Kapitel 18

Beruhigend wirkt der zarte Duft des Lavendels. Eine herzliche Umarmung voller Sonnenschein. Sicher, geborgen und geliebt. Ein Zuhause, das Skyla immer willkommen heißt. Der laute Herzschlag an ihrem Ohr und die warme Körpertemperatur lassen Skyla entspannen. Ihr Krafttank füllt sich langsam aber sicher. Skylas Geist erwacht schließlich aus einem kurzen Powernap, das jedoch dringend nötig war. Ein Blick hinauf und sie hat das Gefühl, Lukas wird seinem Vater immer ähnlicher. Die Sonnenstrahlen, die durch die Gläserfront fallen, geben seiner Gestalt etwas Engelsgleiches. Mit einem Hoffnung schenkenden Lächeln. Den nötigen Halt bekommt ihr müder Körper durch seinen stützenden Arm. Wie ein Wächter weicht er nicht von ihrer Seite. Statt Neckereien erkundigt er sich um ihr Wohl.
„Gut geschlafen?“
Seine Stimme ist viel zu sanft und voller Liebe. Etwas, das sich noch immer falsch anfühlt, da sie in einer Beziehung mit Milan steckt.

„Hey“, beginnt sie verwirrt, „wie lange war ich fort?“
„Nicht lang genug. Wenn überhaupt eine Stunde“, schätzt er.
Am Boden sitzend lehnen sich die beiden Freunde an das Treppengeländer. Neben ihnen findet Skyla Tücher mit Blut. Beunruhigt hebt sie den Kopf.
„Bist du verletzt?“
„Nein, ich habe mir erlaubt, dein Gesicht zu säubern. Deine Dämonen haben zwar alle Spuren beseitigt, aber an dir klebte noch etwas. Ich hoffe, dass war okay.“
„Danke“, spricht die Überraschung leise aus ihr.
Er hebt besorgt die Augenbraue. „Das war also für dich okay?“
„Natürlich.“
„Gut, denn ich bin mir nicht mehr sicher, was ich darf und nicht. Seit du in einer Beziehung bist, distanzierst du dich. Alles, was selbstverständlich war, ist nun nicht mehr okay und macht dich wütend.“ Erschöpft lehnt er den Kopf gegen das Gitter und fixiert die Deckenbeleuchtung an. „Ich wünschte, es wäre alles wie damals. Aber diese Zeiten sind vorbei und ich muss mich noch mit dieser Art Veränderung anfreunden. Eigentlich sollte ich es sogar verstehen, denn wenn ich in einer Beziehung wäre, dann wäre die Nähe zu dir ebenfalls in diesem Umfang nicht in Ordnung. Nur waren wir uns seit Kindertagen immer nah. Ich habe keinerlei Berührungsängste dir gegenüber und allein dich so zu halten, lässt mich besser fühlen. Ich war so wütend und traurig, aber das alles ist wieder vergessen, denn du bist hier. Aber nun ist mein Lieblingsmensch erwacht und der schöne Moment endet oder? Wäre es egoistisch, wenn ich dich bitte, noch länger hier zu sitzen? Nur ein klein wenig länger will ich dich so halten und an mich drücken. Wie in alten Zeiten.“




Seine Augen glänzen verdächtig und seine Stimme zittert. Skyla versteht seine Gefühle gut, aber sie sieht auch das Dilemma. Ungeachtet, ob Milan es gut heißt oder nicht, nickt sie und kuschelt sich enger an ihren Freund. Sein Griff um sie verstärkt sich und sie spürt, wie er ihren Geruch einatmet, als müsste er sich diesen gut einprägen. Wie ein Spurenhund.

Das Herz auszuschütten kostet viel Mut und das sollte mit Anerkennung belohnt werden. Die Thematik ist belastend, wie sich bislang zeigte. Lukas schweigt nicht und ist ehrlich, das macht es leichter, um die Situation zu verstehen und einzuschätzen. Ihn anzuschweigen fühlt sich falsch an. Daher rückt sie mit der Wahrheit heraus.
„Ich wünschte, du hättest es nie ausgesprochen. Seit deinem Liebesgeständnis ist alles anders und irgendwie kompliziert. Du veränderst dich mehr negativ durch die Eifersucht. Immer wieder frage ich mich, ob unsere Freundschaft noch bestehen kann.“
Er schluchzt bitter, als hätte er es geahnt. Sein Körper ist plötzlich ganz steif. Blickkontakt meidet Lukas nun ganz.
„Aber du bist mir wichtig, Lukas. Ich will nicht, dass unsere Freundschaft zerbricht. Ich habe deinen Kuss nur deshalb erwidert, weil es dein erster war und weil ich glaubte, Milan nie wieder zu sehen. Aber es war ein Fehler oder?“
„Dein Mitleid schmeckte süß und weckte Hoffnung in mir. Vielleicht war es falsch, aber diesen Kuss werde ich in Ehren halten, auch wenn meine Gefühle nicht erwidert werden. Schon als kleiner Junge war es mein Herzenswunsch, dein Herz zu erobern und mit dir glücklich zu werden. Unsere Freundschaft war anders und weckte Hoffnungen. Ich war mir schon fast zu sicher mit uns, aber ich habe meine Chance verpasst. Alles nur, weil ich nie den Mut fand, all die Missverständnisse aufzuklären. So viele Versuche habe ich unternommen, meine Gefühle auszusprechen, aber immer sahst du in mir einen Bruder und Freund. Ich habe in kurzer Zeit viele Fehlentscheidungen getroffen und bin schuld, dass du solche Gedanken hast. Aber du hast unsere Freundschaft nicht ganz aufgegeben und ich erkenne, dass ich noch viel an mir arbeiten muss. Verbanne mich bitte nicht. Ich werde dir dann ein treuer Freund und Gefährte sein.“



„Gefährte?“ Die Bezeichnung klingt total fehl am Platz. „Klingt, als wären irgendwelche Mangahelden.“
Die Überraschung ist groß, als seine Augen sie endlich fixieren. Mit ganz viel Wärme behauptet er noch immer: „Du bist eine Heldin, Skyla. In ihrer schwierigsten Prüfung. Aber du bist nicht allein, sei dir dessen immer bewusst.“
Ein gemeiner Schachzug. Auf solch ein Zeug fährt sie einfach zu sehr ab und doch hat sie große Sorge um eine Sache.
„Du lässt dich aber nicht auf irgendwelche Dämonen oder Geister ein, um mir zu helfen. Das musst du mir versprechen, Lukas.“
„Das kann ich nicht. Denn ich will dir von Nutzen sein und ich fürchte mich nicht vor den Folgen.“
Wut kocht in Skyla. Die Hand zittert und hebt sich. Ihn zu schlagen wäre eine Lösung und er hätte es auch verdient. Nur hat sie nicht das Recht, ihn zu verurteilen. An ihr sind bereits böse Kreaturen gebunden. Dennoch schnappt sie ihn am Hemd und zieht ihn nah an sich, bis sich ihre Nasen berühren. Ihr Blick ist glühend, während in ihm etwas stirbt. Der Blick wird furchtbar leer und gleichgültig, als sei fürchte er keine Strafe der Welt, um sein Ziel zu erreichen.
„Idiot! So machst du mir nur Sorgen! Wie soll ich meinen Weg bestreiten, wenn ich ständig Angst um dich haben muss?“
Daraufhin funkeln seine Augen böse.
„Du bist gemein! Um dich nicht zu verlieren, muss ich lernen, meine Gefühle zu begraben, aber dann haust du so etwas raus!“
Genervt wendet Lukas den Blick von ihr. Eine Reaktion, die auf Unverständnis bei ihr trifft. Dieses Verhalten ist ihr nicht unbekannt. Wenn sich Lukas so verhält, dann sind seine Ohren auf Durchzug. Ihre Hände lösen sich von seinem Hemd und doch beugt sie sich zu seinem Ohr.
„Zu dumm, dass ich dich zu gut kenne, anscheinend muss ich dich besser im Auge behalten.“
Herausfordernd dreht er seinen Kopf zu ihr und lächelt siegessicher. „Unmöglich, denn du steckst in einer Beziehung. Ich bekomme mehr wie nur eine Chance, mich mit der dunklen Materie zu befassen. Du weißt, ich finde Mittel und Wege. Was du auch tust, es wird vergebene müh sein.“
An diesem Kerl beißt sie sich die Zähne aus. Sie muss aufpassen. Lukas könnte wie Justin enden. Ein gefühlskaltes Genie. Aber seine Worte sind nicht nur heiße Luft. Sie ist machtlos. Für ihn steht die Sache schon klar und ehe sie sich versieht, verdirbt die Dunkelheit den Jungen, der wie ein Bruder für sie ist.




„Scheiße, Lukas! Du bist so stur!“
Am Ende kichert sie leise. Vor Verzweiflung. Nichts, was ihren Kindheitsfreund beeindruckt. Lukas ist still geworden und doch spürt sie seinen Blick auf sich ruhen. Mit müden Knochen erhebt sich Skyla und umfasst das Treppengeländer feste.

„Der Preis“, bringt sie nun kopfschüttelnd hervor. „bist du bereit, alles wegzuwerfen? Die Dunkelheit wird dich verderben und ich werde dich nie wieder erkennen. Bist du bereit, mich für diese Macht zu verlieren?“
Fast hätte Lukas zugestimmt. Am Ende hingegen schaut er blöd aus der Wäsche. Die Botschaft ist angekommen und wird schnell verdaut. Skyla sieht den Zorn in seinen Augen glimmen.
Zu lange presst Lukas die Zähne aufeinander, bis er diese endlich auseinanderkriegt.
„Sei verdammt ehrlich, Skyla! Würdest du mich aus deinem Leben verbannen, wenn ich auf die Hilfe von Dämonen zurückgreife?“
Statt die Botschaft zu schlucken, vertieft er die Thematik. Das ist typisch Lukas. Dabei hatte Skyla große Hoffnung, dass er wenigstens jetzt dazu schweigt. Reuevoll sinkt ihr Kopf und es bedarf keine lange Nachdenkzeit, um ihm darauf zu antworten.
„Niemals. Was auch kommt, ich würde zu dir halten und auch kämpfen, solltest du der Finsternis verfallen. Aber Dämonen sind listig und voller Dunkelheit. Dieser Pfad ist düster und voller Opfer. Sei dir dessen bewusst.“
Aber Lukas hat ihre Provokation richtig aufgeschnappt und spricht dieses noch einmal: „Es klang eher danach, als würdest du dich von mir abwenden, wenn ich mich verändere.“
Sie nickt traurig. „Das habe ich gesagt, aber du solltest doch wissen, dass ich unsere Freundschaft einfach nicht hinschmeiße. Das war doch nur ein verzweifelter Versuch, um dich zu überreden.“
„Manipulation!“ Sein Ton ist bissig und sein Blick weiterhin stechend. „Vergiss nicht, Worte können schmerzhafter sein. Ich schmeiße alles für dich hin und dann donnerst du mir solch einen Satz an den Kopf. Das macht mich wütend!“

Lange unterdrückte Lukas die Tränen, aber jetzt laufen sie ihm still und heimlich übers Gesicht. Skyla seufzt und erkennt den Schaden, den sie angerichtet hat. Verzweifelt versucht sie sämtliche Tränen mit ihrem Pulloversaum aufzufangen, vergebens. Daher drückt sie ihn feste an sich und vergräbt ihre Hand in sein Haar, während sie mit der anderen Hand behutsam über seinen Rücken streichelt.




„Sorry, Lukas. So war das Ganze doch gar nicht gemeint. Ich mache mir doch nur Sorgen um dich.“
Und das entspricht der absoluten Wahrheit. Skyla fürchtet sich, ihren geliebten Kindheitsfreund zu verlieren. An die dunkle Macht, die ihr nicht allzu unbekannt ist.

Lukas Arme schmiegen sich ebenfalls um sie und seine Hände umfassen sie fester.
Mit zitternder Stimme gesteht er ihr: „Ich mache mir doch ebenfalls Sorgen um dich. Rund um die Uhr. Aber welchen Weg du auch schreitest, ich würde dich niemals verbannen. Niemals!“
Worte, die sie unfassbar schlecht fühlen lassen. Statt sie zu provozieren und die Moral zu predigen, spielt er seit Beginn ihre Stütze. Jeden Mord würde er ihr schönreden und ihr sogar helfen, die Leiche zu verstecken. Solch einen Freund findet man im Leben kein zweites Mal.

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