Kapitel 27 – Perverse Freizeitbeschäftigung

Kapitel 27 – Perverse Freizeitbeschäftigung

 

Evelynn hatte die Augen weit aufgerissen. Brian … küsste sie! Zahlreiche Gedanken fluteten ihr Hirn, und das in einer Geschwindigkeit, die an die von Licht erinnerte. Glück, Freunde, Faszination, aber gleichzeitig auch Frust, Scham, Wut und Ärger überschwemmten sie, Welle für Welle. Sie stand da, konnte nicht … konnte nicht sagen, was sie fühlen oder tun sollte. Ihre Arme hatten sich, erschrocken über Brians plötzliche Bewegung, um ihren Körper geschlungen.

Brian küsste sie. Er bewegte seine Lippen, dominierend und hart, während sie nicht nachkam. Ihre Lippen bewegten sich auch …, oder? Sie war sich nicht sicher, ob sie den Kuss erwiderte. Ihre Konzentration lag auf ihren steifen Armen, die sie langsam und bewusst von ihrem Körper löste und an seine Brust legte. Doch ob sie ihn wegstoßen und lediglich die Muskeln unter seinem Shirt fühlen wollte …? Letztendlich tat sie Letzteres. Irgendwann hatten sich auch ihre Augen flatternd geschlossen. Doch ehe sie sich richtig in den Kuss hätte fallen lassen können, wirklich hätte damit beginnen können, ihn auch zu genießen, war er schon wieder vorbei.

Brian blieb mit seinem Gesicht nah an ihrem. Sein Atem ging schwer. Der Kuss war mehr gewesen als pure Erleichterung. Und von ihrer Seite? Wahrscheinlich nur reiner Automatismus. Er trat einen Schritt zurück. „Nish weiß, dass ich dich nicht umgebracht habe. Er hat Leute in meinen Club geschickt. Zum Glück hat er dich da nicht gefunden.“

Evelynns rechte Hand zuckte zu ihren Lippen. Das war ein Traum gewesen … ganz … sicher … Aber wieso waren ihre Lippen dann geschwollen? Wieso schmeckte sie ihn noch immer? „Leute … Nish … hat deinen Puff …“ Evelynn runzelte die Stirn. Ihre Gedankengänge waren träge. Träger noch, als es nur die Müdigkeit hätte vollbringen können. Der Großteil ihres Verstandes war damit beschäftigt, den Kuss irgendwie zu verarbeiten. Einzuordnen. Er war doch ihr Zuhälter! Kein guter Mensch! Wieso konnte sie dann nicht …! Wieso konnte sie ihn jetzt nicht von sich stoßen? Wieso wollte sie noch nicht einmal daran denken, dass dieser Kuss nur eine seiner spontanen Eigenheiten gewesen war und es gut sein lassen? „Du hast mich geküsst.“



„Ja. Keine Ahnung, was über mich gekommen ist.“ Brian verzog das Gesicht und sah in Richtung Büro. Yannis schien noch zu schlafen. Ein Glück. „Ich, ehm … Du solltest noch etwas schlafen, Eve.“

Evelynn blinzelte. „Ja …“ Sie bemerkte, wie sie wütend wurde. Konnte die ätzende Hitze regelrecht in sich aufsteigen spüren. Ihre Hände ließen von seiner Brust ab und Evelynn taumelte einen Schritt zurück. „Abartig, dass dir sowas in den Sinn kommt.“ Sie beeilte sich, ins Büro zu kommen und die Tür hinter sich zu schließen. Erst dann ließ sie die erste Träne fallen und schluchzte leise auf. Was war nur mit ihr los? Was war mit ihm los?! Erst küsste er sie und dann tat er so, als wäre allein die Möglichkeit, er könnte sich von ihr angezogen fühlen, völlig abwegig! Ihr Herz schmerzte. Verdammt, wieso tat das so weh?

Brian ging ins Bett. Aber er konnte nicht einschlafen. Seine Gedanken drehten sich im Kreis. Die Sorge, der Kuss, der Club, Nish …

Erst als er Stimmen hörte und sich seine Augen müde öffneten, realisierte er, dass die Nacht vorbei war. Brian stand wieder auf, nahm eine heiße Dusche und war kurz darauf im Wohnzimmer. „Ich brauche das Büro die nächsten Stunden. Kannst du hier im Wohnzimmer spielen, Yannis?“

„Machen wir!“, flötete der kleine Sonnenschein, packte seine Mutter, die gerade noch dabei gewesen war, sich ein Shirt überzuziehen, an der Hand und zog sie ins Wohnzimmer zum Sofa, wo bereits sein Lieblingsbär lag. „Mami, du musst die Böse spielen, und dann rette ich ihn!“

Brian schloss die Tür zum Büro, dimmte das Licht und legte den ersten Speicherchip in den Leser. Er spulte das Video im Schnelldurchlauf vor, bis er Nishs Schläger eintreten sah. Es waren zwei Kunden da gewesen. Mit zwei blauen Augen verließen die beiden seinen Puff eine Weile später. Jennifer hatte dazwischengehen wollen, doch trotz ihrer anfänglichen, scheinbaren Erfolge, die Männer zu beruhigen … Die Männer hatten sie gepackt, sie über die runde Couch geworfen … und damit hatte der Scheiß begonnen.

Während sich die Männer an Jennifer vergriffen, kam Kelly rein. Sie wollte noch flüchten, aber da hatten Nishs Schläger sie schon entdeckt. Sie ließen von der geschändeten Jennifer ab und gingen auf die Jagd, zertrümmerten die Bar, schleppten seine Mädchen an, schlugen sie, rissen ihnen die wenige Kleidung vom Leib …



Brian klickte sich durch die Videos. Sein Entsetzen wuchs sekündlich. Ja, auch er packte mal ein Mädchen grob an, und ja, auch er hatte schon störrische Frauen eingeritten. Dass dies nichts anderes als eine Vergewaltigung war, wusste er. Aber das, was diese Männer taten, hätte Brian nie gemacht. Mit aufgerissenen Augen und in seinen Haaren vergrabenen Händen sah er dabei zu, wie eines dieser kranken Schweine Zoe, seine schwarze Schönheit, mit seiner Glock penetrierte. Dieses kranke Arschloch würde sterben…!

Es klopfte. „Brian?“ Evelynn streckte den Kopf rein und fand einen äußerst konzentrierten Brian, auf seinen Bildschirm starrend, vor. „Ich wollte nur meinen Pullover …“ Ihr war es fürchterlich unangenehm, ihm gegenüberzustehen. Nach letzter Nacht … fühlte sie sich einfach nur noch verletzt. Natürlich hatte er keine Gefühle für sie. Und sie würde sich hüten, sich selbst einzugestehen, welche für ihn zu hegen! Brian reagierte nicht. Er hatte Kopfhörer aufgesetzt. „Okay …“ Evelynn schlich sich hinein und schnappte sich ihren Pullover. Denn im Wohnzimmer war es kalt. Als sie sich wieder aufrichtete, erhaschte sie einen Blick auf den Bildschirm. Der Atem stockte ihr. „Ist das Zoe?“ Schockiert schlug sie sich die Hand vor den Mund. „Bei Gott …!“

„Mami?!“

Evelynn sah zu, dass sie verschwand. Ihr Herz stolperte. Ihre Gedanken rasten. „Oh, Gott!“ Schnell machte sie die Tür zum Büro wieder zu und starrte auf ihre Hände. Sie hatte den Pullover fallen gelassen. Sie … würde sich einen von Brian nehmen. Denn … Sie blickte zurück. Was zum Teufel sah er sich da an?!

„Du hast deinen Pullover vergessen. Soll ich ihn dir holen?“ Yannis legte den Kopf schief und streichelte mit den Fingern nebenher sanft über das weiche Fell des Bären.

„N…nein!“ Evelynn packte ihren Sohn an der Hand. „Komm, wir gehen kurz zu Brians Zimmer hoch, dann nehme ich da einen. Brian macht gerade etwas, wo er allein sein muss.“

„Nein! Ich bleibe hier! Du kannst ja gehen, aber ich kann Bäri nicht alleinlassen! Er ist doch gerade ganz allein auf dem großen Raumschiff und der Drache will ihn holen!“

Wäre Evelynn nicht noch von Brians Freizeitaktivität geschockt gewesen, hätte sie lauthals zu lachen begonnen. Doch als verantwortungsbewusste Erwachsene zuckten bloß ihre Mundwinkel. Ihre Hand wuschelte energisch durch Yannis‘ Haar. „Na dann los! Rette den Bären!“



Yannis rannte davon und ließ Evelynn lächelnd am Treppenaufgang stehen. Zum ersten Mal ging sie da hoch. Oben befand sich nichts weiter als Brians Zimmer. Ein großes und hell eingerichtetes Zimmer. Unwohl schlich sie sich zu seinem Kleiderschrank und klaubte dort einen Pullover raus. Eigentlich wollte sie ja nicht … aber ihr war kalt. Und das Büro … es wäre schon ein Wunder, wenn sie heute Nacht darin schlafen könnte. Was war das für ein Hobby? Mitanzusehen, wie seine Nutten gefickt wurden? Und dann … gleich so?! Hatte er bei ihr mit den Kunden auch zugesehen? Er hatte Kameras, in jedem Raum! So viel hatte sie gesehen.

Nur zögerlich zog sie den Pullover über. Er war weit. Warm. Und er roch … verdammt noch mal, natürlich roch er auch noch nach Brian! Ihr Blick verlor sich im Ganzkörperspiegel, der in der Ecke stand. Ihre Hände wanderten verträumt zu ihrem Bauch. Wie wäre es wohl, wenn Yannis wirklich ein Geschwisterchen erwarten würde? Sie hatte die Spritze bekommen, ihr war klar, dass das nicht passieren konnte … Hastig schüttelte sie den Kopf und nahm ihre Hände wieder von ihrem Bauch. Bestimmt hätte sie jetzt dann bald ihren Eisprung. Mit diesen Gedanken glich ihr Körper vermutlich die vorübergehende Unfruchtbarkeit aus.

„Äh!“

Evelynn schreckte auf. „Yannis?!“ Gott, hoffentlich war er nicht ins Büro gegangen! Evelynn trampelte die Treppe hinunter, bis sie im Wohnzimmer angekommen war. „Yan…!“

Große Krokodilstränen weinend, sah ihr Junge zu ihr auf. „Er ist kaputt, Mami!“ Traurig hielt er ihr den Bären hin. „Er ist kaputt! Er ist tot!“

Evelynn erschreckte sich. Weniger wegen des Bären, dem plötzlich der Kopf fehlte, sondern in erster Linie deswegen, weil sie Yannis nie erklärt hatte, was tot sein bedeutete. Woher hatte er das? Von den älteren Kindern auf dem Spielplatz? „Schatz …“ Vorsichtig nahm sie den Bären entgegen. „Hast du daran gerissen?“

Yannis schüttelte weinend den Kopf. „Nein.“ Er schniefte. „Ich wollte ihm nur den Kopf streicheln …!“

Der Fünfjährige verstand nicht, wieso sein Bär auf einmal kaputtging, und weinte ohne Ende. Was hatte er falsch gemacht? Seine Mutter indessen nahm den Jungen in den Arm; doch ihre Arme begannen bald schon zu zittern. Die Hand, in der sie den Bären hielt, bebte regelrecht.



„Der Kopf hat so gewackelt, und dann …!“ Yannis brach erneut in Tränen aus.

„O…kay …“ Evelynn starrte durch den Kopf hindurch in das Innere des Teddys und konnte es nicht glauben. Scheine. So viele verdammte Scheine! Verfluchtes, verdammtes Drogengeld! Und von wem hatte er den Teddy? Von seinem netten Onkel! Emanuel wollte ihr Drogengeld ins Haus bringen! Hätte er damit die falschen Leute zu ihr geführt, hätte das ihren Tod bedeuten können! Obschon … eigentlich wohnte sie mit ihrem Sohn gerade bei eben diesen falschen Leuten … bei diesem falschen Leut. Einzahl. Brian.

„Mami?“

Evelynn nickte abwesend. „Wir kaufen dir einen neuen, ist das in Ordnung?“

Yannis‘ Augen wurden groß. „Wirklich? Aber sonst hast du doch immer genäht …?“

Evelynn nickte. „Heute … aber nicht, mein Schatz. Heute bekommst du einen neuen. Wollen wir gleich los? Na los, zieh deine tollen neuen Schuhe und deine Jacke an. Ein kleiner Spaziergang wird uns guttun.“ Was – verflucht noch mal – sollte sie jetzt tun? Es Brian in die Hand drücken? „Vielleicht gehen wir Malvin besuchen, hm?“

„Jaaaa!“ Yannis hüpfte aufgeregt auf und ab. Bald schon brachte er sich aber wieder unter Kontrolle und sah kritisch zu seiner Mami auf. „Wieso guckst du so seltsam?“

Evelynns Kopf schüttelte sich. Sie zwang sich, zu lächeln. „Alles in Ordnung, mein Kleiner. Ich war nur kurz in Gedanken.“ Vielleicht wusste Malvin, was man mit so einer Menge Geld machte. „Also los, Schuhe anziehen!“ Evelynn selbst suchte den Raum mit den Augen ab und fand schließlich die Einkaufstasche vom letzten Einkauf, die sie noch nicht versorgt hatte. Schluckend ging sie hin, legte den kopflosen Teddy hinein und schulterte die Tasche. Brian würde das Geld kaum vermissen … Sicher hatte er es schon wieder vergessen … Sicher … genau … Sie brauchte Rat. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Nie hatte sie in ihrem ganzen Leben so viel Geld besessen. War Emanuel … am Ende nur deshalb zurückgekommen? Und konnte sie Malvin überhaupt so weit vertrauen?

Evelynn schlüpfte in ihre Schuhe, half Yannis, die Jacke zuzumachen, und verließ mit ihm die Wohnung. Die Tasche geschultert, mit schwitzigen Händen umfasst. Zusammen tauchten sie in das herbstlich kühle Wetter ein und gingen die Straße entlang, hinunter in Richtung Stadt. Zwar war Evelynn nicht wohl dabei, mit so viel Geld herumzulaufen, doch jetzt galt es erst einmal, Yannis ein neues Spielzeug zu kaufen. Und weil er es kaum erwarten konnte, zog er sie freudig an ihrer Hand vorwärts.



 

Erst viel später, als Yannis ein Kuscheltier, in Form eines Hasen mit langen Ohren in den Händen hielt, guckte er zu seiner Mutter auf, und fragte plötzlich besorgt die Stirn runzelnd: „Wieso haben wir dem Papi meines Schwesterchens eigentlich nicht gesagt, dass wir gehen, Mami? Ich habe es ganz vergessen. Meinst du nicht, er macht sich sorgen?“

Evelynn, die es sich unterwegs ausnahmsweise erlaubt hatte, einen Eis-Kaffee zu kaufen, spuckte den Inhalt ihres Mundes sogleich auf die Straße. Beschämt ob der dadurch geernteten, verurteilenden und angeekelten Blicke, wischte sie sich hastig den Mund ab. „Schatz…“, hustete sie. „Yannis …! Nein! Du … du bekommst kein Geschwisterchen. Du weißt doch, Brian und ich sind nur Freunde.“ Ruhig bleiben, mahnte sie sich, auch wenn die Worte ihres Sohnes in ihr einen wahren Tornado von Gefühlen ausgelöst hatten. Brian, ein gemeinsames Kind … diese Gedanken hatte sie heute schon einmal aus ihren getriebenen Gehirn vertreiben müssen. Ja, das musste es sein. Sie hatte wieder angefangen, Sex zu haben, war aber seit mehreren Tagen nicht gekommen. Sie müsste es sich heute Abend einfach wieder selbst machen. Einfach … Nur dass das Bild, wie sie da in der Dusche stand und Brian hinter ihr, seinen Finger in ihrem Arsch, keineswegs dazu beitrug, die Gedanken an Baby und Geschwisterchen abzutun!

„Na los, Schatz.“ Ihre linke Hand klammerte sich fester um die Tasche, mit dem kaputten Teddybären darin. „Gehen wir Opa Malvin besuchen.“

Yannis’ aufgeregtes Hüpfen wurde erst ruhiger, als sie die nach Pisse stinkenden Gassen erreichten, die ungeachtet dessen, dass helllichter Tag war, dunkel wirkten. Die Meter hohen Gebäude ließen kaum einen Strahl Sonnenschein hindurch, und die Gestalten, die hier sogar des Tags an den Straßenrändern und in den Gassen ihr Unwesen trieben, verleiteten nicht unbedingt zum bequemen Nachmittagsspaziergang. Evelynns Griff um Kind und Tasche wurde noch einmal fester. Wie jedes Mal, wenn sie mit Yannis durch diese Gassen gelaufen war, betete sie, sie würden nicht zur falschen Zeit hier sein. Denn der falsche Ort war es definitiv, erst recht für ein kleines Kind.

Evelynn atmete erst auf, als sie bei Malvin vor der Tür standen. Wie immer war das untere Türschloss, welches den Eintritt zum Wohnhaus ermöglichte, kaputt. Doch da man dazu erst noch die Bar betreten musste, verloren sich nur wenige in das Haus hinein. Und da es hier auch bei keinem etwas zu stehlen gab, hatten die Gauner auch keinen Grund dazu.



Evelynn klopfte. „Malvin?“

Es dauerte nicht lange und der alte Säufer machte auf. „Evelynn!“, zischte er leise, blickte sich misstrauisch im Gang um und zog sie dann hinein – Yannis gleich hinterher. Kaum waren sie drin, zog er sie in eine feste Umarmung. Danach Yannis, der sich gar nicht mehr beruhigen konnte.

„Malvin, Malivin, Opa Malvin, guck mal! Guck! Mami hat mir einen Plüschhasen gekauft, weil mein alter Teddy kaputtgegangen ist!“

Malvin streichelte dem aufgeregten jungen Mann sanft durchs Haar. „Schön ist der, Bursche. Musst ihn mir nachher genauer zeigen! Aber jetzt setz dich erst mal.“

Yannis sah verschmitzt von Malvin zu seiner Mutter und wieder zurück. Dann formte er mit dem Mund ein Wort, das Malvin zum Grinsen brachte. Er hob den Zeigefinger. „Aber nur einen.“

„Ja! Ja! Ja!“ Hüpfend, den Hasen in der Hand, sprang Yannis die zwei Meter zur Küche hin und begann in einem der unteren Schränke zu suchen, bis er – einen Siegesschrei ausstoßend – einen runden Butterkeks hochhielt.

Evelynn sah zu Malvin, die Augenbrauen erhoben und die Lippen zu einem unterdrückten Lachen zusammengekniffen. Der alte Mann schmunzelte und zuckte mit den Schultern. „Jeder Opa braucht doch so seine Geheimnisse, die er nur mit seinem Enkelchen teilt.“

Evelynn nickte, ein Lächeln auf den Lippen. „Du bist ein wundervoller Mensch, Malvin. Und ich danke dir.“

Malvin nickte stumm. „Hab deine Post gerettet.“

„Gerettet?“

„Vor dem Vollidioten, der deine Wohnung bezogen hat.“

„Ah …?“ Davon hatte sie nichts gewusst.

„Und … hast du sie aufgemacht?“

Malvin wiegte den Kopf hin und her. „Nur was wichtig ausgesehen hat. Damit dir nicht die Geldeintreiber auf den Hals gehetzt werden, du weißt schon …“

Evelynns Augen wurden groß. „Und du…“

Malvin sah zur Seite. „Hatte noch bissn was auf der Seite.“

Evelynn bekam den Mund nicht mehr zu. Die jahrelange Unterstützung in Yannis‘ Betreuung und jetzt bezahlte er auch noch ihre Rechnungen? Wie war so ein guter Mensch nur in dieser Bruchbude gelandet? „D…danke … aber … das zahle ich dir zurück!“

„Ach was. Das weiß ich doch. Sobald du es kannst. Du brauchst nicht zu eilen. Außerdem habe ich sowieso nicht mehr so lange zu leben, und du weißt, ich liebe meine Tochter, aber sie hält mich für ein Stück dreckigen Abschaum. Sie bekommt mein Erbe ganz sicher nicht.“ Er zuckte mit den Schultern. „Geht sowieso alles an dich und deinen Kleinen, wenn’s mich mal nicht mehr gibt.“



Jetzt hatte es Evelynn endgültig die Sprache verschlagen. Sie stand da, der Mund offen und der Kopf leer.

„Ah! Hier … warte mal kurz …“ Malvin hatte sich zu der Kommode hinter sich gedreht und fummelte in einem Stapel Papiere rum.

„Meine Post?“

„Mhm.“ Er nickte. „Aber … das hier brauchst du dringend, Kleines. Jetzt wäre es beinahe noch zu spät gewesen, aber ich wusste nicht, wo ich dich finden kann.“

Evelynn starrte auf den Umschlag. „Was ist das?“

Malvin nickte zum Tisch, an dem Yannis gerade seine Faszination für Hasen bewies. Denn der Keks war erst zur Hälfte an seinen Zähnen abgeraspelt und noch nicht vollständig verschlungen. „Einschulung. Er hatte Geburtstag.“

Evelynn riss die Augen auf und klatschte sich im nächsten Moment schon die Hand vor die Stirn. „Meine Güte!“ Das wäre bei dem ganzen Drama in ihrem Leben noch komplett untergegangen! „Er ist fünf!“

„Mhm.“

„Er kommt in die Schule!“

„Mhm.“

„Schule kostet Geld!“ Ihr Blick huschte zur Tasche in ihren Händen. Ihr Sohn war klug. Irgendwann würde er aufs College gehen. Und das würde sie finanzieren müssen. Aber nicht nur das. Auch vorher schon kostete Schule Geld. Materialien, ein Rucksack, Stifte, Kleber, Lineal, etwas später sicher noch der Taschenrechner!

„Mhm.“

„Ach du liebes bisschen.“

„Hm.“

„Mami? Guck mal! Ich hab lange Ohren, ich hab lange Ohren!“ Yannis hielt seinen Hasen an dessen Ohren hinter sich und hielt sie sich selbst über den Kopf. „Ich hab lange Ohhhren! Guck Mal Onkel Malvinnnn!“

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