Kapitel 25
Das starke Bedürfnis nach Sinnklärung trieb die schwarzen Roben schon immer an. Vielleicht um den Schrecken für das Ungreifbare zu mildern. Der Tod hütet viele Geheimnisse und sät viel Furcht. Aber Caspian zieht er magisch an. Ebenso wie das Phänomen mit den Manabestien. Umso interessanter wird der Vogel auf Clives Schultern begutachtet. Kaum konfrontiert Clive ihn mit den Fakten und Fragen, rollt eine Tafel auf Rädern heran. Bis auf die kleinste Ecke beschriftet. Notizen, die wichtig wirken, aber der Schwamm wird konsequent gezuckt und alles fortgewischt. Extrem pingelig, sodass die Tafel im Nu glänzt. In Clives Augen ein unnötiger Akt, schließlich liegt sein Tagebuch bereits in seinen Händen und wartet ungeduldig darauf, mit Informationen gefüttert zu werden.
Kaum stecken beide Alchemisten die Köpfe zusammen, verlaufen sie sich viel zu tief in der Materie, anders als die Lehrstunden aus dem Magisterturm. Caspian spielte ebenfalls mit dem Gedanken, dass die Todesursache keinen Einfluss auf das Phänomen haben solle. Er vermutet, dass der Magiefluss einer Hexe nicht zum Zerfall gehört und daher in die Atmosphäre aufsteigt. In Magie steckt Leben. Reine Energie. Caspian vergleicht diese Macht mit Blitzen. Eine Überladung in den Wolken. Laut Berichten sollen Manabestien Verhaltensmuster von ihrem ursprünglichen Besitzer annehmen. Es gibt sogar geheime Dokumente über eingefangene Fälle, die zum Forschungszweck studiert werden. Ein Alptraum in Clives Augen. Als wurden die Hexen nicht genug gejagt, gibt es Spezialisten, die für die Gefangennahme der Manabestien reichlich belohnt werden, nur damit die magischen Geschöpfe wieder in Ketten gelegt werden. Ein geheimes Institut im Sitz der Krone. Alle Wege führen damit am Ende zur Hauptstadt. Der Entschluss steht: Eine Befreiungsaktion der Manabestien! Clive duldet das Leid der Hexen nicht länger und will sich für eine Zukunft einsetzen, indem Hexen und Manabestien nicht länger um ihre Freiheit fürchten.
Ein Fanatiker wie Caspian kam durch umstrittene Wege an einen der wenigen Kataloge der Manabestien. Ein Werk, dessen aktueller Stand vor zwei Jahren aktualisiert wurde. Dadurch können beide Alchemisten ausschließen, dass der schwarze Vogel in diesem Zeitraum festgehalten wurde. Somit besteht noch immer Hoffnung, dass Luela an Clives Seite verweilt. Caspians Versuche mit dem Besucher zu interagieren scheitern, das Tier wirkt desinteressiert im Umgang mit anderen. Das Wesen bleibt fixiert auf Clive, wirkt aber jedoch fürchterlich erschöpft, woraufhin er dem Tier alle Zeit und Ruhe der Welt gönnen mag.
Der Besuch bei Caspian raubte mehr Zeit als geplant, dennoch erwies sich der Zwischenstopp als ein informativer Nachmittag. Einen weiteren Trumpf sei Clive gegönnt, denn Luela ließ ihren Seelenkater zurück. Amon entfernt sich zwar regelmäßig von der Gruppe und erkundigt neugierig neue Umgebungen, dennoch befolgt er einen festen Ablauf. Seine Routine führt ihn somit zu Sina. Zeit zur Fütterung. Kaum schreitet Clive hinaus aus der Bibliothek tritt er unbewusst in die Männerrunde. Lazarus lacht herzlich und auch Cunos Mundwinkel zucken.
„Halten wir unbedingt so fest, Paladin“, freut sich Lysanders Bruder.
Ein Nicken, bis Cuno aus dem Augenwinkel Clive ausmacht und der freundliche Blick aus seinem Gesicht fliegt.
„Clive, du warst sehr lange fort, hast du gute Neuigkeiten?“
Die Thematik mit den Manabestien scheint auch ihn zu interessieren. Ein Wink und beide Kerle folgen dem Alchemisten Richtung Küche. Unterwegs teilt er somit sein Wissen und erhält Cuno als Verbündeten bei der Befreiungsaktion für die magischen Geschöpfe.
Im Schein der Sonne strahlt Sinas Gestalt umso schöner. All die Leuchtpartikel in ihren Flügeln fangen das Licht ein und reflektieren dies, was zu einem wunderschönen Spektakel führt. Auch in Sinas Flügeln herrscht Bewegung wie am Meer. So lässt sich der Blick von dem beweglichen Lichterspiel kaum abwenden. Die Flügel funkeln traumhaft schön. Die Fee kniet mit strahlender Miene zu Boden und bewirtet das schwarze Kätzchen. In einem kleinen Vorgarten, wo sich die Hintertür zur Küche befindet. Amon trinkt an jenem Ort genussvoll aus einer Schale. Gefüllt mit Milch, wie es scheint.
Kaum fängt Sinas Blick den von Clive ein, teilt sie freudig mit: „Ziegenmilch. Mit der Erlaubnis der Ziegendame und Felines Einweisung habe ich heute zum ersten Mal gemolken.“
Feline–die Wirtstochter aus dem gepeinigten Dorf von Luela– wurde zu einer wertvollen Freundin von Sina. Beide Mädchen verstehen sich hervorragend und unterhalten sich viel. Feline unterweist Sina in vielen hauswirtschaftlichen Tätigkeiten und oft grasen die beiden Mädchen zusammen.
Stolz tätschelt Clive Sina am Kopf, während er neben ihr kniet und gemeinsam beobachtet, wie Amon die Ziegenmilch genießt. Belohnt wird Sina wenig später mit Annäherungsversuche. Amon reibt nach der Mahlzeit sein Köpfen an ihre Beine und schnurrt laut. Auch von Clive lässt sich der kleine Kater streicheln. Ein friedvoller Moment, bis Amon das schwarze Gefieder wahrnimmt. Der Kater starrt verdächtig lang hinauf, schweigt jedoch. Ungewöhnlich für seinen Charakter. Denn Amon verkündet der Welt seine Gedanken bei jeder Gelegenheit. Mit einem lauten Organ und einem stürmischen Gemüt. Daher liegt es an Clive, die Fragen zu stellen.
„Liege ich mit meiner Vermutung richtig, dass deine Herrin als magisches Wesen erwachte, Amon?“
Der Mund öffnet sich vor Staunen, als die Augen des Katers ihn betrachten.
„Ein Trumpf durch eine Verwandlung?“, hinterfragt der Kleine.
Clive nickt. „Ich halte es für möglich. Würdest du deine Herrin in jeder Gestalt wiedererkennen?“
„Das würde ich!“ Amon klingt überzeugt und betrachtet den Vogel genauer. Dieser hält sich jedoch zurück und schlummert weiterhin auf Clives Schulter. „Nur bin ich mir nicht sicher. Die Macht des Federviehs wirkt so dunkel wie die meiner Herrin. Doch zu sanft! Unbefleckt! Aber dennoch vertraut.“
„Verschuldet durch den Zauber der Verwandlung?“, grübelt Clive laut und vorsichtig mit der Offenbarung seiner Gedanken.
Denn vielleicht werden alle Sünden nach dem Tod reingewaschen. Die Theorie über eine Reinkarnation besteht, wie das Gespräch mit Caspian bewies. Interessante Dokumente und Theorien, die im Besitz der schwarzen Robe liegen.
Unsicherheit plagt Amon. Der Kater schüttelt auffällig seinen Kopf.
„Es fühlt sich an, wie ein Teil von Luela, aber nicht vollständig. Schwer zu erklären.“
Überzeugt von seiner Theorie zeigt sich Clive blind für andere Einfälle, doch Cuno beteiligt sich an der Runde und bringt einen interessanten Einwurf ins Spiel: „Sag, Kater, gibt es Nachkommen von Luela? Hatte sie Kinder?“
Interessiert hebt Clive den Blick und geduldet sich sehnsüchtig auf die Antwort, doch Amon schüttelt entschuldigend den Kopf.
„Luela las mich erst vor weniger als einem Jahr auf der Straße auf. Sie bewahrte mich vor dem Verhungern und befreite mich von den Parasiten. Sie sprach nie über die Vergangenheit. Nie über Kinder oder Beziehungen.“
„Einen Bastard mit einer Hexe würde zu viel Aufsehen in der Öffentlichkeit verursachen. Vielleicht wurde die Sache verheimlicht und schnell beseitigt“, grübelt Cuno laut.
Der fröhliche Ausdruck aus Lazarus Gesicht wich schon einer Weile. Mit zu ernster Miene verschließt er sich. Die Arme liegen verschränkt vor der Brust und auch wenn er den Anschein macht, sich nicht an der Thematik zu beteiligen, spuckt er die verachtenden Worte nun auf den Boden: „Ganz Recht, Bastarde haben es schwer im Leben. Viele erblicken nur kurz das Licht der Welt. Vielleicht gab es einen Säugling, der vor den Augen der Hexe getötet wurde. Vielleicht ein Kind der Magie. Würde mich nicht wundern. Aber vielleicht sah man in dem Säugling auch eine Waffe. So wie mein narzisstischer Vater! Wer weiß, ob ein Spross einer Hexe herangezogen wurde, aus egoistischen Nutzen, um vielleicht später Opfer einer Gewalttat zu werden.“
Als trübe sich auch die Laune des Himmels, ziehen Wolken heran und vertreiben die Sonne. So wie in Clives innere Welt. Grausame Fakten, die ihm den Magen verknoten. Objektiv gesehen würde solch eine Tatsache die Suche nach der Identität extrem erschweren. Einer Aufgabe, die sie sicherlich nicht gewachsen wären. Nur ein Profi käme ins Spiel. Jelko mag Luela eine lange Zeit begleitet haben, doch vielleicht vor ihrem Wandel. Vor einem möglichen Zusammenbruch. Vor einer Tragödie. Dann müsse Clive sich an Herzog Lysander widmen. Ungern. Noch kann er Lysander schwer einschätzen. Einen Gefallen will er diesem teuflischen Genie nicht schuldig sein.
Der sanfte Ruf und die warme Hand an seinem linken Oberarm holen Clive aus dem Strudel der Gedanken. Sina betrachtet ihn beunruhigt.
„Geht es dir gut? Hast du dich erholt? Du wirst noch immer bleich. Warum sprecht ihr über Luela…“
Der Schwall an Fragen überwältigt Clive. Eine gigantische Welle, der er unterlegen bleibt. Unfähig Sinas Wissensdurst zu beantworten, starrt er eine Weile stumm, bis sich ihr Mund schließt und sich endlich eine Gelegenheit bietet, das Wort zu ergreifen. Dabei liegt der Fokus auf ihr kleines Geschenk.
„Danke für die Meeresbohne. Dein kleiner Schatz aus deiner Heimat. Ich fühle mich geehrt, dass du einen Ableger an mich weiterreichst.“
Sina mag lächeln, aber in ihren Augen sammeln sich Tränen. Sicherlich aufgrund von Heimweh und doch nickt sie, als sei sie mit ihrer Entscheidung rundum zufrieden. Ihre rechte Hand legt sie sicherlich unbewusst auf die Stelle ihres Herzens, als stecke viel mehr als Genesungswünsche hinter der Geste. Voller Tatendrang erhebt sie sich und klatscht die Hände ineinander klatscht. Auch ohne Antworten auf all die vielen Fragen zu Luela verabschiedet sich die Fee, um ihrer Routine zu folgen. Vielleicht weil sie darauf vertraut, dass Clive sie schnellstmöglich in seine Pläne einbindet. Ein Unterfangen, was er in der Abendstunde nachholt. Ein Vier-Augen-Gespräch, wonach er sich ihr gegenüber viel verbundener fühlt. Denn trotz Gefahren und Vorhaben scheut sich Sina nicht, ihr Vorhaben zu unterstützen. Stattdessen verändert sich ihre Stimmung. Die Fröhlichkeit wird in den Hintergrund gedrängt und stattdessen blickt ihm unerschütterliche Entschlossenheit entgegen. Ihre Unterhaltung wirft ein ganz anderes Licht auf Sina. Eine Seite, die er so von ihr noch nicht kannte, aber überzeugt, sie für die Rebellion einzuplanen. Er vertraut auf ihr Urteilsvermögen und hofft, ihre Kriegsflamme sprang ein klein wenig auf ihn über. Da er bereits befürchtet, die aktuelle Lage beschäftigt ihn noch bis zur späten Stunde, setzt er sich bewusst einen Tee auf, der ihm hilft, Schlaf zu tanken.
Das Herz blüht auf, denn in nur wenigen Tagen wird die Ruine zu einer Heimat. Es entsteht eine kleine Gemeinschaft, die eng miteinander agiert. Familiär und verbunden. Geleitet von Gerta. Ein neues Zuhause für Clive und auch Sina. Denn die beiden planen nach ihrer Reise zurück an jenen Ort zu kehren. Cuno hingegen strebt Rebeccas Freiheit an und die Rückkehr an Graf Byloms Seite. In die Dienste seines Herrn. Lazarus verspricht Stillschweigen über das Versteck, seine Zukunft bleibt ungewiss. Sich an einen Ort zu binden liegt ihm fern. Er jagt den Abenteuern hinterher und daher will er vorerst nicht von Clives Seite weichen. Caspian spielte lange den Wächter der Ruine und Hüter der Bibliothek, aber mit Absprache von Gerta plant er ebenfalls den Sitz der Krone aufzusuchen. Ihn giert es nach Antworten über Manabestien. Da eine auf Clives Schultern schlummert, will er die Beobachtung über das Tier weiterhin fortsetzen. Er mag ebenfalls vom Magisterturm gesucht werden, daher legt er seine Robe ab, um sich zu tarnen. Nicht ohne Gejammer, wohlgemerkt. Somit begleitet er Clives kleine Gruppe zum nächsten Treffpunkt. Eine kleine Burgruine. Südwestlich von Gertas Versteck. Eine Geisterstadt. Ausgelöscht von Jenara. Ein Ort, der als verflucht gilt und daher gemieden wird. Eine Landschaft um die Geisterstadt, die von der Natur zurückerobert wurde. Tierangriffe durch Wölfe und Bären fallen dank Sinas Anwesenheit weg. Solch eine entspannte Reise kennt Clive kaum.
Kaum befindet sich die Burg in Sichtnähe, zeichnen sich die Spuren von Jenaras Magie ab. Gefrorenes Gras knackt unter den Hufen. Eiszapfen gewinnen an dem Geäst an Größe und funkeln im Schein der Sonne. Der Temperaturunterschied wirkt überwältigend. Trotz warmer Region treten sie in ein schneebedecktes, teilweise vereistes Gebiet ein. Angefangen vor den Stadtgrenzen. Dächer unter weißen Decken und auch die Stadtmauer steckt unter einer tiefen Eisschicht. Aus den offenen Toren dringt Kältenebel. Nicht dicht genug, um die zu Eis erstarrten Menschen und Transportmittel zu verdecken. Der Zustand vermittelt Gefahr und Beklommenheit. Eisige Winde pfeifen ihnen über der Schwelle entgegen, begleitet von eine bedrückenden Stille. Jeder Schritt voran fühlt sich falsch und gefährlich an. Doch für ihr Vorhaben müssen alle Warnungen ignoriert werden und ein jedes Herz Mut fassen.



































































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