Kapitel 16
Strahlend hell und Hoffnung bringend gleicht Sinas Lächeln dem eines Engels. Voller Wärme und Licht. Skyla fühlt pure Geborgenheit. Die Last auf dem Herzen schrumpft beachtlich zu dem Gewicht einer Feder. Dabei war es erst kürzlich bleischwer von all dem Ballast, der ihr auferlegt wurde.
„Hoch mit dir, Süße. Du hattest eine kleine Schwindelattacke. Schone dich doch bitte mehr.“
Mit diesen Worten wird Skyla auf die Beine geholfen. Das Gefühl, etwas vergessen zu haben, schiebt sich in den Vordergrund. Doch so sehr sich der Kopf anstrengt, findet Skyla nichts, was ihr entgangen sein könne. Ein Blick durch den tristen Flur lässt sie dennoch erinnern, weshalb sie das Krankenhaus aufgesucht haben. Die erschütternde Botschaft rüttelt sie erneut wach, so wie ihre Cousine. Tessa blickt ihr zeitgleich in die Augen. Die schwarze Schönheit schnieft laut, bevor die Tränen bereits hinabfallen.
„Tante Mary!“
Skyla schluchzt bitter und schlägt im nächsten Augenblick die Hände erschüttert vors Gesicht.
Lukas hat ein Talent, wie aus dem heiteren Himmel immer im richtigen Moment herbeizueilen. Wo auch immer er herkam, Skyla braucht ihn als eine seelische Stütze. Daher lässt sie sich von ihm in die Arme ziehen. Bei ihrem Kindheitsfreund beruhigen sich ihre Nerven schnell und der Kopf wird klar. Tessa und sie schulden Tante Mary diesen Abschied, daher löst sie sich von Lukas und streckt ihre Hand auffordernd zu ihrer Cousine.
„Gehen wir.“
Tessa nickt zögerlich und greift zu. Auch wenn ihr Körper ganz steif reagiert. Ähnlich wie bei Skyla.
Begleitet von Lukas und Sina folgt der Gang zu den Operationssälen. Im Wartebereich führt bereits Onkel Hendrik ein Gespräch mit einem Ärzteteam. Die Tränen und der verzweifelte Ausdruck sprechen für den Verlust. Tessa löst sich schlagartig und eilt zu ihrem Vater, der sie sofort in die Arme schließt und sich seiner Trauer nun laut hingibt.
„Wen habt ihr verloren, Skyla? Mutter und Kind?“, hinterfragt Sina mit bleichem Gesicht.
„Tante Mary ist von uns gegangen. Ihr Baby kämpft noch ums Überleben. Mein Nang Tani versprach, meinen Cousin zu retten. Ich hoffe, Dalika ist dazu wirklich im Stande.“
Skyla klingt abgestumpft. Dabei fühlt sie sich schuldig für all das ganze Misere. Lukas legt stützend seine Hand an ihren Rücken und betrachtet sie beunruhigt. Erst als Skyla traurig lächelt, entspannen sich seine Züge.
„Euer Verlust tut mir schrecklich leid, Skyla. Ich habe deine Tante nur wenige Male getroffen, aber sie war aufgeweckt und von froher Natur.“
Da spricht seine gute Beobachtungsgabe aus ihm und er trifft mit seiner Einschätzung voll ins Schwarze.
„Ja, sie war unglaublich nett und fürsorglich. Ich mochte sie wirklich. Daher schmerzt es umso mehr.“
Nun schmiegt sich Sina von der Seite an. Traurig und mitfühlend lehnt sie ihren Kopf an den von Skyla. Nähe, die ihr gegenüber einer fremden Person eigentlich zu wider ist, doch in diesem Fall willkommen. Etwas an Sina spricht für eine unerklärliche Vertrautheit. Wie am Tag ihrer ersten Begegnung. Sina besitzt eine Aura, die sie im Sonnenlicht baden lässt. Eine Person so hell und voller Wärme, die mit Freuden auf das Umfeld übergeht. Licht und Wärme sind schließlich heißbegehrt. Auch Skylas kümmerliche Seele wünscht sich immer häufiger eine Umarmung voll von Liebe. Trotz der wundervollen Menschen, die sie begleiten. Aber so viel Dunkelheit zerrt an ihren Reserven wie durstige Pflanzen in Zeiten der Dürre. Und Sina füllt ihren Akku allein mit ihrer Anwesenheit. Vielleicht durch ihre Gabe. Vielleicht liegt das aber auch in Sinas Natur, denn sie ist der Typ fröhliche Mensch, den Skyla immer für all den Optimismus beneidet.
Kaum legt sich der Trubel, erfährt Skyla, dass ihre Mutter auf der Kinderintensivstation über den Nachwuchs wacht. Für den Abschied wird Tante Mary ins Zimmer gebracht, bevor sie für den Leichentransport bereit gemacht wird. Onkel Hendrik wirkt dankbar, dass Skyla sich ebenfalls verabschieden möchte. Vor der Beerdigung. Auch ihrer Mutter Kacie soll diese Möglichkeit gegeben werden, daher wird Tessa nach ihrem Abschied sich zur Intensivstation begeben. Wie Skyla. So ist der Plan, schließlich wird sich dort Dalika befinden.
Die Furcht vermischt sich mit Nervosität. Skyla möchte ihrer Tante noch so vieles sagen und sich aufrichtig entschuldigen, aber der Mut lässt sie immer mehr im Stich. Die Nervenstränge sind bis aufs Äußerte gespannt, als Skyla im Wartebereich mit dem Blick auf die Zimmertür der Toten richtet. Der ganze Körper zittert erbärmlich und der Tee vor ihrer Nase wird langsam kalt. Eine gutgemeinte Geste von Sina. Schließlich versagen in diesem Punkt ihre Fähigkeiten. Sina mag Gefühle manipulieren können, aber das, was Skyla gerade empfindet, kann das andere Medium nicht einfach so beeinflussen. Daher versucht es die Foodbloggerin anders. Mit der Liebe zum Genuss. Für gewöhnlich bekommt man Skyla damit auch besänftigt. Nur heute nicht. Denn Skyla will es einfach hinter sich bringen und hat nicht die Kraft, Lukas Streicheleinheiten abzuwehren. Er berührt sie wie sonst auch, wenn sie im Tief steckt. Dabei befindet sie in einer Beziehung. Seine Berührung sind zu sanft und voller Liebe. Er kann kaum die Finger still halten und ihre Ignoranz blendet er gekonnt aus.
Erst besucht Onkel Hendrik seine tote Frau allein, um dann seine Tochter dazu zu holen. Dafür, dass Tessa zuerst nicht den Mut fand, sich zu verabschieden, befindet sie sich schon eine gefühlte Ewigkeit in dem Krankenzimmer.
„Nur einen Schluck, Skyla. Das wird dir gut tun“, gibt sich Sina nicht geschlagen.
Sie klingt geduldig und noch immer fröhlich, obwohl die Lage ernst bleibt. Sie ist wie eine Göttin in Feierlaune, die sich auf ein Schlachtfeld verirrte, und sich vom Anblick durch Tod und Leid nicht stören lässt. Skyla bleckt die Zähne und schüttelt eisern den Kopf, sodass ihr Sonnenschein schulterzuckend die Tasse an sich nimmt und den Tee für sich allein beansprucht.
„Selbst Schuld.“
Statt ihr die gewünschte Reaktion zu schenken, stiert Skyla weiterhin auf die Tür, die sich tatsächlich einen Spalt öffnet. Ruckartig erhebt sich Skyla. Ganz steif und mit klopfendem Herzen. Sina erschreckt sich dabei laut, verschüttet Tee und schimpft leise. Nichts, was Skylas Gehör erreicht.
Onkel Hendrik kehrt allein zurück in den Aufenthaltsraum. Ganz bleich und mit geröteten Augen. Er steuert gezielt Skyla an und legt ihr väterlich die Hand auf die Schulter. Marys starker Mann zittert am ganzen Körper und schluchzt bitterlich.
„Tessa ist gleich soweit. Gebe ihr noch einen Moment, ich gehe und hole mir einen Kaffee.“
Zu mehr wie einem Nicken ist Skyla nicht im Stande. Ihr Onkel zwingt sich zu einem Lächeln und tritt von ihnen fern.
„Er sollte nicht allein umherwandern. Der Orden lauert im Dunkeln und wittert seine Chance.“
Sina meint es nur gut und vielleicht hat sie auch Recht, aber Skyla fühlt sich nicht in der Lage, an seiner Seite zu verweilen. Zumal ihr keine Ausrede einfällt. Daher will sie das Beste hoffen. Sinas Blick hat jedoch eine zermürbende Wirkung auf sie.
Ihre scharfe Kritik ist kaum zu ertragen, woraufhin Lukas sich erhebt und beschließt: „Dann werde ich gehen. Ich lasse mir schon etwas einfallen.“
„Danke.“
Skylas Worte kommen von Herzen. Mit einem Nicken tritt Lukas fort, woraufhin Sina beruhigt den Tee schlürft. Kurz darauf stürmt Tessa aus dem Krankenzimmer. Einfach fort, Richtung Ausgang. Sina brummt verärgert und lässt alles stehen und liegen, um die Verfolgung aufzunehmen.
Mit zugeschnürter Kehle klopft Skyla wenige Augenblicke später an der Zimmertür, um schließlich einzutreten. Ein gewöhnliches Krankenzimmer, das Skyla an die schreckliche Nacht in der Tiefgarage erinnert. Tante Mary liegt zugedeckt im Bett und macht einen schläfrigen Eindruck. Ihre Haut ist auffällig bleich. Nicht geschminkt, was Skyla von ihr so nicht kennt. Als bekannte Pianistin und Sängerin legte sie immer viel Wert auf ein gepflegtes Aussehen. Stark, anmutig und offenherzig sind Worte, die Skyla wählen würde, um ihre Tante zu beschreiben. In den schwarzen Locken haben sich bereits viele graue Strähnen eingeschlichen und doch ist ihre Tante noch immer sagenhaft hübsch.
Jeder Schritt zum Sterbebett erfordert Überwindung. Zögerlich ergreift Skyla die kalte Hand der Frau, die Mama Kacie als ihre beste Freundin bezeichnet. Der Tränenschleier lässt die Sicht verschwimmen. Skyla schluchzt laut, um daraufhin die steife Hand der Toten loszulassen. Es gab Zeiten, da saß Skyla auf Marys Schoß. Direkt am Klavier. Gekonnt spielte ihre Tante und brachte ihrer Nichte sogar kleine Melodien bei. In den letzten Jahren verging Mary die Freude, an Weihnachten und anderen Feiern etwas vorzuspielen. Die Pubertät ihrer Tochter ging auch an ihr nicht spurlos vorbei. Seit einiger Zeit verlor sie das Interesse an der Musik außerhalb der Arbeit. Ein jedes Familienmitglied betrauerte die Einstellung, dabei beschwichtigte Mary, dass es sicherlich nur eine Phase sei. Spätestens bei der nächsten Hochzeit würde ihr Klavier sie erneut verzaubern und ihre Stimme den Festsaal beeindrucken. Ein Versprechen, das so nicht mehr eingelöst werden kann. Dabei hat Skyla nur daraufhin gefiebert, dass ihre Tante den Bezug zur Musik wiederfindet. Selbst in ihrer beruflichen Welt nahm Mary seit dem letzten Weihnachtsfest mehr die Rolle eines Juror und Musiklehrer ein. Sie gab sogar Gesangunterricht, aber nicht mehr mit dem Elan, wie vor einigen Jahren.
„Hey, Tante Mary. Es ist lange her und ich wünschte, die Umstände unseres Treffens wären freudiger. Ich hörte, du hättest bis zum bitteren Ende gekämpft. Für dein Baby. Sei dir gewiss, dass dein Einsatz nicht umsonst sein wird. Er wird es schaffen und sicherlich zu etwas ganz besonderen heranwachsen. Tessa braucht Halt, den werde ich ihr geben. Ich wünschte, ich könnte mehr für dich tun. Du wirst mir unfassbar fehlen. Du warst eine tolle Tante. Es belastet mich, um ehrlich zu sein, dass ich nie offen über meine Probleme sprechen konnte. Ich wünschte, ich hätte dir von Anfang erzählen können, was mich wirklich belastet und in welche Gefahr ich die Familie bringe. Mein plötzliches Verhalten hat euch sicherlich beschäftigt und Sorge bereitet, dafür entschuldige ich mich. Es grämt mich, dass mein Dasein zu Eurer Gefahr wird. Diese dumme Gabe macht mir nur Schwierigkeiten!“
Der falsche Ansatz!
Frustriert fährt sie sich durch die Haare.
„Verzeih! Hier geht es doch gar nicht um mich, sondern um dich! Mach dir keine Sorgen, um deine Liebsten. Wir kümmern uns darum und ich vertrage mich auch mit Tessa! Du kannst in Frieden ruhen. Dein Körper mag fort sein, aber du lebst in unseren Erinnerungen weiter!“





























































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