Kapitel 21
Stille verheißt nicht immer etwas Gutes. Menschen zu lesen fiel Clive schon immer schwer. Cuno mag laut protestiert haben und wollte sich zuerst weigern, ein Bündnis mit Jenara einzugehen. Doch er wurde einsichtig, so hofft Clive. Zwar knurrte der Paladin bei jeder Gelegenheit, doch er biss nie zu. Seit der Vereinbarung mit Herzog Lysander sind zwei Tage vergangen. Eine trostlose Reise durch karge Landschaften. Unbewohnte Orte, was das Reisen mit fehlenden Straßen und steinigen Berghängen erschwert. Tief in der Natur und fern von der Zivilisation. Während Zweifel entstehen, hellt Gertas Laune regelrecht auf. Die alte Dame strahlt hell und scheint oft in Erinnerungen zu schwelgen. Ein Anblick, der Clives Sorgen lindert. Schließlich freut er sich für Gerta. Es muss unheimlich befreiend sein, das Haus zu verlassen und auch im hohen Alter zu reisen.
Langsam versinkt die Sonne hinter den Bergen und verleiht der Umgebung einen goldenen Glanz. Die Bäume gewinnen an Größe und dichte Büsche erschweren das Vorankommen, sodass die Entscheidung fällt, ein Erkundungsteam aufzustellen, während der Rest sich um ein Lager kümmert. Der Gedanke, sich die Beine nach der langen Fahrt zu vertreten, klingt verlockend, dass Clive sich sofort für die Erkundung meldet. Eine Entscheidung, die der Gruppe zur Last wird, denn Clive entdeckt unterwegs so viele botanische Schätze, sodass er immer droht, verloren zu gehen. Zu Gertas Erheiterung, zu Cunos Missmut. Aber auch Sina teilt Clives Interesse und so tauschen sich die beiden viel über die Funde aus. Wohin Gerta sie auch führt, beherbergt eine solch riesige Sammlung noch unbekannter Kräuter, dass Clive sich am liebsten an jenen Ort einnisten mag. Und da Cuno Gerta auf den Rücken wegen ihrer Gebrechlichkeit trägt, bleibt es nur bei Ermahnungen und miesgelauntem Brummen seitens des Paladins. Zum Glück konnte Lazarus von seinem Bruder umgestimmt werden, sodass sie diesen auffälligen Zeitgenossen nicht auch noch beaufsichtigen müssen.
Getarnt als Felsvorsprung unter einem Wasserfall führt ein geheimer Gang in eine Höhle. Diese macht einen unspektakulären Eindruck, bis Gerta einen versteckten Mechanismus in einer nachgebenden Wand auslöst und ihnen einen geheimen Treppengang offenbart. Eine Aktion, die viel Staub aufwirbelt. Geübt folgt der Griff zur Seite und im Nu entzündet Gerta eine der vielen Fackeln, die in einem Korb an der Wand liegen. Die Treppen sind steil und doch besteht die alte Dame darauf, den Weg mit etwas Unterstützung selbst zu bestreiten. Mit zwei kurzen Atempausen erreichen sie das Ende der Treppe, wo durch einen überdachten Ausgang die letzten Sonnenstrahlen einen Weg zu ihnen finden. Im Abendlicht getaucht entdecken sie eine riesige Ruine. Eine antikwirkende Behausung. Groß wie das Anwesen des Grafen. Dennoch auffällig gepflegt. Die Steinwege sind frei von Gräsern und Moos. Kein Laub sammelt sich an den Ecken.
„Wir werden beobachtet“, folgt Cunos Warnung.
Sein wachsamer Blick spricht für Gefahr, aber Gerta stößt sich freudig von ihm und breitet die Arme aus.
„Komm schon her, alter Freund!“, ruft sie in die alten Gemäuer hinein.
Ein Schwarm Vögel schreckt auf. Bunte Exemplare mit langen Federn, die Clive noch nie zu sehen bekam. Aber die Sümpfe befinden sich auch mit der nächsten Klimazone nicht fern. Fremdes Gebiet mit unbekannter Fauna. Eine der leuchtenden Federn löste sich sogar vom Gewand und tänzelt hinab. Ein kleiner Schatz, den Clive sich ergattern mag. Kaum löst er sich von der Gruppe, tritt er an eine Säule und schnappt zu. Doch jemand kommt ihm zuvor. Als der fremde Arm wie aus dem Nichts hinter der Säule hinausfährt, schreckt Clive zurück und gerät ins Stolpern. Sina eilt rechtzeitig herbei und gibt ihm den nötigen Halt. Mit einem Schulterblick erfasst er den weiten Himmel voll von Freiheit und Leichtigkeit, der sich in ihren Augen widerspiegelt. Doch sein Augenmerk gehört mehr der großen, schmalen Gestalt an der Säule. Jemand, der die Feder provokant entgegenhält.
So verlockend der bunte Fund auch sei, erkennt Clive die Robe eines hochrangigen Alchemisten. Schwarz wie die Dunkelheit, die Clive fürchtet. Ein Fachgebiet, dem er sich niemals freiwillig nähern wollte und als junger Student im hohen Bogen mied. Transmutation, Homunkuli, innere und äußere Leichenschau. Der missbilligte Teil des Magisterturms. Unbeliebt und voller Vorurteile, sodass der abgesperrte Bereich wenig Zuwachs erhält. Ein Blick in die empathielosen Augen wecken unschöne Erinnerungen an die wenigen Schnupperkurse, die unters Pflichtprogramm fallen. Ein Gebiet mit hohen hygienischen Anforderungen. Daher werden mit der Fachabteilung eine penetrante Sauberkeit und ein gepflegtes Erscheinungsbild verbunden. Auch in diesem Fall steht vor ihm ein Mann mittlerer Reife. Rasiert, saubere Fingernägel, flusen- und knitterfreie Kleidung. Das lange Haar ergießt sich glänzend wie ein Wasserfall über den Rücken. Schwarzes, langes Haar. Aber graue, fast farblose Augen. Still, aber tief wie ein gefährliches Gewässer.
„Caspian.“ Gerta grinst stolz und tritt an Clive heran. Ihre Augen mustern den Fremden freudig. „Wie schön, dich zu sehen.“
Nur kurz fixieren die grauen Augen sie an, bevor diese erneut Clive einfangen.
„Ein Student des Turms? Sein Koffer riecht nach Medizin. Dann ist er ein Absolvent. Ein Abtrünniger?“
Selbst die Stimme klingt kühl. Mit einem Hauch Sorge. Die Augen bleiben wachsam.
„Du brauchst Clive nicht zu fürchten, Caspian. Er kehrte dem Turm den Rücken.“
Noch immer ein wunder Punkt. Clives Körper versteift sich. Wie der Griff am Koffer. Nichts, was seinem Gegenüber verborgen bleibt.
„Die Wunde ist frisch, Gerta. Du bist grausam.“
Doch die alte Dame lässt seine Aussage unkommentiert und mustert ihren Freund aus der Nähe.
„Du wirkst dürrer, mein Lieber. Achtest du auch auf dich?“
Ein stummes Nicken. Noch immer hält er die Feder zu Clive. Nun aber dreht er den Fund in seinen Händen.
„Bist du ein Sammler, Absolvent?“
„Ein Sammler an Erinnerungen. Solch bunte Vögel sind mir noch unbekannt“, folgt die Antwort, schließlich neigt sich der Angesprochene vor. „Mein Name lautet Clive und in der Tat konzentriere ich mich auf die Heilkunde.“
All die Ängste und Vorurteile über Board zu werfen fällt ihm schwer und doch will er sich unvoreingenommen geben. Vielleicht lernt er, seine Angst vor dem dunklen Fachgebiet abzulegen.
Doch die Hoffnung geht schnell verloren, als ihm berichtet wird: „Ich kann dir mehr über ihre Art verraten. Ich habe sie seziert und ein paar Exemplare ausgestopft.“
Meist berichten Alchemisten von ihrer Arbeit mit einer breiten Palette an Emotionen. Dieser Mann hingegen klingt kühl und legt eine reservierte Haltung an den Tag.
Clive schluckt. Die Feder in den Händen des Fremden wirkt mit einem Schlag verboten und verflucht. Unbehagen versteckt Clive gerne hinter der Geste, seine Brille zu putzen. Auch in diesem Moment.
„Ich verzichte, aber danke für das Angebot.“
Kaum neigt sein Gegenüber den Kopf, scheint er sich von Clive abwenden zu wollen, doch Sina erwacht aus einer Starre und bewirft den Fremden mit ihrem Missmut: „Welch grausame Tat! Was haben Euch die Tiere nur getan, dass Ihr diese so fürchterlich behandelt und schändet?“
Anklagend späht der Fremde hinüber. Er nimmt sich Zeit, Sina zu mustern, und obwohl sie vermummt ist, fallen ihn all die Details auf.
„Noch mögen unsere Techniken umstritten sein, dienen aber dem Fortschritt. Verwenden Hexen nicht auch Tierknochen und frische Organe für ihre Zauber? Sag, bist du eine Weißhexe oder hast du dich der Dunkelheit verschrieben?“
Erbost wirft sie die Kapuze zurück und winkelt die rechte Faust an. Mit glühendem Zorn stampft sie näher an Gertas Freund.
„Wollen wir herausfinden, wozu meine Magie fähig ist?“, giftet sie ihn an.
Schnelles Handeln ist gefragt und so wirft Clive seinen Koffer zu Cuno. Mit blindem Vertrauen, das er nicht bereut, denn der Paladin fängt sein Hab und Gut mit Leichtigkeit. Sodass Clive konsequent zupackt und Sina in den Hintergrund entführt. Kein leichtes Unterfangen, denn Sina besitzt mehr Kraft als er. Hinzukommt, dass sie fast so flink wie Rebecca wurde, dadurch entkommt sie ihm dreimal mit Leichtigkeit. Für Cuno ein amüsanter Anblick. Nach all dem Ärger mit Herzog Lysander grinst der Paladin zur Abwechslung und genießt das Schauspiel, bis Clive endlich Erfolg erzielt, Sina abseits der Gruppe zu besänftigen.
„Als ob du Tierschändung befürworten würdest, Clive!“, eröffnet Sina das Gespräch in Rage.
Es mag Clive widerstreben und doch drückt er sie erneut konsequent auf das Mauerstück hinab. Kaum reimt er sich die Worte zusammen, fällt ihm er fantastische Ausblick auf. Trotz dichten Blattwerk bietet sich ein atemberaubender Panoramablick über das Tal. Ganz nah lassen sich sogar Wasserfälle und ein großes Flussbett ausmachen.
Kaum erwischt er sich beim Schmunzeln, fordert er Sina sanft auf: „Drehe dich mal um.“
„Ich will nicht!“
Trotz Bockigkeit gibt er sich nicht geschlagen und flötet: „Du würdest es bereuen.“
Eine Aussage, die ihre Neugier weckt. Zögerlich folgt sie seinem Blick und die Landschaft bläst ihren Zorn einfach fort. Die Augen werden groß und die Mundwinkel heben sich.
„Wie schön!“
Clive schenkt ihr wenige Minuten inneren Frieden, bevor er sich zu dem heiklen Thema äußert: „Die Alchemie umfasst viele Gebiete. Einige davon sind auch mir zu wider. Darunter auch die schwarze Robe. Als Student lernte ich auch die dunklen Seiten der Alchemie kennen. Den kalten und sterilen Bereich, der mit Tod und Leid verbunden war, beschäftigte mich viele Nächte. Es waren nicht nur Tiere, die präpariert wurden. Auch Menschen. Unter den Alchemisten werden die schwarzen Roben am meisten von der Gesellschaft gefürchtet. Zu Zeiten der Pandemie lungern sie oft bei Nacht in den Städten, um ihrem Beruf nachzugehen. Noch bin ich keinem außerhalb des Turmes begegnet, aber ich wurde gewarnt, dass mir früher oder später die Begegnung nicht erspart bleibt.“
Obwohl die Thematik erneut zur Sprache kommt, wirken Sinas Züge entspannter. Zwar mag ihr Kopf kurz zu Gertas Freund rüberschwenken und doch bleibt ihre Flamme ruhig.
„Du sprichst nicht oft von deiner Zeit als Student“, stellt sie in jenem Moment fest.
„Ich würde dich langweilen“, behauptet Clive mit einem Lächeln.
Doch Sina klopft mit der Hand auf das Mauerwerk neben sich und fordert: „Lass es uns herausfinden. Setz dich und erzähl mir davon.“
Vielleicht besteht ehrliches Interesse, doch aktuell trübt sich seine Laune bei solch einer Forderung. Schließlich kehrt er dem geliebten Turm den Rücken zu und hängt somit seine Karriere an den Nagel. Hinzukommt, dass Sina ihn immer noch vertraut behandelt, dabei muss er vorerst lernen zu akzeptieren, eine einseitige Liebe loszulassen. Doch zum Glück meldet sich Ablenkung, denn Cuno nähert sich grinsend. Ein freudiger Ausdruck, den Clive schwer deuten kann. Spott, Erheiterung oder vielleicht doch eine gute Nachricht?
„Der abtrünnige Alchemist würde dir gerne die Bibliothek zeigen. Besteht Interesse?“
Alles verliert an Bedeutung, als Cuno die Bibliothek in den Mund nimmt.
„Entschuldige mich, Sina!“
In Eile tritt Clive mit seinem überreichten Koffer an Gerta und ihren Bekannten. Während die alte Frau wissend lächelt, zucken auch Caspians Mundwinkel.
„Ihr Absolventen seid doch alle gleich“, grummelt er, um daraufhin Gertas Ellbogen zu schmecken. Ein leichter Stoß in die Rippen, der ihn dennoch keuchen lässt. Ein vertrautes Verhalten. Sicherlich keine Schikane, denn am Ende lächeln auch Caspians Augen belustigt.
Ein Wink und die Rundführung beginnt. Durch ein Versteck erbaut aus einer anderen Zeitepoche. Beginnend mit einer offenen Vorhalle, von wo bereits die vielen Säulen ins Auge springen und die Bauten stabil wirken lassen. Die Räumlichkeiten aus Gestein versprechen angenehm kühle Temperaturen, während Kerzen, Feuerschalen und Fackeln für Licht sorgen. Die Größe der Türen und auch die beachtliche Deckenhöhe sprechen schon fast dafür, dass eine größere Spezies an jenem Ort lebte. Oder die Erbauer wollten mit ihrer Architektur bewusst jene Besucher klein fühlen lassen. Die gesamte Einrichtung besteht aus demselben Sandstein wie die Gemäuer. Schlichte Sitz- und Liegeflächen. Selbst lange Tische.
Oft trennen kleine Hofanlagen die Bereiche. Gepflegte Orte, die Caspian für den Anbau von Obst und Gemüse nutzt. Nahe der Bibliothek wurde sogar ein kleiner Kräutergarten angelegt. Jener Ort, wo das erste richtige Gespräch unter den Alchemisten stattfindet. Ein kleiner Garten mit unbekannten Schätzen. Viele Pflanzen die Verwendung in der Küche sowohl auch in der Medizin finden. Schnell lässt sich die schwarze Robe ausblenden und Clive findet Gefallen an den Wissensaustausch. Caspians ruhige und professionelle Art wirkt zur Abwechslung angenehm, sodass die beiden ihr Umfeld ausblenden. Zeit, die sich Cuno und Sina nehmen, um den Rest der Reisegruppe zu holen. Alles mit Gertas Segen. Kaum füllt sich die Anlage mit Leben, sinkt Caspians Laune, als trauere er der Stille nach. Seine Meinung hingegen behält er für sich und widmet sich seinem eigenen Ziel zu. Die Bibliothek.
Das Herz schlägt höher und die Finger kribbeln vor Vorfreude, als Caspian die alten Bogentüren aufstößt und ein Abteil offenbart, der sich vom Rest der Anlage unterscheidet. Allein die große Kuppel aus Glas über ihnen lässt sich nirgendwo sonst ausfindig machen. Doch durch diese wird das Zentrum der Räumlichkeit von Licht durchflutet. Nur die Ecken bleiben dunkel. Staunend folgt der Blick den hohen Holzregalen hinauf in eine schwindelerregende Höhe. Gefüllt mit Pergamentrollen und Büchern. Oft zugänglich durch mehrere Ebenen und große Wendeltreppen. Durch manche Fenster wachsen Pflanzen hinein. Viele mit traumhaften Blüten. Große Bänke und Tische breiten sich zentral unter der Kuppel aus und glänzen vor Sauberkeit. Es gibt sogar einen kreisrunden Arbeitsbereich für Bibliothekare. Vergebens sucht Clive nach Staub. Der Ort mag riesig sein, wirkt aber gepflegt.
„Nachforschungen seien dir erlaubt, sofern du deinen Teil dazu beiträgst. Dieser Ort darf nur von denen genutzt werden, die ihr Wissen mit der Welt teilen. Befülle ein Buch mit Tagebucheinträgen oder deinen Arbeiten und du darfst dich hier austoben. Das Glasdach muss übrigens gereinigt werden, darum würden wir uns zeitnah kümmern. Ich hoffe, du hast keine Höhenangst.“
Clive steht vor Unglauben der Mund offen. Der Gedanke, sich durch all die Schriften durchzuarbeiten wird zu dem schönsten Geschenk, das man ihm je machen konnte. Daher will er direkt anfangen, die Sammlung zu vervollständig.
„Dann wäre ich mal so frei, welches Pergament darf ich nutzen?“
Caspian zögert jedoch mit seiner Antwort und mustert ihn kritisch.
„Du willst direkt beginnen?“
„Selbstverständlich.“
Schulterzuckend führt Caspian ihn zum Schalter und überreicht ihn die nötigen Utensilien.
Im Nu breitet sich Clive auf einen der Tische aus und will sofort mit der Hilfe seiner Berichte beginnen. Doch noch lässt Caspian ihn nicht gewähren, denn er deutet in die Höhe.
„Das Dach folgt als Nächstes. Würde es dir passen?“
Ein Blick hinauf und die Botschaft sickert langsam ein. Als sich Clive dort oben putzen sieht, dreht sich der Magen.
„Sind wir denn wenigstens abgesichert? Und trägt das Glas unser Gewicht?“
Fragen, die seinem Gegenüber ein Lachen entlocken.
„Sei unbesorgt. Wir waren dort mal mit vier Mann aktiv.“
„Ich hoffe, dass Sicherheitsmaßnahmen getroffen wurden“, spricht Clive seine Bedenken aus.
Erheitert wischt sich Caspian eine Lachträne aus dem Gesicht. „Nein, Kollege. Wenn wir fallen, dann weil uns dieser Moment vorherbestimmt wurde.“
Purer Wahnsinn! Aber für den Zugriff zur Bibliothek wäre Clive auch dazu bereit.
Mit dem Öffnen der Tore weht eine frische Brise hinein, begleitet von einem bezaubernden Blütenduft. Ein Schulterblick und Clive bleibt der Atem weg, als Sinas Gestalt im Licht der Sonne erstrahlt. Sina lässt den Raum kurz auf sich einwirken und tritt tänzelnd in die Bibliothek.
„Wahnsinn!“, folgt ihr Ruf. Begleitet von dem Schall ihrer Schritte. Verstärkt durch den kleinen Absatz ihrer Stiefel. „Wie riesig! Und alles voller Schriften!“
Anders als Clive scheint Caspian ihre Anwesenheit weniger zu begrüßen. „Du hast dich verirrt, Hexe! Dieser Ort wird dich nur langweilen oder bist du zum Putzen hier?“
Er nimmt ihr mit einem Schlag das Lächeln. Sina erstarrt in einer Drehung und funkelt den Kerl mit schmalen Augen an. Doch statt sich mit ihm anzulegen, bevorzugt sie das Schweigen. Kaum gefangen tritt sie an Clives Seite und beugt sich neugierig über die Tischkante.
„Erzähl mir doch von dem Ort, Clive. Was planst du?“
„Du störst!“, giftet Caspian sie an.
Clive empfindet Stolz, da Sina ihr Temperament gut im Griff hält. Doch stattdessen bringt sie ihn in eine gefährliche Lage, als sie hinterfragt: „Störe ich, Clive?“
„Natürlich störst du! Du bist laut und sicherlich auch tollpatschig! Frauen wird der Zugang verweigert!“, provoziert Caspian sie weiter.
Eine eingefleischte gesellschaftliche Denkweise, die Clive anfechtet. In diesem Punkt befindet er sich mit Herzog Lysander auf einer Wellenlänge. Die Mehrheit unterschätzt das weibliche Geschlecht. Sina inhaliert neues Wissen und führt die Umsetzung von Praktiken gewissenhaft und beispielhaft in kurzen Abständen aus, das sie mit Gewissheit schnell als ein Genie des Magisterturms durchgehen könne.
„Wie kann Gerta dich überhaupt mögen? Du bist ein Stinkstiefel!“, wirft Sina ihm nun an den Kopf.
Doch Caspian wirkt wenig beeindruckt und lässt ihre Aussage unkommentiert. Bevor es jedoch eskaliert, liefert Clive die gewünschte Antwort auf ihre Frage.
„Du bist immer willkommen, Sina. Jedoch gibt es Regeln einzuhalten. Die Bibliothek ist ein Ort der Stille. Hier wird sich leise unterhalten.“
Reuevoll nickt sie und senkt ihre Stimme. „Gut, das kriege ich hin. Und was planst du gerade?“
„Wie bereits erwähnt gibt es Regeln einzuhalten. Zuerst muss ich etwas geben, damit ich Zugriff auf all das Wissen erhalte. Um die Sammlung zu erweitern, teile ich meine Erfahrungen mit der Welt. Ich schreibe alles nieder, damit auch andere darauf zurückgreifen können.“
Sinas Augen beginnen verdächtig zu glänzen. „Das ist die Bedingung?“
Ein Nicken und Sina wendet sich an Caspian. Schroff fordert sie: „Ich hätte gerne auch so ein leeres Buch, das ich entsprechend füllen werde, um den Zugriff zu erhalten.“
Der Angesprochene legt den Kopf schief und spricht seine Bedenken aus: „Kannst du überhaupt Lesen und Schreiben? Das sind Fähigkeiten, die dem Adel und den Gelehrten zur Verfügung steht.“
Verschwörerisch lächelt Sina. „Finden wir es doch heraus.“
Noch immer unbeeindruckt wendet sich Caspian an Clive: „Du solltest ihr die Flausen aus dem Kopf reden. Frauen haben keinen Zugriff auf den Inhalt einer Bibliothek.“
Clive lächelt belustigt und glaubt, die Antwort zu kennen, dennoch hinterfragt er: „Auch Gerta nicht?“
Ertappt weicht Caspian seinem Blick aus. „Das ist etwas anderes.“
„Das mag ich bezweifeln. Um dein Gewissen zu erleichtern, bürge ich für Sina. Betrachte sie als meine Schülerin.“
Einen Gedanken, den Clive schon längst ausgesprochen haben wollte. Eine Idee, die ihn unfassbar nervös machte. Sicherlich aus Furcht vor ihrer Reaktion, denn nichts ist mit der Fee abgesprochen. Doch in jenem Moment gingen die Worte zu ruhig und zu entschlossen über seinen Lippen. Seine Zunge war schneller als der Kopf. Kaum erwacht der Geist und registriert das Attentat auf Sina weiten sich die Augen. Aus Furcht vor dem Echo. Schwerfällig dreht Clive den Kopf. Aus Sorge, was er nur angerichtet haben könne.


































































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