Kapitel 22
Kaum verknotet Sina die Hände ineinander, beginnt sie auffällig zu wippen. Mit einem zufriedenen Lächeln und geröteten Wangen, als fühle sie sich von dem Gedanken, in die Lehre der Alchemie aufgenommen zu werden, geschmeichelt.
„Der Turm duldet keine Frauen“, formuliert Caspian das Detail trocken.
Eine traurige Wahrheit. Und doch brach Clive selbst im Dienste des Turms sämtliche Regeln. Wissen, das nur Gelehrte zustand, teilte er ohne Gegenleistung mit einer fremden Frau. Auch seine Dienste bot er für einen Hungerlohn an. Ein Alchemist plant immer eine Gefahrenzulage ein, doch Clive verzichtete bewusst darauf, weil er die Armut registrierte und die Bedürftigen niemals ausbeuten wollte. Allein bei der Übergabe des Kassenbuchs hätte es großen Ärger für ihn gegeben. Eine Entscheidung, die sein vorheriger Begleitschutz ihm immer vor Augen hielt, doch Clive weigerte sich, die Preise anzupassen, und war auf die Folgen gefasst. Nüchtern betrachtet hätte der Magisterturm ihm vielleicht trotz Leistungen und Wissen die Lizenz entzogen. Schließlich betont der Magisterturm kein Wohltätigkeitsverband zu sein. Ein Alchemist wird ebenfalls als Kaufmann betrachtet.
„Ich diene dem Turm nicht länger. Meine Praxiserfahrungen haben mir gezeigt, dass sich die Meinungen in vielen Punkten spalten. Daher bin ich an die Regeln des Magisterturms nicht länger gebunden.“
Caspian mag seine Bedenken sichtbar mitteilen, indem er die Augenbraue verdächtig hebt. Vielleicht bezüglich Sinas Persönlichkeit, denn ihre stürmische Art fällt eher in das Muster von störenden Studenten. Doch Clive kann aus Erfahrung sprechen, dass diese Einschätzung nicht auf Sina zutrifft. Ihre offenherzige Art bringt auch viele Vorteile im Umgang mit Kunden. Mit ein wenig mehr Disziplin und Erfahrung würde Sina sicherlich eine hervorragende Alchemistin abgeben.
Schulterzuckend entfernt sich Caspian, womit sich eine Gelegenheit bietet, unter vier Augen zu sprechen. Das schlechte Gewissen drängt sich in den Vordergrund, sodass Clive vor Nervosität die Brille abnimmt und zu putzen beginnt.
„Bitte verzeih, Sina. Ich mag dich zwar als Assistentin immer wieder eingebunden haben, aber von einer Lehre war nie die Sprache. Sicherlich habe ich dich mit meinem bislang unausgesprochenen Gedanke überrumpelt.“
Ihr darauffolgendes Lächeln lässt ihn den Rest vergessen. Kaum beugt sich Sina vor, fallen ihre langen, gedrehten Strähnen über die Schulter. Selbst ihre Augen lächeln und strahlen so hell wie ihre Erscheinung.
„Ich sollte dir danken, Clive. Dafür, dass du mich an deinem Wissen teilhaben lässt und in mir eine würdige Schülerin siehst. Weißt du, in meiner Heimat wusste ich nichts mit mir anzufangen. Ich habe so vieles probiert, aber nichts konnte ich mir für die Zukunft vorstellen. Die Arbeiten im Tempel waren fordernd und wahrlich langweilig. Dort hätte ich mich verstellen müssen, denn in den Tempelanlagen herrscht Ruhe. Handwerklich war ich nie begabt und als Kriegerin sah ich mich auch nicht, obwohl ich schon fürchtete, dass ich mein Herz am Ende für diesen Weg betäuben müsse. Oder ich am Ende im Tempel versauere und mein wahres Wesen verschließen müsse, denn die Vorbereitungen für Rituale waren eine von wenigen Tätigkeiten, die mir Freude bereitet haben. Du hingegen verweilst als Alchemist nicht nur an einem Ort, sondern bereist die Welt und deine Arbeit bietet so viel Abwechslung. Denn im Tempel wäre ich nur für einen von vielen Bereichen eingeteilt worden. Mein Wunschgebiet könnte ich zwar nennen, aber die Garantie, dass ich dort lande ist leider sehr gering. Mein Leben lang wäre ich dann dieser Tätigkeit verschrieben. Daher freue ich mich, dass du mehr als eine Assistentin in mir siehst.“
Als Reaktion folgt dank überwältigender Informationsflut nur ein steifes Nicken. Ein kleines Detail beschäftigt Clive dabei so sehr, dass er dieses anspricht: „Es klingt, als beabsichtigst du nicht mehr länger, in deine Heimat zurückzukehren.“
Kaum ausgesprochen weiten sich Sinas Augen, als habe sie schon länger nicht mehr in sich hineingehorcht. Kaum befreit sich eine Träne und rollt über ihre Wange, legt sie die zusammengefalteten Hände vor ihre Brust.
„In meiner Heimat habe ich meine Familie, die ich vermisse. Familie und Freunde. Meine kleine Schwester und mein großer Bruder. Meine Eltern waren ebenfalls immer so geduldig mit mir und nahmen mich trotz wildem Charakter immer im Schutz. Ich vermisse alle fürchterlich.“
Clive wünschte, er könne diese Gedanken teilen. Doch er hat wenig Bezug und Kontakt zu seinen Familienkreis. Sicherlich wissen sie nicht mal von seinen Aktivitäten oder welchem Bereich der Alchemie er seinem Leben verschrieb. Dabei schrieb er ihnen vor Aufbruch der Reise und informierte seinen Vater über den erfolgreichen Abschluss der theoretischen Prüfungen. Nie erhielt er Antwort. Nur unkommentierte Warensendungen für den Erhalt der Lebenshaltungskosten und ein festes Deputat, bestehend aus Wein und Getreide für den Magisterturm, kamen darauf zurück.
Ein gespieltes Lächeln soll all den Neid auf jene Leute verstecken, denen Familienglück zu Teil wurde. Liebe und Verbundenheit kennt Clive in seinem Hause nicht. Seine Tage im Anwesen waren kalt und trostlos. Die Reise zum Magisterturm trat er stumpf und mit wenig Erwartung an. Doch während seiner Ankunft schlug das Herz nach all der Zeit höher und der Alltag als Student bereitet ihn ungemein Freude. Der Austausch mit Professoren und Gleichgesinnten erhellte seine Welt und so vergaß er sich in den Aufgaben der Alchemie.
„Entschuldige, Clive. Ich wurde emotional.“ Hastig streicht Sina die Träne aus dem Gesicht und setzt sich seufzend ihm gegenüber an den Tisch. „Erzähl mir lieber, worüber du gerade schreibst.“
„Verboten!“ Caspian knallt ihr die gewünschten Utensilien vor die Nase und schlägt das leere Buch auf, worauf er sich abstützt und sie mit glühendem Blick mustert.
„Überzeuge mich, Hexe. Lass mich wissen, ob seine Hormone nur einfach durchdrehen oder du vielleicht doch die nötigen Qualifikationen für die Alchemie aufweist.“
Eine Kampfansage, die Sina belächelt.
„Darf ich das Wissen aufschreiben, was mir Clive bislang vermittelte oder darf ich auch Lehren aus meiner Heimat erwähnen?“
„Die Gestaltung sei dir selbst überlassen. Selbst, wenn du Wortfetzen von dem Alchemisten aufgeschnapptes, bezweifle ich, dass du die Materie verstanden hast. Vielleicht fang mit seinen Lehren an, dann sehen wir doch direkt, wie weit dein Wissenstand wirklich ist.“
Zuversichtlich schaut Sina zu Clive hinüber, was ihm ebenfalls ein Lächeln entlockt, denn er hegt keine Zweifel an ihrer Umsetzung. Und doch scheint Caspian ihre Kommunikation per Augenkontakt falsch zu verstehen und so baut er im Nu eine Mauer aus Büchern zwischen ihnen. Als reiche dies nicht, positioniert er einen Stuhl am Ende des Tisches, sodass er die beiden genauestens im Auge behält. Ein Verhalten, dass Sina zum Lachen bringt. Clive hingegen will keine Zeit vergeuden und sortiert seine Gedanken, um mit einem überzeugenden Einstieg sein Buch zu füllen.
Vertrauen und Zuversicht ermöglichen einen einwandfreien Fokus über mehrere Stunden. Würde Caspian die beiden Besucher nicht zwischendurch mit Schwarztee und Keksen versorgen, würde Clive sich in seinen Arbeiten verlieren. Aus dem Augenwinkel beobachtet er bei ungefähr der Hälfte getaner Arbeit Sinas Abgabe. Die Fee lächelt zuversichtlich und zufrieden, während ihr Kritiker die ersten Seiten kritisch beäugt.
„Woher zum Henker hast du dir die Farben aus den Fingern gesaugt? Ich gab dir schwarze Tinte, aber dein Werk erinnert an ein Kunstwerk.“
„Aus Pflanzen lassen sich Farbstoffe gewinnen. Eine Thematik, die in dem Buch vertieft wird“, berichtet Sina stolz und greift mit ihren bunten Händen in den Beutel ihres Taillengürtels, um kleine Reagenzgläser hervorzuholen. Gefüllt mit allerlei Farbstoffen. Utensilien, die Clive vermisste. Sein Blick muss Bände sprechen, denn Caspian belächelt Sinas Lage spöttisch.
„Elende Diebin! Hast du den Alchemisten bestohlen?“
Erschrocken zuckt Sina zusammen und schüttelt heftig den Kopf. „Irrtum! Ich erhielt die Behälter von Rebecca, als sie von meinem Vorhaben erfuhr.“
Clive seufzt laut, während auch Sina ein Licht aufgeht und sie sich mit starrer Miene zu ihm dreht.
„Sie hat ich bestohlen oder?“
Das bedarf keinerlei Antwort. Dabei hätte Rebecca nur Fragen müssen, denn sicherlich meinte sie es nur gut und wollte helfen. Nur besitzt Rebecca noch schlechte Angewohnheiten, die sich nur schwer abgewöhnen lassen. Daher lässt Clive Milde walten und will den Vorfall auch gar nicht vertiefen oder gar ansprechen, sollte er Rebecca wieder begegnen.
Völlig nervös reiht Sina ihm die kleinen Gefäße vor die Nase.
„Hier hast du sie wieder. Bitte entschuldige die Umstände.“
Einer von vielen Charakterzügen, die Clive sehr an ihr schätzt. Sein Lächeln soll Entwarnung geben und doch spricht er seinen Gedanken laut aus.
„Schon gut. Rebecca meinte es sicherlich nur gut. Behalte sie.“
Und doch scheint sich Sina weiterhin unwohl zu fühlen, dennoch nickt sie stumm und will die Gläser zurück in ihre Tasche verschwinden lassen, da bekommt Clive sie aufgelockert, indem er den Prozess zur Farbgewinnung hinterfragt. Kaum setzt sie zur Antwort an, nimmt sie neben ihm Platz und beide tauchen tiefer in die Materie ein, sodass seine Arbeiten vorerst pausieren. Zeit für Caspian, um ihr Buch zu studieren. Sein konzentrierter Zug hält Clive für ein gutes Zeichen. Tatsächlich nickt er wenig später Sina stumm entgegen und erweitert die Sammlung mit ihrem Werk. Ein Moment der Freude, der Sina dazu verleitet, Clive mit einer Umarmung zu überfallen. Ein solch fester Griff, wo er sich kaum gelöst bekommt. Er wünschte, er könne die Nähe zu ihr mehr genießen, doch es fühlt sich falsch an, was sicherlich seine Steifheit erklären würde. Ungewöhnlich schnell löst sich Sina und er meint, einen Funken Enttäuschung in ihrem Blick wahrzunehmen. Mit einem nervösen Gestammel verabschiedet sie sich und verlässt eilig die Bibliothek. Zeit, um das Geschriebene zu überfliegen und die Gedanken zu sortieren, bevor er seine Arbeiten fortsetzt.
Anders als Sina verbringt er bis spät in der Nacht in der Bibliothek. Sein Wissen findet kaum Platz in nur einem Buch, so erhält er ein Weiteres. Caspian werkelt fern von ihm an seinen Arbeiten, bis Clive abgibt. Zum Glück stellt der Alchemist in der schwarzen Robe nur Salben her. Bei anderen Arbeiten würde sich Clives Magen sicherlich wieder zu drehen beginnen. Caspian überflog bereits das erste Buch und somit verkündet er stolz die Freigabe für die Nutzung der Räumlichkeit. Sich wie Sina direkt zu verabschieden und vielleicht Schlaf zu tanken, widerstrebt Clive und so beginnt er, sich durch die ersten Werke durchzuarbeiten. So fällt ihm Sinas Arbeit in die Hände und er erfährt ein klein wenig mehr über ihr Volk, über die Bräuche und den Aufbau ihrer Heimat. Auch über die Magie. Sina bedient sich einer einfachen Wortwahl, sodass ein jeder Mensch, der das Lesen mächtig wäre, den Inhalt problemlos verstehen könne. Sie wählt anschauliche Beispiele und beweist einen fesselnden Stil, der ihre frohe Natur offenlegt. Fast wie eine Geschichte, die Kindern erzählt werden könne.
Eine Geschichte über ein Mädchen, das nach ihrer Bestimmung sucht. Aufgewachsen in einer friedlichen Strandsiedlung, angrenzend an einem Urwald mit großen Tempelanlagen. Ein Ort, der Traditionen und Ahnen wertschätzt. Eine Gemeinschaft, die den Schlüssel zu neuem Wissen durch den Kontakt zu bereits Verstorbenen sucht. Ein Volk im Einklang mit der Natur und einem harmonischen Zusammenleben mit der Fauna. Und obwohl Wächter ausgebildet wurden, war niemand auf einen Angriff vorbereiten. An einen Tag, wo sich der Himmel schwarz färbte und von roten Blitzen durchleuchtet wurde. Ein Überfall von stämmigen Männern, die grob und ohne Erbarmen alles Leben nahmen. Und nur dank einer Laune eines Angreifers wurde Sina die Klippe hinabgestoßen, hinab in ein Portal ins Ungewisse, um in einer Welt zu landen, wo sie trotz schlechtem Start ein Aufgabengebiet fand, das sie begeistert.

























































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