Die Liste des Königs (I)

Der Morgen dämmerte langsam über Paris. Noch lag ein silbrig grauer Schleier aus Nebel über den Wiesen und Feldern vor den Stadtmauern, während die ersten Sonnenstrahlen zaghaft versuchten, die Feuchtigkeit der Nacht zu vertreiben. Von den Türmen der Kirchen erklangen vereinzelte Glockenschläge, dumpf und gedämpft, als würde sie den neuen Tag nur widerwillig begrüßen. Die Luft war kühl. Jeder Atemzug ließ kleine weiße Wolken vor den Gesichtern der Reiter entstehen.
Arnaud zog den schweren Wollumhang enger um die Schultern. Die vergangenen Stunden hatten ihre Spuren hinterlassen. Schlaf hatte keiner von ihnen gefunden. Zu vieles war geschehen, zu vieles lag noch im Dunkeln. Vor ihnen erhoben sich die mächtigen Mauern von Paris. Noch vor wenigen Stunden hatten sie innerhalb dieser Mauern gelebt. Nun ritten sie davon, ohne zu wissen, ob sie die Stadt jemals wiedersehen würden. Die Hufe ihrer Pferde schlugen auf den feuchten Boden, das Leder der Sättel knarrte leise, keiner sprach ein Wort. Ein jeder von ihnen hing seinen eigenen Gedanken nach.
Arnaud blickte noch einmal zurück. Die gewaltigen Mauern zeichneten sich nur schemenhaft im Nebel ab. Wachtürme ragten wie dunkle Finger in den Himmel, auf den Zinnen bewegten sich vereinzelte Wächter. Aus einigen Schornsteinen stieg bereits Rauch auf. Die Bäcker hatten ihre Öfen angeheizt, und irgendwo innerhalb der Stadt begann das geschäftige Leben eines neuen Tages.
Wie oft hatte er diese Mauern mit Stolz betreten? Wie oft war er im Auftrag des Ordens hier ein- und ausgeritten? Damals hatte ihm niemand misstraut. Die Menschen hatten die weißen Mäntel mit dem roten Kreuz erkannt. Manche hatten ehrfürchtig den Kopf gesenkt, andere hatten um den Segen eines Templers gebeten oder um Schutz auf einer Reise. Diese Zeiten schienen mit einem einzigen Schlag vergangen zu sein.
Neben ihm räusperte sich Matthieu, der ältere der beiden Brüder.
„Wir haben Glück gehabt.“
Seine Stimme klang heiser.
Arnaud nickte nur. War es wirklich Glück gewesen oder hatte jemand ihre Flucht ermöglicht? Die Frage ließ ihn nicht los.
Sein Onkel Gerhard von Villiers war kein Mann, der leicht in Panik geriet. Er war vorsichtig, erfahren und hatte Jahrzehnte im Orden gedient, womöglich hat er gewusst, dass etwas Ungeheuerliches bevorstand. Doch woher? Wer hatte ihn gewarnt?




Der jüngere Bruder, Étienne, blickte sich nervös um.
„Wir sollten schneller reiten.“
„Nicht jetzt“, erwiderte Arnaud ruhig.
„Warum nicht?“
„Weil Männer auf der Flucht auffallen.“
Étienne verzog das Gesicht, sagte aber nichts mehr.
Arnaud hatte gelernt, dass ein überstürzter Rückzug oft gefährlicher war als ein ruhiger Marsch. Ein fliehender Mann zog Blicke auf sich, ein reisender Ritter hingegen gehörte zum gewohnten Bild auf den Straßen Frankreichs… zumindest noch.
Sie hatten das nördliche Stadttor fast hinter sich gelassen, als plötzlich eine Trompete erklang. Ein langer, schneidender Ton durchschnitt die morgendliche Stille. Alle drei Reiter hielten unwillkürlich an. Kurz darauf ertönte ein zweiter Signalruf, dann ein dritter.
Arnaud drehte sich langsam im Sattel um. Vor dem Stadttor herrschte plötzlich Bewegung. Wachen liefen über den Platz, Händler, die eben noch ihre Wagen durch das Tor hatten führen wollen, blieben stehen, Bauern mit voll beladenen Karren schoben ihre Ochsen an den Straßenrand, Frauen mit Körben sammelten ihre Kinder um sich. Etwas geschah… etwas Bedeutendes.
„Was treiben sie da?“, murmelte Matthieu.
Arnaud antwortete nicht. Sein Blick haftete auf einer Gruppe berittener Soldaten, die sich ihren Weg durch die Menge bahnten. Ihre Rüstungen glänzten im ersten Sonnenlicht, über den Kettenhemden trugen sie dunkelblaue Waffenröcke, auf denen die goldenen Lilien des französischen Königs eingestickt waren. Sie ritten langsam, nicht wie Männer, die einen Feind verfolgten, stattdessen wie Männer, die wussten, dass niemand es wagen würde, ihnen den Weg zu versperren. Hinter ihnen folgte ein vierrädriger Wagen, auf denen mehrere schwere Eichentruhen standen. Jede einzelne war mit rotem Wachs versiegelt.
Arnaud runzelte die Stirn. Das war ungewöhnlich. Noch ungewöhnlicher war der zweite Wagen. Er war leer, bis auf mehrere Bündel eiserner Ketten, sorgfältig geordnet, als hätte jemand genau berechnet, wie viele man benötigen würde. Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in seiner Brust aus.
„Bleibt hier“, sagte er.
Er lenkte sein Pferd einige Schritte näher an das Tor heran, nicht so nah, dass er auffiel, aber nahe genug, um sehen zu können.




Mitten auf dem Platz errichteten mehrere Soldaten ein hölzernes Rednerpodest. Ein Beamter der königlichen Kanzlei überprüfte sorgfältig dessen Standfestigkeit. Er klopfte gegen die Bohlen und richtete das Pult aus, danach trat er zur Seite.
Jetzt erschien der Mann, auf den offenbar alle gewartet hatten – der königliche Offizier. Er war hochgewachsen, sein dunkler Mantel reichte beinahe bis zum Boden, silberne Schnallen hielten den Waffenrock zusammen, während an seiner Seite ein Schwert hing, dessen Griff vom häufigen Gebrauch blank poliert war. Sein Gesicht wirkte unbewegt, wie das eines Mannes, der seine Pflicht erfüllte.
Hinter ihm stiegen zwei Schreiber vom Wagen. Jeder trug mehrere zusammengerollte Pergamente. Die Rollen waren ungewöhnlich dick. Vorsichtig legten sie sie auf das Pult. Einer brach das erste Siegel, rotes Wachs splitterte auf den Holzboden. Im Morgenlicht glänzte darauf deutlich das königliche Wappen: die goldenen Lilien Frankreichs.
Arnaud spürte, wie sein Herz schneller schlug. So viele Dokumente? Für eine einfache Bekanntmachung? Nein, da musste etwas Größeres dahinterstecken.
Immer mehr Menschen strömten zusammen. Die Nachricht hatte sich rasch verbreitet. Ein Metzger kam mit blutbefleckter Schürze angelaufen. Ein Bäcker hatte Mehl im Bart. Mehrere Mönche blieben neugierig stehen. Selbst einige wohlhabende Bürger in pelzbesetzten Mänteln mischten sich unter die Menge. Niemand wusste, worum es ging, aber jeder spürte, dass dieser Morgen anders war.
Ein kleines Mädchen zog an der Hand seiner Mutter.
„Warum sind so viele Soldaten hier?“
Die Mutter antwortete nicht.
Der Offizier wartete geduldig. Erst als die Gespräche langsam verstummten, hob er die rechte Hand. Sofort wurde es still. Der Mann ließ seinen Blick langsam über die Menschen schweifen, dann nickte er einem der Schreiber zu. Der entrollte das erste Pergament. Es war so lang, dass sein Ende den Boden berührte.
Arnaud spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. So begann keine gewöhnliche Verordnung, so begann ein Urteil.
Der Offizier holte tief Luft. Seine Stimme hallte über den Platz.
„Hört die Anordnung unseres allergnädigsten Königs Philipp, des Vierten von Frankreich …“




Arnaud hielt unwillkürlich den Atem an. Irgendetwas sagte ihm, dass mit den nächsten Worten nicht nur das Schicksal des Ordens entschieden werden würde, sondern auch sein eigenes.

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