Kapitel 20

Wie eine Statue sitzt Zola über Stunden an der Grabstätte der zwei Hexenjäger. Ob sie betet, meditiert oder Magie einsetzt, bleibt Rebecca ein Rätsel. Wenige Stunden tankte Rebecca Schlaf bis zum nächsten Morgen, um im Anschluss mit dem Bogen auf Nahrungsbeschaffung zu gehen. Ein Hase geriet ihr somit in die Finger, der nun über der Feuerstelle brutzelt. In den Satteltaschen der Hexenjäger befindet sich ebenfalls etwas Proviant. Etwas, trockenes Brot und sogar Äpfel. Eine süße Variante, die sich Rebecca während der Wartezeit gönnt. Mit dem Blick auf Zola gerichtet. Obwohl sie der Hexe einen Apfel hinlegte, rührt sich Zola kein Stück. Die Räucherstäbchen, die ihre neue Weggefährtin nach dem Begräbnis anzündete, qualmen noch immer und verteilen einen unangenehmen Geruch. Ein Duft, der Rebecca irgendwoher bekannt vorkommt. Noch durfte das Hab und Gut der Hexenjäger nicht angerührt werden, dabei brennt Rebecca darauf, sich die Ausrüstung anzueignen.

Noch immer leisten die Irrlichter ihr Gesellschaft. Sie weichen nicht von Rebeccas Seite. Selbst bei der Jagd nach dem Hasen nahmen sie die Verfolgung auf. Auch wenn Rebecca die Anwesenheit der beiden Leuchtkugeln begrüßt, hoffte sie, dass diese irgendwann das Interesse an ihr verlieren. Schließlich kann sie so kein Dorf oder eine Stadt aufsuchen. Bei allem Pech wird sie dann als Hexe beschuldigt und gemeldet. Kaum verdrückt Rebecca den Apfel, macht sie sich an den Hasen dran. Allein wie in alten Zeiten, dabei schätzte sie die gemeinsamen Mahlzeiten mit Clive und den anderen. Auch wenn sie keine Tischmanieren an den Tag legt. Laut Cuno speist sie wie ein Tier kurz vor dem Verhungern. Dabei gaben sich seine Eltern Mühe, ihr Etikette beizubringen, doch Rebecca war viel zu stur und zu wild. Statt sie zu kritisieren oder zu verstoßen, akzeptierten sie das Straßenkind mit allen Facetten und nahmen sie sogar in Schutz. Das machte die Familie so besonders und liebenswert. In Cunos Hause wurde viel gescherzt und gelacht. Trotz viel Arbeit oder stressigen Tagen nahm sich Cunos Vater immer Zeit für die jüngere Generation und lächelte die Müdigkeit weg. Eine Eigenschaft, die Rebecca selbst bei Clive beobachtet. Auch wenn der Alchemist in Arbeit versinkt, zeigt er immer ein offenes Ohr für andere Anliegen und er lächelt so freundlich und ehrlich wie Cunos Vater. Zu gern hätte Rebecca dieses Detail angesprochen, doch immer wenn der verstorbene Vater ins Gespräch kommt, wird Cuno still und ergreift gerne die Flucht. Daher behielt Rebecca ihre Gedanken für sich.



Es scheint, als locke der Duft einer Mahlzeit die Hexe zum Feuer. Tatsächlich beäugt Zola die Beute, nimmt jedoch still am Boden Platz und fixiert ihr Gegenüber an. Rebecca öffnet den Mund, schließt ihn jedoch, als eine Krähe herbeifliegt und Zola den Apfel bringt, den Rebecca ihr hinlegte. Kaum verduftet der Vogel in die Lüfte, sucht Rebecca das Gespräch zu ihrer neuen Reisegefährtin.
„Und? Genug gebetet?“
Ein einfaches Nicken und Zolas Kopf schwenkt zu den Irrlichtern rüber, woraufhin Rebecca laut seufzt.
„Sie weichen mir irgendwie nicht mehr von der Seite.“
„Sie haben dich gern“, wiederholt sich die Hexe reserviert.
„Mhm.“ Mit einem Satz erhebt sich Rebecca und nähert sich dem Feuer für Nachschub. „Willst du was vom Hasen?“
„Sehr gern.“
Die Hexe antwortet noch immer kühl und verhält sich trotz gemeinsamem Kampf distanziert, das macht sie schwer lesbar. Solche Leute meidet Rebecca eigentlich für gewöhnlich.

Kaum ist Zola mit Frühstück versorgt, erkundigt sie sich Rebecca nach der Route.
„Also du weißt, wo der Alchemist steckt. Wohin verschlägt es uns denn?“
Zola lässt sich jedoch Zeit mit dem Bissen, um schließlich ein Missverständnis zu klären: „Irrtum. Ich bin ahnungslos, wo sich der Alchemist gerade rumtreibt.“
Ungläubig starrt Rebecca und hält die Aussage für einen schlechten Scherz. Zola wirkt zu ruhig, zu entspannt, wodurch Rebecca vermutet, dass mehr dahinter steckt. Sie kann es für die Hexe nur hoffen!
„Aber?“
Zola schnauft, als würde sie das Gespräch gerne vertagen. Dennoch beugt sie sich vor und deutet auf Rebecca: „Du bist der Schlüssel zur Lösung. Das Schicksal führte mich zu dir und das Schicksal führt dich zu ihm zurück.“
„Schicksal“, wiederholt Rebecca säuerlich und ärgert sich über den Funken Hoffnung, „So etwas gibt es doch gar nicht! Hast du nicht irgendeinen Zauber parat, der uns weiterhilft?“
„Der Schicksalsfaden. Das Band zu deinem Freund, denn eure Wege sind miteinander verwoben. Eine pulsierende Kette. Anders als zu dem Paladin. Stärker aufgrund deiner Gefühle…“
Erbost erhebt sich Rebecca. „Schwachsinn! Verbreite keine Lügen, Hexe! Klingt ja, als sei ich einem Kerl verfallen! Lächerlich!“
Statt eingeschüchtert zu wirken, zuckt Zola gleichgültig mit den Schultern. „Verdrängung. Nichts Ungewöhnliches. Doch die Grundlage liefert eine hohe Erfolgsquote für den Zauber und das ist alles, was zählt. Wie du dabei empfindest, hat mich nicht zu interessieren, sofern ich meine Schulden begleiche.“




Was für ein kalter Eisbrocken!
Damit bestätigt sich erneut, dass Rebecca sich auf ihre Intuition verlassen kann, Zolas Scharfsinnigkeit sollte besser nicht unterschätzt werden. Provokationen und Täuschungen werden nichts bei dieser Frau bringen.

Seufzend rubbelt sich Rebecca durch die wilde Mähne und möchte einfach vorankommen.
„Dann lass deinen Hokuspokus einfach mal wirken und sehen, wohin uns das Ganze bringt.“
Doch Zola macht keine Anstalten, sich zu erheben, stattdessen verstreicht sie wertvolle Zeit mit Starren.
„Bist du taub, Hexe?“
Rebecca mag sich im Ton vergreifen und auf dünnem Eis wandern, doch die Stille erträgt sie keine Sekunde länger. Endlich regt sich Zola, als sich ihre Augen verengen. Warnend, als dulde sie solch ein Verhalten nicht.
„Du bist anders, als der Alchemist. Frech und wild. Dabei gibt es vor der Beschwörung noch Vorbereitungen zu treffen. Dein Oberteil ist getränkt von Blut und an einer Seite sogar gerissen. Damit fällst du unnötig unterwegs auf. Daher bediene dich an den Besitztümern der Toten. Aber vergiss nicht unsere Abmachung, auch mir steht mein Sold zu. Bevor du dich umziehst, lass mich deine Verletzung ansehen und behandeln. Wir können uns es nicht leisten, dass du dir eine Infektion holst. Dann müssen wir Vorräte sammeln und erst dann, sobald alle Vorbereitungen abgeschlossen sind, können wir den Zauber aktivieren. Einverstanden?“
Klingt nach einem Plan. Auch wenn Rebecca am liebsten sofort aufbrechen mag. Doch nun endlich darf sie die Beute begutachten und allein der Gedanke ruft Vorfreude hervor. Es juckt ihr in den Fingern, zum ordentlich sortierten Haufen Wertsachen zu schreiten, den Zola beiseite lag. Selbst das verschollene Messer angelte eine Schlingpflanze aus dem Moor. Welch ein großartiger Fang!

Doch zuerst widmet sich Zola gewissenhaft der Schulterverletzung. Torms Kleidung war nicht nur schlammig, sondern auch teilweise durch die Verbrennung unbrauchbar. Selbst an seinem Geldbeutel haftet der penetrante Rauch. Es widerstrebt Rebecca dennoch Deriks Leinenhemd zu tragen, an dem sein Schweiß klebt. Von einem Widerling! Doch die Not ermöglicht wenige Optionen, daher muss Rebecca sich vorerst damit anfreunden. Der Mantel und die Stiefel hingegen sind wahrlich schick. Die Ausrüstung der Hexenjäger zwingt Rebecca jedoch im Ganzen auf die Knie. Mit solch einer Gewichtsbelastung hat sie nicht gerechnet. Bei so viel Ballast muss Rebecca viel einbüßen. Vielleicht eine gute Chance, durch stärkere Belastung Muskelkraft zu erlangen, doch damit würde sich die Reise unnötig verzögern. Daher fordert das Schicksal die Qual der Wahl. Prioritäten müssen gesetzt werden. Wie gut, dass der Gaul als Packesel umfunktioniert werden kann. Daher muss Rebecca keine richtigen Verluste in Kauf nehmen.



Die Nahrungsbeschaffung wird von beiden Seiten angegangen. Während Rebecca Kleinwild fängt, greift Zola auf seltsame Pflanzen zurück. Junge Pflanzen, teilweise verholzt. Hinzukommen Knollen, die an kleine Zwiebeln erinnern. Rebeccas angewiderter Blick muss für sich sprechen, denn Zolas Mundwinkel zucken kurz.
„Pfeilkraut-Knollen schmecken nussig und süß. Gut im Eintopf.“
Rebecca mag sich nicht vorstellen, die dreckigen Zwiebeln in den Kochtopf zu werfen. Doch Zola führt auch noch weiter fort: „Junge Rohrkolben-Triebe sind saftig und mild. Lassen sich roh verzehren, ich hingegen liebe sie gebraten. Auch die Rhizome schmecken gut in Suppen.“
Rebecca rümpft die Nase und nimmt die Sumpfpflanze skeptisch entgegen. „Rhizo…was?“
„Rhizome, das Wurzelwerk.“
„Ahha. Ich weiß ja nicht…“
Doch Zola winkt ab und beschließt mit einem freudigen Ausdruck: „Ich bekoche uns heute. Du wirst überrascht sein, wie gut das hier schmeckt.“
Rebecca muss sich auf die Zunge beißen, denn sie hält es für ratsam, Zolas Unterfangen unkommentiert zu lassen. Daher will sie sich lieber auf den Zauber konzentrieren.

„Sind wir reisebereit, Zola?“
So viel Selbstbeherrschung steckt hinter dem Grinsen, das Rebecca der Hexe entgegenschmettert. Die Ungeduld strahlt sie bereits nach Außen aus, denn Rebecca kann kaum noch ihre Füße länger still halten. Anscheinend mag die Hexe den Schneidersitz, denn erneut pflanzt sie sich in der Position zu Boden und klopft fordernd. Seufzen lässt sich Rebecca auf die Einladung ein und nimmt ihr gegenüber Platz. Ein Schnippen und mehrere Raben eilen herbei. Sie fliegen nah über ihren Köpfen hinweg und lassen etwas fallen. Zola fängt eine flache Holzschüssel, die sie zwischen ihnen positioniert. Ein Wisch über die Schüssel und Rebecca blinzelt verwundert, denn mit Zolas Geste lässt sich plötzlich klare Flüssigkeit im Innenleben finden.
„Wie hast du das gemacht?“
Statt darauf zu antworten, greift Zola eine andere Thematik auf: „Wasser ist der Ursprung allen Lebens. Wir bestehen aus Wasser, wir brauchen Wasser. Aber Wasser ist so viel mehr.“
Der Kopf sinkt und ein paar wilde Strähnen fallen ins Gesicht. Rebecca fühlt sich nicht länger bereit für den Schwachsinn und kann auf die Belehrung verzichten. Statt ihre Ungeduld anzuerkennen, führt Zola weiter fort.




„Das Universum beherbergt viele Welten. Wasser kann zu einem Fenster werden, aber auch zu einer Tür. Ein Durchgang in eine uns unbekannte Welt. Wir hingegen wollen ein Fenster. Nicht für eine andere Dimension, sondern ein Fenster zu dem Alchemisten.“

„Warte!“
Ruckartig hebt Rebecca den Kopf, denn Zolas Worte bauen eine Verbindungsbrücke auf. Die Diebin meint einen Geistesblitz zu haben und vielleicht eine Lösung für Clives Problem. Eine Reaktion, die Zolas Neugier weckt, schließlich übt sich die Hexe in Geduld, während sie still ihren Gegenüber studiert.
„Du bist Clive begegnet, dann vielleicht auch Sina. Eine Frau, die als Hexe bezeichnet wird, aber behauptet, sie wäre keine und sie entstamme nicht aus dieser Welt. Kam sie durch solch eine Tür? Durch das Wasser?“
Die Minuten verstreichen quälend langsam. Zola macht nicht den Anschein, darauf zu antworten. Stattdessen starrt sie Rebecca weiter stumm an. Bis Rebecca mit ihrer Hand vor ihren Augen wedelt.
„Hey, bist du eingeschlafen?“
Erbost drückt Zola ihre Hand fort und antwortet mit grimmigen Ausdruck: „In der Tat lockte mich eine verirrte Seele heran. Ein Wesen aus einer anderen Dimension. Mit einer anderen Frequenz. Singend und mythisch. Umgeben von zarten Winden. Zart besaitet. Ein verhülltes Geheimnis. Sie hatte Einfluss auf Mutter Natur. Heilte, statt zu schaden. Doch als ich die verirrte Seele sah, fand ich kein Heimweh, sondern Akzeptanz und Abenteuerlust, vor. Ein Wesen, das sich vorher ausgegrenzt fühlte, aber in unserer Welt Zugehörigkeit fand.“
„Das ergibt keinen Sinn“, behauptet Rebecca überzeugt, „Sina sucht nach einen Weg zurück in ihre Heimat!“
„Ein Irrglaube. Doch oft beginnen wir mit einer Suche, aber unterwegs ändert sich unser Ziel. Vielleicht hat es so angefangen und vielleicht mag die Reisende noch nicht in sich hineingehorcht haben, vielleicht verdrängt sie die Wahrheit, aber ihr Kern fühlt sich von den Menschen um sie herum geborgen“, kontert Zola, als wüsste sie besser, was in Sina vor sich geht.
Rebecca schnalzt abwertend mit der Zunge. Denn die Hexe tut es schon wieder, sie liest die Personen um sich herum und spielt die Besserwisserin.

„Also können wir sicher gehen, dass sie mit der Hilfe des Wasser durch eine Tür kam?“, hinterfragt Rebecca das Ganze.




Doch Zola schüttelt den Kopf und teilt ihre Gedanken mit ihr: „Das Wasser ist eine Option. Die andere wäre ein Spiegel. Licht muss sich reflektieren. Sonnenlicht. Positive Energie. Machtvoll. In den seltenen Fällen schreitet ein Wesen bewusst durch eine Tür. Aber oft fallen wir. Meist durch dumme Zufälle. Etwas, was ich bei deiner Freundin ebenfalls befürchte. Denn wäre sie mit der Materie vertraut, dann hätte sie längst einen Weg zurückgefunden oder hätte Lösungsansätze.“
Klingt einleuchtend.
„Wärest du dazu im Stande, die Tür zu Sinas Heimat zu öffnen?“
Es steckt viel Hoffnung hinter der Frage. Auch, wenn Rebecca anfängt Sina zu mögen, reisen sie mit einem Ziel. Und auf Rebecca macht es den Anschein, als wolle Sina unbedingt zurück in ihre Heimat. Daher hofft Rebecca, ihr durch Zola behilflich sein zu können.
„Selbstverständlich.“
Freudig reibt sich Rebecca die Hände. „Sehr schön, was wird Clive reinschauen, wenn ich ihm die Lösung auf einem Silbertablet serviere.“
Zolas Augen gewinnen an Fokus. „Der Alchemist, richtig. Ihn wollen wir ausfindig machen. Daher erschrecke dich nicht, aber ich werde nun dein Herz berühren. Du musst mir vertrauen.“

Hätte die Hexe ihren Tod gewollt, dann hätte sie schon längst die Chance dazu gehabt. Daher macht sich Rebecca wenig Gedanken und nickt zum Einverständnis. Zola beugt sich zu ihr rüber und ihre Hand stößt nicht wie gewohnt gegen den Brustkorb, sondern taucht ins Fleisch ein. Statt Schmerz fühlt Rebecca ein beengendes Gefühl. Ihr Körper verkrampft schlagartig und kämpft mit den nächsten Atemzügen gegen die aufkeimende Panik.
„Entspann dich“, rät Zola ihr.
Doch, das sagt sich so leicht. Rebecca spürt den Fremdkörper in der Brust. Wie sich die Hand immer tief bohrt. Als die Fingerspitzen ihren Herzmuskel berühren, überfällt sie eine schreckliche Gänsehaut. Schweiß drückt sich aus den Poren und läuft ungehindert von der Stirn abwärts. Der Moment, wo Zola es bei der kurzen Berührung lässt und langsam die Hand hinauszieht. Die Hand windet sich jedoch im Brustkorb und Rebecca spürt einen unangenehmen Ruck, als schnappe die Hexe zu. Kaum entfernt sich der Fremdkörper, erblickt Rebecca einen gleißenden Faden, der noch halb in ihr steckt. Zart wie Spinnenseide. Nur aus gleißendem Licht. Zola hält das Ende festumklammert und beginnt leise zu nuscheln. So angestrengt Rebecca auch lauscht, versteht sie kein Wort. Erneut hört es sich, als greife Zola auf eine andere Sprache zurück, wodurch ihre Stimme heller klingt. Glockenklar. Ein Stück des leuchtenden Fadens verformt sich und bildet eine Kugel. Zola hält dieses Stück über dem Wasser, bis der runde Körper sich wie ein reifer Apfel löst und hinab plumpst. Direkt in die Schüssel. Tropfen spritzen hinauf und Wellen werden geschlagen. Der Faden entgleitet Zola und zieht sie rollend zurück in Rebeccas Körper, die in eine Starre fällt.



Es mögen nur wenige Sekunden sein und doch fühlt sich die fleischliche Hülle fremd an. Einen Körper, den Rebecca seit klein auf nährt und trainiert, aber plötzlich kaum Bedeutung für sie hat. Bis sie ein energiegeladenes Kribbeln im Nacken wahrnimmt. Die Verbindung zwischen Körper und Geist reagiert zögerlich, zuerst lassen sich die Finger bewegen und dann kehrt das Gefühl in den Beinen zurück. Rebecca blinzelt verdattert, als erwache sie aus einem tiefen Schlaf. In einem anderen Körper.
„Ekelig“, kommentiert sie das Ganze.
Zola blickt entschuldigend auf. „Eine unschöne Erfahrung, wie ich hörte. Leider ist das Verfahren notwendig.“
Die Beschwerden hängen Rebecca bereits im Hals, als sich die Oberfläche des Wassers färbt. Farben und Formen nehmen Gestalt an und ehe sich Rebecca versieht, ziert ein Lächeln ihre Lippen, denn es ist so typisch Clive, ihn beim Schreiben zu sehen. Auch wenn seine Miene auffällig ernst wirkt, als sei etwas vorgefallen. Die Augenringe entgehen ihr nicht, als hätte er die Nacht durchgemacht. Kaum breitet Zola ihre Hände über dem Wasser aus, entstehen kleine Wellen an der Oberfläche. Langsam schiebt sie die Hände auseinander und das Bild entfernt sich von Clive. Zu sehen ist ein Dorf, behaust von Soldaten. Skeptisch nähert sich Rebecca der Schüssel, denn sie sieht eine große Mehrheit an Frauen in Rüstungen. Ein ungewöhnliches Bild.

„Wo zum Henker steckt er?“, platzt die Neugier aus Rebecca.
Zola wischt über die Wasserfläche und ein Adeliger in Rüstung spiegelt sich dort wieder. Einer, der aus der Menge mit seinem schneeweißen Haar und den himmelblauen Augen heraussticht. Ein Schönling, der nicht auf der faulen Haut liegt. Das Schwert an seinem Gürtel lässt tägliches Training vermuten. An seine Seite tritt eine Puppe hervor. Eine junge Frau. Genauso engelsgleich wie er. Ebenfalls gesegnet mit blauen Augen und einem klaren Blick. Goldene Locken wie man sie nur selten findet. Haar, das ihr bis Hüfte fällt. Während ihr Körper in ein langes Kleid gehüllt ist, das eng am Körper anliegt und sich ab der Hüfte teilt. Ärmellos und der Augenfarbe angepasst, außer der mittlere Unterrock des Kleides, das in einem zarten Rosa übergeht. Das Kleid funkelt, als sei es aus Magie gewoben. Stoff an den sich Rebecca meint vage zu erinnern, sowie die blauvioletten Füße. Eine solch schöne Frau, aber mit unterkühlten Unterbeinen.




„Rein aus Neugier sehen wir hier die Hexe Jenara?“
Das beantwortet jedoch nicht die Frage und ruft noch mehr Zweifel hervor.
„Zwei Personen, die eine neue Zeit einleiten. Unterstützt von dem Alchemisten.“
„Unmöglich! Clive hält sich fern von der Politik, er konzentriert sich mehr auf die Heilung“, widerspricht Rebecca ihr.
Doch Zolas Blick sät Zweifel. Die Hexe wirkt wie immer überzeugt, als wüsste sie mehr als sie zugibt. Doch ihre Aufmerksamkeit gilt dem Wasser, das sich unruhig verhält und das Bild des Pärchens verwischt.
„Sieh an, ein Geist klopft an und bittet um eine Audienz. Ein Mann namens Jelko.“
„Jelko?“ Rebecca wird hellhörig. „Ich kenne diesen Namen. Clive nahm ihn öfter in den Mund und konzentriert sich seit der Sache mit der Hexe Luela auf seine Läuterung.“
Damit scheint sie Zolas Neugier geweckt zu haben, denn die Augen glühen freudig, als die Hexe beschließt: „Dann wollen wir Jelko doch mal anhören.“
Nur zu gern, so bietet sich endlich eine Chance, mehr über den unbekannten Verbündeten im Kampf gegen Luela zu erfahren. Gespannt blickt Rebecca auf das Wasser. In der Hoffnung, ein Gesicht zu sehen zu bekommen, dem sie dem Namen Jelko in Zukunft zuteilen kann.

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