Kapitel 17

Stark sein! Für Tessa und Onkel Hendrik! Keine Schwäche!

Mit vorgespielter Würde verlässt Skyla die Station und begibt sich ins Treppenhaus. Der Ort, wo die Maske fällt. Die ersten Stufen führen hinab, als die Beine versagen. Mit weichen Knien nimmt sie auf dem Absatz Platz. Die Hände fühlen sich beschmutzt an. Als habe Skyla ihre Tante mit ihren eigenen Händen erwürgt. Das Unheil hat sich festgebissen. All die Menschen um Skyla herum leiden ihretwegen, obwohl sie andere Ambitionen hegt. Schniefend verdeckt Skyla ihr Gesicht hinter den Händen und konzentriert sich auf eine ruhige Atmung. Fast wäre sie einen Pakt mit Kai eingegangen. Hoffentlich hält Dalika Wort und Naru kehrt gesund zurück zur Familie. Zum Schutz des Babys will Skyla Distanz wahren.

Eine gefühlte Ewigkeit sitzt Skyla allein im Treppenhaus, als plötzlich Schritte erklingen. Tessa und ihr Onkel dürfen nicht sehen, wie fertig sie das Ganze macht. Daher werden eilig die Tränen weggewischt und tief durchgeatmet. Mit einem Fakelächeln dreht sie sich um. Die Gesichtszüge entgleiten ihr, als einer der Ordensmitglieder herantritt. Das polierte Messer leuchtet im Schein der Sonne. Es schaut aus dem Ärmel heraus. Der Kopf liegt im Schatten der Kapuze versteckt. Nicht bereit, zu kämpfen, hebt sie die Hände widerstandslos.
„Mach es kurz und schmerzlos“, spricht sie zu dem Ritter, denn es fehlt ihr die Kraft für den Kampf und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Ihre Familie kann sie ruhigen Gewissens Milan und Justin anvertrauen. Ihr Ableben darf gern hier und heute enden. In der Hoffnung, der Spuk endet für alle.

Der Ritter tritt zögerlich heran. Ganz misstrauisch. Hinter ihm durch die Glasfront entdeckt Skyla ihren Kindheitsfreund. Lukas hat ein schlechtes Timing. Der Gedanke, wie er ihren Tod bezeugt, missfällt ihr. Und doch lächelt sie ihm zum Abschied zu. Dankbar für die schöne Zeit und seine Treue. Lukas schüttelt flehend seinen Kopf, als wolle er sie ermutigen, zu kämpfen. Aber Skyla ist lebensmüde geworden und sehnt sich ihr Ende schnell herbei. Etwas, dass er erkennen zu scheint. Mit einem kräftigen Ruck reißt er die Tür auf und brüllt ihren Namen.

Der Ritter fährt erschrocken herum. Statt die Flucht zu ergreifen, fixiert er sein eigenes Ziel. Die Klinge saust bereits hinab, da stürzt sich Lukas auf die Bedrohung und fällt mit dem Vermummten die Treppen hinunter. Beunruhigt erhebt sich Skyla und stürmt hinunter zu ihrem Freund, der glücklicherweise auf dem Ritter gefallen ist. Lukas erhebt sich unverletzt und macht das Messer aus. Wütend tritt er dieses fort.




„Hast du dir etwas getan?“, erkundigt Skyla beunruhigt.
Statt darauf zu antworten, schnellen seine Hände hinab auf ihre Schultern. Sein glühender Blick ruht auf ihr und er presst die Luft zwischen seinen Zähnen hindurch. Seine Kopfnuss trifft sie unerwartet und schmerzt fürchterlich. Skyla versucht, Abstand zu nehmen, aber Lukas gibt sie nicht frei.
„Du hast dich aufgegeben! Ich habe es in deinen Augen gesehen!“, brüllt er sie an.
Unfähig drauf zu antworten, schlägt Skyla schuldbewusst die Augen nieder. Er ist wütend und brachte sich wegen ihr in Lebensgefahr. Erneut. Weil sie immer kläglich versagt. Die Sonne mag durch die große Glasfront scheinen, aber Licht und Wärme erreichen Skyla nicht mehr. Alles wird grau und trostlos. Bitterkeit macht sich im Mundraum breit. Der Geschmack des Versagens.

Kaum löst sich der Griff von ihrem Freund, fühlt sich Skyla auch von ihm verstoßen und blickt beunruhigt auf. Dabei dreht sich Lukas mit Schwung um. Seine Faust donnert mit Wucht auf den erhobenen Ritter ein. Das Ordensmitglied hat keine Chance und kracht gegen die Wand, um benommen wegzuknicken. Aber Lukas schnappt zu und packt den Übeltäter am Kragen. Furchtlos drückt er den Vermummten gegen die Wand und stiert ihn die Dunkelheit. Ein Fehler, denn Lukas unterschätzt die Gefahr. Anders als Skyla. Sie sieht das Unglück kommen und bevor ihr Freund Opfer dieser Organisation wird, wendet sie Justins Trick an. Mit Zeige- und Mittelfinger sticht sie dem Angreifer oberhalb der Brust zwischen die Rippen und trifft einen der Druckpunkte. Er keucht und krümmt sich, während Skyla ihren Körper in den Zwischenraum schiebt und Lukas bewusst in den Hintergrund drückt. Das Bein wird zwischen den Schritt hochgezogen und ihre Hände drücken den Kopf hinab gegen ihr angewinkeltes Bein. Sodass er mit voller Wucht ihren Zorn schmeckt, als sein Schädel gegen ihren Knochen donnert.

Mit klopfendem Herzen fängt Skyla das bewusstlose Ordensmitglied und reißt diesem die Kapuze vom Kopf. Zu ihrer Enttäuschung handelt es sich um einen Fremden, dabei hatte sie Hoffnung, einen der Geschwister Rose zu erwischen. Ein unauffälliges Allgegenwärtiges Gesicht eines Mannes. Gepflegt. Mittleren Alters. Ein Karamellfarbener Teint. Schwarze, wilde Locken. Mit der sportlichen Figur hätte sie für ihn einen Fußballspieler gehalten.




„Wow“, staunt Lukas laut.
Skyla legt den ausgewachsenen Kerl hinab zu Boden und dreht sich zu ihm.
„Ihnen darfst du nicht zu nah kommen. Sie sind ausgebildete Killer.“
Ein Blick über Lukas zeigt, dass er unverletzt ist. Daher wendet sich Skyla ab. Auf der Suche nach der Waffe.
„Ich frage mich, warum deine Schutzgeister nicht reagiert haben“, grübelt Lukas verärgert, „Sie sollten dich doch mit ihrem Leben beschützen oder?“
„Wieso? Du hattest die Lage doch im Griff“, meldet sich Kais Stimme.
„Wäre ich nicht rechtzeitig dagewesen und Skyla draufgegangen, dann hätte ich euch für die Sache verantwortlich gemacht“, legt Lukas mit den Dämonen an.

Skyla lässt ihn nur machen, denn sie wird fündig. Schließlich reflektiert das stark polierte Messer die Sonnenstrahlen und erleichtert somit die Suche. Aber kaum kommen ihre Finger mit dem Stahl in Berührung, durchfährt sie ein schmerzhafter Stich, der hoch bis in die Schulter zieht. Augenblicklich verliert Skyla die Kontrolle über ihren Arm, der schlaff hinab fällt. Auf der glatten Oberfläche nimmt sie kleine Funken und Blitze wahr.
„Du kannst doch nicht einfach nach der Tatwaffe greifen!“, meldet sich Lukas vorwurfsvoll und stülpt sich Lederhandschuhe über.
„Woher hast du die denn?“, wundert sich Skyla laut.
„Ich bin halt bestens vorbereitet.“
Er plant, danach zu greifen, daher folgt ihre Warnung: „Nicht! Du bekommst sonst einen Stromschlag.“
„Unwahrscheinlich. Dein Angreifer blieb verschont und nirgendwo lässt sich ein Knopf oder Schalter ausfindig machen, daher vermute ich, dass diese Waffe auf die Energie anspringt, die du für deine Macht benötigst.“
Seine These gewinnt mehr Beachtung, als er die Waffe unbeschadet hochhebt und in seiner Tasche verstaut. Ihr Staunen scheint Lukas aufzuheitern, denn seine Züge entspannen sich.
„Oh mein Gott!“, tönt es von oben.
Ein Blick hinauf zeigt eine Pflegerin, die zu dem bewusstlosen Ritter eilt. Skyla schnappt sich Lukas, um mit ihm aus dem Sichtfeld zu verschwinden. Ganz leise, bis der Dame ein Schrei entweicht. Kurz darauf röchelt sie.

„Unmöglich!“
Mit einem Satz macht Skyla kehrt und stürmt hinauf, um Zeuge von einem Mord zu werden. Was für ein Monster muss der Ritter sein, um jetzt wieder auf den Beinen zu stehen. Sicherlich hielt er die Frau für Skyla. Dabei kam die Dame zur Hilfe, nun liegt sie mit einem gebrochenen Genick auf den Fliesen. Der Ritter macht Skyla schnell aus und tastet seinen Körper entlang, als suche er seine Waffe. Nun kann sie sich nicht mehr zurückhalten. Ihr Verstand wird auf die Ersatzbank gedrückt und ihre Kriegerin tritt hervor. Stärker denn je!




„Es war dumm von dir, mich nicht getötet zu haben“, spricht der Ritter zu ihr, als habe er nichts zu befürchten.
Skyla hebt die Hand und sammelt Energie. Ein schwaches Leuchten kündigt ihre Macht an, bis dieses an Intensität verliert und der Druck in der Atmosphäre ruckartig fällt. Erschrocken wird Skyla bewusst, dass ihre Fähigkeiten blockiert werden. Statt der Waffe zieht der Kerl eine Phiole aus dem Mantel und wirft diese in ihre Richtung.
„Agnar! Beschütze Lukas!“ Skyla weicht nur deshalb aus, weil sie Vertrauen in ihre kleine Spinne hat. Angemessen wie sich zeigt, denn seine Spinnenfäden schlingen sich irreschnell um ihren Kindheitsfreund und reißen ihn in den Hintergrund. „Kai, ich zähle auf dich!“
„Verlass dich auf mich!“

Auch ohne mediale Fähigkeiten weiß Skyla sich zu wehren und stürmt furchtlos voran. Kai überholt sie mit einem Sprung, dabei wächst sein Arm zu einer furchterregenden Bärenklaue heran. Aber der Ritter duckt sich und kickt sein Bein hoch. Zu schnell für Kai, denn es trifft den Dämon in der Magengrube. Der Dämonenbär wird zurück an den Absender befördert. Gekonnt fängt sie die kleine Plüschwatte, um ihn wie bei einem Ballspiel zurückzuwerfen. Trotz der kurzen Distanz weicht ihr Gegenüber problemlos aus, ohne sich von der Stelle zu bewegen. Er zieht seinen Körper ein Stück nach links, während sein kalter Blick weiter an ihr kleben bleibt.

Per Sturmangriff geht Skyla in die Offensive. Alle ihre Faustschläge werden gekonnt abgewehrt. Kaum schlägt ihr Feind zu, dreht sie sich mit Schwung an ihm vorbei, dabei hält sie seinen Arm gefangen. Ziel ist es, ihn zu Boden bringen. Aber kaum lässt sie sich mit seinem Arm fallen, knickt er zwar ein. Aber seinen Fall bremst er ab. Mit einem kräftigen Ruck befreit er sein gefangenes Handgelenk aus ihrem Griff. Zeit zum Handeln bleibt ihr keine, denn ehe sie sich versieht, holt er mit einer halben Pirouette Schwung und zieht sein Bein durch. Sein rechter Fuß trifft sie mit Schmackes im Gesicht. Der Tritt befördert sie ein Stück weit. Der Kopf knallt auf die kalten Fliesen. Mit dem Stoß verliert Skyla das Gefühl über ihren Körper und der Geist liegt in einem bleischweren Behälter. In einer kaputten Puppe. Die Gedanken werden trüb und die Probleme verlieren an Bedeutung.



Geschmeidig erhebt sich der Ritter und lacht leise, als habe er den Spaß seines Lebens.
„Nicht schlecht“, lobt er und tritt ganz nah heran.
In Skylas benommenen Zustand ist sie ihm kein würdiger Gegner. Das Ordensmitglied geht vor ihr in die Hocke und seine dreckigen Finger fahren zuerst durch ihr Gesicht. Ganz langsam streichen diese den Hals hinab und statt ihr das Schicksal wie der Pflegerin zu bescheren, stoppt seine Hand in ihrem Dekolleté.
„Hexen sind wahrlich anmutige Schönheiten.“ Seine Augen weiten sich vor Freude. „Weißt du, wie wir Hexen entsorgen? Wir verbrennen sie zu Asche. Aber vorher schnappe ich mir dein schlagendes Herz.“
Er winkelt den Arm zum Schlag an, als plötzlich ein dunkler Schatten über den Kerl fällt. Kai beugt sich bedrohlich über seine Schulter und schäumt aus der Schnauze. Sein Kopf erinnert mehr an die Bestie, die Naomi aus ihm gemacht hat.
„Finger weg von meinem Mädchen, dreckige Made!“
Schwarze Rauchschwaden schlängeln sich durch das Treppenhaus, während das Sonnenlicht einen unheimlich roten Farbton annimmt. Aufsteigende Lichterpunkte verraten die Geisterwelt. Skyla blickt von den fliegenden Kugeln auf, als der Ritter zu schreien beginnt. Kais Kralle drückt sich brutal in sein Fleisch. Das beunruhigende Geräusch von berstenden Knochen jagt ihr kalte Schauer durch den Körper. Ohne zu Zögern, beißt Kai in die andere Schulter. Er trifft mit seinem starken Kiefer auf Widerstand und reißt brutal an der Bissstelle. Eine rote Fontäne schießt hinauf und trifft Skyla ins Gesicht. Der Mann windet sich in dem Griff des Bären. Schreiend vor Schmerzen.

Die Aura, die Kai ausstrahlt, veränderte sich mit einem Schlag. Düsterer. Viel grausamer. Skyla steht der Mund offen und sie kann die tiefsitzende Angst vor ihrem eigenen Schutzgeist nicht leugnen. Ihr kleiner Dämonenbär ist zu einer wahren Bestie herangewachsen und verspeist den Ritter beim lebendigen Bewusstsein. Zurück bleibt ein großer Blutfleck mit kleinen Fleischstücken und Stoffteile des Mantels. Am Ende leckt sich der Bär die Pfote. Seine Augen glühen bedrohlich und sein teuflisches Grinsen bringt ihren Körper zum Schlottern.
„Ihr seid zum Anbeißen“, haucht Kai ihr die Worte zu.




Skyla schluckt hörbar laut. Fast hätte sie mit solch einem Monster einen Pakt geschlossen.
„Kai!“ Ihre Stimme bibbert genauso wie ihr verräterischer Körper und doch muss sie ihn rügen. „Wir hatten abgemacht, keine Menschen zu fressen! Auch keine Ritter!“
Die große Bärengestalt lacht leise und beugt sich bedrohlich vor. Es kostet Skyla unfassbar viel Überwindung, sich nicht wegzudrehen. Der Gestank von rohen Fleisch und Eisen liegt ihrem Dämonen schwer im Maul. Skyla hat noch nie so stark gekämpft, ihr Frühstück in sich zu behalten.
„Spurenbeseitigung, meine Grausamkeit. Agnar überlasse ich die Frau. Niemand wird die Toten finden. Sie werden spurlos verschwinden.“
Mit diesen Worten zieht sich Kai zurück in den Schatten und das rote Licht der Geisterwelt folgt ihm dabei. Skyla kämpft sich hoch und verfolgt, wie der rötliche Lichtkegel über sie hinweg gleitet. Die Schwelle und somit die Rückkehr in die Menschenwelt. Ihr war nicht bewusst, dass ihr Dämon ein Portal öffnen kann. Eigentlich sollte sie ihm danken, andererseits ist dieser Bereich noch fremdes Terrain.

Lukas stürmt heran. Aus Erschöpfung lehnt sich Skyla an die Brust ihres Freundes. Ihre Augen drohen zuzufallen. Lukas Finger streichen behutsam über ihre Wange. Er dreht ihren Kopf und sie spürt seinen prüfenden Blick. Anders als vor dem Krankenhaus sorgt er sich und diesmal lässt sie ihn gewähren. An seinem schicken Hemd findet sie sogar nach einzelnen Fäden, die von Agnar stammen. Sie zupft diese fort und schon nimmt die Müdigkeit sie ruckartig in Beschlag.

Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 0 / 5. Anzahl: 0

Bisher keine Bewertungen

Kommentare