurz, nickte dann aber ergeben und verließ die Dusche, um sich abzutrocknen und ihrem Jungen zuzusehen, wie er sich ganz erwachsen, ganz alleine, das Haar mit dem neuen Kindershampoo einseifte. Wie Brian … Evelynn schlang das Handtuch um ihren Körper. „Yannis? Was ist Brian für dich?“
„Hm …“ Überlegend kratzte sich Yannis am Kopf, ehe er damit begann, das Shampoo wieder loszuwerden. „Also Brian mag dich … und er kauft uns Essen. Und Kleider. Und Shampoo …“ Der junge Mann starrte auf die Shampoflasche, die er wieder zu Boden gestellt hatte. „Sogar Spidermanshampoo! Aber … manchmal schaut er dich so komisch an … und dann weiß ich nicht, ob er doch nicht mein Papi sein will.“
Das Handtuch, dessen Ecke Evelynn soeben hatte einstecken wollen, fiel sang- und klanglos zu Boden. „P…papi?“
„So nennt man das doch? Der Mann im Haus. Ein Mann, der sich um eine Frau und ein Kind kümmert. Papi, Mami und Kind. So steht es in den Büchern. Ist das nicht richtig?“
Evelynns Mund klappte auf und zu, sprachlos, stumm wie ein Fisch. Ihre Hände tasteten nach dem Handtuch, während sie den Blick nicht von ihrem kleinen Jungen lassen konnte. „M-mh, nein. Nein, Yannis. Ein Papi … dein Papi … ist … ist …“ Sie hatte das Handtuch gefunden. „Weißt du was? Das erkläre ich dir später beim Frühstück.“ Dieses Gespräch konnte sie nicht ohne jede Vorbereitung führen. Und dazu noch nach einer schlaflosen Nacht. „Duschst du allein fertig? Dann komme ich nachher und föhne dir die Haare?“
Yannis nickte begeistert und Evelynn atmete erleichtert aus. Wollte er also doch noch nicht alles allein machen. Gerade jetzt, wo sie endlich Zeit für ihn fand, hätte ihr das das Herz gebrochen. Im Handtuch verließ sie das Bad und huschte ins Büro, wo Brians Auszugssofa stand.
Brian, der gerade an der Kaffeemaschine stand, sah Evelynn zurück ins Büro gehen. Die Dusche lief noch, also war Yannis bestimmt noch ein paar Minuten beschäftigt. Brian schaltete die Maschine ein, legte eine Kapsel hinein und stellte eine Tasse darunter. Während die Maschine zu brummen begann, bewegte er sich in Richtung Büro, öffnete die Tür und lehnte sich an den Türrahmen. In etwa in derselben Pose wie gestern. Und hoffentlich demselben Grinsen. „Schon wach?“
Evelynn hatte das Handtuch fallen gelassen und schlüpfte gerade in einen alten Trainer. Aus irgendeinem Grund wollte sie nicht die Kleidung nutzen, die Brian ihr neu gekauft hatte. „Du weißt doch, wann Yannis aufsteht“, entgegnete sie – mit dem Kopf nur halb bei Brian –, schloss den Reißverschluss vor ihren Brüsten zu und kuschelte sich, aus dem Fenster starrend, in den Trainer hinein.
Brian brummte als Bestätigung nur. „Wie hast du geschlafen? Nach der Nummer gestern?“
Evelynn seufzte leise. Schon wieder rieb sie ihre Beine aneinander. Fühlte sich immer noch seltsam an. „Gar nicht.“
„Na, sonderlich schlecht war es aber nicht. Auch wenn ich davon ausgegangen bin, du hättest mehr Erfahrungen im Bett.“ Brian drehte kurz den Kopf in Richtung Küche, als ihm der Kaffeegeruch in die Nase stieg.
Evelynn sah über ihre Schulter durch gesenkte Augenlider zu ihm hin. Doch Brian hatte den Blick abgewandt, dem Wohnzimmer zu, und Evelynn sah wieder nach vorn. „Ich glaube, ich habe eine ganze Menge an Erfahrung darin.“ Sie drehte sich um, und ging an Brian vorbei, ins Wohnzimmer. „Ich kann mich nur an das meiste davon nicht erinnern.“
„Wie das?“ Brian hob die Augenbrauen.
Sie blieb stehen. Bevor sie antwortete, kontrollierte sie, ob die Dusche noch lief. „Drogen, Brian. An die meiste Zeit, kann ich mich gar nicht erinnern. Ich habe jeden Scheiß genommen, oral, intravenös, scheißegal. Hauptsache Drogen.“ Sie nickte zum Bad. „Irgendwann ist beim Bezahlen was schiefgelaufen.“ Die Dusche verstummte und Evelynn lächelte traurig bei den Gedanken an früher. Dem Gedanken, abzutreiben, den sie eine ganze Weile gehegt hatte. Sie war im Zwiespalt mit sich gewesen. Hatte genug damit zu tun gehabt, den Entschluss, clean zu werden, zu fassen. Schlussendlich war es für eine Abtreibung zu spät gewesen. „Aber dieser Unfall war das Beste, was mir hätte passieren können. Ansonsten wäre ich wohl irgendwann an einer Überdosis gestorben und in einer einsamen, dunklen Gasse verreckt.“
„Und die Drogen hast du bekommen, indem du einfach die Beine breit gemacht hast?“
„Sobald ich einmal im richtigen Umfeld dafür war? Ja. Solange ich vollgedröhnt war, bin ich geblieben und die Männer hatten eine willenlose Schlampe, mit der sie sich vergnügen konnten.“ Sie ging zur Kaffeemaschine, griff nach der Tasse, blies und nahm einen Schluck. An diese Zeiten zu denken, war scheiße. Ein drückendes Gefühl machte sich in ihren Augen breit, als sie den nächsten Satz verlauten ließ. „Aber“, erneut blies sie vorsichtig in die heiße Tasse hinein, „dazu gekommen bin ich durch meinen Bruder.“
„Nett“, kommentierte Brian das Erzählte mit sarkastischem Unterton. „Der eigene Bruder ist Zuhälter und Drogendealer in einem. Ich hoffe, er liegt mittlerweile unter der Erde.“ Brian schnaufte abfällig, nahm eine zweite Tasse und tauschte die Kapsel aus, bevor er die Maschine erneut einschaltete. „Und wann war das? Wann hat der Mist angefangen?“
Ein trauriger Ausdruck schlich sich auf Evelynns Züge. „Ja.“ Sie schluckte. „Das tut er. Und ich muss dringend seine Beerdigung auf die Beine stellen … Nur habe ich dafür nicht das Geld.“ Sie schüttelte den Kopf, um den Gedanken an die ewigen Geldsorgen loszuwerden. „Außerdem war er kein Zuhälter. Er hat mir nur die Drogen angedreht. Wollte sich damals wohl einen Namen in der Branche machen … und hat Abnehmer gebraucht …“ Gedankenverloren starrte Evelynn in die braune Plörre. „Und zu deiner Frage: Ich war fünfzehn. Unsere Eltern waren streng, also hat es nicht lange gedauert, bis sie es gemerkt haben. Da bin ich abgehauen. Spätestens von da an ist alles schiefgegangen. Ich habe eine Weile auf der Straße gelebt. Wenn ich ein Bett gefunden habe, habe ich mich reingelegt. Erst nach einem Jahr …“
„Mamiii! Föhnen!“
Evelynns Mundwinkel zuckten nach oben, während sich eine einsame Träne aus ihrem rechten Auge löste und in den Kaffee fiel, dessen Oberfläche daraufhin kleine Wellen schlug. „Nach einem Jahr …“, versonnen glitt ihr Blick zum Badezimmer, wo ein nackter, junger Mann auf sie wartete und den Föhn schon in den Händen hielt. Sie lächelte. „Nach einem Jahr habe ich alles daran gesetzt, clean zu werden.“
Brian folgte ihrem Blick und sah Yannis halb in der offenen Tür stehen. „Gibt keinen besseren Grund, sein Leben komplett umzukrempeln.“ Er zog einen Schlüsselbund aus seiner Hosentasche und hielt diesen Evelynn hin. Zwei Schlüssel hingen daran und ein schwarzer Plüschbommel.
Irritiert sah Evelynn die Schlüssel an. „Was ist das?“
„Zwei Schlüssel. Offensichtlich.“ Brian grinste. „Einer passt unten in die Haustür, der andere hier oben in die Wohnungstür. Verliere sie bloß nicht!“ Brian nippte an seinem Kaffee und setzte sich an den Küchentisch. „Ich muss heute ein paar Dinge regeln und werde erst spät zurück sein. Zwei Blocks weiter ist ein großer Park mit Spielplatz. Es wird Yannis dort gefallen.“
Sprachlos sah Evelynn den Zuhälter an. Wirklich? Das Wort lag ihr auf der Zunge, aber aus Angst, er könnte seine Meinung doch noch ändern, ließ sie es bleiben. „Danke.“ Sie war kurz davor, ihm um den Hals zu fallen. Schnell musste sie sich daran erinnern, dass auch er es gewesen war, der sie eingesperrt hatte. „Wir … müssen noch über…“
„Maaaaami!“
„Äh, nachher.“ Sie stellte die Tasse hin. „Komme, mein Schatz. Ich bin schon da, siehst du?“
„Du bist zu langsam. Musst du unbedingt so lang mit P… Brian reden? Hast du ihn jetzt mehr lieb als mich?“ Eingeschnappt verschränkte er die Arme vor der Brust und lehnte sich an den Türrahmen.
Oh, bitte nicht, dachte Evelynn verzweifelnd. Er machte ihn schon nach. Und war das da ein P von dem Brian gewesen? Evelynn war nahe dran, Panik zu schieben. „Na komm. Föhnen wir dir die Haare.“






























































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