Kapitel 21 – Backe, backe Kuchen …

Kapitel 21 – Backe, backe Kuchen …

 

Evelynn, Brian und Yannis saßen alle zusammen am Frühstückstisch. Die Stimmung war ausgelassen. Brian hatte ihr die Schlüssel gegeben, gezeigt, dass sie sich sein Vertrauen ergattert hatte, und sie konnte heute mit Yannis raus. Doch die lockere Stimmung sollte nur allzu schnell in die Brüche gehen.

Yannis verschlang gerade den letzten Bissen seines Nutellabrots. „Also“, seine Zunge schoss vor und leckte ihm über die Lippen, „wieso kann Brian nicht mein Papi sein, Mami?“

Evelynn, zu geschockt von der Direktheit ihres Sohns – vor Brian! – brachte kein Wort heraus. Luft war ein Fremdwort geworden und zum Blinzeln war ihr Körper ebenfalls nicht mehr imstande.

Brian hätte sich beinahe an seinem Kaffee verschluckt. Über den Rand der Tasse hinweg sah er den Kleinen nachdenklich an. „Ist ja schön, wenn du einen Papa willst. Aber hast du dir auch mal überlegt, dass ich keine Lust auf Kinder habe?“ Brian, der bisher eigentlich immer nett zu dem Kleinen gewesen war, klang nun schroff, geradezu unfreundlich.

Evelynn, die neben Brian saß, verpasste ihm reflexartig einen Schlag in den Bauch mit dem Ellbogen. „Er versteht es doch noch gar nicht!“ Sie schluckte. „Yannis.“

Yannis war den Tränen nahe und Evelynn brach es fast das Herz. Schnell stand sie auf und ging um den Tisch herum, zu ihrem Sohn, der bereits leise schniefte. „Geht er jetzt auch weg, Mami?“

Verdammt! Evelynn warf dem Arsch von Zuhälter einen mordenden Blick zu. „Nein …, Yannis. Brian … kann nicht dein Papi sein, weil … du schon einen hast.“

Yannis schniefte. „Und wo?“

Einmal mehr missbrauchte Evelynn ihre Unterlippe als Kaugummi. „Dein Papi ist weg. Er war nie da. Aber als er dich zusammen mit mir gemacht hat …, da war er da. Und darum ist dieser Mann dein Papi. Und das war nicht Brian. Verstehst du?“

Yannis schüttelte postwendend den Kopf. „Nein! Das verstehe ich nicht!“

Evelynn seufzte, hob die Hand und strich ihrem kleinen Jungen durchs Haar. „Also, das ist so. Wenn sich zwei Menschen liebhaben, ganz fest, dann geschehen Wunder.“ Sie lächelte sanft, wischte ihm eine Träne von der Wange und platzierte einen Kuss darauf. „Weißt du, was das für ein Wunder ist?“



„Ich?“

„Genau.“ Evelynn nickte, erleichtert darüber, dass er das verstand.

„Aber wieso ist er gegangen? Wenn du ihn so lieb hattest? Und er dich?!“

„Weil … weil er mich irgendwann nicht mehr so lieb hatte …“ Oder eher, weil er keine Ahnung davon hatte, dass er Vater war …

„Und“, Yannis ballte die kleinen Hände zu Fäusten, „wieso kann Brian dann nicht … nicht mein Papi sein?!“

Brian trank einen großen Schluck Kaffee und betrachtete den Kleinen dabei. Natürlich konnte der Kleine nichts dafür. Er versuchte bloß, logisch zu denken. Nur kurz gingen Brians Gedanken zu den Ultraschallbildern. Er war dabei gewesen, als die Herztöne bei einer Untersuchung zu hören gewesen waren. Hatte Bilder eines wunderschönen, riesigen Bauches, in dem sein Kind heranwuchs, vor Augen. Kinder waren toll, keine Frage. Er liebte sein Patenkind und die Kinder seiner Cousinen und Cousins. Aber ein eigenes Kind … Dem hatte er abgeschworen.

Brian stellte die Tasse ab, griff nach seinem Schlüsselbund und verschwand ohne ein weiteres Wort. Am besten, er würde nach einer anderen Bleibe für Evelynn und das Kind suchen.

 

Nach dem Frühstück ging Evelynn mit Yannis an der Hand nach draußen. Die Wohnung roch noch immer nach frischer Farbe, sodass sie es kaum erwarten konnte, sie für längere Zeit zu verlassen – außer um zur Arbeit zu gehen.

„Mami?“

Bitte nicht wieder das Thema Papi, flehte sie innerlich, hatte aber schon die Befürchtung, dass es sich wieder um eine Frage deswegen handeln würde. Das Thema hatte sich in Yannis’ Kopf gefressen und ließ ihn scheinbar nicht mehr los. Dabei war Brians Reaktion mehr als eindeutig gewesen. Selbst wenn es für Evelynn akzeptabel gewesen wäre, ihn diese Art von Beziehung zu ihrem Sohn aufbauen zu lassen, wollte er es nicht. Vater zu sein, bedeutete Verantwortung, und Männer hatten damit bekanntlich so ihre Probleme …

„Was ist denn?“

„Wenn Brian dich nicht lieb hat, wieso begleitet er dich dann immer zur Arbeit in der Nacht? Passt er denn nicht gut auf dich auf? Ich will, dass jemand auf dich aufpasst. Ich will nicht, dass du gehst!“

Verwirrt runzelte Evelynn die Stirn. „Aber ich gehe doch nirgends hin?“

„Aber ich meine …“ Yannis verstummte für einen kurzen Augenblick. „Ich meine, für immer. So wie mein Papi. In einem Buch ist gestanden, dass manche Menschen in den Himmel gehen, und dann nicht mehr zurückkommen. Und du hast gesagt, dein Freund ist für immer gegangen … Da, als du so traurig warst. Kurz bevor wir Brian im Supermarkt getroffen haben.“ Yannis zog verunsichert an ihrer Hand und brachte sie damit, zum Stehen. Sein Blick suchte ihren. „Ich will nicht, dass du irgendwann auch für immer gehen musst. Also muss jemand auf dich aufpassen.“ Der Ausdruck in seinem Blick war entschlossen. „Wenn Brian es nicht tut, komme ich in der Nacht mit und passe auf dich auf!“



 

An diesem Abend, nach Stunden des energieraubenden Spielens auf dem Spielplatz mit anderen Kindern, die er aber irgendwie alle seltsam fand, bemühte sich Yannis mit allem, was er hatte, nicht einzuschlafen. Seine Augen waren schwer und träge. Seine Mutter strich ihm durchs Haar und lag bei ihm. Das würde sie so lange tun, bis er eingeschlafen war. Doch er wollte nicht. Er wollte mitgehen! Seine Mutter beschützen! Sie durfte ihn nicht verlassen! Er hatte doch keinen Papi! Wo sollte er sonst hin? Insbesondere jetzt … hier … wo Brian ihn nicht lieb hatte und Opa Malvin nicht mehr auf ihn aufpasste. Wenn seine Mami entschied, zu gehen, war er allein. Ganz … allein.

Doch aller Bemühungen zum Trotz schlief er bald schon ein und Evelynn machte sich mit Brian auf den Weg. Irgendwann im Verlauf des Tages war er zurückgekommen. Sie hatte gesehen, wie angespannt er gewesen war, als sie mit Yannis nach dem Spielen wieder zur Tür hineingekommen war. Er hatte gedacht, sie wäre abgehauen. Und vielleicht hätte sie das auch tun sollen. Vielleicht wäre es das einzige Vernünftige gewesen, und wäre sie allein gewesen, hätte sie keine Verantwortung gehabt, hätte sie es wohl gemacht. Doch sie hatte einen Sohn. Und ehe sie ihm ein Leben auf der Straße oder im Heim zumuten würde, würde sie eher noch Brians Füße küssen und ihn anflehen, hierbleiben zu dürfen. Denn jetzt hatte Yannis richtige Kleidung, ohne unzählige Nähte. Jetzt hatte er Essen, nährreiches und gesundes Essen, wie er es brauchte. Hier bekam er Bildung, Brian hatte ihm Kinderbücher gekauft, hier hatte er Spielzeug. Yannis fehlte es hier an nichts. Selbst ein Vorbild fand er in Brian. Eines, das Evelynn ihm nicht bieten konnte. Yannis hatte keine Angst vor Brian. Die furchteinflößenden Seiten dieses Mannes kannte er nicht und bekam sie auch nicht zu sehen. Und so beschloss Evelynn – so, wie sie es seit vier langen Jahren tat – ihrem Kind den Vorzug zu geben und selbst zurückzustecken. Schlag für Schlag – Fick für Fick. Es würde sie nicht umbringen. Sie würde es verkraften. Irgendwie.

 

Am nächsten Morgen, Yannis‘ Geburtstag war angebrochen, stand Evelynn frühmorgens in der Küche, den Kopf über einem Kochbuch schwebend, die Stirn gerunzelt. Ihr Sohn spielte derweil im Zimmer mit dem Bären von Emanuel und ahnte noch nichts von der nahenden Katastrophe.



Evelynns Finger strich konzentriert über das vergilbte Papier. Sie hatte das Buch vor Jahren auf einem Flohmarkt gefunden. „Zweihundert Gramm gehackte Schokolade im Wasserbad schmelzen …“ Verzweifelt kratzte sie sich am Hinterkopf. Der Schweiß war ihr längst ausgebrochen, dabei hatte sie erst das Mehl in der Schüssel. „Was ist ein Wasserbad? Wieso muss ich die Schokolade hacken und dann schmelzen?“ Das gab doch alles gar keinen Sinn!

Brian betrat die Küche. Wie so oft hatte er nur eine Boxershorts an und diese hing heute ziemlich tief, sodass das V seiner Lenden jedermanns – oder -fraus – Blick augenblicklich darauf lenkte. „Schmilzt schneller. Aber ich pack das immer in die Mikrowelle“, entgegnete er ungefragt und stellte sich vor die Kaffeemaschine. „Dann brennt meine Küche auch nicht ab bei deinen Kochkünsten.“

Evelynn sah auf – sogleich zog es ihren Blick das V hinab. Wie eine verdammte Flugzeuglandebahn mit blinkenden Lichtern, kam es ihr in den Sinn. Hastig schaute sie wieder hoch, nur um Brians arrogant grinsendem, selbstzufriedenen Blick zu begegnen. Sie knurrte. „Ich fackle die Wohnung schon nicht ab!“ Sie gab sich größte Mühe, ihren Blick wieder auf das Kochbuch zu fokussieren, doch um ihre Konzentration war es geschehen. Sein Sixpack regte sich in ihrem Augenwinkel und ihre Beine rieben sich aneinander, ein Gefühl des Wundseins auslösend – in mahnender Erinnerung an letzte Nacht. Ein weiterer Kunde. Bei weitem nicht so nett wie Trevor. Und doch ließ sie sein Anblick nicht kalt. Mit einem Gefühl, das zwischen Wut und Genervtheit schwankte, fuhr sie ihn an: „Kannst du dir nicht mal was Richtiges anziehen?! Wie soll man sich so auch konzentrieren?!“

Brian lachte leise, trat hinter sie und beugte sich zur Arbeitsfläche, wobei er Evelynn gegen den Küchentisch presste. Sein Körper strahlte eine angenehme Hitze aus und sein Becken presste sich leicht und doch spürbar gegen ihren Hintern. „Wie? Ich lenke dich ab?“ Brian streckte seinen Arm aus und griff nach dem Zucker, den sie wegen des Kuchens aus dem Regal genommen hatte. „Wie lief es gestern mit deinem Kunden? Habe gesehen, dass das Zimmer über eine Stunde in Nutzung war. Jenn meinte, er sei mit einem zufriedenen Grinsen gegangen.“ Sein Mund war direkt an ihrem Ohr; beinahe berührte er mit seinen Lippen Evelynns Ohrläppchen. „Warst du auch zufrieden?“



In Evelynn spielten sich mit einem Mal verschiedenste Gefühle ab. Wut – weil er sie zu dieser Arbeit zwang. Zorn – weil er sich an sie presste und ihren unglücklichen Körper damit erhitzte. Scham – weil ihr das Bild, das sie gestern nach ihrem Besuch im Spiegel abgegeben hatte, wieder in den Sinn kam. Evelynn setzte ein breites, offensichtlich falsches Lächeln auf und drehte ihren Kopf herum, sodass sie ihn ansehen konnte. Gesicht an Gesicht grinste sie ihm entgegen und drückte ihren Hintern gegen seine Lenden. „Aber ja doch. Ich war rundherum zufrieden. Drei Orgasmen und an jeder Stelle meines Körpers mit seinem Samen bedeckt, was könnte sich eine Frau mehr wünschen?“ Sie leckte sich lasziv über die Lippen. Hoffentlich bekam er von ihren Worten einen Ständer und würde daran verrecken. Von Orgasmen hatte sie mit diesem Sadisten von Kunden nur träumen können, aber zumindest die Tatsache, dass sie danach eine sehr lange Dusche benötigt hatte, war nicht gelogen gewesen.

„Klingt gut. Schaffst du heute zwei?“ Brian näherte sich Evelynn noch ein kleines Stückchen mehr, sodass ihre Lippen nur noch von einem Hauch Luft getrennt waren. „Wären fünf Prozent mehr für dich.“

Ihr Lächeln verblasste. „Mal sehen.“ Sie fühlte sich immerhin immer noch wund an. Eigentlich hatte sie keine große Lust, das Pensum noch zu erhöhen.

Brian ließ von ihr ab. Jetzt, wo er sie endlich so weit hatte, dass sie arbeitete, sollte er keinen Druck aufbauen. Noch nicht. Erst noch etwas weiter einschleifen lassen, bis es für sie normal war, Schwänze in sich zu haben. Er nahm seine Tasse, kippte zwei Löffel Zucker rein und rührte mit dem Löffel um. Dabei sah er zu Evelynn, die die gleiche Arbeitsanweisung bestimmt schon zum dritten Mal gelesen hatte. „Ein Kuchen? Wofür?“

„Ich versuche meinem Sohn einen Geburtstagskuchen zu backen. Bisher hatte ich doch nicht einmal das Geld für die Zutaten, geschweige denn die Zeit dafür …“

Brian hob die Augenbrauen und sah in Richtung des Büros, in dem der Kleine spielte. „Ich nehme an, es war Absicht, dass du mir von seinem Geburtstag nichts erzählt hast?“ Brian nippte an seinem Kaffee, lehnte sich seitlich an die Arbeitsplatte und betrachtete Evelynn in ihrem Tun.



„Nein, ich hatte schlicht keine Zeit dafür. Oder Lust. Hat sich eben nicht ergeben. Wieso?“

„Dachte wegen der Papa-Sache. Hätte ja sein können, dass du mich aus seinem Geburtstag raushalten willst.“ Brian trank wieder einen Schluck und sah Evelynn dabei zu, wie sie begann, Schokolade kleinzuhacken. „Es kommen aber keine Freunde von ihm hierher, oder?“

Sie schüttelte den Kopf, hielt in ihrer Bewegung inne und schaute traurig zum Büro hinüber. „Hat er keine. Er schließt schnell Freundschaften, aber er kam bisher ja kaum raus. Malvin ist zwar durchaus manchmal mit ihm raus, aber der alte Knacker ist ein Stubenhocker. Eine andere Nachbarin, die zeitweise auf ihn aufgepasst hat, liegt aufgrund ihrer Chemo seit längerem nur im Bett.“ Sie räusperte sich und wandte sich wieder dem Schokoladehacken zu. „Die Frage nach seinem Papi musste früher oder später aufkommen. Es ist schwierig für ihn, auch wenn er es nicht zeigt. Er fragt sich, wo sein Paps ist.“ Sie seufzte leise. „Selbst wenn ich wüsste, wer er ist und wo er sich jetzt aufhält … Ich bezweifle, dass er ein guter Mensch ist. Ein guter Vater wäre. Es ist nur normal, dass du für ihn jetzt die Vaterrolle einnimmst. Du bist ein Mann und du lebst mit uns zusammen. Das ist es, was er sich unter einem Vater vorstellt.“ Sie ließ von dem Messer ab und drehte sich zu Brian um. Er stand ihr immer noch verdammt nah, sodass sie ihren Kopf in den Nacken legen musste. „Er braucht ein Vorbild. Genauer gesagt, guckt er sich schon so einiges von dir ab. Wenn er dich Papi nennt, dann sag ihm freundlich, dass du Brian bist. Nicht sein Vater. Aber so oder so bist du jetzt ein Vorbild für ihn. Dagegen kann ich nichts machen. Also …“, sie steckte ihm ihren Zeigefinger in die Brust, „finde dich damit ab und sei ein gutes Vorbild für meinen Sohn. Dir muss klar gewesen sein, dass er eine Bindung zu dir suchen wird, wenn du uns hier aufnimmst.“

„Ist dein Job, ihm klarzumachen, wie die familiären Verhältnisse sind. Das hier ist eine reine Wohngemeinschaft und auch nur vorübergehend.“ Brian wandte sich ab und ging zurück in sein Schlafzimmer.

Evelynn seufzte und wandte sich wieder dem Backen zu. „Ich hab dir gesagt, was du machen kannst …“ Sie selbst hatte keinen Einfluss darauf, was Yannis sich insgeheim wünschte. Er wünschte sich eine Familie. Und wie sie gestern Abend erfahren hatte, wünschte er sich mehr als alles andere, dass sie in Sicherheit war …



 

Eine ganze Weile später kam die Mischung in den Ofen. Hoffentlich wurde das etwas …

Durch den Geruch angelockt, kam Brian wieder runter in den großen Wohnbereich. Er steckte ein Smartphone an das Ladekabel und schaltete den Fernseher ein. „Wie lange muss der Kuchen backen?“

Hastig warf Evelynn noch einmal einen Blick auf die Anleitung. Das hätte sie beinahe vergessen! Der musste irgendwann wieder raus! „E…eine halbe Stunde. Puh …“ Erschöpft strich sie sich durchs Haar. „Das reicht gerade für eine Dusche.“ Und damit verschwand sie im Bad. Kuchen backen war fürchterlich anstrengend …

Brian warf einen Blick auf die Uhr. Nur, um auf Nummer sicher zu gehen. Dann stand er auf und ging ins Büro, wo Yannis in einem Kinderbuch blätterte. „Hey. Hast du Lust, ’ne Runde zu zocken?“

„Socken?“ Verwirrt sah der Kleine auf, blickte dann zu seinen nackten Füßen und runzelte die Stirn.

„Komm her. Ich hab da was, das dir gefallen wird.“ Brian wartete gar nicht erst auf Yannis‘ Reaktion, sondern ging wieder zurück ins Wohnzimmer und legte den Chip für Mario Kart in die Switch. Dann griff er zwei Controllern und startete das Spiel.

Der Kleine kam ihm nachgerannt. „Spidermansocken?“

„Nein, viel cooler. Hier, setz dich!“ Brian erklärte dem Kurzen, wie man den Controller bediente. Dann wählte jeder seine Fahrzeuge aus und das Spiel begann.

 

Die erste Runde hatte Brian mit Leichtigkeit gewonnen. Aber der Junge lernte unglaublich schnell. Im zweiten Rennen lag Yannis nur noch drei Plätze hinter Brian und im letzten Rennen war es für den Erwachsenen teilweise ziemlich knapp geworden.

„Nochmal!“, rief Yannis begeistert und wischte sich die schweißnassen Finger an der Jeans ab.

„Klar!“ Brian startete die nächste Runde. Schon im ersten Rennen hängte der Kleine ihn ab. Während sie im zweiten Rennen Kopf an Kopf lagen, überwand Brian seinen inneren Kampf. „Hey, Yannis …, wegen gestern. Tut mir leid, dass das so scheiße lief. Aber weißt du, du kennst mich kaum und …“ Ja, wie sollte er das Thema mit einem kleinen Jungen klären? Zumal er ihm auch keine Hoffnungen machen durfte. „Ich fänd es cooler, wenn wir einfach nur Freunde sind, weißt du? Der Job als Papa wäre mir zu viel. Ich bin ja auch gar nicht mit deiner Mom zusammen. Wir wohnen zusammen, mehr nicht. Oder hast du uns schon knutschen sehen?“ Obwohl er einen Neffen im selben Alter wie Yannis hatte, fiel es ihm schwer, kindgerecht mit dem Kleinen zu reden.



Yannis sah zu Brian und fuhr prompt in eine Banane. „Knutschen?“

„Ja, das machen verliebte Menschen. Deine Mutter küsst dich ja auch. Und du hast ihr sicher auch schon einen Kuss auf die Wange gegeben. Aber wenn Erwachsene sich mögen, dann küssen sie sich auf den Mund. Deshalb kann ich gar nicht dein Papa sein. Ihr wohnt nur eine Weile hier. Und bis ihr wieder in eine eigene Wohnung zieht, können wir einfach Freunde sein.“ Immerhin hatte der Junge ja selbst gesagt, sie würden wieder umziehen. Das wäre sicherlich die beste Lösung für alle. Aber erst, wenn er Evelynn besser im Griff hätte.

„Hm. Okay. Dann sind wir Freunde.“ Eine Weile war es still. Brian hatte schon die Hoffnung, das wäre es gewesen, da fragte Yannis: „Also macht man Kinder durchs Knutschen? Wenn ich erwachsen bin und ein Mädchen auf den Mund küsse, werde ich Papi?“

Brian verschluckte sich um ein Haar an der eigenen Spucke. „Nein!“, hustete er halb. „Keine Sorge. Durch Küssen macht man keine Kinder. Deshalb kann deine Mutter dich ja auch ständig mit Küssen überhäufen. Um Kinder zu machen, muss schon mehr passieren. Aber das geht erst, wenn du erwachsen bist.“

„Aber ich bin schon groß! Wie du!“

„Ja, in zehn, fünfzehn Jahren vielleicht!“ Brian lachte und zwickte Yannis in die Seite.

Die Tür zum Badezimmer flog auf. „Scheiße, scheiße, scheiße!“ Evelynn eilte aus dem Badezimmer, das Handtuch um den Körper gebunden und die Haare klitschnass. Hastig lief sie zum Ofen, öffnete ihn und fasste hinein.

„Nein!“ Brian war hochgeschreckt. War sie von Sinnen?!

Rechtzeitig zog Evelynn ihre Hand wieder aus dem heißen Ofen und erinnerte sich daran, dass sie einen Topflappen brauchte.

Brian pausierte das Spiel und ging in die Küche. Er hatte völlig die Zeit vergessen, aber der Kuchen konnte höchstens fünf Minuten zu lang drin gewesen sein. „Nicht hektisch werden, sonst geht nur was schief!“

„Ja, ich hätte ja noch daran gedacht …!“ Evelynn hatte nach den Topflappen gegriffen und den Kuchen aus dem Ofen geholt. Sie starrte ihn an, als könnte sie es nicht glauben. „Ist der wirklich gut geworden?“

Brian musterte den Kuchen und verkniff sich ein breites Grinsen. „Riecht zumindest gut.“



„Mami?“ Yannis hatte sich auf dem Sofa umgedreht und guckte über dessen Lehne. „Was ist das?“

Hastig stellte sich Evelynn vor den Kuchen. „Eine Überraschung!“

In Yannis‘ Augen wuchs die Neugier. „Was für eine Überraschung?“

„Eine, die du nachher zu sehen bekommst. Aber nur, wenn du jetzt kurz nochmal ins Zimmer spielen gehst.“

„Aber ich will mit Brian weiterspielen! Er ist jetzt mein Freund, weißt du! Weil ihr ja nicht knutscht und darum keine Babys machen könnt!“

Brian ließ die Aussagen des Kleinen unkommentiert und setzte sich kopfschüttelnd wieder zu ihm auf die Couch, um weiterzuzocken.

Indessen bereitete Evelynn alles vor. Sie entfernte den Rahmen – vorsichtig! –, sie vermengte Puderzucker mit ein wenig Wasser und goss das Ganze über das dampfende Gebäck …, das irgendwie immer kleiner zu werden schien. Und der Puderzuckerguss floss einfach runter, ohne dass viel davon zurückblieb, und nässte die Küchenablage ein. „Naja …“, murmelte sie leise, „vielleicht schmeckt es trotzdem.“ Kerzchen mussten noch darauf. Und dann kam das Ganze in den Kühlschrank.

Sie drehte sich um, lehnte sich an die Küchenkombination und sah zu ihrem Sohnemann, wie er da freudig mit Brian Mariokart spielte. Das hatte sie früher mit Emanuel auch getan. Ihr Vater hatte sich oft angeschlossen, während ihre Mutter das Ganze nur mit skeptischen Augen betrachtet hatte. Es waren glückliche Zeiten gewesen. Zwar waren beide Eltern streng gewesen, und beide hatten Probleme damit, zu akzeptieren, dass ihre Kinder älter geworden waren, eine eigene Persönlichkeit entwickelt hatten, doch alles in allem war eine lange Zeit alles in Ordnung gewesen. Bis sie, Evelynn, mit dem Drogenkonsum alles zerstört hatte.

Yannis rief freudig aus und hüpfte auf der Couch herum. „Mami, Mami, ich hab Brian besiegt!“

Sie lächelte. „Sehr gut hast du das gemacht.“

 

Eine Stunde später – Yannis hatte sich mit seinem Teddy und einem Buch auf dem Sofa bequem gemacht – fand Brian den Kuchen im Kühlschrank. Wieso? Das war eine Frage, die er sich bei dieser Frau schon einmal zu oft gestellt hatte. Warme Sachen kamen nicht in den Kühlschrank. Dadurch ging er kaputt! Bestimmt hatte sie ihn so abkühlen lassen wollen. „Dummes Weibsstück …“, murmelte er leise, darauf achtend, dass der Kleine ihn nicht hörte.



Auf einmal schellte es. Irritiert sah er zur Kommode, wo Evelynns Handy fröhlich vor sich hinklingelte. Er hatte es heute Morgen eingesteckt, damit es auflud und er mehr über die junge Frau erfahren konnte. Er warf einen Blick auf das Telefon. „Unbekannte Nummer?“

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