Kapitel 24

„Alchemist! Hey! Ich sehe doch, dass du die Augen geöffnet hast!“
Reflexartig dreht sich der Körper von der lästigen Stimme fort, doch die schweren Schritte sprechen dafür, dass der Besucher das Bett umrundet. Clive meint sich an den unangenehmen Genossen zu erinnern. Doch noch schwebt sein Geist im Ungewissen. Es fühlt sich an, als erwache er in dem zugeteilten Zimmer des Magisterturms. Eins, das er sich mit anderen Studenten teilen muss. Doch etwas in ihm hält dies für Irrsinn. Und dann beschwert etwas seinen Kopf, das er nicht zuordnen kann. Etwas Lebendiges. Zu warm. Zu weich.
Hoffentlich keine Ratte.
Bitte lass es keine Ratte sein.
Aber Sichtungen von Ungeziefer reicht bis zu den Gemächern.

„Ich darf ihn wirklich nicht anfassen?“, hört er die bereits bekannte Stimme.
„Darauf antworte ich nicht mehr! Wenn du schon nicht still sitzen kannst, dann geh raus und reiße mit all deiner Energie doch Bäume aus!“, folgt die bissige Antwort von einer weiteren bekannten Person.
Die Hoffnung flötet, mehr Ruhe und Energie zu erhalten. Doch der Wunsch verfliegt in jenem Moment, als Clive einen Schatz neben sich ausfindig macht. Nicht einheimisch. Eine kriechende Kletterpflanze. Kultiviert in einem kleinen Top. Ein üppiges, leuchtendgrünes Erscheinungsbild, das mit rosafarbenen Blüten harmonisch abgerundet wird.
Die Meeresbohne.
Einer Erinnerung nimmt Clive in Beschlag. Vor seinem inneren Auge baut sich der Käfig auf, worin Sina gefangen gehalten wird. Und in ihren Händen hütet sie den Schatz aus ihrer Heimat. Ihr Trostspender.

Schlagartig wird die Bettdecke fortgeworfen und der Körper springt aus dem bequemen Bett. Zu schnell für seinen Kreislauf, denn der Schwindel bringt ihn zum Schwanken. Das Lebewesen auf seinem Kopf erschreckt sich ebenfalls und mit kräftigen Flügelschlägen fliegt es fort. Doch Clives Blick wandert umher. Cuno und Lazarus lassen sich ausmachen. Beide starren ungläubig, als erleben sie eine Geistersichtung. Aber von Sina fehlt jede Spur. Die Meeresbohne fühlt sich wie ein Abschiedsgeschenk an. Eine von ihren vielen Launen. Von einem Vogel, der nicht in einen Käfig gesperrt gehört, und Clive will niemand sein, der sie in Ketten legt. Dennoch würde er sich einen Abschied für die Reise wünschen. So hofft er, sie noch irgendwo abfangen zu können.




„Cuno! Wo ist Sina?“
Der Paladin rollt mit den Augen und beschwert sich: „Natürlich! Kaum erwacht drehen sich deine Gedanken wieder um die Fee!“
Vor nicht allzu langer Zeit hätte Cuno sie Hexe geschimpft, aber die Beziehung zu den beiden verbesserte sich sichtbar zwischen ihnen. Doch die Zeit drängt, schließlich könnte Clive eine Gelegenheit verstreichen lassen.
„Ist sie fort?“, pocht er auf eine eilige Antwort.
Lazarus‘ lautes Lachen vibriert in der Atmosphäre. Selbst auf den riesigen Bogenfenstern, sodass Clive instinktiv zusammenzuckt und fürchtet, das Glas verliere gegen die Kraft in den Lungen solch eines Giganten. Cuno hingegen gibt Entwarnung und winkt das Ganze ab.
Kaum beruhigt sich Lysanders Bruder, teilt er grimmig mit: „Keine Sorge, dein Schätzchen befindet sich nur eine Tür weiter in greifbarer Nähe. Sie pflegt den Garten im Innenhof und pflanzt dieses seltsame Kraut, was sie dir auf den Nachttisch legte.“
Erleichtert setzt sich Clive auf die Bettkante und doch hinterfragt er: „Also handelt es sich bei der Meeresbohne um kein Abschiedsgeschenk?“
Cunos Augenbraue schnell hoch. „Solche Verlustängste?“
Antwort genug sollte die plötzliche Röte in Clives Gesicht geben. Zum Glück wechselt Cuno das Thema, denn er schnappt Lazarus grob und zieht den Riesen ans Bett heran.
„Was machen wir mit dem Querkopf? Er verfolgte uns und kennt nun das Versteck. Soll ich ihn richten?“
Erfreut entblößt Lazarus die Zähne, als lache er dem Tod ins Gesicht. Dabei erinnert sich Clive an die aufwendige Operation. Es gleicht einem Wunder, dass Lazarus im Alleingang trotz des hohen Blutverlustes sich körperlich fit zeigt.
Ob er wirklich zur Spezies Mensch zählt?

Allein die Erinnerung an die Putzaktion auf dem Dach reicht aus, dass sich der Magen dreht und der Schwindel sich ankündigt. Und doch fällt es Clive leichter, sich mit den Fakten zu beschäftigen. Mit dem schwarzen Vogel, der als Manabestie bezeichnet wurde.
„Was weißt du über Manabestien, Lazarus?“, prüft Clive ihn, denn um ehrlich zu sein, kann er mit dem Begriff nichts anfangen. Anders als Caspian.
Lazarus‘ Lächeln wirkt vielversprechend. Trotz Zweifel gehört er dem Adel an. Somit sollten ihn mehr Informationen zur Verfügung stehen wie dem gemeinen Volk. Voller Entschlossenheit hämmert der Riese seine rechte Faust in die linke Handfläche und strahlt während seiner Verkündung: „Kein Schimmer! Doch ich habe einen Bärenhunger und es hieß, der Alchemist müsse erst erwachen. Jetzt bist du wach? Also wollen wir gemeinsam speisen? Scheint als hätte der Vogel einen Narren an dir gefressen, vielleicht gewinnt er auf deinen Befehl an Größe und wir können ihn über einem prächtigen Feuer rösten.“




Lazarus‘ Worte und Taten machen Clive immer wieder aufs Neue fassungslos. Erschöpft von seiner anstrengenden Art lässt sich Clive rückwärts auf die Matratze fallen, was für einen beunruhigten Aufschrei sorgt. Denn Lazarus fürchtet um eine längere Verzögerung seiner Mahlzeit und scheint das Warten satt zu sein. Ein Räuspern und Cuno erhält sämtliche Aufmerksamkeit. Der Paladin tritt näher an Clive heran und dem Blick zu urteilen, folgen nun ernstzunehmende Informationen.

„Als Paladin kann ich mit dem Begriff Manabestie tatsächlich etwas anfangen.“
Cunos Blick schwenkt rüber und seine Augen ruhen am Ende auf den kleinen Singvogel, der vom Fenster aus vor sich hin trällert. Die Ähnlichkeit zu der Begegnung auf dem Dach ist verblüffend, sodass Clive befürchtet, dass mit der Manabestie dieses Wesen gemeint bleibt. Und obwohl die Vogeldame Mina immer sehr kontaktfreudig scheint, bleibt sie auf Distanz zu ihrem Artgenossen. Sicher auf Cunos Schulter auf beobachtende Position, als könne sie mit der Anwesenheit dieses Besuchers nichts anfangen.
„Klär uns auf, Paladin!“, fordert Lazarus ungeduldig, der sich einen Stuhl schnappt und mittig des Raumes platziert, wo er sich auf noch verkehrt herum hinsetzt und sich erwartungsvoll über die Stuhllehne lehnt, wie ein kleiner Junge, der sehnsüchtig auf eine Geschichte wartet. Doch Cuno hadert, als zweifelt er die Fakten an. Dies beweist er auch mit dem Einstieg und wie verlegen er sich am Kopf kratzt.
„Fast hätte ich mich mit eigenen Augen von dem Mythos überzeugen können, dass die Seele einer Hexe während einer Hinrichtung Form annimmt. Oft eine Tiergestalt. Selten als Naturkatastrophe. In meiner beruflichen Karriere kam ich zum Glück noch nicht auf den Genuss, ein Gabenträger in der Öffentlichkeit anzuprangern. Ich hielt das Geschwätz der Leute für halterlose Gerüchte ohne Kopf und Fuß. Übertrieben, denn der Adel liebt ein Hauch Drama und Skandale. Laut den Berichten heißt es, die Seele der Hexe wird in den Flammen neugeschmiedet. Hexen wären unsterblich, denn sie erwachen in neuer Form. Angepasst an ihrem Magiezweig. Das dunkle Federvieh spricht für dunkle Materie. Magie verkörpert das Böse und wird dem Teufel zu geschrieben, daher reden wir von Bestien.“




Allein beim letzten Satz wird das Herz schwer. Die Furcht vor Veränderung und den Unbekannten kitzelt hässliche Seiten unter Menschen hervor. Aus eigener Erfahrung kann Clive diese Aussage unterschreiben. Eine Tatsache, wofür er sich schämt, selbst ein Mensch zu sein.

Auch Cuno änderte seine Sichtweise, denn er verkündet nüchtern: „Dabei sollen sich die Manabestien friedlich verhalten, sofern diese nicht angegriffen werden. Dennoch sind sie meldepflichtig.“
Kaum fixieren Clives Augen den schwarzen Singvogel an, breitet dieser freudig die Flügel aus, womit er sich ankündigt. Denn mit einem Sprung geht er in den Flug über und landet ganz vorsichtig auf Clives Schulter. Je länger der Alchemist das Tier begutachtet, desto mehr wächst die Hoffnung, dass Luela eine zweite Chance geschenkt wird.
„Flammen sollen die Seele einer Hexe schmieden, aber vielleicht liegt hier ein Irrtum vor. Vielleicht spielt die Todesart keine Rolle. Sollte meine Vermutung stimmen, könnte es sich hier um die Hexe Luela handeln.“
Ein inniger Wunsch von Clive, denn ihr Schicksal beschäftigt ihn noch immer. Was würde er sich für sie freuen, wenn sie nun in völliger Freiheit fern von all der Schikane ein friedliches Leben führen könne. Neu geformt und vielleicht aufrichtig.
„Die Hexe Luela? Oh, ich hörte, die schien ein wahrlich böses Weib zu sein“, meldet sich Lazarus erheitert, als würde die Thematik zu einem interessantem Kaffeeklatsch beitragen.
Ein respektloses Verhalten, das Clives Laune trübt. Unbewusst wandern seine Finger hinauf und streichen sanft über das Federgewand, als wolle er das Tier vor Trübsal ablenken, sollte seine Vermutung stimmen. Tatsächlich wirkt der Vogel zahm und lässt ihn gewähren. Die halbgeschlossenen Augen sprechen sogar dafür, als genieße der neue Freund seine Zuwendung.
Länger zu schweigen, um das Image des Magisterturms zu wahren, wird als Rebell nicht mehr von Nöten sein. Daher muss sich Clive nicht länger zurückhalten und er darf Luela auch vor dem Adel verteidigen.
„Die Gesellschaft formt die Hexen. Die Hetzjagd verändert Menschen mit Gaben. Ich mag Luelas Taten nicht rechtfertigen, doch ich sah den Schmerz in ihren Augen. Die nagende Einsamkeit. Unsere Gesellschaft trägt eine Teilschuld an der Bedrohung durch Hexen.“




Statt sich die Laune trüben zu lassen, gewinnt Lazarus‘ Grinsen an Größe. „Du klingst wie mein Bruder, Alchemist.“
In der Tat teilen Herzog Lysander und Clive viele Ansichten. Das kann niemand abstreiten.

Zur großen Überraschung beteiligt sich Cuno an der Diskussion und auch seine Sicht scheint sich in dieser Thematik geformt zu haben.
„Dennoch verstehe ich das Kernproblem und hinter Clives Argumentation steckt zu viel Wahrheit. Unsere Führungsposition ist mit der Lage vertraut. Wir Paladine bekommen die Gesetzesregelung im Umgang mit Hexen, erhalten magere Warnungen und Informationen über die vermeintlichen Teufel. Wir haben aufgehört, zu hinterfragen, und erfüllen unsere Pflicht. Vielleicht wäre es nun an der Zeit, auch die Kehrseite anzuhören, bevor wir richten. Zu meinem Glück diene ich einem Herrn, der sich zuerst ein Eigenbild macht und seiner Intuition folgt. An Graf Bylom will ich mir ein Beispiel nehmen und ich hoffe, dass ich auch weiterhin an seiner Seite dienen darf. Gern auch generationsübergreifend.“
Welch wärmende Worte. Das Band zwischen Cuno und Graf Bylom stempelt Clive als etwas ganz Besonderes ab. Freundschaft, Bewunderung, eisern geschmiedete Treue, gegenseitiges Vertrauen, fast schon brüderlich. Kasimir schätzt seine Untertanen, nimmt sich die Zeit für seine Bewohner und sucht gemeinsam Lösungen. Ein Mann, der Einfälle schätzt und belohnt. Wie gern hätte sich Clive in seiner Stadt niedergelassen. Aber auch Cuno hinterfragt sein Verhalten, reflektiert sich und sucht nach besseren Versionen. Sein Weltbild wandelt sich durch die Reise und Clive beobachtet gespannt seine Entwicklung.

Nun aber stellt sich die Frage, welche Hexe ihre Zeit bei ihnen vertagt. Clive würde das magische Geschöpf gern beim Namen nennen.
„Gibt es eine Möglichkeit in Erfahrung zu bringen, wessen Seele unter uns wandelt?“
Bewusst richtet er die Frage an Cuno, in der Hoffnung, die Sichtungen werden kategorisiert.
„Spielt das eine Rolle, Alchemist?“, hinterfragt Lazarus, als fände er den Gedanken an die Recherche mühselig.
Doch Clive beharrt auf die Informationen. „Es wäre schön, wenn Luelas friedvolle Version uns besucht, aber sollte ich mich irren, will ich die Umstände der Hexe kennen und unseren Besuch mit dem nötigen Respekt behandeln. Zumal eine jede Hexe sicherlich auch Angehörige zurückließ und wenn möglich hoffe ich, trostspendende Worte an die Betroffenen weitergeben zu können.“




Während Lazarus gedehnt seufzt, schlägt Cuno hochmotiviert gegen seinen Harnisch. Mit einem Blick, der an Entschlossenheit kaum zu überbieten ist.
„Ein Unterfangen, das ich unterstützen mag, mein Freund. Denn auch ich führte einige Botengänge durch, um den Verlust mitzuteilen. Die wohl schwerste und undankbarste Aufgabe eines Paladins. Was habe ich mir gewünscht, ihnen auch frohe Botschaften ausrichten zu können. Dein Einfall gefällt mir und ich weiß, dass in der Königsstadt Berichte von den Hexenhinrichtungen eintreffen. Im Sitz der Krone bietet sich somit die Möglichkeit, die Identität der Hexe offen zu legen. Als Paladin steht es mir zu, die Hallen der Schriften zu betreten, sofern ich als Rebell nicht auffliege.“
„Das schaffst du nie!“, flötet Lazarus, „Nicht bei eurem Vorhaben.“
„Abwarten!“, kontert Cuno zuversichtlich, „Wenn wir uns nicht unbeholfen anstellen, könnten wir eine Weile wie gewohnt leben.“
Clive wünschte, er könnte dem zu stimmen. Doch allein durch die Tatsache durch die fehlende Berichterstattung wird der Magisterturm misstrauisch und Söldner anheuern, die nach dem Grund forschen. Doch vielleicht kann Jelko helfen. Sichtungen über magische Wesen wurden auch sicherlich in der Sternenburg archiviert. Eine solch große und prächtige Stadt konkurrierte sicherlich mit dem Sitz der Krone. Informationsbeschaffung gehörte sicherlich ganz oben auf der Liste. Doch um mit Jelko in Kontakt zu treten, muss sicherlich noch etwas Zeit vergehen. Wie gut, dass Clive der Zutritt zur örtlichen Bibliothek zusteht. Vielleicht wird er an jenem Ort fündig und auch ein Gespräch mit Caspian könnte mehr Licht ins Dunkeln bringen.

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